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Lieder der Minnesinger

Karl Simrock: Lieder der Minnesinger - Kapitel 77
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder der Minnesinger
authorKarl Simrock
firstpub1857
year1857
publisherR. L. Friederichs
addressElberfeld
isbn
titleLieder der Minnesinger
pages
created20070301
sendergerd.bouillon
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29. Walther von der Vogelweide.

9. Schönheit und Liebreiz.

       

    Herzgeliebte Herrin mein,
Gott leih dir heut und ewig Heil!
    Könnt ich beßern Preis dir leihn,
Dir würd auch dieses Lob zu Theil.
    Doch was kann ich sagen mehr
Als daß dir Niemand holder ist als ich? das macht mein Leid so schwer.

    Viele schelten mich, daß ich
Nicht höher wende meinen Sang.
    Die verkennen sicherlich
Was Liebreiz ist ihr Lebenlang.
    Nein, sie kannten Liebreiz nie:
Die nach dem Gut und nach der Schönheit minnen, weh wie minnen die!

    Oft ist Haß in schöner Brust,
Drum jagt nach Schönheit nur ein Thor;
    Liebreiz giebt dem Herzen Lust,
Drum geht der Schönheit Liebreiz vor.
    Liebreiz giebt auch schönen Leib:
Das kann die Schönheit nimmermehr: nie macht sie liebenswerth ein Weib.

    Ich vertrage und vertrug
Und will noch Widerspruch vertragen:
    Du bist schön und hast genug:
Was will denn solcher Tadel sagen?
    Mag er doch: ich bin dir hold
Und nähm dein gläsern Fingerlein für aller Königinnen Gold.

    Hast du Treu und Stätigkeit,
So bin ich aller Sorg erwehrt,
    Daß mir jemals Herzeleid
Mit deinem Willen widerfährt.
    Hast du aber diese nicht,
So müßest du mir nimmer werden: weh mir dann mein Herz zerbricht!

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