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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XXIX.

Dies traurige und klagende Schluchzen eines Weibes klang herzzerreißend durch den Saal. Die herrschende Stille stand in eigenartigem Gegensatz zum Schluchzen. Sie dauerte aber nicht lange. Erregte Stimmen machten sich plötzlich geltend, und Menschenmassen drängten herbei, um zu sehen, wer den Schrei ausgestoßen. Mit Hilfe der Glocke suchte der Vorsitzende Ruhe und Ordnung wiederherzustellen; es dauerte jedoch lange, ehe es ihm glückte. Nun war allen ersichtlich, wer den Schrei von sich gegeben hatte.

Es war Lady Holmes.

Ihr Mann, der berühmte Forscher, eilte blaß und von dem unerwarteten Auftritt erregt, auf sie zu.

Auch der Angeklagte hatte sich erhoben. Als er begriff, was vor sich ging, wandte er sich in heftigem Zorn dem Verteidiger zu und streckte ihm die Fäuste entgegen. Dieser wandte sich um Schutz an den Vorsitzenden. Daraufhin trat einer der Zivilbeamten hinzu, um den Angeklagten an seinen Platz zurückzuführen.

Endlich war die Ruhe wieder so weit hergestellt, daß der Vorsitzende verkünden konnte:

»Die Gerichtsverhandlung ist gerade in dem Augenblick, wo der Gerichtshof im Begriff war, sich zur Besprechung zurückzuziehen, in außergewöhnlicher Weise unterbrochen worden. Ich bitte um Ruhe. Hat die Zeugin etwas Besonderes hinzuzufügen, so muß es wohl von außerordentlicher Wichtigkeit sein, sonst würde sie die Verhandlung nicht in derartiger Weise unterbrochen haben.«

Lady Holmes erhob sich. Sie hielt sich am Arme ihres Mannes, der auf seinen Reisen so mancher Gefahr begegnet, aber sicherlich kaum so erregt gewesen war, wie in diesem Augenblick. Sein Gesicht wurde immer fahler; er fühlte, daß etwas Furchtbares im Anmarsch war. Sein Blick irrte ziellos umher, als suchte er Hilfe gegen das unabwendbare Schicksal. Er neigte sich über seine Gattin und flüsterte ihr eindringliche Worte zu. Möglicherweise warnte er sie; vielleicht beabsichtigte er auch, sie hinauszubegleiten. Es schien aber, daß sie einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt habe. Sie schüttelte energisch den Kopf und griff mit zitternden Händen nach der Brüstung der Schranke.

»Ich vermag nicht länger zu schweigen,« flüsterte sie, heftig atmend. »Ich kann es nicht mit ansehen, daß ein Unschuldiger für mich leidet.«

Sie wandte sich dem Angeklagten zu, und auf ihn hinweisend, sagte sie:

»Der Mann ist unschuldig! Er hat mein Halsband nicht gestohlen.«

»Ist es mir vielleicht geschenkt worden?« fragte der Angeklagte ironisch und doch zugleich verwirrt.

»Nein,« entgegnete Lady Holmes.

»Nun, dann habe ich es eben genommen. Die Zeugen haben ja gesagt, daß ich bei ihrem Eindringen ins Boudoir im Besitz des Kolliers war. Was wollen Sie denn noch mehr? Wann wird diese Komödie endlich einmal ihr Ende erreichen? Warum wird der Aussage dieser hysterischen Frau mehr Wert beigelegt als dem Geständnis des Angeklagten und den Zeugenaussagen ernster Männer?«

Nun griff der Verteidiger ein.

»Ich verlange, daß Lady Holmes Gelegenheit gegeben wird, sich hier zu erklären.«

Lady Holmes hatte Nelson unausgesetzt angeblickt.

Plötzlich sagte sie:

»Ich wiederhole: Nelson ist unschuldig. Behauptet er das Gegenteil, so tut er es einzig und allein, um mich zu decken.«

»Wir sind auf dem Wege der Wahrheit,« murmelte der Verteidiger, jedoch so laut, daß es die Nächstsitzenden im Publikum hören mußten.

»Ja, die Wahrheit hat sich schon eingefunden,« sagte Lady Holmes, die nun ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt hatte, »die Wahrheit gehört nicht hierher, nicht in diesen Gerichtssaal. Hätte ich nur früher meine Schwäche überwunden, dann wäre es nie zu einer Gerichtsverhandlung gekommen.«

»Warum denn nicht?« fragte der Vorsitzende.

»Wenn kein Verbrechen vorliegt, kann das Gericht nicht einschreiten. Der Mann, der dort steht, hat nicht gestohlen. Er ist kein Dieb, er ist unschuldig, meine Herren, gänzlich unschuldig!«

Erschüttert barg sie ihr Antlitz in ihren Händen.

Es schien jedoch, daß die sonderbare Ruhe im Gerichtssaal in ihr wiederum das Gefühl hervorrief, daß Hunderte von Menschen sie in größter Spannung anstarrten. Sie blickte auf; die ganze Angelegenheit sollte so schnell wie möglich erledigt sein.

Der Vorsitzende suchte sie durch eine freundliche und auffordernde Handbewegung zum Sprechen zu bewegen. – Sie begann:

»Zwischen mir und Nelson war an jenem Abend, als mein Mann das Fest gab, eine Zusammenkunft in meinem Boudoir verabredet worden. Ich liebte diesen Mann und liebe ihn noch.«

Dieses Geständnis, worauf fast alle während der letzten Minuten gewartet haben mochten, rief eine wahre Flut von Bemerkungen hervor, die die Anwesenden sich zuflüsterten. Die ganze Versammlung atmete gewissermaßen befriedigt auf; die erwartete Sensation war ihr also nicht entgangen. Und der Mittelpunkt dieses Skandals war die Frau, die menschenverlassen dastand. Ihr Gatte, der bis jetzt an ihrer Stelle gestanden hatte, verließ sie leichenblaß und vor Aufregung zitternd. Hut und Handschuhe raffte er an sich und ging, begleitet von den Blicken der Neugierigen, zum Ausgang. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich fast noch mehr auf seine magere, englische Erscheinung, als auf die zitternde Frauengestalt vor dem Richterstuhl.

An der Tür wandte er sich noch einmal um und ließ den Blick auf seine Gattin fallen. Nur einen einzigen Blick. Dann zuckte er bedauernd mit den Schultern und ging davon. Mit dumpfem Krach schloß sich die Tür hinter ihm. Päng!

Als er fort war, fragte der Richter:

»Ihr Gemahl ist fortgegangen, Lady Holmes. Vielleicht werden Sie sich jetzt leichter aussprechen können.«

»Das tut nichts zur Sache,« entgegnete sie. »Ich wünsche nur die Wahrheit mitzuteilen, und die Wahrheit habe ich gesagt. Die Zusammenkunft im Boudoir war ein regelrechtes Stelldichein. Als wir meinen Mann und seine Freunde sich nähern hörten, entschlossen wir uns erst zu dieser List, damit mein Mann keinen Grund zur Eifersucht hätte. Nelson hat sich geopfert; um meine Ehre zu retten. Am Anfang war ich schwach genug, dies Opfer anzunehmen. Jetzt kann ich es aber nicht mehr.«

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