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Liwûna und Kaidôh

Paul Scheerbart: Liwûna und Kaidôh - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleKometentanz
authorPaul Scheerbart
year1990
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38152-0
titleLiwûna und Kaidôh
pages5-91
created20010907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1902
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In den Tiefen der vielen Schalen blitzte es wie von Brillantensplittern, und bei dem Blitzen bemerkte Kaidôh unter den krausen Rändern der Sterne ein tolles Weltgewürm, das großen wackelnden Schornsteinen nicht unähnlich schien.

Und die Trompeten- und Trichtersterne gesellten sich mit den Schneckensternen auch zu den Weltschalen.

Das ward ein mächtiges Blasen und Brummen, Getute und Geschnarre und Gepfeife.

Wie Brummkreisel drehten sich die Trichter. Die Schnecken drehten sich ganz langsam – es waren nur die Gehäuse.

Und lange Glockenketten schaukelten und wackelten wie fliegende Guirlanden mitten durch, daß die andern Schalen ausbiegen mußten.

Das dumpfe Gebrumme der Glocken klang so alt, als stäken lauter längst verfallene Welten in den Glocken.

»Hörst Du«, sprach Liwûna, »mit den Glockentönen steigt wieder eine alte Zeit in Dir herauf. Ja, das Neue macht es nicht. Ich will Dich verstehen. Dazu bin ich ja da.«

»Aber das Alte«, rief Kaidôh, »ist wieder so furchtbar schmerzhaft. Es lähmt die ganze Lebenskraft.«

»Es soll«, gab da leise seine Freundin zurück, »die Freuden dämpfen. Das Alte ist beim Weltgenuß so nötig wie das Gedankenspiel. Ist Dir Beider Daseinsrecht nicht klar? Wenn Dir die Erinnerungsschmerzen über den Kopf wachsen, dann mußt Du allerdings sterben. Das ist schon richtig. Doch mit jedem Tode sterben auch die Erinnerungen. Und ist das nicht auch gut? Wenn Etwas ganz stirbt – stirbt immer viel Schmerz zu gleicher Zeit mit. Ja – jedes Sterben ist eigentlich nur ein Sterben von Schmerzen.«

Kaidôh klatschte in die Hände und lachte, als verstände er auf einmal die ganze Welt von oben bis unten.

Und aus den Trichtern, Glocken, Schnecken, Muscheln und Trompeten scholl wieder ein tausendfaches Echo, das ein Weltlachen war, empor in den endlosen Raum. Das Echo hing bloß nicht ordentlich zusammen – als wärs ein Echo von Liwûnas Worten.

Die Wandwinde bliesen gegen die beiden leichten Riesengeister an, daß sie weiter flogen.

Liwûnas Größe entsprach der des Kaidôh, so daß dieser seine Begleiterin lange anschaute; eine so große Dame hatte er noch nie gesehen. Sie hatte langes pechschwarzes Haar mit einem Rubindiadem, ihr Gesicht war weiß wie Marmor, und aus den schwarzen Augen strömte ein großer Glanz, der auch die nackten weißen Arme ganz hell machte. Öfters flackerten die großen Augen, als rasten große Sonnen drinn.

Die Schatten der beiden Riesengeister gleiten auf der spiegelnden Wand wie zwei fliegende Pfeile dahin.

Und rasselnd steigen aus der Höhe abermals Sterne herunter – durchsichtige Mühlenräder sinds! Sie drehen sich und lassen alle die eine Seite sehen; die Scheibe ist erst eiförmig – dann rund – und zum Schluß wie am Anfange.

Und aus den Radreifen schlagen keilförmige Scheinwerfer raus – blaue gelbe und orangefarbige – die drehen sich durch den ganzen Himmelsraum, als wärens Speichen von Riesenrädern – farbige Speichen. Und die Speichen drehen sich so schnell, daß Kaidôh dem flirrenden Farbenwirbel nicht mit den Augen folgen kann.

Er dreht sich um – und erblickt in der großen schwarzen Felsenwand, die überall glatt wie ein Spiegel ist – das Spiegelbild der Rädersterne. Im schwarzen Spiegel sind die blauen gelben und orangefarbigen Streifen gedämpft. Kaidôh kann nun Alles von dem bewegten Farbenbilde in sich aufnehmen – die Helligkeit nimmt allmählich immer mehr ab.

Und dann wirds wieder stiller in der Spiegelwand – andre Sterne erscheinen – Blattlappengebilde, die an vielen Stellen phosphorescieren – was ganz unheimlich in der schwarzen Spiegelwand wirkt.

Liwûna und Kaidôh sprechen über die verschiedenen Arten der Schwärmerei in kurzen abgebrochenen Sätzen.

Und nun folgen noch mächtige Wassersterne, deren Wogen nach allen Seiten hoch in die Höhe gespritzt sind – man könnte sie für Zinngebilde halten. Die Wassersterne sind aber nicht alle so wie Zinn – sehr viele sind rot wie Blut – zwei ganz große sind wie Gold.

Die beiden Riesengeister sprechen gegen die Felsenwand, ohne sich umzudrehen, vom Müdewerden. Dazu haben sie aber keine Zeit, denn jetzt wirds ganz bunt im Felsenspiegel – als schwebten Millionen Laternen durchs große All.

Kaidôh wird neugierig und wendet endlich den Kopf.

»Die Rauschlust kommt immer wieder!« schreit er wild – denn er sieht jetzt nicht bloß die bunten Laternen – er sieht alle Sterne, die bisher vorbeizogen, noch einmal – auf ein Mal.

Kaidôh ist abermals noch viel viel größer geworden – er blickt jetzt in einen gewaltigen Sternwirbel und erkennt Alles.

Die Trichtersterne und die Wassersterne – die Raketensterne und alle die andern wirbeln da im Raume herum, als führe ein Sturm durch Sonnenstäubchen.

Jetzt kann sich Kaidôh nicht mehr halten, er bewegt seine Zehen und will hinein in das glänzende schauerliche Sternenmeer.

Und er kann seine Zehen wieder regieren.

Und er stürzt sich in den Sternwirbel – und schreit – und schreit!!

Seine Brust dehnt sich weit aus, und ihm ist, als gingen all die vielen Millionen Sterne in seinen Leib.

Und er lacht wie ein Gott – und schreit – und schreit.

Liwûna kann ihm kaum folgen.

Und dem Kaidôh ist so, als setzten alle Sterne noch mehr Größe an ihn ab – immer mehr – immer mehr!

Jetzt endlich fühlt er Welten in sich – Welten!

Und er bewegt die Zehen – und schießt durch den Wirbel – und kreischt auf – in verrückter Seligkeit – und – und – weiß nichts mehr von sich. Liwûna folgt ihm mit gesenktem Haupt und führt ihn hinaus aus dem Sternwirbel in eine kühlere Weltgegend.

Und langsam wird Alles anders.

Und mir ist so, als wenn ich langsam erwache – aus wirren wüsten Träumen, und ich frage leise:

»War ich Kaidôh?«

Liwûna – das ungeheure Riesenweib neben mir – lächelte und nickte – und sprach sanft:

»Du bist immer noch Kaidôh!«

Und ich bebte, als hätte sie mir was Furchtbares gesagt.

Wir schwebten wieder im stillen Raume – aber die Sterne waren nicht rund – sie waren alle feine kleine Striche – nur wenige dickere Striche sah ich.

Kühle Lüfte wehten um meine Stirn – und ich wurde wieder ruhiger.

Die feinen kleinen Striche – waren rot wie Blut – und der ganze Himmel schwarz – wie die Felsenwand – die weit hinter mir liegt.

Ich suche was mit der linken Hand.

Liwûna lächelt und sagt: »Du suchst wieder was!«

»Ich suche!« sage ich.

»Ich will noch mehr – noch Größeres!« fahre ich fort.

Und Liwûna bittet ihren Kaidôh, weiter zu fliegen.

Er fliegt weiter.

Und wieder neue, wieder andre Wunderwelten tun sich vor ihm auf; die sind aber etwas kleiner – denn Kaidôh ist im Sternenwirbel noch mehr gewachsen – ins Ungeheuerliche hineingewachsen.

Dem Kaidôh ist so, als wäre er in ein großes Schneegestöber geraten. Es sind aber nicht Schneeflocken, die ihn jetzt umschweben – es sind große Sternwolken aus Schnee- und Eisgestirnen.

Kaidôh bemerkt, daß faltige dunkelviolette Sammetkleider seinen riesigen Körper umflattern. Liwûnas Gewänder sind wie Goldschaum und flattern ebenfalls.

Die Schneesternlüfte sind so kühl und beruhigend – und Kaidôh bedarf der kühlen Ruhe – ihm ist noch immer so, als tobten große Sternscharen durch seine Adern – und durch alle seine Knochen.

Wie kleine weiße Federn schweben die Sterne dem unermeßlichen Kaidôh um Kopf und Brust.

»Das sind«, sagt Liwûna, »sehr leichte Welten, denn sie sind alle sehr alt.«

Die Sterne fliegen zuweilen wie ein großer Vogelschwarm in die Höhe, und dann kommt es dem Kaidôh so vor, als flögen ihm rasende Eisklumpen an der Nase und an den Ohren vorüber. Seine Augen sind aber so scharf, daß er die verschiedenen Formen der Schneesterne, wenn sie weiter weg sind, wohl unterscheiden kann; er sieht auch viele Tiere auf den Sternen. In den Schneesternen glänzt viel blankes Eis, und die Eissterne sind an den Krystallspitzen meist mit Schnee umzogen, als wären sie verschimmelt.

Die Sterne haben viele turmartige Auswüchse und Zacken und Zinnen und alle nur denkbaren Formen, die aber gewöhnlich regelmäßig sind wie die Krystalle.

Alle Schneesterne und auch die Eissterne verstehen es ausgezeichnet, dem großen Kaidôh auszubiegen, so daß er garnicht mit den Sternen in Berührung kommt. Der Schnee verbreitet ein mattes schweres Dämmerlicht. Kaidôh hat immerfort das Gefühl, etwas vergessen zu haben – und dieses Gefühl macht ihn immer erregter, so daß er ganz heftig wird.

Liwûna lacht dazu und fragt spöttisch:

»Was suchst Du denn?«

»Ich weiß es eben nicht!« giebt Kaidôh zur Antwort.

Da fliegt die große Liwûna an ihren Kaidôh ganz nahe heran und flüstert mit leuchtenden Augen:

»Ich weiß, was Du suchst – Du suchst das Weib, das Dein Weib sein kann.«

Kaidôh zittert, ballt die Faust und schlägt der Liwûna ins Gesicht.

Doch der Schlag geht natürlich wieder durch, ohne zu schaden. Und die Liwûna lacht, daß es durch die ganze Frostwelt schallt.

Danach spricht sie milde:

»Die Wut gegen Andre beruht immer auf einer Wut gegen uns selbst. Du bist wütend, weil Du nicht weißt, was Du willst. Du weißt eben nicht, was Du suchst. Warum fragst Du mich also nicht? Warum mußt Du gleich Deine Wut an mir auslassen? Wüte doch gegen Dich selbst!«

Ich schäme mich, denn die Worte trafen. Ich sage weich:

»Verzeih mir! Führe mich weiter durch das Labyrinth Deiner Weisheit. Ich folge geduldig und werde mich schon mal zurechtfinden.«

»Das wirst Du!« sagt Liwûna.

Und wir verlassen die Sternwelten, in denen so viel Schnee ist, schweben in einen finsteren Raum und bleiben Seite an Seite.

Kaidôh hat eine Empfindung, als ob die Liwûna ohne jede Unterbrechung auf ihn einspräche, ihm die Rätsel aller Welten erklärte – doch in einer Sprache, die ihm vollkommen fremd ist.

Er horcht eifrig in die Finsternis hinein und möchte verstehen, was er da in seltsamen Lauten hört – doch ihm wird Alles immer unklarer; nur das Unklare wird ihm klar. Und das schmerzt so, daß er aufstöhnt. Er möchte so gerne lachen über Alles – vermag aber nicht zu lachen. Nur Liwûna scheint neben ihm zu lachen – das nützt ihm leider nichts.

Die Finsternis ist so schwarz, daß Nichts zu sehen ist – kein Stern – Nichts.

Liwûna sagt leise:

»Du willst größere Welten sehen – suchst Du die? Willst Du selbst größer werden?«

Kaidôh wacht auf – wie aus einem häßlichen Traume und ruft: »Ja! Ja!« Doch er hat nicht das Gefühl, daß Liwûna das Richtige getroffen habe – er fühlt nur, daß er in der Finsternis noch größer wird – und sieht in der Ferne ein schwaches Licht – das rasch heller und heller wird. Neuen Sternenwelten kommen sie auch in der Finsternis näher.

Da wird Kaidôh gräßlich heftig und so begehrlich – so gierig.

Ganz andre Sternwelten leben in dem neuen Licht – die sind die größten – das Licht in der Ferne wird heller – da kommt aus der Finsternis ein Riesenleib hervor – und dieser Riesenleib besteht aus vielen Millionen bunter Sterne.

Der Riese hat Augen über den ganzen Leib und einen Kopf, der aus dunkelgrünen lodernden Flammenwelten besteht – Arme und Beine sind unzählig und wie flüssiges zitterndes Gold – auf dem Perlen herumschwimmen; diese Perlen rollen auf den goldenen Gliedern in ewiger Unruhe.

Kaidôh hemmt seinen Flug und starrt den Sternriesen an – das ist das größte Weltwesen, das er jemals sah. Kaidôhs Augen rollen so wild wie die Perlen – wie die blauen und roten Augen auf dem Rumpf des gewaltigen Sternriesen.

»Wir wollen«, spricht Liwûna, »über den Sternriesen hinüberfliegen. Der Weg ist weit. Folge mir!«

Und Liwûna fliegt rauschend voran.

Kaidôh kriegt einen Schreck, als sähe er plötzlich in ein Jenseits.

Liwûnas Rücken gleicht ungeheuren Gebirgsmassen, die mit Schnee und Eis bedeckt sind; Millionen von Schneesternen schleppt sie auf ihrem Rücken mit; die goldenen Gewänder sind kaum zu sehen; die schwarzen Haarmassen ihres Hauptes flattern oben, und sie wendet oben ihren Kopf zurück, und Kaidôh erschrickt nochmals – das riesige Gesicht ist braun, und hellblaue Augen strahlen wie zwei Riesensonnen unter Augenbrauen, die endlosen Wäldern gleichen.

Kaidôh will seine Fußzehen bewegen – das geht aber nicht mehr – er schwebt ohne jegliche Körperbewegung der Liwûna nach.

Und nach einer langen Zeit, in ders immerwährend höher geht, blickt er hinab und sieht unter sich das grüne Flammenhaupt des Sternriesen – unzählige grüne Schlangensonnen winden sich da durch einander, und grüne Flammen schlagen heraus und brennen.

Kaidôh hebt den Blick und bebt – Welten öffnen sich vor seinem Blick – Welten – wie sie nie ein Sterblicher geschaut hat.

Liwûna schwebt neben Kaidôh. Und die Augen der Beiden schweifen trunken nach allen Seiten.

Zwölf große Sternriesen ragen da im weiten großen Halbkreise hoch auf in den weiten großen Raum. Auf einer Bank, die auch einen Halbkreis bildet, sitzen die Sternriesen und bewegen sich nicht.

Und die Bank besteht aus unzähligen Brillantsternen – deren gleißende Farbenfeuer durch glitzernden Funkenregen durchsprühen und durchflackern – deren gleißende Farbenfeuer in langen Flammenkegeln tief aufglühen wie bunte Sammetblüten – deren gleißende Farbenfeuer mit heißem Strahlenglanz brennen.

Kaidôh wundert sich, daß sein Auge nicht erblindet; sein Auge ist wiederum anders geworden.

Und es sind so viele Brillantsonnen; die Rücklehne der Bank ist so hoch, daß sie oben fast endlos erscheint – eine im Halbkreise gebogene Riesenwand aus lauter Sonnen, die ungeheure sich langsam drehende Diamanten sind.

Und der Halbkreis ist so groß, daß die Wand nach allen Richtungen so weit entfernt erscheint. Ein Weltenrand!

Hoch oben bilden die blauen roten und grünen und die andersfarbigen Farbenkegel ein bewegliches Dach; die bunten Kegel schieben und drängen sich durch- und über- und untereinander. Und die funkelnden Diamanten flimmern immerzu, denn die Sterne stehen nicht still. Das flackert. Das glüht. Das brennt.

Und auf der großen Bank sitzen die Sternriesen – und die bewegen sich nicht.

»Daß sie sich nicht bewegen«, sagt die Liwûna, »kommt uns bloß so vor. Sie brauchen zu jeder Bewegung viele Tausend Sternjahre, und daher glauben wir, sie seien ohne Bewegung – wie totes Volk. Das ist natürlich ein großer Irrtum! Wir dürfen nicht vergessen, daß alle Glieder der Sternriesen aus unzählbaren Sternen bestehen – lauter Sonnen sind – lauter große Sonnen mit vielen Millionen Monden. Die Sterne haben alle möglichen und denkbaren Formen – die können wir aber nicht mehr unterscheiden – die Entfernungen sind in dieser Gegend auch für große Riesen so entsetzlich groß.«

Liwûna sagt noch mehr, Kaidôh starrt mit offenem Munde die zwölf Riesen an. Er kann die großen Gestalten garnicht überschauen; wo ihnen der Kopf sitzt, weiß er nicht. Der Hauptteil des Rumpfes ist groß und breit und als solcher wohl zu erkennen. Aber jeder Rumpf sieht anders als der nächste aus; die meisten scheinen aus goldenen und silbernen Wolken zusammengesetzt zu sein. Es gehen aber überall so viele blaue und grüne Adern durch, und es sind überall so viele perlbunte und stechende Augen, daß Kaidôh nicht weiß, wie er die einzelnen Teile der Riesenkörper nennen soll. Die Gliedmaßen ähneln wilden Korallengewächsen, und Flammenäste stehen dazwischen – und grüne Pyramiden sitzen oben auf steilen Schulterbergen – neben schwarzen Hörnern und glühenden Haaren und Kugelgewächsen und Würfelketten mit bunten Bändern und langen goldenen Schlangenarmen.

Die Zwölf sind furchtbare Ungeheuer, in denen Milliarden tollster Sonnen brennen.

Und diese wilden Weltgestalten sitzen da zum Scheine so still, als wären sie versteinert.

Kaidôh starrt die Sternriesen an mit gierigen Augen; er möchte die zwölf Großen festhalten und nicht mehr vergessen, er ärgert sich, daß er nicht unzählige Augen hat wie die zwölf Großen.

»Ob sie auch Kleider haben?« fragt er leise.

Doch Liwûna hört nicht, sie bittet ihn, sich einmal umzudrehen.

Kaidôh tut es und schaut in einen dunklen Raum, in dem unzählige eckige Sterne funkeln, die stellenweise ganz dicht zusammen stehen – als Sternwolken.

»Die Sternwolken«, bemerkt die Liwûna, »sind auch Sternriesen – die kommen langsam näher.«

Kaidôh zieht den Kopf ein, als fürchte er sich vor den großen Weltgestalten. Er kommt sich so klein vor wie ein Wurm, obgleich er weiß, daß er viele Tausend Schneesterne auf seinem Rücken trägt wie die Liwûna. Er wendet sich wieder zur Diamantenbank und sucht die karminroten Streifen an den Riesenkörpern zu zählen und findet sehr viele; sie sitzen immer neben hellila eiförmigen Flecken. Er glaubt, das seien besondere Sinne, und läßt das Zählen. Seine Gedanken verwirren sich, und er bittet die Liwûna, ihn weiter zu führen.

»Führe mich weiter«, sagt er, »durch das große Labyrinth Deiner Weisheit – ich finde mich da nicht zurecht.«

Liwûna bedeutet ihm, daß sie gradeaus unter der Bank durchmüßten, oben hinüber ginge es nicht.

Und Zähne klappernd schwebt Kaidôh dahin.

Und nach langer Zeit nähern sie sich den unteren Gliedmaßen der Riesen und sausen dann an ihnen vorbei unter die Bank.

Kaidôh fliegt mit gekrümmtem Rücken – wagt kaum um sich zu blicken.

Unter den grellsten Brillantsternen, die dicht unter der Bank wie gläserne Maschinen rasseln und rumoren, sieht Kaidôh nach unten und entdeckt in der Tiefe große halbkugelförmige Hügel. Die Halbkugeln haben Farbenringe am unteren Rande, um die Mitte sitzen Sterne in Zickzacklinien drauf; als wären Perlen draufgestickt – so wirkt es.

Kaidôh will wissen, was das ist.

Liwûna sagt:

»Das sind die Schlafmützen der großen Riesen. Die Schlafmützen fliegen bei jeder Ratssitzung unter die Diamantenbank. Es sind sehr viele Schlafmützen – nicht etwa zwölf.«

»Ist das«, fragt Kaidôh, »auch wirklich wahr?«

»Jawohl«, erwidert seine Führerin, »glaubst Du etwa, die Riesen hätten den Schlaf nicht auch mal nötig? Du weißt wohl garnicht, wie wichtig der Schlaf ist.«

Kaidôh wagt nicht, weiterzusprechen.

Und nach langer Zeit kommen sie auf der Rückseite der Bank wieder ins Freie – in eine wunderbar duftende frische Luft.

Die Beiden sind in einem drolligen Walde.

Sie fliegen durch ein buntes Gewirr von gewaltigen Ästen. Und jeder Ast besteht wieder aus unzähligen Sternen, die sämtlich Linsenform zu haben scheinen. In der Tiefe ballen sich große Nebelhaufen zusammen, die lilafarbig leuchten. Kaidôh weiß nicht, ob die Nebel ebenfalls aus Sternen bestehen. Und beim Nachdenken wird ihm so anders zu Mute – er muß lachen – und er fragt lachend:

»Du, sind das wirklich Bäume?«

Liwûna giebt ihm zur Antwort:

»Ja ja – das werden wohl Bäume sein. Du kannst die Bäume auch für Riesen halten und die Riesen für Bäume. Mit Deinem Wortschatz wirst Du hier nicht viel ausrichten. Verstehen kannst Du diese großen Weltgestalten doch nicht – und wenn Du noch viel mehr guten Willen – und wenn Du noch tausend Mal mehr Worte hättest. Gieb Dir keine unnütze Mühe – mit Worten begreift man die Welt doch nicht. Wir wollen uns nichts vorflunkern. Sieh Dir lieber die Formen der einzelnen Sterne an, aus denen sich diese sogenannten Äste zusammensetzen. Die silbernen Äste sind ganz mit Muschel- und Schneckensternen gefüllt.«

Und Kaidôh sieht sich Alles genau an, und dabei schweben sie nach und nach aus dem Astgewirre raus und in eine tiefere Gegend hinein. Da schießen sie durch flockige Nebelmassen hinunter und erblicken plötzlich unter sich einen Sternriesen, der lang ausgestreckt daliegt und zu schlafen scheint.

Der Riese schläft auch wirklich, er besteht aus lauter Kugelsonnen, die fortwährend ihre Farbe verändern wie kreisende Perlen. Ein flirrendes Farbengewirr! Es kann ganz schwach machen. Es huscht oft noch ein Schattenspiel durch das Opalgeflitter.

Wie ein großes Segelschiff, das strandete, liegt der große Riese da. Was Segeln ähnelt, schwankt immer auf und nieder. Liwûna macht darauf aufmerksam, daß die Segel aus lauter Blattwelten bestehen, und dann flüstert sie geheimnisvoll:

»Lieber Kaidôh, dies ist ein ganz junger Riese, der noch sehr klein ist; er wird grade gewiegt. Die Wiege sehen wir nicht, denn sie ist viel zu groß. Aber siehst Du da drüben den großen roten Ball herniederschweben? Siehst Du, daß da viele Millionen roter Sonnen drinnen sind? Siehst Du das?«

Kaidôh bejaht die Frage, und Liwûna fährt fort:

»Das ist ein Blutstropfen von der Mutter des Riesen – die Mutter muß sich geschnitten haben – dort drüben die großen Sternwolken gehören zum Leibe der Mutter. Doch stelle Dir das Mütterliche ja nicht so einfach vor – ich will mich bloß kurz fassen. Na – diese Gesellschaft ist Dir doch groß genug – nicht wahr, mein kleiner Kaidôh?«

Kaidôh bejaht auch diese Frage, schüttelt seinen violetten Sammetmantel, daß viele Tausend Schneesterne rausfallen, und versucht, seine Zehen zu bewegen. Es gelingt ihm – und pfeilschnell gehts weiter – aber es geht ihm immer noch nicht schnell genug. Das Riesenland ist zu umfangreich.

Nun sieht er unter sich ein langes langes goldenes Rohr – es besteht natürlich auch aus echten Sternen – aus lauter glitzernden kantigen Sternen. Und er will wissen, was das ist.

»Das ist«, versetzt Liwûna hastig, »die große Sturmmaschine. Wenn wir rasch an die Spitze des Rohrs gelangen, so können wir von der Sturmwolke gefaßt werden – dann würden wir sehr schnell weiter kommen – was Dir wohl sehr angenehm sein dürfte.«

Kaidôh nennt das Rohr eine Sternkanone. Sie schauen vorn an der Spitze in das Rohr hinein.

Indessen da giebts gleich einen donnernden Knall, und in einer brennenden Wolke sausen sie dahin, daß dem Kaidôh Hören und Sehen vergeht.

Als ihm die Besinnung wiederkehrt, sieht er um sich alle Lüfte voll Wolken, und die Wolken jagen sich wie die Windhunde – es blitzt und donnert ohne Pausen – der Sturm heult und pfeift und knurrt und kreischt auf – Liwûnas goldene Gewänder flattern und rauschen und knallen und knirschen. Und dazu kracht es in Einem zu, als gingen in jedem Augenblick viele Tausend Welten platzend entzwei.

»Das sind«, erklärt die Liwûna, »die anderen Schüsse der Sturmmaschine. Durch diese Maschine wird die Luft der ganzen Gegend verbessert. Die Maschine gehört zu den berühmtesten Erfindungen des Sternriesenreichs.«

Und sie fliegen in Wirbelwinden – in Windhosen – selig dahin – wobei sie oft riesig rasch um sich selber gedreht werden.

Dem Kaidôh stockt beinahe der Atem. Der Weltendurchflieger weiß garnicht mehr, wo er ist. Unter sich sieht er eine große dunkelgrüne Fläche, die er für eine Wiese hält. Es ist aber, wie Liwûna erklärt, keine Wiese – sondern ein großes herrliches Meer, in dem ungezählte Millionen von Smaragdsternen das Wasser bilden.

Und aus dem sogenannten Meere ragen braune und türkisblaue Korallengebirge heraus. Das sind aber, wie Liwûna wieder erklärt, keine Gebirge – sondern Sternriesen, die wahrscheinlich baden.

Das Donnern hört sich wie die Brandung des Smaragdmeeres an, und die Blitze zucken wie Phosphorwolken – so schnell folgen sich die einzelnen Blitze.

Das Schießen der Sturmmaschine will auch kein Ende nehmen.

Aber die Lüfte werden doch allmählich ruhiger; es geht ja so rasend schnell vorwärts.

Die Beiden steigen höher und höher wie Luftballons im Orkane, sodaß das grüne Meer unten nach einer guten Weile nur noch wie ein zarter Schleier schimmert.

Und dann erblicken sie eine weite Pforte aus blauen Saphiren. Sie sehen vor sich nur die blaue Pforte, als ginge sie von einem Ende der Welt zum anderen – sie bildet einen großen Bogen; die Saphire sind ebenfalls Sternwelten.

Und sie fliegen durch die Pforte durch und in ein großes Säulenreich hinein.

Die Säulen sind so umfangreich, daß die Beiden lange fliegen müssen, um an einer Säule vorbeizukommen. Die Säulen sind alle aus einem festen Stück gearbeitet und sind nicht wieder bewegliche Sterne.

Aber die Sterne fehlen auch hier nicht ganz; an vielen Stellen befinden sich die Sterne auf der Rinde der Säulen – sitzen da so drauf wie Pilze auf altem Holz – wie Schimmel.

Die Säulen sind gelb und leuchten, obgleich sie nicht glänzen und auch nicht durchsichtig sind.

»Wir sind«, sagt Liwûna leise, »in den Vorhallen der Riesentempel.«

»Haben die Riesen«, fragt Kaidôh, »auch Tempel? Wozu haben sie die Tempel?«

Liwûna antwortet nicht; sie schweben schweigend neben dem blitzenden Sternschimmel weiter – langsam von einer gelben Säule zur andern.

Es herrscht ein ziemlich dumpfes Dämmerlicht im großen Säulenreich; das Säulenlicht ist nicht sehr stark.

Leise sagt die große Liwûna:

»Du wolltest größere Welten sehen. Waren Dir nun die Welten, die ich Dir zeigte, groß genug?«

Und Kaidôh erwidert feierlich: »Das waren sie.«

»Aber«, fährt Liwûna fort, »Deine Antwort klingt so, als wenn Du mit einem neuen Aber weiter sprechen wolltest. Hast Du das, was Du suchtest, immer noch nicht gefunden?«

Kaidôh schweigt lange, und Liwûna unterbricht das Schweigen mit diesen Worten:

»Lieber Kaidôh, Du bist still, und Dein Stillsein ist so beredt. Das Große allein macht es auch noch nicht – das willst Du sagen. Ich verstehe Dich, und ich freue mich, daß Du immer noch suchst.«

Kaidôh versteht ihre Freude nicht und fragt müde: »Was soll ich denn tun?«

Da sagt sie:

»Du mußt Dir einen Schmerz bereiten: steige noch einmal hinab in die Abgründe Deiner Vergangenheit. Denk an einen Kugelstern, der sich immer drehte und Dir gar nicht gefallen wollte, da er nur einen einzigen Mond als Begleiter neben sich hatte. Du warst auf dem Stern anfangs ein Kind und noch nicht so groß wie jetzt – lange nicht so groß. Erinnerst Du Dich da vielleicht an einen roten Dornbusch, der vor einem alten Fenster blühte? Die roten Blüten dufteten Dir oft wie Marzipan. Weißt Du das noch?«

Kaidôh denkt nach und schüttelt den Kopf; zwar tut ers nicht, doch ist ihm so, als täte ers.

Liwûna fährt fort:

»Du hast so Vieles vergessen. Man möchte beinahe glauben: Leben sei Vergessen. Aber ich weiß, Du erinnerst Dich trotzdem an den roten Dornbusch; hinter dem Fenster, in das er hineinblühte, stand eine alte Kommode aus Eichenholz mit zwei großen schwarzen Knöpfen zum Aufziehen der mittleren Schublade – weißt Du noch? Perlmutter saß an den Knöpfen. Und neben der Kommode knietest Du öfter.«

Die Sanftredende hält inne, und Kaidôh stößt rauh hervor: »Jetzt soll ich mich in diesen riesigen Säulenhallen an alte Kommoden mit großen schwarzen Knöpfen erinnern! Nun ja! Ich erinnere mich ganz deutlich!«

»Warum bist Du so grimmig?« versetzt die Liwûna, »neben der Kommode warst Du doch nie so grimmig. Du fühltest Dich dort einem Heilande nahe, und es wurde zu Zeiten Alles in Dir still. Den Heiland hast Du bald vergessen. Aber an die stillen Stunden vor dem roten Dornbusch hast Du noch oft gedacht. Und Du hast Dich oft nach ähnlichen stillen Stunden gesehnt. Und die hast Du nicht gefunden. Kaidôh! Höre doch! Weißt Du nun, was Du suchst?«

Kaidôh horcht hinein in die Tempelstille und hört das Echo seines Atems.

Und dann hört er sich leise sagen:

»Stille Stunden such ich! Aber ich habe doch keinen Heiland mehr.«

Hastig erwidert die Liwûna:

»Du mußt eben einen neuen Heiland haben. Du wolltest immer größere Welten sehen, und auch die größten waren Dir am Ende nicht groß genug. Dein neuer Heiland muß also größer sein als alles Denkbare, nicht wahr? Und wer kann größer als Alles sein?«

»Nur der Geist«, antwortet Kaidôh, »der Alles umschließt – der Alles selber ist – der Allgeist.«

Ein leises Summen wie von Bienen geht an Kaidôhs Ohren vorüber, die gelben Tempelsäulen leuchten, und er fährt leise fort:

»Sind das aber stille Stunden, wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle – wenn ich mich in ihm fühle?«

Liwûna sagt nichts, er aber sagt laut:

»Nein! Das sind gewaltige Stunden. Ich glaube auch nicht, daß ich die stillen Stunden suche – ich suche die gewaltigen Stunden – in denen ich mich im Allgeist fühle – und den Allgeist in mir.«

Liwûna sagt wiederum nichts.

Und er fühlt plötzlich heißes Blut in seinen Adern, und ihm ist so, als ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen, und er sieht schärfer gradaus, und er glaubt, daß jetzt ein Andrer in ihm auflebe – der neue Heiland – der gewaltige Allgeist.

»Eine gewaltige Stunde!«

Also schreit er laut auf.

Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen.

Und er kann nicht die Arme heben, und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen machen.

»Deine Gliedmaßen«, flüstert die Liwûna, »sind ja viel zu groß geworden. Du bemerktest wohl noch nicht, daß Du vor der blauen Pforte noch ein gutes Stück gewachsen bist. Du brauchst jetzt sehr sehr lange Zeit zu jeder Bewegung.«

Er murmelt:

»Das also nennt man Größe!«

Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis. Und in der Finsternis bewegt sich was. Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue Flammen heraus. Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben. Und Kaidôh kann die Flammenschrift lesen, obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist. Und er liest:

»Bilde Dir nicht zu viel ein! Der Geist des Alls, der mehr als alles Große ist, flüstert auch in Dir. Aber er flüstert nur sehr wenig. Und das Wenige kannst Du nicht einmal verstehen. Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu fühlen glaubt, stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor; man könnte lächeln und lachen. Du kannst nur langsam fühlen, daß ein Allgeist da ist – mehr kannst Du nicht. Sei still!«

Und die Schrift erlischt.

Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts.

Und er sieht gewaltige Goldgebirge, in deren Tälern nur noch wenige Schneesterne schimmern – wie weiße Farbenreste.

Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder.

Kaidôh steigt auch höher – und sieht in Liwûnas Antlitz – wie in eine große bunte Landschaft – und in der funkeln zwei Augen ihn an – wie lichtbraune Sonnen aus Topasen. Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich. Und sie sagt, während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt:

»Du bist doch garnicht ein bißchen neugierig. Weißt Du, wer ich bin? Du hast noch nie danach gefragt. Hast Du mich nicht verstanden? Ich bin doch Deine Sehnsucht. Ich bin Deine Körper gewordene Sehnsucht – so viel wie ihr Spiegelbild.«

»Daher«, giebt Kaidôh zurück, »bist Du wohl so fabelhaft groß. Jetzt merke ich erst, wie mächtig mein Verlangen ist – wie rasend groß meine Gier wurde – meine Gier – nach dem Gewaltigsten.«

Und er denkt, daß er über Liwûna lächeln könnte, doch er kanns nicht – die Gesichtsmuskeln gehorchen ihm ebenfalls nicht mehr – er ist ja so maßlos groß geworden.

Er sagt sich, daß wahrhaft große Riesen das Lachen garnicht nötig haben. Und wenn man sich so was gesagt sein läßt, so ärgert man sich nicht mehr. Das hätte doch garkeinen Zweck.

Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen; sie bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar.

Er glaubt, er verstehe das Alles, und hat eine Empfindung, als könnte er Liwûna durch und durch durchschauen. Dabei lernt er sich endlich selber kennen – bildet sich das wenigstens ein – glaubt, daß er nur das Gewaltige gesucht habe und klammert sich an dieses Wort, als wärs sein neuer Heiland.

Was doch so'n Wort macht!

»Ich suche die gewaltige Stunde!«

Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab, allmählich die Finger zu krümmen – was schrecklich langsam von Statten geht.

Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein, und blaßrote Korallenketten, deren Glieder sehr unregelmäßig sind, winden sich schraubenartig um die Bernstein-Säulen.

»Liwûna«, ruft Kaidôh, »Du weißt, was ich will. Warum erfüllst Du nicht meinen Wunsch?«

Die riesige Liwûna sagt müde:

»Diese Quälerei um des Gewaltigen willen! Als wenns nicht überall genug der Wunder gäbe! Als ob nur die schärfste Paprikatunke genießbar wäre! Es giebt doch noch sanftere Tunken! O Kaidôh – Deine nie gestillte Lustgier hat Dich so überreizt, daß jetzt nur noch das Schärfste bei Dir zieht.«

Kaidôh wird furchtbar heftig – es hilft ihm aber nichts – alle seine Muskeln gehorchen ihm nicht.

Sie fährt sanft fort:

»Sollten Dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen Gedankenlosigkeit helfen können? Ja doch! Auf einen Punkt starren und sich durch nichts ablenken lassen – macht auch schon mal selig. Weise die Geschichte nicht so leichthin von der Hand. Die unbeirrte Beschaulichkeit, die alles Denken nur als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen läßt, hat schon manchen Maßlosen erlöst. Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus – aber sie erfüllt doch ihren Zweck.«

Kaidôh wird noch wütender.

»So hat mich noch Keiner verhöhnt!« brüllt er auf.

Sie aber sagt freundlich:

»Glaube mir nur: Kinder der Einsamkeit sind alle Deine Wünsche. O Kaidôh – warum willst Du bloß noch das Gewaltige?«

Kaidôhs Zorn verraucht. Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und weiß nicht, was er von ihren Worten halten soll.

»Scherze nicht«, spricht er feierlich, »Du weißt, daß ich nicht anders kann. Wenn Du meine Sehnsucht bist, mußt Du mir eine gewaltige Stunde schaffen können. Ich verstehe nicht, warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit ist.«

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