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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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X.

Der Fremde blickte den Detektiv ungeduldig an.

»Na, weiter! Sie wissen, wie kostbar meine Zeit ist.«

»Mag sein,« erwiderte Asbjörn Krag ruhig. »Meine Zeit ist auch kostbar; Sie haben sowieso ganz unnötigerweise einen guten Teil davon mit Beschlag belegt.«

»Was meinen Sie damit?« Die Stimme des fremden Gastes klang hart und drohend.

»Ich meine, nun wollen wir die Sache aufgeben. Weg mit dem Revolver!«

Diese letzte Aufforderung war eigentlich an Jens gerichtet, der sich ganz leise in die Nähe des Fremden geschlichen hatte und nun zum Eingreifen bereit war.

Augenblicklich veränderte sich der Gesichtsausdruck des anderen. Das blasierte und gleichgültige Lächeln verschwand, die Stirn runzelte sich und die Augen nahmen einen gehässigen Blick an. Er richtete den Revolver auf Krag, indem er fest und bestimmt rief: »Wenn Sie nicht augenblicklich – –!«

Hier wurde er unterbrochen, denn Jens faßte den Revolver und entriß ihm die Waffe, die er nun auf sich selbst gerichtet sah.

Auf dem Gesicht des Fremden spiegelte sich die größte Ueberraschung; er gewann jedoch bald seine Fassung wieder und wandte sich lächelnd an den Detektiv.

»Sie sind außerordentlich geschickt,« sagte er. »Darf ich fragen, wie Sie ohne mein Wissen Ihren Gehilfen herbeirufen konnten? Als ich kam, schlief er fest.«

Krag lachte. Dann entnahm er einer Schieblade Handfesseln. »Mein sehr verehrter Gast,« entgegnete er, »Sie selbst haben meinen Gehilfen dadurch herbeigerufen, daß Sie zweimal auf den Knopf drückten.«

Der Fremde hielt die Hände hin, um sich fesseln zu lassen. »Ich sehe, Sie haben mich überlistet, Herr Krag. Was werden Sie nun mit mir machen?«

»Sie werden in meinem Fremdenzimmer übernachten,« gab er zur Antwort. »Ich für meine Person verzichte aber jetzt auf Ihre Gegenwart.«

An Jens gewandt fuhr er fort: »Führe ihn da hinein.«

Jens führte den Gefangenen nun in einen kleinen Raum, der die Bezeichnung Fremdenzimmer hatte und hinter dem Schlafzimmer lag. Dieser kleine Raum besaß kein Fenster und keinen andern Ausgang, als durch Krags Zimmer.

Als Jens wieder ins Zimmer trat, nachdem er die Tür gut verschlossen hatte, sagte Krag: »Du kamst ja so schnell. Schliefst du nicht?«

»Nein,« entgegnete er. »Vor etwa fünf Minuten klingelte es unten an der Haustür. Eine Dame verlangte auf Leben und Tod eine Unterredung mit Ihnen. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß die Uhr nach eins wäre und Sie schliefen. Sie ließ sich jedoch nicht abweisen. Ich habe sie in Ihr Bureau gewiesen. Als ich von dort herkam, hörte ich Ihr Signal.«

In aller Eile zog Krag sich an. »Wie sieht sie aus?« fragte er.

»Jung und hübsch und mit blondem Haar,« gab Jens zurück. »Sie hat einen Regenmantel an und tragt einen schwarzen Hut mit weißer Rosette.«

Damit reichte er dem Detektiv die Visitenkarte.

»Hier ist übrigens ihre Karte.«

Asbjörn Krag las:

Lizzie Holmes, London.

Holmes – Krag sann einen Augenblick nach, dann erinnerte er sich des Namens. Die Zeitungen hatten über einen reichen englischen Forschungsreisenden berichtet, der sich in Christiania aufhalten sollte, um eine Reise in die Polargegend vorzubereiten. Sein Name war Cyrus Holmes, und er besann sich nun auch, daß die Zeitungen erwähnt hatten, er sei mit einer Schönheit der Londoner Plutokratie verheiratet.

Sie mußte mit dieser Dame identisch sein.

Krag steckte die Karte zu sich und begab sich in sein Bureau. Der nächtliche Besuch saß in einem der tiefen Klubsessel vor seinem Schreibtisch. Sofort erkannte Asbjörn Krag die Dame wieder, war sie doch dieselbe, mit der er abends vorher im Juweliergeschäft gesprochen hatte.

Krag setzte sich in seinen Schreibtischstuhl.

»Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« fragte er.

Die junge Dame erkannte auch ihn gleich, beugte sich jedoch vor und blickte ihn forschend an. In ihrem Antlitz lag ein entschlossener Zug, doch schienen die Augen große Angst auszudrücken.

»Mein Herr,« sagte sie, »ich bin gekommen, Ihnen den Manschettenknopf abzukaufen.«

Es kam Krag in den Sinn, was für große Anstrengungen schon gemacht waren, um den Knopf wieder zu erlangen, seitdem er ihn vor kaum fünf Stunden gefunden hatte, und er wunderte sich über den großen Wert desselben.

»Dann haben Sie ihn also doch gekauft?« sagte er.

»Ja,« antwortete sie, »und jetzt möchte ich von Ihnen den Knopf nochmals kaufen. Wieviel verlangen Sie dafür?«

Nun da Krag wußte, wer die junge Dame war, wunderte er sich darüber, in welchem Verhältnis sie wohl zu dem Manne stand, der nun sein Gefangener war, und von dem er doch annehmen mußte, daß er den kühnen und genialen Einbruch beim Generalkonsul Spade verübt hatte.

Krag zuckte bedauernd die Achseln. »Gnädige Frau, ich kann Ihnen den Knopf leider nicht verkaufen; er ist unverkäuflich.«

Plötzlich fragte sie: »Wieviel hat Ihnen mein Mann geboten?«

Mit einem Schlage wurde ihm alles klar. Die junge Dame stand sicher in einem unerlaubten Verhältnis zu dem eingesperrten Mann und fürchtete, daß ihr Mann etwas gemerkt hatte und, um Beweise zu erbringen, Asbjörn Krag engagiert habe. Ein solcher Beweis könnte der Manschettenknopf schon sein. Nachdem die Dame im Juweliergeschäft mit Krag gesprochen hatte, hatte sie wahrscheinlich dem Mann erzählt, was geschehen sei und in wessen Händen sich der Knopf befände. Dieser hatte dann durch den im Zigarrengeschäft mißlungenen Versuch sich in den Besitz des Knopfes setzen wollen, was ihm jedoch nicht gelang; darum hatte die Dame beschlossen, sich wegen Zurückgabe des Knopfes an ihn selbst zu wenden.

Asbjörn Krag lächelte eigentümlich. Er dachte an die von ihm aufgestellte Theorie, daß der Besitzer des Knopfes identisch sein müsse mit demjenigen, der die fünfzigtausend Kronen des Generalkonsuls gestohlen hätte. Er erinnerte sich nun, daß Holmes' eine Villa in der Nähe derjenigen des Generalkonsuls gemietet hätten. Wahrscheinlich hatte das Paar den dunklen Garten des Generalkonsuls zu den heimlichen Zusammenkünften benutzt. Dabei war der Manschettenknopf verloren gegangen.

Die Dame begann ungeduldig zu werden.

»Den Knopf will und muß ich haben,« sagte sie. »Ich bin bereit, Ihnen das Doppelte von dem zu geben, was mein Mann Ihnen geboten hat.«

»Gnädige Frau,« erwiderte Krag. »Ihr Mann ist sehr reich. Man sagt, er sei Millionär.«

»Ich bleibe bei meinem Angebot. Sie bekommen das Doppelte von mir.«

Asbjörn Krag sah nun, daß sie Tränen in den Augen hatte und sich voller Verzweiflung ihres Schmuckes entledigte. »Ich lasse Ihnen meinen Schmuck als Pfand hier, und morgen –«

Krag streckte ihr abwehrend seine Hand entgegen.

»Gnädige Frau, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß der Knopf unverkäuflich ist. – Aber Sie sollen ihn haben!«

Blaß vor innerer Bewegung ergriff sie dankbar Asbjörn Krags Hand.

»Jedoch unter einer Bedingung.«

»Und das wäre?«

»Ich nehme an, daß Sie zu Wagen hergekommen sind.«

»Ja, ich fuhr direkt von einer Gesellschaft hierher,« sagte sie. »Mein Mann blieb noch da.«

»Wo hält der Wagen?«

»Er hält an der Ecke dieser Straße und dem Uranienborger Weg.«

»Dann fordere ich von Ihnen, gnädige Frau,« sagte der Detektiv langsam, »daß Sie sich zu Ihrem Wagen zurückbegeben und dort vor der Wagentür einige Minuten warten; dann wird Ihnen jemand den Knopf überreichen.«

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