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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XIII.

Krags Blick schweifte von der einen Gruppe zur andern, von der Szene am Diwan, wo Mr. Cyrus Holmes über seine halbbewußtlose Frau gebeugt stand, zur Szene am Kamin, wo Krags alter Bekannter von aufgeregten und erbosten Menschen umgeben war. Die Situation war ihm zunächst nicht klar; dann aber erinnerte er sich, daß es sich hier um eine Diebstahlsangelegenheit handle und daß die Haltung der Anwesenden deutlich auf Mr. Nelson als den in Frage kommenden Täter wies. Schließlich fühlte er auch noch großen und gerechten Aerger in sich aufsteigen, weil er an jenem Abend doch im Irrtum gewesen sei. Mr. Nelson war demnach nicht der Liebhaber der jungen Frau. Allem Anschein nach war er doch der Dieb. Sein Verhältnis zu der schönen Gattin des berühmten Entdeckers war von einem Geheimnis umgeben, das Asbjörn Krag mit Leichtigkeit zu lösen geglaubt hatte, das im Grunde aber noch völlig im Dunkeln lag. Diese Gedanken durchschossen ihn innerhalb weniger Sekunden. Einen Augenblick blieb er an der Schwelle stehen, um sich zu orientieren.

Cyrus Holmes war von seiner tieferschütterten Gattin so in Anspruch genommen, daß er sich dem eintretenden Detektiv nicht widmen konnte. Einige der anwesenden Herren, die auch an der Gesellschaft des Generalkonsuls Spade teilgenommen hatten, kannten Asbjörn Krag und begrüßten ihn. Einer von ihnen trat auf ihn zu und sagte:

»Nun haben wir ihn endlich!«

»Wen?« fragte Krag.

»Den Dieb,« entgegnete eifrig der andere, »den geheimnisvollen Dieb, der während der letzten Monate die ganze Stadt beunruhigt hat.« Damit wies er auf Nelson und fuhr dann fort: »Er wird es auch sein, der beim Generalkonsul die Goldmünzen stahl. Sehen Sie nur!«

Er zeigte Krag einige Schmucksachen, die achtlos auf den Tisch geworfen waren; darunter befand sich ein Perlenkollier von anscheinend sehr großem Wert.

»Dieses alles fand man in seinen Taschen.«

Krag näherte sich dem Beschuldigten, der ihn halbwegs belustigt, halbwegs hämisch anblickte, als er ihn gewahr wurde. – Die anwesenden Herren unterhielten sich im Flüsterton miteinander. Man gab sich Auskunft, wer der Hinzugekommene sei und beobachtete unter allgemeinem Schweigen die Begegnung zwischen dem Verbrecher und dem Detektiv.

Krag bemerkte in Nelsons Augen einen Ausdruck tiefen Ernstes, als dieser zu ihm sagte: »Ich bin sehr vergeßlich, Herr Detektiv. Ich habe alles, was sich bei unserer letzten Begegnung ereignete, total vergessen.«

Daß diese Worte sowohl eine Warnung als auch eine Bitte enthielten, verstand Krag sofort.

»Auch mir kommt es so vor,« sagte Krag, »daß mein Gedächtnis mich an gewissen Punkten vollkommen im Stiche läßt.«

Mr. Nelson antwortete lächelnd: »Möglicherweise liegt es daran, daß ein schlechtes Gedächtnis einem manchmal zum Vorteil sein kann.«

»Es braucht nicht nur von Vorteil zu sein,« erwiderte Krag; »zuweilen ist es eine Notwendigkeit.«

Einige der Anwesenden drückten ihre Verwunderung darüber aus, daß Krag scheinbar schon früher mit Mr. Nelson zusammengetroffen war.

»Ich kenne ihn, meine Herren,« erklärte Krag, »wie man einen Mann kennt, der am Leben und Treiben der Gesellschaft teilnimmt. Sie kennen ihn ja auch. Wir haben beide etwas miteinander erlebt, das mit dieser Angelegenheit nicht das mindeste zu tun hat.«

Bei diesen Worten hatte Krag Nelson aufmerksam betrachtet; er meinte, aus den Augen des andern einen dankbaren Blick zu spüren. Er selbst hatte das Gefühl, daß er trotz der großen Verwirrung sich doch auf festem Boden befand. Er hielt ihm die Schmucksachen hin.

»Man hat Sie dabei abgefaßt, als Sie den Versuch machten, diese Sachen zu stehlen?« fragte der Detektiv.

»Man hat ihn auf frischer Tat ertappt,« riefen einige Herren dazwischen. »Jawohl,« riefen wieder andere, »als wir nach Sprengung der Tür ins Zimmer gelangten, war er gerade im Begriff, mit den Schmucksachen in der Tasche zum Fenster hinauszuspringen.«

»Alles Leugnen kann Ihnen also nichts nützen,« sagte Krag.

Nelson richtete sich jedoch stolz in die Höhe. »Was soll all dies Gerede! Warum verhaften Sie mich nicht?« fragte er. »Verhaften Sie mich doch, führen Sie mich fort! Darauf warte ich doch nur!«

»Außerdem hatte er Lady Holmes auch noch chloroformiert,« rief eine Stimme, und ein Tuch, das stark nach Chloroform roch, wurde dem Detektiv hingehalten. »Glücklicherweise waren wir noch rechtzeitig genug da, um zu verhindern, daß die gnädige Frau ganz betäubt wurde.«

Als der Erzähler Lady Holmes auf dem Diwan gewahr wurde, fuhr er fort: »Ich sehe, die gnädige Frau ist wieder erwacht. Die furchtbare Erregung hat sie dermaßen mitgenommen, daß die Aermste einen hysterischen Anfall hat überwinden müssen.«

Man hatte Lady Holmes ganz mit Kissen umgeben, um sie zu stützen. Sie war noch ganz blaß und ihre Augen blickten im Zimmer rastlos hin und her, wanderten von dem einen zum andern, bis sie an Nelsons Gestalt sonderbar starr, verständnislos und geistesabwesend hängen blieben. Krag beobachtete, daß Nelson ihren Blick absolut nicht beantwortete, sondern dem eigenartigen Glanz ihrer Augen aus dem Wege ging.

Cyrus Holmes, der mit Genugtuung das Erwachen seiner Gattin wahrgenommen hatte, wandte sich nun der übrigen Gesellschaft zu. Als er Nelson erblickte, war er seiner Erregung kaum Herr. Mit geballten Händen ging er auf ihn zu. Nelson kreuzte die Arme und wartete so das Näherkommen des andern ab. Asbjörn Krag trat jedoch dazwischen. Als Cyrus Holmes den Detektiv erkannte, hielt er inne und auf Nelson weisend, sagte er:

»Nun gut; dann habe ich nichts mehr mit ihm zu tun. Es ist Ihre Angelegenheit. Führen Sie ihn ab.«

»Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Mr. Holmes. Warum warten wir noch?«

In diesem Augenblick erschienen Zivilschutzleute in der Tür. Krag gab ihnen ein Zeichen; sie näherten sich Nelson.

Als Nelson mit den Schutzleuten in Berührung kam, rief er wütend: »Fesseln Sie mich nicht; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort; ich werde ruhig mitgehen.«

Holmes, der sich nicht länger beherrschen konnte, rief aus: »Ehrenwort, ha!«

Nelson sah ihn nur an. Verblüfft und überwältigt durch die steinerne Ruhe, die dieser Blick ausdrückte, befahl Krag: »Keine Fesseln!«

Dann führten die Schutzleute Nelson dem Ausgange zu. Als sie bei Lady Holmes vorbeikamen und sie ihn zwischen den beiden Schutzleuten gewahr wurde, stieß sie einen schwachen schmerzlichen Schrei aus. Bei diesem Schrei hielt Nelson inne, als hätte ihn eine Kugel getroffen. Ein Zittern überfiel ihn, doch erhobenen Hauptes schritt er zur Tür hinaus.

Sowie der Verbrecher hinausgeführt war, wandte sich Krag an Cyrus Holmes, um von ihm die näheren Umstände, die zur Ergreifung des Täters führten, zu erfahren. Was ihm der Forscher erzählte, erregte seine höchste Verwunderung und veranlaßte ihn zu tieferem Nachsinnen.

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