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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XVII.

Von den wunderlichen Gedanken ganz in Anspruch genommen, begab sich Asbjörn Krag gegen Mitternacht nach der Wohnung des »Gentlemandiebes« am Parkweg. Auf dem Wege dahin versuchte er einen Ueberblick über die augenblickliche Lage der Dinge zu gewinnen, mußte sich jedoch sagen, daß er ziemlich ratlos dastände.

Manches schien er zu ahnen; aber Bestimmtes wußte er nicht. Es kam ihm so vor, als sei der Einbruch im Hause Mr. Holmes' nicht das Wesentliche in dieser Angelegenheit. Hier handelte es sich um ein weit größeres und außerordentlich phantastisches Geheimnis.

War es aber allein das Geheimnis, womit sich seine Gedanken während der letzten Stunden beschäftigt hatten? War Mr. Nelson gar kein Dieb? Vielleicht schützte er in selten aufopfernder Weise den Ruf der hübschen jungen Frau. Daß zwischen diesen beiden ein gewisses Verhältnis bestand, war nach allem, was geschehen war, gar nicht in Abrede zu stellen; man brauchte nur an die Episode mit den Manschettenknöpfen zu denken.

Es fiel ihm aber schwer zu glauben, daß darin das ganze Geheimnis bestände. Von einem gewissen Verdacht gegen Nelson konnte er sich doch nicht ganz frei machen. Krag hatte ja Beweise, an die er sich halten konnte; das gefundene Instrument bewies ja genug. Auch das kaltblütige Auftreten Nelsons ließ Krag vermuten, daß sein Gewissen wahrscheinlich nicht so ganz rein sei. War Nelson wirklich derjenige, für den er sich ausgab – der gefürchtete Meisterdieb –, in welche Situation geriet dann Lady Holmes? Mit Schaudern erinnerte er sich ihrer letzten Worte; es kam ihm vor, als fühle er noch ihren Händedruck.

Es sollte eine Verständigung zwischen den beiden herbeiführen, ein Signal sein, dessen war er gewiß. Wir stellen große Ansprüche an einen Gentleman, hatte sie gesagt, und hin und wieder finden wir auch einen echten Gentleman. Sie hatte gewiß nichts anderes damit sagen wollen, als daß sie sich auf Krags Schweigen verließ.

Dann erinnerte er sich auch dessen, daß man von ihr behauptete, sie hätte als Londoner Schauspielerin in den Kreisen gelebt, wo man sich zu amüsieren wußte.

Vor Mr. Nelsons Tür – der Name stand auf einem Messingschild – faßte er das Ganze dahin zusammen: Es besteht die Möglichkeit, daß es sich nicht nur um eine Liebesangelegenheit zwischen diesen beiden Personen handelt. Wenn aber ein anderes Verhältnis zwischen ihnen besteht, mein Gott, wer ist dann eigentlich diese Gattin Cyrus Holmes'?

In der kleinen zweistöckigen, von einem Garten umgebenen Villa war es vollkommen still. Nelson bewohnte den zweiten Stock. An der Etagentür des ersten Stockes las Krag den Namen eines ihm bekannten Regierungsbeamten, von dem er übrigens auch wußte, daß er hier wohnte.

Der Detektiv wunderte sich gleich darüber, daß Nelson eine Wohnung im zweiten Stock gewählt hatte. Wie konnte ein Mann, der die Nacht zur Ausübung seines geheimnisvollen und verbrecherischen Treibens wählte, so wohnen, daß jeder seiner Schritte zu hören war.

Die Wohnung bestand aus vier Zimmern, wovon drei vollständig möbliert waren. In dem vierten Zimmer stand nur eine Chaiselongue, worauf einige Decken und Kissen in buntem Durcheinander lagen. An der Wand über der Chaiselongue hingen einige schreiende, englische Bilder von Boxern, Varietédamen und Jockeis. An einem großen Nagel unweit der Tür hing eine Livree mit blanken Knöpfen. Krag beleuchtete das Jackett und machte die Entdeckung, daß dicker Staub auf Kragen und Schultern lag. – Wahrscheinlich war es lange nicht gebraucht worden. Danach mußte Nelson seinerzeit einen Diener gehalten haben.

Der Zustand der Küche mit einer Menge schmutziger Küchensachen deutete auch darauf hin, daß sein Bewohner Bedienung nötig gehabt hätte. Auf einer Bank standen einige leere Champagnerflaschen und dicht dabei eine leere Kognakflasche. Krag sah sich die Marke an. Für einen Diener war der Kognak nicht bestimmt gewesen.

Als er in dieser Weise mit flüchtigem Blick die beiden Räume gestreift hatte, öffnete er die Tür zur eigentlichen Wohnung. Da war zunächst das Eßzimmer, dann der Salon und schließlich das Schlafzimmer. Krag hatte Licht gemacht. Als er jedoch in das Schlafzimmer trat, blieb er unwillkürlich beim Anblick der großen Unordnung, die er hier antraf, an der Schwelle stehen.

Das Bettzeug war zusammengeballt und mit gebrauchten Hemden und Kragen und anderen Sachen in eine Ecke gekegelt. Das Bettzeug bestand nur aus einigen feinen, dicken und weichen Kissen. Auf dem Nachttisch lagen zwei Bücher, das eine Buch war ganz aufgeschnitten, das andere nur zum Teil. Es waren eine Komödie von Shaw und ein Roman von Anatole France. Krag öffnete einen großen Kleiderschrank, worin er einige Anzüge fand, darunter mehrere Gesellschaftsanzüge. Wie ein Taschendieb auf nächtlichem Besuch untersuchte er die Taschen. Hier und da fand er Visitenkarten mit norwegischen oder englischen Namen. Diese steckte er alle zu sich. Ferner fand er in einigen Taschen zerknüllte Scheine und einige Goldstücke; in einer Tasche ein sehr feines Zigarrenetui. Dagegen fand er absolut keine Papiere.

Und doch – in einer Jackettasche stieß er auf ein Stück zusammengeknülltes Papier, das er hervorzog. Es schien in großer Eile zu einer Papierkugel geformt zu sein. Krag faltete das Papier auseinander und las folgende in englischer Sprache mit steiler Herrenhandschrift geschriebene Mitteilung: »Wir sind Mittwoch nacht zwischen zwei und drei Uhr am sichersten. Murfy hat den Kniff gelernt und ist willig. Sewel.«

Krag las diesen Zettel mehrere Male genau durch und verwahrte ihn dann in seiner Brieftasche. Als er noch gedankenvoll die Decke des Zimmers anstarrte, witterte er in der ihm eigenen Weise wie ein Tier, das schon von weitem die Beute spürt. Darauf ging er in den Salon zurück.

Während das Schlafzimmer auf einen Bewohner schließen ließ, der zu ganz unbestimmten Zeiten kommt und geht, überhaupt ein sehr unbeständiges Leben führt, machte der Salon einen ganz gegenteiligen Eindruck. Hier atmete alles Harmonie, Ruhe und Ordnung. Die Möbel waren einfach, jedoch kostbar und mit Geschmack gewählt. Auffällig waren die vielen wertvollen Teppiche und einige sehr schöne moderne Gemälde. Ein Ofenschirm aus gepunztem Leder war ein Meisterstück der Industrie. Die eine Ecke des Zimmers nahm ein Steinway-Flügel ein, worauf aufgeschlagene Noten lagen: »Samson und Dalila«.

Krag beschloß, Schränke und Schubladen der Wohnung einer gründlichen Revision zu unterwerfen. Im Eßzimmer wollte er beginnen; und damit die helle Erleuchtung der Zimmer nicht die Aufmerksamkeit der Straßenpassanten erregen sollte, löschte er das Licht sowohl im Schlafzimmer als auch im Salon. Als er ins Eßzimmer trat, zog er die dicken Plüschportieren hinter sich zu.

Auch im Eßzimmer herrschte die größte Ordnung. Auf dem Büfett standen Porzellan und blankgeputztes Silber. Ein großer, echt russischer Samowar ans Kupfer war auf den massiven Eichentisch gestellt, worauf auch zwei Gläser bereitstanden.

Falls Mr. Nelson überhaupt über dienstbare Geister verfügte, schienen diese sich nur damit zu befassen, diese Zimmer aufzuräumen, wogegen ihnen der Zutritt zum Schlafzimmer und zur Küche sicherlich streng verboten war.

Krag wandte seine Aufmerksamkeit gleich einer Kassette zu, die auf einem Tisch in der einen Ecke des Eßzimmers stand. Es war eine Spielkassette, die außer Jetons und andern Spielgerätschaften nur mehrere Spiele Karten enthielt. Krag sah sich die Karten einzeln an und bewunderte ihre Gediegenheit. Es waren künstlerisch ausgeführte italienische Karten, nach Zeichnungen moderner italienischer Künstler. Er öffnete einige der versiegelten Spiele und ließ die Karten durch die Finger gleiten. Plötzlich fuhr er zusammen. Mit den Fingerspitzen befühlte er außerordentlich vorsichtig die einzelnen Blätter. Er merkte, daß sie nicht überall gleich waren; in den Ecken fühlte er ganz feine Unebenheiten, wie auch ganz leichte Stecknadelstiche.

Es waren Falschspielerkarten.

In seinem Eifer wollte er gerade die andern versiegelten Karten öffnen, als er innehielt und lauschte: er hatte ein Geräusch vernommen. Ein Geräusch vom Salon her, ein Rascheln von Kleidern. Krag sprang zur Tür und schob die dicken Portieren auseinander.

Dort, im Dunkel des Zimmers stand eine menschliche Gestalt. Krag drehte das Licht an.

Er faßte sich jedoch schnell, und mit ruhiger Stimme, wie er zu sprechen gewohnt war, wenn er in seinem Bureau Besuch empfing, sagte er: »Bitte, treten Sie näher, Lady Holmes. Ich habe Sie erwartet.«

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