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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XI.

Die junge Dame blickte den Detektiv ungewiß an. Wie anzunehmen war, war sie über Krags sonderbare Bedingung höchlichst erstaunt.

»Sie verstehen wohl, daß nicht die Diamanten und der Knopf an sich für mich von so großem Wert sind; sondern die Umstände, die sich an sein Verschwinden knüpfen ...«

Krag amüsierte sich immer mehr über die Situation und den eigenartigen Zufall, der diese Liebesgeschichte mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht hatte.

»Ich will gar nichts weiter darüber hören,« sagte er, »denn die Sache interessiert mich nicht. Ich glaubte, daß mir der Manschettenknopf in einer Diebstahlsangelegenheit, mit der ich mich gerade beschäftigte, von Nutzen sein könnte. Von dem Augenblick an, wo dies nicht der Fall ist, hat er gar kein Interesse mehr für mich.«

Die Dame senkte die Augen. »Habe ich Sie vielleicht beleidigt?« fragte sie. »Ich glaubte –«

Krag machte eine abwehrende Handbewegung.

»Sie glaubten, ich sei ein Privatdetektiv von der Sorte, die in Ehedramen von der einen Ehehälfte Geld entgegennehmen, um Beweise gegen die andere zu erbringen. Sie haben sich also geirrt. Diese Verdächtigung will ich Ihnen verzeihen.«

Plötzlich wurde sie ganz eifrig. »Sie dürfen mich aber auch nicht in bösem Verdacht haben,« stieß sie heftig hervor. »Ich versichere Sie, mein Mann hat nicht den geringsten Grund zum Mißtrauen. Er ist jedoch so furchtbar eifersüchtig, fast wahnsinnig vor Mißtrauen. Wenn ihm zu Ohren kommen sollte, daß ich einem Herrn, den ich – den ich sehr schätzte, ein Geschenk gemacht hätte, dann würde Fürchterliches passieren; denn gerade in dieser Zeit der Vorbereitungen zur Expedition ist er kolossal nervös.«

»Man sagt, er geht nach Spitzbergen,« sagte Krag zuvorkommend. »Werden Sie ihn begleiten?«

»Nein.«

»Nun,« sagte Krag in einem Ton, der deutlich verstehen ließ, daß er das Gespräch abzubrechen wünschte, »ich will gern annehmen, daß Sie sich nur den Vorwurf machen können, unvorsichtig gewesen zu sein. Ich glaube es um so mehr, da Ihre Angelegenheit mich erstens gar nicht interessiert, und zweitens habe ich gelernt, in den Augen der Menschen zu lesen. Ich kann Ihnen aber sagen, daß der Mann, den Sie so schätzen, sicherlich Ihrer Zuneigung wert ist; denn er hat zur Wiedererlangung des Knopfes alles aufs Spiel gesetzt.«

Ihr Gesicht strahlte vor Freude. »Ist es wahr!« rief sie aus. »Es gelang ihm aber nicht?«

»Nein, es gelang nur Ihnen.« Er sah nach seiner Uhr. »Es ist schon spät,« sagte er. »Mein Diener wird Sie an den Wagen begleiten. In einer Viertelstunde wird die erwähnte Person kommen und Ihnen den Diamantknopf überreichen.«

»Aber warum,« fragte sie zögernd, »geben Sie mir den Knopf nicht gleich mit?«

Krag verneigte sich vor ihr. »Gnädige Frau,« gab er zur Antwort, »ich habe auch Geheimnisse, die ich nicht beabsichtige preiszugeben.«

»Ja, ja, ich verstehe.« Sie blickte ihn an. Plötzlich reichte sie ihm die Hand. »Ich warte dann am Wagen.«

Jens begleitete sie.

Ihre Dankbarkeit war dem Detektiv im Grunde nur ein geringer Trost; denn er glaubte bestimmt, durch den Knopf den Dieben auf die Spur gekommen zu sein.

Er holte den Fremden aus dem kleinen Zimmer und nahm ihm die Handfesseln ab; dann reichte er ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Kleinigkeiten, die ihm Jens aus den Taschen genommen hatte, darunter eine Visitenkarte mit den Worten: R. Nelson, London.

»Ist das Ihr Name?« fragte er.

Der Fremde bejahte. Im übrigen schien er über Krags Sinnesänderung sehr erstaunt.

»Warum geben Sie mir diese Sachen zurück?« fragte er.

»Weil sie Ihnen gehören,« entgegnete Krag, indem er ihm auch den Revolver reichte. »Bitte, er ist noch geladen!«

Mr. Nelson griff zögernd danach. »Mir scheint,« sagte er, »Sie legen Ihre Sicherheit in meine Hand.«

»Nein, keineswegs, ich möchte Sie aber bitten, jetzt zu gehen. Ich bin wirklich sehr müde, und da ich morgen eine wichtige Sache zu bearbeiten habe, muß ich unbedingt Ruhe haben.«

Während Krag so sprach, beobachtete er genau Mr. Nelsons Gesicht. Der Ausdruck wechselte beständig, bald war er mißtrauisch, bald lauernd. Schließlich aber sprühte aus seinen lebhaften Augen Verwegenheit.

»Er hält mich für ein großes Schaf,« dachte Krag, »und wenn er mich dazu noch für einen Schurken und Erpresser hält, dann ist er von seinem Standpunkt aus im Recht.«

Krag öffnete den Geheimschrank in der Wand und entnahm ihm den Manschettenknopf. Er lag in einem besonderen Fach mit anderen den Diebstahl betreffenden Sachen zusammen. Der Detektiv ließ Mr. Nelson den Knopf sehen.

»Dieser ist es, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete der Engländer, »und nun?«

»Ich will Ihnen den Knopf schenken.«

Mr. Nelson lachte.

»Ich bin hergekommen, um in den Besitz des Knopfes zu gelangen. Meine Rücksichtslosigkeit ist bekannt.«

»Bitte, reden Sie in einem anderen Ton. Ich beabsichtige tatsächlich. Ihnen den Knopf zu geben; aber unter einer Bedingung. Ich verlange von Ihnen aber auch die Erfüllung dieser Bedingung.«

»Ich verspreche Ihnen alles!«

»Das tun Sie lieber nicht, mein Bester, denn Sie sind gar nicht imstande, das alles zu halten, was Sie versprechen möchten, um nur in den Besitz des Knopfes zu gelangen. Diese eine Bedingung können Sie jedoch erfüllen.«

»Worin besteht sie?«

»Wenn Sie von hier weggehen und an die nächste Ecke gelangen, wird dort ein Wagen warten. Sie gehen auf den Wagen zu –«

»Das verspreche ich Ihnen!« »Im Wagen ist eine Person, der werden Sie sagen: Ich bin derjenige, den Sie erwarten.«

Mr. Nelson wurde plötzlich sehr ernst. Nach kurzem Bedenken sagte er: »Ich verstehe dies alles nicht. Da ich aber ganz in Ihren Händen war und Sie mich nun loslassen, kann ich Ihnen kaum glauben, daß Sie mich in eine Falle locken werden. Ich beabsichtige also, Ihre Bedingungen zu erfüllen. Was soll aber danach geschehen?«

»Weiter gehen meine Bedingungen nicht,« sagte Krag. »Das weitere wollen wir dem Schicksal überlassen.«

Damit reichte er dem Engländer den Knopf, der ihn nach kurzer Prüfung in die Tasche steckte.

»Ist es Ihnen unangenehm, mir zur Erinnerung an diese Begegnung Ihre Visitenkarte zu geben?« fragte Krag noch zum Schluß.

Mr. Nelson gab ihm seine Karte, wobei Krag bemerkte, daß seine Hände von Kalk sehr beschmutzt waren. Vermutlich war er durch das Fenster hereingekommen. »Das wäre schon an und für sich ein gewagtes Unternehmen,« dachte Krag, »aber die Engländer sind ja alle Sportsmenschen.«

Jens war indessen zurückgekehrt und erhielt nun den Auftrag, auch den Engländer hinauszubegleiten.

Als Krag allein war, ließ er sich total erschöpft in einen Lehnstuhl fallen. Fast geistesabwesend betrachtete er Mr. Nelsons Karte, indem er halblaut vor sich hinsprach: »Sie ist sehr hübsch; sie ist wirklich außerordentlich hübsch.«

Er sah noch, daß sich auf der Karte Flecke, von den schmutzigen Fingern des Engländers herrührend, befanden, bevor er sie in seine Brieftasche legte. Es waren wirklich zwei sehr deutliche Fingerabdrücke.

Krag hatte nicht nötig, lange auf Jens zu warten; er war sehr bald wieder da. Bevor er ihn aber noch die Treppe hinaufkommen hörte, fuhr ein Wagen vorbei.

»Na?« fragte Krag.

Jens hielt ein kleines Etui in der Hand, das er vor dem Detektiv auf den Tisch legte. »Ich verließ sie an der Ecke beim Wagen; sie fuhren mir jedoch nach und geboten mir Halt; dabei überreichte mir die Dame dieses Etui.«

»Sagte sie nichts weiter?«

»Ja, sie läßt Ihnen einen Gruß bestellen und bittet Sie, dies als Andenken entgegenzunehmen.«

Der Detektiv ergriff das Etui und öffnete es langsam. Er traute kaum seinen Augen – es lagen die Manschettenknöpfe mit den drei Diamanten darin.

Krag überlegte lange; endlich erhob er sich, um sich zur Ruhe zu begeben.

»Einzeln hätten diese Knöpfe viel Schaden anrichten können,« murmelte er vor sich hin, »aber zu zweien sind sie bedeutungslos.«

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