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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XXX.

Diejenigen, die bei dieser eigenartigen Szene zugegen waren, werden den unauslöschlichen Eindruck dieses Ereignisses im Gedächtnis behalten haben. Alle Anwesenden standen einem Schauspiel von wirklich tragischer Wirkung gegenüber. Die kleinen, neugierigen Damen Christianias, die gekommen waren, um etwas Einzigdastehendes, etwas Sensationelles zu erleben, sahen nicht nur ihren heimlichen Wunsch erfüllt, die Wirklichkeit übertraf sogar ihre größten Erwartungen. Sie vergaßen vor lauter Aufregung das Flüstern mit den Freundinnen; sie vergaßen fast zu atmen. Ihre Augen traten vor Spannung aus den Höhlen, und es schien, als hätten sie nur das eine Bestreben, ja alles zu sehen, was zu sehen war. Ihre Blicke schössen bald hier-, bald dorthin, damit ihnen auch nicht das geringste entginge. Wie wäre es nur möglich, daß ihnen etwas so Einzigdastehendes, wie das Fortgehen des berühmten Forschers, entgangen wäre! In welch aufrechter Haltung hatte er nicht den Saal verlassen, nachdem seine Gattin den Zusammenhang des Ueberfalls im Boudoir eingestanden hatte! Ach, alle hatten ihn anblicken müssen, als er aus dem Saale schritt. Alle sahen es, wie er sich noch einmal nach seiner Frau umwandte. Im überfüllten Gerichtssaal herrschte eine solche Stille, daß seine harten Schritte aus dem teppichbelegten Fußboden sich fast brutal anhörten. Aller Augen folgten ihm, bis sich die Türe langsam hinter ihm schloß. Auch die Aufmerksamkeit der Richter war für Sekunden ausschließlich auf den Davoneilenden gerichtet. Ganz von selbst wurde das Verhör unterbrochen. Gleichzeitig mußten aber die Neugierigen darauf bedacht sein, die zitternde und in sich zusammengesunkene Frauengestalt vor dem Richterstuhl nicht aus den Augen zu verlieren. Es war vorauszusehen, daß nach Art des weiblichen Instinkts die Sympathie der zumeist aus Frauen bestehenden Zuhörerschaft sich fast augenblicklich den beiden Männern zuwandte. Besonders war der Ehegatte, der so stolz und würdevoll den Ort seiner Schmach verlassen hatte, Gegenstand der Bewunderung. Aber auch der junge Mann, der in so ritterlicher Weise sich selbst geopfert hatte, um die Ehre einer Frau zu retten, gewann die Sympathie aller. Jetzt sah es ihm jeder an – ach, es galt, ihn in diesen Sekunden, dem Höhepunkt des Dramas, anzublicken – daß dieser Mann unmöglich ein gemeiner Verbrecher sein konnte. Diese elegante Erscheinung, diese feinen aristokratischen Gesichtszüge, diese träumerischen, tiefen Augen waren nicht Merkmale eines Verbrechers. Alles dieses konnte man dem Geflüster entnehmen, das sich nach Sir Holmes' Verlassen des Saales erhob.

Dagegen schien die bedauernswerte Frau vor dem Richterstuhl das unbedingte Mißfallen des Publikums zu erregen.

»Solche Frechheit!« hörte man flüstern.

»Daß sie es so weit hat kommen lassen,« sagten einige.

»Daß sie den vornehmen jungen Mann so ins Unglück hat bringen können!« tuschelten die Damen, während sie mit glühenden Augen Mr. Nelson betrachteten.

Man mußte sich darüber wundern, daß er während dieser aufreibenden Szene die Fassung behalten konnte. Er saß so, daß das Publikum sein Gesicht im Profil sah. Allen fiel es auf, daß er während des ganzen Herganges ganz ruhig dagesessen hatte. Er hatte das eine Bein über das andere gelegt und wippte mit dem Fuß auf und nieder; er beugte sich vornüber und bewegte seine langen, weißen Hände, als hätte er eine Zigarette zwischen den Fingern. Wie schade, wenn einem dieser Anblick entgangen wäre!

Der allgemeinen Aufmerksamkeit war aber dennoch etwas entgangen. Der sehr energisch aussehende Herr, der in der Nähe der Zeugenbank gesessen hatte und dem Gang der Verhandlung mit größtem Interesse gefolgt war, hatte sich während der Katastrophe erhoben und war, Nelson fast streifend, auf den Verteidiger zugegangen und hatte mit ihm, dessen zitternde Finger die Akten zu ordnen begannen, ein Gespräch angeknüpft.

Dieser Mann, den nur wenige der Anwesenden kannten, war der einzige, auf den die Sensation keinen großen Eindruck ausübte.

Wie jeder Anwesende hatte er sich die Verhandlung von Anfang an mit angehört; ein aufmerksamer Beobachter hätte allerdings bemerken können, daß er hin und wieder während der eigenartigen Verteidigung mit dem hervorragenden Juristen vielsagende Blicke tauschte.

Gerade in dem Augenblicke der größten Bewegung im Saale, als der Vorsitzende hin und her überlegte, wie diese außergewöhnliche Angelegenheit am besten anzugreifen sei, trat er auf den Verteidiger zu, der ihm sagte: »Ich hätte nie gedacht, daß ich dermaßen glaubwürdig schauspielern könnte.«

»Sie haben es ausgezeichnet gemacht, Herr Doktor,« gab der Angeredete zur Antwort. »Jetzt erst sind wir den Dingen auf die rechte Spur gekommen. Nur selten habe ich eine so warm empfundene Rede hier vor Gericht gehört!«

»Nun sagen Sie mir aber, lieber Krag, was machen wir mit der armen Frau, die vollständig zusammengebrochen dort auf der Zeugenbank sitzt?«

»Nun, ich denke, wir fordern sie auf, die ganze Wahrheit zu gestehen; und dann stellen wir Nachforschungen an, was an dieser merkwürdigen Affäre Wahrheit und was erlogen ist.«

»Ich bemerkte,« sagte der Advokat, »daß Sie eben sehr nahe an Mr. Nelson vorbeigingen. Allem Anschein nach ist ihm diese Situation nicht ganz recht.«

»Ich hörte ihn etwas murmeln,« entgegnete Krag.

»Was sagte er denn?«

»Nur ein Wort, eine Bezeichnung.«

»Was für eine Bezeichnung?«

»In dem Augenblick, als Lady Holmes alles bekannte, hörte ich ihn deutlich, wenn auch verbissen, das eine Wort ›Idiot‹ sagen.«

Der alte, ehrwürdige Verteidiger zuckte zusammen, begann dann aber seine Akten zu durchblättern, um sich den Anschein zu geben, als ob das, worüber er nun zu sprechen begann, ihn nur wenig interessierte.

»Das tut mir leid,« sagte er. »Ich habe von meinem Klienten sonst einen außerordentlich günstigen Eindruck gewonnen. Noch nie bin ich in der Lage gewesen, einen Mann zu verteidigen, der in dem Maße einem ritterlichen Einfall sein Leben, sein Schicksal opferte.«

Krag legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wie meinen Sie?« fragte er.

»Ich meine, daß dieser Mann, um die Ehre einer Frau zu retten, sich dem aussetzen wollte, als ganz gemeiner Einbrecher verurteilt zu werden. Ich bin der Ansicht, daß der Angeklagte ein edler und ritterlicher Mensch ist.«

»Mein Bester,« sagte Krag lächelnd, »dieser edle und ritterliche Mensch ist tatsächlich Einbrecher. Das ist das ganze Geheimnis. Doch hören wir, was der Vorsitzende zu verkünden hat.«

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