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Lieder der Minnesinger

Karl Simrock: Lieder der Minnesinger - Kapitel 69
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder der Minnesinger
authorKarl Simrock
firstpub1857
year1857
publisherR. L. Friederichs
addressElberfeld
isbn
titleLieder der Minnesinger
pages
created20070301
sendergerd.bouillon
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29. Walther von der Vogelweide.

Leich.

               

    Gott, dein dreieinig Wesen,
Das du dir selbst erlesen
Und immer ist gewesen,
Das preisen wir dreifaltig,
Doch ewig eingehaltig.

    Dich Gott, den hohen, hehren,
Du selbst dir höchste Ehren,
Kann nicht der Tod versehren.
O send uns deine Lehren:
Verlocken und verkehren
Will uns das Herz zur Sünde
Der Fürst der Höllenschlünde.

    Sein Rath und fleischlich böse Gier
Entfremdeten, o Herr, uns dir.
Da dir zu dreist die beiden sind
Und ihre Macht vor dir zerrinnt,
So thus zu deines Namens Ruhm,
Daß wir mit dir zum Siegerthum
Gelangen und uns deine Hand
Verleihe Kraft zum Widerstand,

    Auf daß du seist geehret,
Dir Lob und Preis gemehret,
Er aber sei entehret,
Der uns nur Sünde lehret,

    Uns in das Netz der Sinne jagt:
Er steht vor deiner Kraft verzagt;
Des sei dir ewig Lob gesagt
Und auch der reinen süßen Magd,
Durch die das Licht uns hat getagt:
Der Sohn, der ihr zum Kind behagt.

    Magd und Mutter, schaue   der Christenscharen Noth,
Du blühnder Stab Aronis,   erglimmend Morgenroth,
    Ezechielens Pforte,   die nie ward aufgethan,
Durch die der hehre König   gieng aus und ein die Bahn:
    So wie die Sonne scheinet   durch Scheiben dicht und klar,
Also empfieng die Reine Christ,   die Magd und Mutter war.

    Ein Busch einst stand
In hellem Brand
Und ward doch nichts versengt daran:
    Voll und ganz
Verblieb sein Glanz
Nichts hatt ihm Feuers Glut gethan.
    Das war die reine
Magd alleine,
Die mit magdlichem Empfahn

    Kindes Mutter worden ist
Ohn eines Mannes Hülf und List,
Was immer Menschensinn ermißt,
Den reinen Christ
Gebar, der uns bedachte.
    Nun Heil ihr, daß sie den gebar,
Der unsers Todes Tödter war!
Sein reines Blut vertilgte gar
Der Sünden Schar,
Die Evens Schuld uns brachte.

    Auf hohem Throne
Von Salomone
Bist du, Frau, als waltende Gebieterin erhaben:
    Balsamite,
Margarite,
Vor allen Mägden bist du, Magd, die Magd mit Königsgaben.

    Gottes Amme,
Du gabst dem Lamme
Den Leib zum Schreine,
Drin das reine
Lamm alleine
Lieblich lag begraben.

    Dem Lamm fürwahr
Vergleicht sich gar
Der Mägdlein Schar:
Die nimmt sein wahr
Und kehrt, wohin es kehret.
    Das Lamm, es ist
Der wahre Christ,
Durch den du bist
Auf ewge Frist
Gehöhet und gehehret.
    Nun bitt ihn, daß er uns verleiht
Um deinetwillen Kraft zum Streit:
Du send uns Trost, o Himmelsmaid,
So wird dein Preis gemehret.

    O Magd, der Reinheit Krone,
Dem Fließ von Gideone
Gleichst du zweifelsohne,
Das Gott selbst begoß mit seinem Thaue.
    Da drang das Wort der Worte
Durch deiner Ohren Pforte,
Das süß von Ort zu Orte
Dich hat durchsüßet, süße Himmelsfraue.

    Was aus der Worte Wort entstand,
Ist frei von kindschen Sinnes Tand,
Es wuchs zum Wort und ward ein Mann;
Schaut Alle dieses Wunder an:
Der ewge Gott von Urbeginn,
Der ward ein Mensch mit Menschensinn:
Hier überwundert seine Macht
Die Wunder, die er je vollbracht!
Desselben Wunderthäters Schrein
War ein reines Mägdelein
Wohl vierzig Wochen oder mehr,
Ohn alle Sünden und Beschwer.

    Nun bittet im Vereine
Die Mutter mit dem Kind,
Den Guten und die Reine,
Daß sie uns gnädig sind.
    Man kann ohn ihre Bitte
Nicht hier noch dort gedeihn,
Und wer uns das bestritte,
Der müste thöricht sein.

    Wie schlecht besteht der Thor einmal,
Der nicht um seiner Sünden Zahl
Im Herzen fühlt der Rene Qual!
Nie tilgt der Herr der Sünde Mal,
Die nicht gereut zu aller Stund
Hinab bis auf des Herzens Grund.
Dem Weisen ist die Lehre kund,
Daß keine Seele wird gesund,
Die von der Sünde Schwert ist wund,
Schließt sie mit Reue nicht den Bund.

    Nun fehlt uns wahre Reue;
Daß Gott sie uns aufs Neue
In unsre Herzen streue!
Sein Geist, der vielgetreue,

    Der kann wohl harten Herzen geben
Wahre Reu und reines Leben;
Dem sollte Niemand widerstreben:
Wo er die Reue gerne weiß,
Macht er die Reue glühend heiß:
Ein wildes Herz er also zähmt,
Daß es sich aller Sünde schämt.

    Uns sei vom Vater, sei vom Sohn der rechte Geist geschickt,
Daß er mit seiner süßen Flut ein dürres Herz erquickt;
    Wir sehen der Unchristlichkeit die Christenheit so voll:
Wo Christenthum im Siechhaus liegt, stehts nimmer wie es soll.

    Seht, wie es schmachtet,
Nach Lehre trachtet,
Wie ihm von Rom einst ward ertheilt:
Wer die ihm schänkte,
Es wieder tränkte
Wie einst, es würde bald geheilt.

    All seine Marter, seine Pein
Entsprang aus Simonie allein;
Auch ist sein Anhang viel zu klein,
Die des zu zeihn,
Die es in Schaden brachten:
    Christenthum und Christenheit,
Wer diese schnitt zu einem Kleid
In gleichem Maße lang und breit,
Wie Lust und Leid,
Der will auch daß wir trachten,

    Wie wir in Christo christlich leben:
Da Er zusammen uns gegeben,
So sollte nichts uns scheiden,
    Denn wer sich einen Christen heißt
Und das nicht mit der That erweist,
Der gleicht wohl halb den Heiden.

    Das ist unsre gröste Noth:
Das Wort ist ohne Werke todt;
Nun hilf uns, Gott, zu beiden,

    Und sei uns mild
Ein Hort und Schild,
Die sein Gebild
Wir heißen im Vereine:
Besänftge, Herrin, seinen Zorn,
Du auserwählter Gnadenborn,
Du lichte Rose sonder Dorn,
Du sonnenfarbne Reine.

    Dich lobt der hohen Engel Kreiß;
Doch nie gelang es allem Fleiß
Zu enden deines Namens Preis,

    So oft er ward gesungen,
Und wie er sich erschwungen
Von Stimmen oder Zungen,
Im Himmel und hienieden;
Nun gieb uns, Heilge, Frieden:

    Wir bitten dich für unsre Schuld
Um deine Gnade, deine Huld:

    Kommt Fürbitt uns geronnen
Aus der Erbarmung Bronnen,
So haben wir mit Wonnen
Erleichterung gewonnen

    Der Schuld, womit wir schwer beladen,
Die hilf uns, Herrin, wegzubaden,

    Im Quell der ewgen Reue
        um unsrer Sünden Last,
Die außer Gott nur du allein uns zu vergeben hast.

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