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Lieder der Minnesinger

Karl Simrock: Lieder der Minnesinger - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
booktitleLieder der Minnesinger
authorKarl Simrock
firstpub1857
year1857
publisherR. L. Friederichs
addressElberfeld
isbn
titleLieder der Minnesinger
pages
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Aus Ulrich von Lichtenstein's Frauendienst.

       

    Meine Niftel nahm mich bei der Hand,
Und hieß mich sitzen unverwandt
Bei ihr wo uns Niemand sah.
Zu mir begann die Gute da:
»Gar lieb ist mir daran geschehn,
Daß ich dich, Neffe, hab ersehn.
Sag an denn, wie gehabst du dich?
Und bist du froh, des freu ich mich.«

    Sie lacht und sprach: »Ich lache dein.
Es soll von dir verschwiegen sein:
Ich will dir Frauenrede sagen.
Ich war nur erst vor wenig Tagen
Gefahren zu der Frauen mein.
Sie und ich gedachten dein.
Sie fragte, was du wärest mir:
Was du mir bist, das sagt' ich ihr.

    »Sie sprach: »Mir ist von ihm gesagt
Was mir zu hören wohl behagt:
Er spreche von uns Frauen wohl
Wie ein Ritter billig soll.
Noch mehr vernahm ich nach der Zeit:
Daß er zu Dienste sei bereit
Einer Frauen sonderlich;
Und thut ers, das ist ritterlich.«

    »Ich sprach. »Ich hab es auch vernommen,
Eine Herrin hab er sich genommen,
Die ihm lieb ist wie der Leib,
Lieber als auf der Welt ein Weib.
Wer sie sei, das weiß ich nicht;
Doch hör ich immer, daß er spricht:
Sie ist schön und sie ist gut,
Sie hat reinen süßen Muth.«

    »Da bat alsbald die Herrin mich,
Inständigst, Neffe, daß ich dich
Bäte, daß du nenntest mir
Deine Herrin. Das gelobt' ich ihr;
Auch versprach ich ihr dabei,
Ich wollt ihr sagen wer sie sei.
Das sollst du leisten, Neffe mein:
Sag mir, wie heißt die Herrin dein?«

    »Meine Herrin bleibt dir ungenannt,
Von meinem Munde unbekannt
Und ungestanden allezeit,
Du schwürest denn mir einen Eid,
Daß es von dir verschwiegen sei.
Geloben sollst du auch dabei,
Daß dein wohlberedter Mund
Meinen Dienst ihr mache kund.«

    »Dein Bote werd ich nicht bei ihr;
Doch schwör ich einen Eid dir hier
Auf alle meine Seligkeit,
Verschwiegen halt ichs jederzeit.
Verpflichtet mein' ich mich dazu,
Warum, mein Neffe, merke du:
Wo ich dir irgend dienen kann,
Da wird es williglich gethan!«

    »Nun nenn ich dir die Herrin mein,
Daß du mir gnädig wollest sein.
Du bist erst jüngst bei ihr gewesen:
Von der mein Heil nur mag genesen
Und die mein Herz in Wahrheit hat,
Die ists, die dich erfragen bat
Wer meine liebe Herrin sei:
Sie ist es selbst, das glaube frei.«

    »Der Red ich wenig glauben will:
Es wäre, Freund, dir gar zu viel.
Sie ist dir allzu hochgeborn:
Vernähme sie's, es schüf ihr Zorn.
Dein Dienst verfängt da nimmermehr.
Drum ist mein Rath und mein Begehr,
Und folgst du mir, das ist dir gut:
Aus Ihrem Dienste nimm den Muth.«

    »Es mag mir frommen, mag mir schaden,
Ich bin von ihr so überladen
Mit Lieb und des Verlangens Noth,
Daß ich fürwahr muß liegen todt
In ihrem Dienst, was auch ergeht,
Da so Gedank und Muth mir steht,
Daß ich ihr immer dienen will
Getreu bis an des Todes Ziel.

    »Wenn du mir nun nicht bei ihr frommst,
Mir nicht bei ihr zu Statten kommst,
So ist es um mein Heil geschehn,
Mein Leben muß auch bald zergehn.
Willst du mich wahren vor dem Tod,
So schwör ihr zu von meiner Noth
Und daß sie mir im Herzen ist
Die Liebste gar ohn arge List.«

    »Was hilft es, Freund, daß man dir räth?
Gott gebe, daß es wohl ergeht
Und daß dein Dienst sie dünke gut.
Ich will ihr sagen deinen Muth,
Ihr nicht verschweigen was ich weiß.
Ich thu es bald auf dein Geheiß,
Daß ich ihr deinen Kummer sage
Und deines Herzens Noth und Klage.«

    »So neig ich, Frau, dir auf den Fuß
Wie ich dir billig danken muß,
Da es dein vielgetreuer Mund
Will meiner Herrin machen kund,
Daß ich ihr treuer Ritter bin,
So daß ich gar mit Herz und Sinn
Ihr bleibe dienstlich unterthan
So lang mein Leben währt fortan.

    »Ein gut neu Lied hab ich von ihr
Gesungen. Thu so wohl an mir,
Und bring es ihr zu Ohren doch;
Hernach entbieten laß mir noch,
Ob es ihr gefalle wohl.
Stäts lob ich sie so wie ich soll
Und immer schon zu loben pflag;
Man bringt ihr Lob nicht ganz an Tag.«

    »Niftel, Gott gesegne dich.«
»Mein lieber Freund, Gott segne dich.«
»Und laß mich dir empfohlen sein.«
»Verlaß dich auf die Treue mein.«
»Ich will mit deinen Hulden fahren.«
»So möge, Freund, dich Gott bewahren.«
Von meiner Niftel so ich schied
Und sandte durch sie dieses Lied:

Liebesgruß.

  

    Weibes Güte   Niemand mag
Zu Ende loben, das ist wahr.
    Mein Herze blüht   nun manchen Tag:
Sie macht mich aller Sorgen bar,
    Wenn ich sie seh gekleidet stehn,
In solcher Schöne vor mir gehn,
Recht wie ein Engel anzusehn.

    Ein Weib bezwang   so völlig mich,
Daß ich ihr immer dienen muß,
    Ihr Leib ist schön   und wonniglich,
Ihr rother Mund giebt reinen Gruß.
    Ich hab an ihr den Wunsch ersehn,
Das Beste ist an ihr geschehn,
Weiß ich die Frauen recht zu spähn.

    Deiner Reine   tröst ich mich
Ob ich es nicht verdienen kann.
    Dir alleine,   dir will ich
In Treuen bleiben unterthan.
    Den Tag, da ich dich sehen soll,
Da ward noch keinem Mann so wohl,
Da ist mein Herz der Freuden voll.

    Hohen Muth   ich nun gewann,
Des weiß ich dir allein den Dank.
    Du bist gut   ohn argen Wahn,
Ich diene stäts dir ohne Wank.
    Nun sprich, daß es dein Wille sei,
So werd ich nimmer wieder frei,
Mein Dienst steht dir getreulich bei.

 

 

       

    So schied ich hin mit hohem Muth
Und dachte so: »Nun steht es gut.
Ich hab ihr jetzo zugesandt
Einen Boten, der bekannt
Ihr machen mag den Willen mein:
Des will ich hohen Muthes sein
Und meines Trauerns mich begeben:
In hohem Muthe will ich leben.«

    Ich blieb jedoch nicht lange fort,
Mein Gedenken stand nur an den Ort.
Fünf Wochen ritt ich Frauen sehn.
Unterdessen wars geschehn,
Daß mein Niftel her und hin
Gefahren war nach meinem Sinn,
Zu meiner Frauen und hindann:
Das ward alsbald mir kund gethan.

    Des freut' ich mich und ritt zuhand
Dahin wo ich mein Niftel fand.
Da empfieng die Gute mich so wohl
Wie Freund den Freund empfangen soll.
Sie sprach: »Ich that nun dein Begehr,
Das beßer unterblieben wär,
Da es dir doch gar wenig frommt,
Mit Nichten dir zu Frommen kommt.

    »Nun sitze nieder her zu mir,
So will ich alles sagen dir
Was meine Herrin wider mich
Geredet hat und auch was ich
Zu ihr gesprochen. Hör mich an:
Ich hab ihr treulich kund gethan,
Sie sei dir lieb wie sonst kein Weib
Und lieber als der eigne Leib.

    »Von dir noch weiter sagt ich ihr,
Gar weh nach ihrer Huld sei dir;
Du habest dich mit Gut und Leben
Auf ihre Gnade ganz ergeben.
Deiner Freuden Trost wär sie allein
Und Niemand möge dich befrein
Von Minnebanden, thät ihr Mund
Weibliche Güte nicht dir kund.

    »Herrin, sprach ich, glaubet das,
Eines Mannes Herz besaß
Kein Weib je so gewaltiglich.
Hätt er alle Reiche, sicherlich,
Die gäb er, Frau, um euern Gruß.
Nun ich die Wahrheit sprechen muß,
Er schwur darauf mir manchen Eid
Auf alle seine Seligkeit.

    »Bevor ich Urlaub nahm von ihr,
Deine neuen Lieder las ich ihr.
Da sprach die Frau mit reinem Muth:
Die Lieder sind in Wahrheit gut;
Doch nehm ich ihrer mich nicht an,
Da sein Dienst mir nicht geziemen kann.
Du sollst der Rede dich entschlagen
Und mir nicht wieder von ihm sagen.

    »Denn wird dein Neff ein biedrer Mann,
Das ists was ich ihm gönnen kann.
Zu solcher Gunst hab ich ein Recht,
Denn einst war er mein Edelknecht.
Ich gönn ihm aller Ehren wohl
Deshalb, wie ich das billig soll.
Nur schweig er solcher Bitten still,
Die ich ihm nie gewähren will.

    »Wo er solcher Thorheit noch begehrt,
Des bleibt er stäts doch ungewährt,
Daß ich genehmge seinen Dienst.
Meiner Ehre brächt es nicht Gewinnst;
Auch wär es ihm weiß Gott zu viel.
Nicht mehr hievon ich sprechen will;
Von Ihm auch hätt ichs gerne Rath:
Die Rede mich beleidigt hat.«

    »Da sprach ich: Frau, zürnt nicht so schwer.
Es geschehen solcher Dinge mehr,
Daß ein junger Mann so hoch begehrt,
Verbleibt es gleich ihm ungewährt.
Sie werben hoch aus hohem Muth,
Sie dünkt, es sei zur Ehre gut:
Ein hochgemuther Ritter soll
Werthen Frauen bringen Minnezoll.

    »Ihr seid ihm allzu hoch geboren:
Was schadet das! Er hat erkoren
Zur Herrin euch auf Lebenszeit,
Da ihr all seine Wonne seid.
Ihr seids, auf der sein Heil beruht,
Der er dienend Dienste thut
Ohne Wanken immerdar,
Ihr seid sein Wunsch und Sinnen gar.«

    »Nun schweig, der Rede sei genug.
Kein Mann so hohes Lob noch trug,
Erlaubt' ich ihm, mir Dienst zu weihn,
Es müst ihm große Ehre sein.
Doch Keinem noch gewährt' ich sie,
So werther Mann noch lebte nie,
Des Dienst verdienen möchte mich:
Viel beßer drum begiebt ers sich.

    »Und wär er auch so gar vollkommen
(Das hab ich nicht von ihm vernommen)
An aller Würd und Würdigkeit,
So müste doch zu aller Zeit
Einem Weib missfallen, daß so schlecht
Sein Mund steht nach des Mundes Recht.
Wenn ichs mit Urlaub sprechen soll,
Der steht ihm übel, weist du wohl.«

    Da wollte sie von dir nicht mehr
Reden. Nun ist mein Begehr
Und Rath, den dir die Freundin thut,
Dieweil so hoch sie trägt den Muth,
Daß du sie Dienstes läßest frei
So lieb dir deine Ehre sei:
Ihres Dienstes sollst du dich begeben
Und sonst mit hohem Muthe leben.«

    »Niftel, dir folg ich darin nicht,
Daß ich der werthen Zuversicht,
Die ich zu meiner Herrin trage,
Nach Jemands Rathe mich entschlage.
Du sollst mir solchen Rath nicht geben:
Ich will ihr stäts zu Diensten leben.
Es kann von ihr mich keine Noth
Vertreiben als der grimme Tod.«

    »Doch will ich nicht mehr Botin sein.«
»Um Gott, vielliebe Niftel, nein,
Du sollst an mir noch nicht verzagen.
Nun höre mich, und laß dir sagen:
Man schneide mir in kurzer Frist
Vom Mund, was übelstehend ist,
Wie es dabei mir auch ergeht,
Da sie findet, daß er übel steht.

    »Du magst mir glauben wohl mit Grund,
Gefallen muß ihr mehr mein Mund
Wo nicht noch schlimmer tausendfalt.
Da er so übel ist gestalt,
Daß er der Herrin so missfällt,
So laß ichs um kein Gut der Welt,
Ich schneid ihm ab was übel steht,
Wie es in kurzer Zeit ergeht.«

    »Ich rath in Treuen sicherlich,
Nicht so verderben wolle dich:
Wie dich Gott hat heißen leben,
So leb und nimm was er gegeben
Williglich von ihm für gut:
Nur das bedünkt mich rechter Muth.
Willst du dich anders als er will,
Von solchem Muthe schweige still.«

    »Frau, Gottes Segen sei mit dir:
Beschloßen hab ichs fest bei mir.
Gelingt es nun, gelingt es nicht,
Ich sende dir getreu Bericht;
Entbieten will ich Alles dir
Und bitte dich, daß du es ihr
Entbietest, bei der Treue dein,
Der herzgeliebten Frauen mein.«

    »Das gelob ich dir auf meinen Eid;
Doch wiße, Neffe, mir ist leid,
Daß du dir Solches vorgesetzt.«
So schied ich von der Guten jetzt
Und ritt gen Gräz in Steierland,
Wo ich viel gute Meister fand:
Dem Besten that ich gleich zur Stund
Allen meinen Willen kund.

    Er sprach: »Nun glaubt mit Zuversicht,
Ich schneid euch vor dem Maien nicht:
Kommt ihr im Maien her aufs Neu,
So gewähr ichs euch bei meiner Treu
Und mach euch also euern Mund,
Daß ihr zur Freude findet Grund:
Ein Meister bin ich gar darin
Und habe Kunst dazu und Sinn.«

    Da ritt ich weiter Frauen schaun.
Den Winter sah ich viel der Fraun
Bis der süße Sommer kam,
Der Winter gar ein Ende nahm.
Da hört ich singen Vögelein,
Nun, dacht ich, mag es Zeit wohl sein
Gen Gräz zu meinen Arzt zu fahren:
Da möge Gott mich wohl bewahren.

    Da ritt ich hin in Gottes Pflege.
Entgegen kam mir auf dem Wege,
Seht, meiner Frauen Knecht, den ich
Erkannte: er erkannt auch mich.
Da fragt er, wo ich wollte hin,
Wohin zu reiten wär mein Sinn.
»Geselle, das will ich dir sagen,
Hör seltne Märe mit Behagen.

    »Wiße denn, ich bin gesund
Und will mich gerne machen wund:
Zu Gräz laß ich schneiden mich.«
Da segnete der Knappe sich
Und sprach: »Wo? Herr, das saget mir.«
»Geselle sieh,« versetzt' ich, »hier
Der Lippen, der ich dreie hab,
Ich laße eine schneiden ab.«

    »Und ist das wahr, so helf euch Gott.
So sprech ich wohl ohn allen Spott,
Von Wunder fand ich hier Bericht.
Meine Herrin weiß hievon wohl nicht:
Der meld ich solch ein Wunder groß.
Ihr seid, weiß Gott, der Sinne bloß,
Daß ihr euch waget sonder Noth.
Ihr habt gewiss davon den Tod.«

    »Nun sag es wem du willst fürwahr:
Es ist mein Wille ganz und gar:
Es muß auf dieser Fahrt geschehn.«
»In Treun, ich wills als Zeuge sehn
Mag es mit euern Hulden sein.
So sag ich erst der Frauen mein,
Ihr wolltet mich da bei euch sehn
Zu schauen wie euch wird geschehn.«

    Da ritt ich hin (und ritt auch Er)
Gen Gräz: dahin war mein Begehr;
Wo ich auch meinen Meister fand:
Der unterwand sich mein zuhand.
Eines Montags morgens fruh
Griff er mit seinem Schneiden zu.
Daß er mich bände, wollt ich nicht.
»Das bekommt euch übel, habt Bericht.

    »Und rührt ihr euch nur um ein Haar,
So nehmt ihr Schaden, das ist wahr.«
Ich sprach: »Das meid ich sicherlich.
Ich kam geritten williglich
Hieher zu euch um meine Noth:
Ich weiß, und läg ich vor euch todt,
Daß mich doch Niemand wanken sieht
Wie weh mir auch von euch geschieht.«

    Meiner Furcht war wenig sicherlich.
Auf eine Bank hin setzt' ich mich.
Er nahm ein Meßer in die Hand
Und schnitt den Mund mir allzuhand.
Ueber die Zähne gieng der Schnitt
Was ich in aller Ruhe litt.
Das Schneiden wurde so vollbracht,
An Wanken hatt ich nie gedacht.

    Er hat mich meisterlich geschnitten
Und mannlich hab ich es erlitten.
Da schwoll alsbald der Mund mir all
Viel größer als ein Schlageball.
Der Wunde that er da ihr Recht.
Das sah all meiner Frauen Knecht.
Er sprach zu mir: »Mögt ihr genesen,
So bin ich gern bei euch gewesen.

    »Als ich neulich von euch ritt,
Da theilt ich meiner Frauen mit,
Daß man euch schneiden sollte hie:
Des wollte sie mir glauben nie.
Sie sprach zu mir: Er thut es nicht,
Wie dir mein Mund in Wahrheit spricht:
Zu große Thorheit deucht' es mich,
Wollt er so schneiden laßen sich.

    »Nun hab ich Alles wohl ersehn
Was mit euch Wunders ist geschehn.
Nun denk ich von euch hin zu fahren;
Der reiche Gott mög euch bewahren
Und mache bald euch ganz gesund;
Meiner Frauen will ich machen kund,
Daß man den Mund euch hat geschnitten
Und ihr das mannlich habt erlitten.«

    »Von mir sag deiner Fraun nicht mehr
Als daß ich stäts ihr Diener wär:
Nicht mehr entbieten darf ich ihr.
Wem sonst du willst, dem sag von mir
Was hier erlitten hat mein Leib,
Das sei geschehen um ein Weib:
Die sprach, mir stünde schlecht der Mund,
Deshalb ward solcher Schmerz mir kund.

    »Der dien ich also stäts fürwahr
(Das magst du sagen offenbar),
Was immer ihr an mir missfällt,
Das wird von mir bald abgestellt.
Missfiel' ihr meine rechte Hand,
Ich schlüge sie mir ab zuhand.
Hievon nun schweig ich lieber still;
Doch will ich nicht als was sie will.«

    So ritt der Knappe bald hindann.
Hier lag ich als ein wunder Mann
Wohl sechsthalb Wochen oder mehr.
Mir war sehr wohl, und weh auch sehr.
Weh davon, mein Leib war wund;
Dabei so war mein Herz gesund.
Der Minne Zwingen zwang mich so,
Wie weh mir war, doch war ich froh.

    Ich war halt froh was auch ergieng.
Ungemach von Hunger nicht gering
Und auch von Durst erlitt ich lang:
Entbehren must ich Speis und Trank.
Mir thaten Mund und Zähne weh.
Eine Salbe grüner noch als Klee
Strich man mir in meinen Mund,
Die stank recht wie ein fauler Hund.

    Wenn mich des Leibes Noth bezwang,
Daß ich endlich aß und trank,
Die Salbe schluckt ich mit hinab,
Die den Geruch mir selber gab.
Eßen und Trinken war mir bald
Vergällt: ich that wie jene halt,
Welchen Krankheit Eßen wehrt:
So ward ich schwach und abgezehrt.

    Ich theilt euch volle Kunde mit,
Wie man mir um die Herrin schnitt
Den Mund; wer nun noch weiter will
Hören, der vernehm es still.
Zu Gräz verblieb ich also lang
Bis zu genesen mir gelang:
Da ritt ich freudig hin zuhand
Wo ich meine Niftel fand.

    Als die mich nur ersah von fern,
Wie sie da sprach, vernehmet gern:
»Den Mund dir niemand ferner soll
Verweisen, denn er steht dir wohl.
Gefügt nun hat es sich dir so,
Ich bins von ganzem Herzen froh.
Auch ward mir Alles schon gesagt
Was du erlittest unverzagt.

    »Es ist von mir nicht unterblieben,
Ich hab es Alles aufgeschrieben
Und will es senden Ihr sogleich,
Deren Gunst dich machte freudenreich,
Das ist die liebe Herrin dein.
Der will ich auf die Treue mein
Und meine Seligkeit dann sagen,
Daß du es hast um Sie ertragen.

    »Eines Wortes willen, das sie sprach,
Die Gute, nun vor manchem Tag,
Daß ihr dein Mund gefiele nicht.
So geb ihr auch mein Brief Bericht
Was du erlittest lange Zeit,
Und von der stäten Stätigkeit,
Die du mit Treuen zu ihr trägst
Und der du nimmer dich entschlägst.«

    »Niftel mein, dir lohne Gott,
Süßes Weib, getreuer Bot.
Du hast an mir gethan so wohl,
Daß ichs an dir verdienen soll,
Und hast mir doch so wohl gethan,
Daß ich es nicht verdienen kann.
Mein Herz zu dir mir immer rieth.
Ich habe jetzt ein neues Lied

    »Erdacht, das sollst du noch von mir
Um meinetwillen senden ihr.
Als ich zu Gräz im Siechthum lag,
Da kürzte mir ihr Lob den Tag.
Ihr Lob so sanft mir oftmals thut,
Ihr Lob giebt mir oft hohen Muth,
Ihr Lob macht oft mich wieder froh.
Nun hör das Lied; es lautet so:

Tag und Nacht.

       

    Was soll ich singen
Von der Nacht? sie gönnt mir Freuden nicht.
    Mir Liebes bringen
Kann der Tag allein, der ist so licht.
    Auch mag sein Schein
Der Frauen mein
Gleichen, darum soll er hochgepriesen sein.

    Die Nacht lobt billig,
Wem sie schöner betten will als mir;
    Ich duld unwillig
Sehnlich Leid, drum trag ich Haß zu ihr
    Und will den Tag
Loben, mag
Ich sie sehn, die heilen kann der Sorgen Schlag.

    Heil sei dem Tage,
Da ich Sie zum Ersten hab erblickt:
    Von da an trage
Ich groß Leid, das stäts die Nacht mir schickt.
    Gram ist sie mir,
So bin ich Ihr:
Wohl dir Tag, gepriesen sei der Name dir!

    Wenn mich umseßen
Hält des Nachts der Sorgen grimme Schar,
    Das wird vergeßen
Alsobald, erscheint der Morgen klar.
    So winkt sein Wehn
Mir, hinzugehn,
Meine Schöne heimlich anzusehn.

    Sie loben wollte
Gern ich doch, gewährte mir die Nacht,
    Daß ich ihr sollte
Nahe liegen, die mich unfroh macht.
    Wer wär ich dann,
Ich selger Mann!
Weh, daß Sie es mir nicht gönnen kann.

 

 

   

    »Lied und Brief send ich ihr frei
Und will ihr Alles auch dabei
Entbieten, was du sprachst zu mir,
Und daß ich dich ersah allhier.
Dazu will ich ihr machen kund,
Daß dir so löblich steht der Mund,
Fürwahr, als einem andern Mann.
Ich thu auch keine Lüge dran.

    »Den Brief, den Sie herwieder mir
Wird senden, Freund, den will ich dir
Senden, lautet er nur gut.«
»Ja liebe Niftel wohlgemuth;
Dein Bote trifft mich an der Mur.«
Mit solcher Red ich von ihr fuhr
Froh und hohes Muthes heim
Den rechten Weg gen Lichtenstein.

    Alsbald da ich von dannen kam,
Lied und Brief mein Niftel nahm
Und sandte sie dahin zuhand,
Wo meine Herrin sich befand.
Der Bot ist unlang dort gewesen,
Denn kaum, daß sie den Brief gelesen
Und auch das Lied, schrieb sie zurück,
Seht, einen Brief, der war mein Glück.

    Als meiner Niftel kam der Brief,
Alsbald sie einen Boten rief
Und sandt ihn eilends hin zu mir.
Da neigt' ich dankbar mich vor ihr.
Mein Herz ward von dem Brief gesund,
Mein Muth mir hoch in Freuden stund.
Nie sah ich Brief so gern fürwahr.
Nun hört was drin geschrieben war.

 

    Meine Huld und meinen Dienst entbiet ich dir williglich und thu dir kund, daß ich mich hebe nächsten Montag von dem Hause, wo ich nun bin, und fahre zu dem Hause, das dir wohl bewust ist und bleibe die Nacht in dem Marktflecken, der in deiner Nähe liegt. Nun bitte ich dich, unterlaß es nicht und komm dahin zu mir: so will ich dir auf Alles antworten, das du mir entboten hast. Will dein Neffe auch dahin kommen, so sehe ich ihn gern, seines Mundes wegen, wie ihm der stehe, um anders nichts.

 

             

    Als mir der Brief gelesen war,
Ich hub alsbald mich zu ihr dar.
Mir war gar lieb daran geschehn,
Daß ich die Gute sollte sehn.
Ich ritt zu ihr gar hochgemuth;
Da war sie leider so in Hut,
Daß ich den Abend sie nicht sah,
Davon mir großes Leid geschah.

    Ich schlief die ganze Nacht nicht ein.
Am Morgen, bei dem ersten Schein,
Da stand ich auf und gieng zuhand
Hin wo ich ihr Gesinde fand,
Der Ritter viel und manchen Knecht.
Da grüßt ich sie, so war es recht.
Da dankten sie gezogenlich
Und gebahrten alle minniglich.

    Darnach so währt' es nicht mehr lang
Bis ihr Caplan ihr Messe sang,
Daran mir denn gar lieb geschah,
Weil ich dabei die Herrin sah.
In großen Aengsten naht' ich mich;
Sie empfieng jedoch mich tugendlich.
Sie neigte sich, als sie mich sah;
Mit Worten Gruß verschwieg sie da.

    Die Messe währte mir nicht lang:
Was man las da oder sang,
Das vernahm ich Alles nicht:
Mir war so wohl im Angesicht
Der reinen süßen Frauen werth:
Von Allem hab ich nichts gehört
Was man sang und sprach allda;
Ich wars, der immer nach ihr sah.

    Die Messe gieng zu früh mir aus.
Da hießen sie mich aus dem Haus
Und alle andern Leute gehn:
Man ließ uns da nicht länger stehn.
Die Herrin aß und ritt zuhand;
Ich gieng, wo ich mein Niftel fand:
Die lacht und sah mich gütlich an.
Sie sprach: »Du bist ein selger Mann.

    »Erlaubt hat deine Herrin dir,
Daß du heute darfst mit ihr
Reden, was dich dünke gut.
Sie trägt dir nicht ungnädgen Muth.
Unterwegs magst du gelegentlich
Zur Seit ihr reiten, fügt es sich:
Da sprich mit ihr was dir behagt;
Doch nicht zuviel, sei dir gesagt.«

    Da war ich froh und wohlgemuth:
Ich ritt ihr nach, der Frauen gut.
Als ich sie vor mir reiten sah,
Mein Herz begann in Freuden da:
»Auf! reden darfst du nun mit ihr
Was nur gefallen möge dir.
Sie reitet vor dir sonder Hut:
Sprich mit ihr was dich dünke gut.«

    Gleich ritt ich kühnlich zu ihr dar.
Als sie mein da ward gewahr,
Da wandte sie sich von mir hin.
So zaghaft ward davon mein Sinn,
Daß mir erstummte gleich zur Stund
Die Zunge und dazu der Mund,
Und mir das Haupt sank auf die Brust.
Wie ein Stummer schwieg ich just.

    Ein andrer Ritter ritt heran,
Da hielt ich wie verzweifelt an
Und ritt in Furcht ihr hinten nach.
Mein Herz begann aufs Neu und sprach:
Ja, du gar verzagter Leib,
Was fürchtest du so gut ein Weib?
Sie hätte dir kein Leid gethan.
Weh, daß dein Mund nicht reden kann!

    Leib, nun höre was ich sage:
Willst du mit Worten sein ein Zage,
So wird dir Liebes nie zu Theil.
Ich will dir sagen auf mein Heil,
Und willst du scheiden so von ihr,
So wird sie nun und nimmer dir
Hold zu allen deinen Tagen:
Sie hält dich dann für einen Zagen.

    So schalt mein Herz mich lange schwer,
Davon ermannt ich mich nunmehr
Und ritt zu ihr. Bei meinem Nahn,
Die reine Süße sah mich an:
Da erschrak ich so von ihrem Blick,
Daß ich ins Schweigen fiel zurück;
Der Minne Kraft mir allzuhand
Meinen Mund zusammenband.

    Ihr mögt mir wahrlich glauben das,
Ich wuste nicht mehr, wo ich saß.
»Leib«, sprach aufs Neu das Herze mein,
»Daß du unselig mögest sein!
Du bist fürwahr ein feiger Mann,
Sie sah dich doch so gütlich an,
Daß du nun zu ihr sprachest nicht:
Nun must du immer sein ein Wicht.«

    »Sieh, mein Herz, Gott weiß es wohl,
Sobald ich zu ihr sprechen soll,
Ich weiß nicht wie es kommen mag,
Kein Wörtchen bring ich an den Tag.
Mir wird versperrt der Mund so gar,
Daß ich zur selben Zeit fürwahr
Kein Wörtchen aus ihm bringen kann.
Drum bin ich ein unselger Mann.«

    »Leib, in Wahrheit glaube mir,
Groß Unheil schaffst du selber dir.
Auf meine Treu versichr ich dich,
Gar weh geschieht uns sicherlich
Und nimmer wohl zu keiner Stund,
Thut ihr nicht dein feiger Mund
Mit Worten kund den Willen mein:
Es muß mein Ende sein wie dein.

    »Nun sieh doch, du verzagter Leib,
Dort reitet dir das werthe Weib
Vorauf, allein und ohne Hut:
Wie hast du so geringen Muth,
Daß du nicht reitest zu ihr hin
Und sagst ihr deines Herzens Sinn.
Nur zu! Fürwahr, ich rath es sehr,
Dir wird Gelegenheit nicht mehr.«

    Da ritt ich wieder hin sogleich.
Vor Furcht war meine Farbe bleich;
Meine Angst zu sprechen war so groß,
Daß mir das Herz gar manchen Stoß
Mit Sprüngen stieß an meine Brust:
Zu sprechen hatt es große Lust.
Es sprach: »Nun sprich, nun sprich, nun sprich,
Da hier ja Niemand hindert dich.«

    Ich that fürwahr wohl zehnmal schier
Den Mund zum Sprechen auf vor ihr;
Doch meine Zunge lag wie todt
Und sprach kein Wort in meiner Noth.
Ich will davon nicht sprechen mehr:
Ich schied halt von ihr wie vorher,
Daß ich kein Wörtchen zu ihr sprach:
Das geschah wohl fünfmal jenen Tag.

    Die Tagereis' ein Ende nahm:
Die Reine, Süße, Gute kam
Dahin, wo Nachts sie sollte sein:
Des war betrübt das Herze mein.
Man hieß die Fraue vom Pferde heben:
Ich ließ mir das Hebeisen geben
Und hob die Fraun ab alle gar;
Darunter war auch manche klar.

    Noch hielt die Falschesfreie dort
Auf ihrem Pferd; am selben Ort
Der Ritter und der Knappen viel:
Mit denen trieb sie Scherz und Spiel.
Als ich ihr das Hebeisen trug,
Sie sprach: »Ihr seid nicht stark genug,
Daß ihr mich mögt herunter heben,
Euch ist nicht Kraft dazu gegeben.«

    Des Scherzes wurde viel gelacht:
Auf das Hebeisen trat sie sacht
Und wie sie aus dem Sattel war,
Ergriff sie mich bei meinem Haar:
Verstohlen, daß es Niemand sah,
Brach sie mir aus die Locke da:
»Das habt euch, daß ihr seid verzagt.
Mir ward nicht wahr von euch gesagt.«

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