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Lieder aus dem Rinnstein

Hans Ostwald: Lieder aus dem Rinnstein - Kapitel 90
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
editorHans Ostwald
titleLieder aus dem Rinnstein
publisherKarl Henckell & Co.
year1903
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180126
projectid9ad00744
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Sonntagsmorgen.

Sie lag auf den Stufen am Kirchenportal –
nun endlich ein Schauer von Glück einmal,

nun endlich die Ruhe, die sie gesucht –
keine Kinder toben, kein Raufbold flucht.

Ein Heißes küßt sie, ein Sonnenschein –
da reißt eine Hand sie empor: Du Schwein,

du verkommenes Stück, am Gotteshaus
schläfst du von schmutzigen Nächten aus?

Dann schüttelt ein Schutzmann sie hin und her –
sie bricht in die Kniee schlaff und schwer.

Sie wimmert ... ihr fällt das Tuch vom Kopf,
es löst sich der winzige braune Zopf –

den mageren Hals umtanzt das Haar –
sie möchte schreien: es ist nicht wahr!

Ein Leben lebt' ich voll Durst und Qual,
heut griff ich zur Flasche – zum ersten Mal! –

Die Kehle ist ihr vom Branntwein wund –
es gurgelt und lallt nur der arme Mund.

Sie schleppen sie vorwärts – auf Schritt und Tritt
drängt eine johlende Rotte mit –

Ihre Röcke schleifen den Damm entlang –
zur Kirche lädt heiliger Glocken Klang.

Und fromme Frauen weichen scheu
und schauern zusammen und hasten vorbei.

Margarete Beutler.

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