Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Ostwald >

Lieder aus dem Rinnstein

Hans Ostwald: Lieder aus dem Rinnstein - Kapitel 25
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
editorHans Ostwald
titleLieder aus dem Rinnstein
publisherKarl Henckell & Co.
year1903
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180126
projectid9ad00744
Schließen

Navigation:

Anpreisung.

Wer handelt was von euch, ihr Herren?
Mein Mädchen stehet zum Verkauf!
Ich werde mich nicht lange sperren,
drum bietet nur was Rechtes drauf.
Die Not bricht Stahl und hartes Eisen. –
Wie, Henker, wollt' ich mich nunmehr
aus meiner Schulden Fessel reißen,
wenn dieses nicht das Mittel wär'?

Wer sich zur Zahlung will bequemen
und fünfzehn Pfennige geben will,
mag sie mit Haut und Haaren nehmen –
es ist wahrhaftig nicht zu viel.
Was kauft man denn, ihr lieben Kinder,
wohl für ein solches Lumpengeld?
Fürwahr, nicht einen armen Sünder,
den man doch schon für Luder hält.

Ich suche nicht, damit zu schinden
und handeln nach der Juden Art;
denn der Profit ist gleich zu finden,
ein Käufer wird mit ihr verwahrt.
Es gäbe mancher, der es wüßte,
sein ganzes Patrimonium,
und wenn er's auch erbetteln müßte,
mit hunderttausend Freuden drum.

Das Mädchen ist nicht zu verbessern,
denn ihr berühmter Lebenslauf
weiß ihre Schönheit zu verbessern
und hebt sie bis in Himmeln 'rauf.
Kein Bettelmann ist so voll Läuse
als sie voll guter Sitten ist,
und man auf ganz besondre Weise
etwas aus ihren Mienen liest.

Zu dem, so liebet sie vor allen
die christliche Barmherzigkeit
und lebet manchem zum Gefallen,
wenn er nur um Erbarmung schreit.
Sie stillt uns wie die kleinen Kinder
und wird des Helfens nimmer satt,
dieweil sie manchen armen Sünder
schon aus der Not geholfen hat.

Wenn andre hoch geschor'ne Mädgen
als wie die stummen Götzen steh'n,
hört man als wie an einem Drähtgen
ihr kluges Plappermäulchen geh'n.
Bald will sie was zur Messe haben,
bald rückt ihr Namens-Tag heran,
und der muß welke Rübchen schaben,
der ihr nicht brav spendieren kann.

Ihr dürft euch wahrlich nicht beschweren,
daß ich damit zu teuer bin.
Und sollt' ich solche Klagen hören,
so geb' ich sie umsonst dahin.
Ich will sie gleich dem ersten schenken,
der mir ein gutes Wörtgen giebt,
und nimmer wieder dran gedenken,
dieweil mein Herz was bess'res liebt ...

(Aus der Handschrift des Freihern von Crailsheim.)
(1727-1794.)

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.