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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XII.

Am folgenden Tag begab sich Krag in die Villa des Generalkonsuls Spade. Er wollte am hellen Tage nochmals nach Spuren forschen. – Der Generalkonsul selbst war nicht anwesend; Evensen führte ihn aber umher. Für die Flaggenstange zeigte der Detektiv das größte Interesse. Er ließ sie niederlegen und fand dann auch bei genauer Untersuchung des oberen Teiles deutliche Spuren von den Händen des Diebes; dies hatte er am vorhergehenden Abend wegen der Dunkelheit nicht sehen können. Besonders der Abdruck des Daumens der rechten Hand war außerordentlich scharf und deutlich.

Krag ließ von der vor etwa einem Jahr von der Polizeibehörde in Christiania eingerichteten Abteilung für Fingerabdrücke einige Apparate holen, um die Fingerabdrücke zu photographieren.

Andere Spuren fand er nicht; er war jedoch mit dem erlangten Resultat ganz zufrieden.

Als er eben die Villa verlassen wollte, begegnete ihm der Generalkonsul. Er erhielt von ihm die erbetene Liste derjenigen Personen, die am vergangenen Tage den Generalkonsul in seiner Villa aufgesucht hatten.

Mit leichtem Hohn in der Stimme und überlegenem Lächeln fragte ihn der Konsul nach Neuigkeiten in der Angelegenheit.

»Gestern versprach ich Ihnen, in wenigen Tagen diese Sache aufklären zu wollen; ich sehe jedoch ein, daß ich mein Wort leider nicht halten kann. Meine Voraussetzungen haben sich als falsch erwiesen und führten in eine Sackgasse.«

Ohne dem Generalkonsul nähere Auskunft zu geben, wandte sich Krag zum Gehen.

Spades Verzeichnis enthielt nur die Namen bekannter Leute Christianias; die Liste hatte für ihn keinen großen Wert; sein Verdacht richtete sich genau so gut auf alle wie auf einen einzelnen.

In der Kriminalabteilung für Fingerabdrücke sah er alle Photographien durch, fand aber nicht einen Fingerabdruck, der mit dem auf der Flaggenstange übereinstimmte; auch in dem Album ausländischer Fingerabdrücke, das der Polizei erst vor kurzem zugegangen war, blätterte er vergebens.

Er fühlte sich weder enttäuscht, noch befriedigt. Einerseits fehlte ihm jede Richtlinie; andererseits hatte er aber dadurch doch konstatieren können, daß der Dieb nicht unter denen zu suchen sei, die bisher die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen hatten.

Dagegen setzte Asbjörn Krag seine Hoffnung darauf, daß sich der Dieb durch irgendeine Unvorsichtigkeit verraten oder bei einem neuen Diebstahl handgreifliche Spuren hinterlassen werde.

Auf die Erfüllung dieser Hoffnung brauchte er auch nicht lange zu warten. Wenige Tage darauf wurde dem Chef des Kriminalamtes wiederum ein großer Diebstahl gemeldet, der im Westen der Stadt ausgeführt war. Diesmal handelte es sich um einen wertvollen Schmuck, der dem bekannten Direktor der Akzeptbank gestohlen war.

Im Auftrage des Polizeichefs traf Krag unmittelbar nach Entdeckung des Diebstahls im Hause des Herrn Bankdirektors Oppenheim in der Bygdöallee ein. –

Der Bankdirektor – noch ganz erschüttert von dem Ereignis – setzte ihm persönlich die Sachlage auseinander.

Man stellte fest, daß der Diebstahl zwischen zwei und fünf Uhr nachts begangen sein mußte. Auf die Frage, ob jemand der im Hause Bediensteten wegen des Diebstahls in Betracht käme, antwortete der Bankdirektor, daß dies kaum der Fall sein könnte; alles seien erprobte Leute. – Jedoch könne er diese Frage nicht mit absoluter Sicherheit beantworten.

Direktor Oppenheim und Gemahlin waren bei der Erstaufführung von Ibsens »Wildente« im Nationaltheater gewesen, hatten danach im Spiegelsaal soupiert und waren erst gegen zwei Uhr nach Hause gekommen. Der Bankdirektor, der jüdischer Abstammung war, unterließ es aus alter Gewohnheit nie, sich vor dem Schlafengehen davon zu überzeugen, ob Türen und Fenster ordnungsmäßig verschlossen waren. Das hatte er auch an jenem Abend getan.

In der Nacht, erzählte der Direktor, hatte er im Halbschlummer Lärm vernommen, wodurch er vollständig wach geworden sei. Dann sei es allerdings wieder ganz still gewesen und er hätte sich, ohne weiter beunruhigt zu sein, wieder zum Schlafen gelegt. Zufälligerweise hatte er nach der Uhr gesehen, die fünf gezeigt hätte.

Der Diebstahl sei erst spät am Vormittag von der Frau dadurch entdeckt worden, daß sie ihren Schmuckkasten vermißte. Darauf habe man gleich die Polizei benachrichtigt.

Türen und Fenster des Ankleidezimmers waren noch genau in demselben Zustand wie am Abend vorher.

Die nun vorgenommenen Untersuchungen des Detektivs führten zu folgendem Resultat: 1. Die Schlüssel der Türen waren unbeschädigt. 2. Alle Fenster waren gut verschlossen, 3. Augenscheinlich war während der Nacht niemand in die Wohnung eingedrungen, falls das nicht ein verdächtiger Umstand war, daß der eine Fensterhaken deutliche Kratzstellen aufwies.

Letztere Wahrnehmung führte nun wiederum zu einer gründlichen Untersuchung der Fensterbank und der das Fenster umgebenden Mauer. Erst hiernach konnte Krag eine Hypothese aufstellen, in welcher Weise der Dieb zu Werke gegangen sein könnte.

An der Mauer rechts vom Fenster war eine Feuerleiter angebracht, und auf den von Staub bedeckten Stufen dieser Leiter entdeckte Krag Spuren von Händen und Füßen. – Ferner entdeckte er im Rahmen des Fensters ein kleines Loch, durch welches die Haken mit Hilfe irgendeines Instrumentes abgehoben sein mußten. Viel wichtiger aber als dies schienen Krag die Spuren auf der Fensterbank und den Scheiben zu sein, die er mit der Lupe untersuchte. Er hatte hier den deutlichen Abdruck eines Daumens der rechten Hand gefunden. Er wußte zwar nicht, von wem dieser Fingerabdruck stammte, als er ihn aber mit dem an Generalkonsul Spades Flaggenstange entdeckten Fingerabdruck verglich, stellte sich eine auffallende Aehnlichkeit heraus.

Eine eingehende Vergleichung konnte jedoch erst auf dem Kriminalamt nach Beendigung des photographischen Prozesses angestellt werden; aber schon nach dieser oberflächlichen Beobachtung hielt Krag die Fingerabdrücke für identisch.

Im Hause des Bankdirektors fand er weiter keine Spuren, die ihm so wichtig schienen wie die Fingerabdrücke. Wie bei solchen Diebstählen unerläßlich, gab man ihm ein Verzeichnis und eine genaue Beschreibung der gestohlenen Schmuckgegenstände.

Im Polizeiamt wurden die Schutzleute, die im Laufe der Nacht in der Nähe des Hauses auf Patrouille gewesen waren, einem Verhör unterzogen; niemand von ihnen konnte jedoch auch nur die geringste Aussage machen. Keiner hatte Verdächtiges weder gesehen noch gehört.

Das Verzeichnis und die Beschreibung der gestohlenen Gegenstände wurde schleunigst allen Juwelieren und Leihämtern zugestellt. Man wartete mehrere Tage, daß von ihnen irgendeine Mitteilung eintreffen würde; die Zeit verging dabei, von den Schmucksachen fand man aber keine Spur.

Während dieser Zeit hielt sich Krag täglich im Kriminalamt auf. Alle Ankommenden betrachtete er mit großem Interesse. Aus der Behendigkeit, womit die Diebstähle ausgeführt waren, glaubte er schließen zu können, daß der Dieb in internationalen Verbrecherkreisen zu suchen sei.

Eines Tages geschah nun wiederum etwas, das mit den früheren Begebenheiten in wunderlicher Beziehung stand.

Seit dem Einbruch bei Generalkonsul Spade war etwa eine Woche verflossen. Krag befand sich im Bureau des Abteilungschefs, um die Hotellisten durchzusehen, als er plötzlich angeweckt wurde. Krag, der allein im Bureau war, ergriff den Hörer: »Dort Kriminalpolizei?«

Die Stimme klang heiser vor Hast und Erregung.

»Jawohl,« gab er zur Antwort.

»Hier Cyrus Holmes. Ich mache Ihnen die Mitteilung, daß man versucht hat, bei mir zu stehlen. Der Dieb ist erfaßt. Bitte, kommen Sie gleich.«

»Gern, ich kenne Ihre Adresse und komme sofort.«

Cyrus Holmes – dachte Krag, und ihm kam die junge Frau des berühmten Polarforschers in den Sinn, die er unter so eigenartigen Umständen kennengelernt hatte. Er nahm eine Droschke und zehn Minuten danach befand er sich vor der Villa des reichen Forschers am Drammensweg.

Es mußte etwas Außerordentliches vorgefallen sein; alle Fenster waren erleuchtet und man sah die Schatten hin- und herlaufender Menschen. – Von einem total verwirrten Diener wurde Krag in ein großes, sehr hübsches Balkonzimmer geführt, das voller Menschen war, Herren und Damen in Gesellschaftskleidung.

Der Detektiv blickte um sich. Ein Teil der Möbel lag umgeworfen am Boden; einiges war sogar entzweigeschlagen. Alles deutete darauf, daß ein Kampf stattgefunden hatte. In seiner Nähe gewahrte er die schöne Frau Holmes, die er sofort wiedererkannte. Ein Herr mit traurigem Gesicht hatte sich über sie gebeugt. Krag nahm an, daß es ihr Mann, der berühmte Forschungsreisende, sein müsse.

In einer Ecke des Zimmers hielten sich mehrere sehr erregte Gäste auf. Mitten unter ihnen entdeckte der Detektiv einen Mann, der von zwei kräftigen Dienern festgehalten wurde. Das mußte also der Dieb sein.

Krag erkannte ihn sofort wieder. Es war Mr. Nelson, der Mann mit dem Manschettenknopf.

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