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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XXXVIII.

Krag war der festen Ueberzeugung, daß Nelson der gerissenste aller Schurken sei, mit denen er während seiner Tätigkeit als Detektiv zu tun gehabt hatte. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hegte er eine gewisse Sympathie für den Mann. Seine Frechheit und sein Wagemut und nicht zum wenigsten die sportsmäßige Eleganz, womit der Engländer sein Vorhaben ins Werk setzte oder sich der strafenden Gerechtigkeit entzog, imponierten ihm. Nelsons Fähigkeit, sich beherrschen zu können und seine phänomenale Zähigkeit und Ausdauer, eine Rolle zu Ende zu spielen, waren Eigenschaften, die Krag Bewunderung abzwangen.

Sir Cyrus' Pistole hatte ihn nicht aus dem Gleichgewicht bringen können.

Und derselbe Mensch saß nun neben ihm und weinte, während der Wagen nach den Champs-Elysées einbog.

Dies war wahrhaftig für Krag die größte Ueberraschung in der ganzen Sache.

Nelson schluchzte nicht; aber er weinte still vor sich hin, wie nur ein starker Mann weinen kann, wenn ein gewaltiger und tiefgehender Schmerz ihn übermannt. Dies war kein Theaterspielen. Er versuchte auch gar nicht, seinen Kummer zu verbergen; aber als er die Schwäche niedergekämpft hatte, zuckte er nur mit den Achseln. »Es ist schon gut,« sagte er nur. Bald nahm sein Gesicht auch wieder den halb verbitterten, halb ironischen Ausdruck an, der ihm im Grunde gut stand.

Asbjörn Krag hatte die ganze Zeit das Gefühl, als Hütte Nelson ihm etwas anzuvertrauen, doch drang er nicht auf ihn ein.

Im Restaurant Petit Riche, das in der Nähe der großen Boulevards liegt, nahmen sie das Frühstück ein.

Während sie frühstückten, fragte Krag: »Ist das Duell Ihnen wirklich so nahegegangen? Erst setzen Sie sich mit Fleiß der todbringenden Kugel Ihres Gegners aus, und nachher weinen Sie?«

»Das Duell?« entgegnete Nelson wie geistesabwesend; »nein, das Duell nicht. Absolut nicht. Ich habe Sir Cyrus die Chance geben wollen, mich zu töten. Ich wollte ehrenhaft handeln.«

Nelson blickte den Detektiv fest an und wiederholte mit Nachdruck: »Ich wollte ehrenhaft handeln.«

»Sie haben mehr als ehrenhaft gehandelt,« antwortete Krag. – »Es schien mir aber, daß Ihr sonst so stilvoller Freund, Monsieur Zephyr, für Sekunden aus der Rolle fiel. ›Idiot‹ und ›Schweinehund‹ sind doch sicherlich keine Ausdrücke, die im Jokkeiklub gang und gäbe sind. Ich glaube sogar. Sie beleidigten ihn beim Abschied.«

Nelson lachte laut. »Den kann ich gar nicht beleidigen,« sagte er.

»Er kennt Sie vielleicht zu genau?«

»Nein, im Gegenteil: ich kenne ihn zu genau.«

Die Verachtung, mit der diese Worte ausgesprochen wurden, konnte Krag nachfühlen. Er ging aber nicht wieder auf dies Thema ein.

»Was halten Sie von Sir Cyrus' Drohungen?« fragte Krag. »Er hat ja die Absicht, Sie innerhalb eines Monats zu töten. Dem fürchterlichen Engländer traue ich alles zu.«

»Ich auch,« entgegnete Nelson, »aber es wird ihm nicht gelingen. Einmal habe ich ihm Gelegenheit gegeben, mich über den Haufen zu schießen; aber ich tu es nicht wieder. Selbst einem Entdeckungsreisenden soll es nicht gelingen, mich zu finden, wenn ich mich verberge.«

Die letzten Worte ließen Krag aufhorchen.

»Sie können davon überzeugt sein,« sagte Nelson, »daß es mir gelungen wäre, mich vor Ihnen zu verbergen, wenn ich es nur gewollt hätte. Bisher ist mir Ihr Beistand immer nötig gewesen, aber nun ist mir Ihre Freundschaft nötiger, möchte ich fast sagen,« fügte er in sentimental vertraulichem Ton hinzu. »Ich begreife wohl, aus welchem Grunde Sie mich verfolgen. Sie glauben nämlich immer noch, daß ich der Erzgauner bin, für den Sie mich von Anfang an gehalten haben. Gesetzt der Fall, ich gäbe zu, daß Sie im Recht sind, was dann?«

»Dann würde ich Sie ohne Bedenken unter diplomatischem Beistand verhaften lassen. Und das sofort.«

»Nun gut, dann bekenne ich eben nicht,« rief Nelson lachend aus. »Sie müssen aber doch zugeben, daß Sie ohne dies Bekenntnis gegen mich nichts ausrichten können.«

»Ich werde aber doch nicht unterlassen, Sie zu verfolgen.«

»Sollte ich Sie einmal täuschen müssen,« sagte Nelson, »dann habe ich jedenfalls die Genugtuung, daß ich Ihnen wahrend dieses Frühstücks zu verstehen gab, daß ich Ihnen dankbar bin. Sie werden noch daran denken.«

»Ich muß Sie aber doch bitten, nicht erst zu versuchen, mir aus dem Wege zu gehen. Ein solcher Versuch würde schließlich nur dahin führen, sowohl Ihnen als auch mir unnötige Bemühungen zu verursachen. Vergessen Sie nicht, daß Sie nicht mehr für sich allein einstehen; Sie sind zwei. Auch sind Sie gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe. Ich gebe es nicht auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Zwei Menschen, darunter eine Dame, entgehen mir nicht so leicht.«

Dies Gespräch fand nach Beendigung des Frühstücks im Vestibül statt, als die Herren im Begriff waren, das Restaurant zu verlassen.

Mr. Nelson beantwortete Asbjörn Krags Bemerkung nicht gleich. Er zündete sich eine Zigarette an, wobei er sein Gesicht vor Krag zu verbergen suchte. Dem Detektiv kam es aber doch so vor, als wollte Nelson nur seine innere Bewegung verbergen.

Er faßte ihn am Arm. »Wie kommt es, daß ich Frau Lizzie nach ihrer Ankunft hier in Paris nicht gesehen habe?«

»Frau Lizzie ist nicht mehr hier, lieber Freund. Nun muß ich Sie aber verlassen. Morgen werden Sie Näheres von mir hören. Ich kann Ihnen jedoch nur sagen, daß Lizzie fortgegangen ist; ich weiß nicht einmal, wohin.«

Mit diesen Worten tauchte er im Gedränge unter.

   

Der nächste Morgen brachte dem Detektiv neue Ueberraschungen.

Die erste Ueberraschung war ein Brief des Agenten Holmsen in Kristiania, der ihm kurz mitteilte, daß der gemeingefährliche Verbrecher nach Freilassung des Gentlemandiebes sofort wieder aufgetaucht sei. Ein Juwelengeschäft im Zentrum der Stadt sei noch in der Nacht, als Krag am Morgen Nelson und Sir Cyrus nach Paris gefolgt sei, ausgeraubt.

Ein Verzeichnis und eine Beschreibung der gestohlenen Gegenstände hatte Holmsen beigefügt. Dies Verzeichnis studierte Krag genau. Unter anderem waren einige außerordentlich wertvolle Ringe mit kostbaren Steinen in altindischer Fassung aufgeführt.

Kaum hatte er dies Schreiben sehr nachdenklich beiseite gelegt, als ihm auch schon ein Brief gebracht wurde, worauf der Name des Hotels, wo Nelson wohnte, gedruckt stand.

Gespannt öffnete Krag ihn.

Ein Gegenstand fiel klirrend aus dem geöffneten Umschlag heraus auf den blankpolierten Tisch. Krag hob ihn auf. Es war ein Ring. Sofort wußte der Detektiv, daß dies einer der von Holmsen beschriebenen charakteristischen Ringe war.

In diesem Augenblick fiel sein Verdacht nicht nur auf Nelson, sondern auch auf Monsieur Zephyr, auf Lizzie, ja sogar auf den berühmten Forscher.

Noch größer war sein Erstaunen über die beifolgenden Zeilen.

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