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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XXVI.

Es schien, als hätte der Angeklagte zum erstenmal seine sonst zur Schau getragene Ruhe und Selbstbeherrschung verloren. Mit finsteren Blicken hatte er schon die ganze Zeit den Verteidiger angesehen. Er ging auf die Schranke zu, hielt jedoch plötzlich inne und schien sich zu bedenken.

Man erwartete nun allgemein, daß er jetzt endlich den Schleier lüften würde, der die ganze Angelegenheit in Dunkel hüllte, er besann sich jedoch im äußersten Moment, ja man sah es ihm an, daß er sich förmlich Gewalt antun mußte, um nicht diese Dummheit zu begehen. Der Vorsitzende machte eine ermutigende Handbewegung; man war so begierig, seine Worte zu hören, daß man ihn beinahe wie einen Ehrengast behandelte.

»Bitte,« forderte ihn der Vorsitzende auf, »äußern Sie sich nur.«

Währenddessen hatte sich der Angeklagte jedoch besonnen. »Nein,« gab er kurz zur Antwort, wandte sich um und begab sich wieder an seinen Platz. Die Herren vom Gericht sahen sich verdutzt an, während der Chef der Kriminalpolizei den Kopf schüttelte. Diejenigen jedoch, die den Blick gesehen hatten, den Nelson seinem Verteidiger zuwarf, als er vor die Schranke trat, wunderten sich über die Gehässigkeit, die im Blicke lag.

Der alte Herr schien diesem Umstand jedoch nicht die geringste Bedeutung beizulegen. Er blätterte in seinen Akten, als sei nichts geschehen. Kaum hatte der Angeklagte seinen Platz wieder eingenommen, als der Jurist sich an den jungen, leicht ergrauten Herrn wandte, der auf dem reservierten Platz saß. Dieser war kein anderer als Asbjörn Krag. Der Verteidiger nickte ihm zu und der Detektiv antwortete durch bedeutungsvolles Niederschlagen des Blicks. Augenscheinlich hatte die absonderliche Art und Weise des Verhörs Unruhe und Unsicherheit beim Publikum hervorgerufen. – Ein vernehmliches Raunen und Flüstern machte sich im Saal bemerkbar. Man rechnete damit, daß etwas Besonderes bevorstände, daß der berühmte Jurist, der durch überraschende Manöver schon so manche Gerichtsverhandlung zu ungeahntem Abschluß gebracht hatte, irgendeine Sensation in Vorbereitung hielt. Zur allgemeinen Verwunderung konstatierte man, daß zwischen dem Verteidiger und dem Angeklagten nicht gerade das beste Verhältnis herrschte. Man gewann Fühlung mit einer geheimnisvollen Sache, die sich zu entwickeln schien. Sogar der Vorsitzende schien nicht mehr ganz Herr der Situation zu sein. Nach dem Verhör der Kriminalpolizei trat eine Pause ein. Dann fragte der Vorsitzende: »Welche Zeugen wünscht der Herr Verteidiger nun zu vernehmen?«

»Lady Holmes,« entgegnete dieser.

Der Staatsanwalt erhob sich: »Von seiten der Staatsanwaltschaft steht nichts im Wege, daß das Verhör dieses Zeugen in Wegfall kommt. Es sind genug Zeugen, die in dem Augenblick der Ergreifung des Diebes zugegen waren. Diese können aussagen, wie brutal und rücksichtslos der Angeklagte bei seinem Verbrechen vorgegangen ist. Mir ist unter der Hand davon Mitteilung gemacht worden, daß Lady Holmes' Gemütszustand durch das Vorgefallene dermaßen erschüttert ist, daß eine Zeugenvernehmung im Beisein einer solchen sensationshungrigen Menge ihrer Gesundheit im höchsten Grade schädlich wäre. Ich schlage vor, dem Verlangen des Verteidigers, Lady Holmes zu vernehmen, nicht nachzukommen.«

»Ich bestehe darauf, daß diese Dame vernommen wird,« protestierte der Verteidiger.

»Es ist unnötig und steigert nur die Sensation,« entgegnete der Staatsanwalt ironisch.

Plötzlich stand der Angeklagte selbst vor den Schranken. Nicht die geringste Erregung war an ihm zu bemerken. – Wie er so dastand, schlank und elegant, ein Mann von Welt und doch ein großer Verbrecher, war er der Gegenstand aller Blicke. An den Vorsitzenden gewandt, begann er:

»Ich will in keiner Weise versuchen, meine Angelegenheit auszuschmücken. Ich habe alles bekannt. Ich verlange nur, daß man mich verurteilt. Mein brutales Auftreten gebe ich zu. Alle Zeugenaussagen stimmen; ich habe nicht das geringste einzuwenden. Weitere Zeugenvernehmungen bringen nichts Neues zutage, vor allem wird keine Zeugenaussage zu meinen Gunsten ausfallen. Meine Verschwiegenheit über einzelne Punkte, wie z.B. im Hinblick auf meine Motive, hat nicht den Zweck, etwas zu vertuschen, was für mich schlimme Folgen haben könnte. Nehmen Sie an, daß mir daran liegt, in einsamer Zelle über mein Schicksal und mein verlorenes Leben nachzudenken. Meine Herren, ein Mensch, der das Unabwendbare seines unglücklichen Geschickes klar vor Augen sieht, der trägt seine Stimmungen und Gefühle nicht in die Oeffentlichkeit. Solch ein Mensch bin ich. Der Strafe gehe ich nicht aus dem Wege; aber es ist ganz allein meine Angelegenheit, ob ich meine Handlungen bereue oder nicht. Ich könnte mir denken, daß die Dame, die jetzt als Zeugin vernommen werden soll, bei meinem Anblick aus Mitleid, dieses oder jenes als Entschuldigungsgrund für mich anführen wird; denn sie ist eine edle Frau. Ich will aber kein Mitleid. Ich kann begreifen, daß es Lady Holmes sehr peinlich berühren muß, in dieser häßlichen Sache als Zeuge aufzutreten. Darum bitte ich, sie von der Zeugenaussage zu befreien. Von vornherein verzichte ich auf das, was sie möglicherweise zu meiner Entschuldigung vorzubringen hat. Ich wünsche als Verbrecher verurteilt zu werden, d.h. ohne Barmherzigkeit, damit mein Gemütszustand befriedigt wird.«

Nelson hatte klar und deutlich gesprochen. Sein Auftreten zeugte von Mut und starkem Willen; seine edle Haltung machte den denkbar günstigsten Eindruck auf das Publikum.

Der Staatsanwalt verneigte sich fast unmerklich, jedoch so, daß jeder seine Zustimmung mit den Ausführungen des Angeklagten wahrnehmen konnte. Der Verteidiger war jedoch unbarmherzig.

»Ich plage mich damit ab, diese Angelegenheit, die noch an so vielen Punkten in Dunkel gehüllt ist, aufzuklären,« begann er. »Ich protestiere dagegen, daß Rücksicht auf nebensächliche Umstände mich daran hindern sollen. Im Interesse der Wahrheit verlange ich, daß die Zeugin herbeigerufen wird; denn gerade die Aussagen dieses Zeugen scheinen mir so wichtig zu sein, daß ich mein Mandat sofort niederlege, wenn meinem Wunsche nicht entsprochen wird.«

Nach diesen entschiedenen Worten blieb dem Gerichtshof keine andere Wahl, als die Zeugin zu vernehmen.

Man rief Lady Holmes' Namen auf. Tief verschleiert betrat sie den Gerichtssaal.

Während die Aufmerksamkeit aller auf die junge Dame gerichtet war, nahm Asbjörn Krag die Gelegenheit wahr, dem Verteidiger wenige Worte zuzuflüstern. Dieser nickte ihm verständnisinnig zu.

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