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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XIV.

Das Geständnis

»Der Mann, den Sie eben verhaftet haben,« begann Cyrus Holmes, »der sich Nelson nennt, hat nicht nur den Versuch gemacht, ein brutales Verbrechen zu begehen, er hat sich auch mir gegenüber eines gemeinen Vertrauensbruches schuldig gemacht; das allein charakterisiert ihn als Verbrecher.«

»Was für einen Vertrauensbruch meinen Sie?« fragte Krag.

Holmes war noch immer so aufgeregt, daß eine solche Frage ihn scheinbar verstimmte. »Würden Sie das nicht auch als Vertrauensbruch bezeichnen,« entgegnete er, »daß dieser Mann, der nun zwei Monate lang meine Gastfreundschaft genossen hat, zum Dank dafür mich bestiehlt und meiner Frau einen Schrecken einjagt, der ihr das Leben hätte kosten können.« Diese Erinnerung an seine Gattin schien seine Raserei und Verzweiflung noch zu steigern. »Das Schlimmste ist,« sagte er heiser, »daß dieser Schuft mich dazu veranlaßt hat, in äußerst kompromittierender Weise aufzutreten.«

»Dadurch, daß Sie ihn faßten?« fragte Krag.

»Nein, dadurch, daß ich ein schändliches Mißtrauen an den Tag legte. Mir ist jeglicher Skandal zuwider, und wären nicht diese besonderen und erschwerenden Umstände eingetreten, würde ich den Kerl laufen lassen. Daß er jedoch vermocht hat, mich dahin zu bringen, so aufzutreten, wie ein Gentleman nicht auftritt, aus diesem Grunde allein will ich ihn bestraft, will ich ihn am Boden liegen sehen.«

»Das wird den Skandal aber keineswegs verringern,« wandte Krag ein, »wenn ein solcher Umstand noch dazu kommt.«

»Das ist mir ganz egal,« antwortete Holmes mit echter englischer Hartnäckigkeit. »Nun will ich mich rächen.«

»Das ist sehr leicht. Der Mann ist verhaftet und die Beweise sind gegen ihn. Wenn sich Ihre Rache damit zufrieden gibt, ihn gestraft zu sehen, dann ist die Sache damit abgetan. Da es aber auch sicherlich in Ihrem Interesse liegt, den ›Skandal‹, wie Sie die ganze Angelegenheit zu bezeichnen belieben, soweit wie möglich zu vertuschen, so sind Sie wohl so liebenswürdig, mich über die Angelegenheiten zu informieren, die in so hohem Grade Ihren Unwillen erregt haben.«

Holmes blickte den Detektiv ungewiß an. Er war selbst im Zweifel darüber, wie er die Sache angreifen sollte; er ging daher einige Male im Zimmer auf und ab. Die beiden Männer waren allein; die Gäste hatten sich zurückgezogen, und Lady Holmes hatte sich in ihrem Boudoir zur Ruhe gelegt. Niemand war also Zeuge dieses Gespräches. Endlich schien Mr. Holmes einen Entschluß gefaßt zu haben. Er bat Krag, Platz zu nehmen; er selbst ließ sich ihm gegenüber nieder.

»Wie ich Ihnen schon sagte,« begann er, »ging dieser freche Mensch eine Zeitlang in meinem Hause ein und aus. Ich muß zugeben, er gefiel mir zuerst ganz gut, sowohl deswegen, weil er in seiner Art ein anregender Mensch ist, als auch deswegen, weil er in unseren Gesprächen bedeutende Intelligenz an den Tag legte. Außerdem war er ja ein Landsmann von mir, und wir Engländer lieben es nun einmal, mit unseresgleichen zu verkehren.

Ich bitte Sie jetzt, mit wenigen Andeutungen zufrieden zu sein, ich wünsche nämlich nicht, mich mit vielen Worten über diese Angelegenheit auszulassen. Soviel sei Ihnen gesagt: ich machte die Bemerkung, daß er meiner Frau den Hof machte. Eifersucht ist nun einmal mit meinem Temperament verbunden; auch liegt ein gewisses Mißtrauen in meinem Charakter begründet. Während meines ereignisreichen Lebens habe ich gelernt, den Realitäten des Lebens ins Angesicht zu schauen. Ich bin mir vollkommen bewußt, ein nicht mehr junger Mann zu sein, es ist mir dagegen auch bewußt, daß meine Frau sowohl jung als auch schön ist. Sehen Sie, die Erkenntnis dessen und Ueberarbeitung und Nervosität bilden die Grundlage eines bestimmten Verdachtes. Ich möchte Sie jedoch von vornherein darauf aufmerksam machen, daß dieser Verdacht nach dem, was später geschehen, vollständig unberechtigt war, und im Herzen bitte ich meine arme Frau demütig um Verzeihung wegen der schlechten Gedanken, die ich gegen sie gehegt habe. – Heute jedoch, wo ich einige Freunde bei mir zu Gaste hatte, darunter auch diesen Nelson, glaubte ich plötzlich einen Beweis für die Berechtigung meines Verdachtes erwischt zu haben. Meine Frau klagte über Müdigkeit, und während ich mich mit meinen Gästen im Billardzimmer aufhielt, zog sich meine Frau in ihr Boudoir zurück. Bald darauf bemerkte ich, daß auch Mr. Nelson verschwunden war. Er war und blieb verschwunden, obgleich die Dienerschaft aussagte, daß er das Haus nicht verlassen habe. Aus Uebereilung habe ich dann den Schritt getan, den ich außerordentlich bedauere, weil die Folgen desselben eine Unschuldige trafen und weil ich mich dadurch lächerlich gemacht habe. Ein Gentleman jedoch, der sich lächerlich macht, selbst wenn es aus Uebereilung geschieht, ist für das Leben gezeichnet. Sie fragen: was denn geschehen sei? Ist es nötig, es Ihnen zu sagen? Ich lief zur Tür, die ins Zimmer meiner Frau führt und rüttelte daran. Die Tür war verschlossen. Ich hörte, wie ein Stuhl im Zimmer umfiel; niemand antwortete jedoch auf mein Rufen. Wahnsinnig vor Erregtheit und Wut mache ich einen entsetzlichen Lärm. Die Dienerschaft kommt herbeigelaufen, die Gäste drängen heran und versuchen mich zu beruhigen. Ich fuchtelte mit dem Revolver herum; ach, mein Herz krampft sich zusammen, wenn ich an diesen Revolver denke. Ich sprenge die Tür, finde aber nicht die Szene, die ich in meiner Erbitterung erwartet hatte. Auf dem Diwan liegt meine Frau, ohnmächtig, mit dem chloroformgetränkten Tuch auf dem Gesicht. Und im Fenster steht Nelson, der Dieb, eben im Begriff, sich mit den mit Schmucksachen angefüllten Taschen zu entfernen. Den Rest wissen Sie. Ich versichere Sie aber, im ersten Moment hat mich der fürchterliche Verdacht, den ich hegen konnte, mehr zu Boden geschlagen als die Entdeckung, daß einer meiner Gäste ein so gemeiner Dieb sei.«

So lautete Cyrus Holmes' Aussage, die Asbjörn Krag mit einer Mischung von Interesse und Skepsis anhörte. Er beruhigte den berühmten Entdecker, daß diese rein privaten Angelegenheiten in der Voruntersuchung gar nicht berührt würden. Bevor Krag das Haus verließ, erkundigte er sich nach dem Befinden der gnädigen Frau, und es wurde ihm der Bescheid, daß sie sich soweit erholt hätte, daß sie nach einigen Stunden imstande wäre, Auskunft zu erteilen. Der Detektiv versprach, wiederzukommen und fuhr vorläufig fort. Auf dem Wege zum Polizeiamt sann er erneut über dies kunterbunte Drama nach.

War Nelson wirklich der Dieb? Bejahendenfalls: war Lady Holmes seine Mitschuldige?

Oder: War er nicht der Dieb? Hatte er nur die Rolle des Diebes gespielt, um ihre Ehre zu retten?

Krag mußte gestehen, daß er bei Beantwortung dieser Frage keine Entscheidung mit absoluter Sicherheit treffen könnte. Nach dem, was geschehen war, neigte er dazu, letzteres anzunehmen, nämlich, daß Mr. Nelson mit großartiger Ritterlichkeit Lady Holmes Ehre hatte retten wollen. Ganz sicher war er seiner Sache jedoch nicht.

Im Polizeiamt hatte er mit Nelson eine Unterredung unter vier Augen. Der Engländer war noch immer vollkommen ruhig.

»Sie sind also doch der Dieb?« sagte er.

»Ja,« antwortete Mr. Nelson.

»Sind Sie es auch, der den Diebstahl beim Generalkonsul Spade verübt hat?«

»Ja.«

»Mit anderen Worten: Sie geben zu, daß Sie der Dieb sind, der in letzter Zeit Christiania unsicher gemacht hat?«

»Ja.«

»Wo haben Sie das Gestohlene versteckt?«

»Das wünsche ich Ihnen nicht zu sagen.«

»Wer sind Sie denn eigentlich?«

»Das sage ich Ihnen auch nicht. Es muß Ihnen genügen, daß ich die Diebstähle zugebe. Glauben Sie mir nicht?«

»Nein,« antwortete Krag, »ich glaube Ihnen nicht.«

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