Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Ostwald >

Lieder aus dem Rinnstein

Hans Ostwald: Lieder aus dem Rinnstein - Kapitel 11
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
editorHans Ostwald
titleLieder aus dem Rinnstein
publisherKarl Henckell & Co.
year1903
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180126
projectid9ad00744
Schließen

Navigation:

Frauen Venus' Tempel.

Aus der Schenke kam ich jüngst
auf bekannten Wegen –
war Frau Venus' Tempel dort
in der Näh' gelegen –
fröhlich zog ich meinen Pfad,
ging in gutem Kleide,
einen vollen Ranzen trug
ich zur linken Seite.

Doch verschlossen leider war
fest des Tempels Pforte,
konnt' herein gelangen nicht
zum ersehnten Orte;
lockend drang mir an das Ohr
wundersüßes Tönen,
als ob drinnen in dem Haus
sängen die Sirenen.

Bei des Tores Hüterin
ließ ich drum mich nieder,
angelockt vom Zauberreiz
jungfräulicher Glieder.
Wort und Antwort folgte sich
nun in leichtem Plaudern,
bis den Einlaß ich erbat
nach dem langen Zaudern.

Drauf lud sie zum Sitzen mich
an der Türe Schwelle
und, wie ihre Pflicht gebot,
fragte sie mich schnelle:
»Was du suchst an diesem Ort,
künde mir, Geselle!« –
»Bin von eurem Ingesind',
melde mich zur Stelle.« –

»Was ist deiner Ankunft Grund?« –
Tat sie dann mich fragen,
»welcher Wind hat ungestüm
dich hierher getragen?« –
Sprach: »Ich komme, weil ich muß,
komme notgedrungen!« –
»Hat dich deine Jugend und
deine Not gezwungen?« –

»Seit mit ihrem scharfen Pfeil
macht mein Herz erbeben
Venus, uns're Königin,
die ist mir das Leben,
ungeheilet in der Brust
trag' ich schwere Wunden;
in der Stille komm ich her,
ob ich hier gesunde.

Ohne Säumen, holde Maid,
melde meine Klage,
melde ihr das arge Leid,
das ich Armer trage!«
Und gerührt von meinem Wort
und dem Drang der Bitte,
kündet der Frau Venus sie,
wie so schwer ich litte:

»Die du bist ein göttlich Heil
heimlicher Beginne,
süße und allmächtige
Königin der Minne,
an dem Tor ein Jüngling harrt,
flehend: ohne Weilen
mögest du durch deine Macht
seine Leiden heilen.«

Auf der Königin Gebot
ward ich eingeführet, –
als ihr Antlitz ich geschaut,
wie vom Blitz gerühret
sank ich nieder in die Knie
und in Jubeltönen:
»Heil dir«, rief ich, »herrliche
Venus, du mein Sehnen!«

»Jüngling,« sprach sie, »dessen Wort
anmutvoll zu hören,
sprich, wer bist du? Sage mir
Namen und Begehren!
Bist du wohl der junge Mann,
jener fast verzagte,
jener Paris, dessen Leid
mir die Sklavin klagte?« –

»Venus, allergnädigste,
du glückselig Wesen,
die nicht nach der Zukunft fragt,
noch was einst gewesen,
schaue meine Leiden an,
schaue wie ich glühe:
Heilen kannst du sicherlich
mich mit leichter Mühe!« –

»Wohlgesetzt und richtig sind,
Jüngling, deine Worte;
wenn du Heilung suchen willst,
bist am rechten Orte;
wenn du zahlst erles'nes Gold,
klingende Denaren,
magst du wohl vollkommen Heils
guten Rat erfahren.« –

»Guter Münzen,« sprach ich, »voll
ist hier dieser Ranzen,
alles dieses weihe ich,
Venus, dir im ganzen;
wenn du kannst mir armen Mann
Freud' und Lust gewähren,
will ich treu und allezeit
dein Geschlecht verehren.« –

In ein anderes Gemach
Arm in Arm wir schritten,
waren Jungfrau'n wunderhold
und von feinen Sitten,
waren herrlich all von Wuchs,
lieblich anzuschauen,
und von einerlei Gewand
all' die schönen Frauen.

Alle sie erhoben sich,
als wir beide nahten,
und auf unsern frohen Gruß
sie uns freundlich baten:
»Wollet Platz Ihr nehmen hier?
Seiet uns willkommen!« –
Aber Venus sprach: »O nein!
Anderes soll uns frommen!«

Drauf Entlassung winkte sie
sanft mit mildem Blicke,
in dem Saale blieben wir
jetzt allein zurücke.
Unter uns nun ungestört
konnten mit Ergötzen
wir im klugen Wechselwort
über vieles schwätzen.

Und der Liebe Göttin streift
ab der Kleider Hülle,
und ich schaute ihres Leib's
schneeig zarte Fülle;
auf dem Lager eng vereint
ruht' ich wohl zehn Stunden,
Da hab' von des Fiebers Glut
Heilung ich gefunden.

Darauf schritten wir hinaus
in den grünen Garten,
wo in einer Grotte uns
tat ein Bad erwarten,
dieses Wasser wirkte so
starke Zauberkräfte,
durch die Adern strömten mir
neue Lebenssäfte.

Aber dennoch spürte ich
etwas Unbehagen,
gleich als ob so leer mir wär'
und so hohl im Magen.
Zu Frau Venus wandt' ich mich:
»Würd' mich glücklich preisen,
wenn es gäb' in diesem Haus
etwas auch zum Speisen.

Aufgetragen wurde nun
allerlei Geflügel,
Gänse, Hühner, Kraniche,
wohl ein ganzer Hügel,
und ein Scheffel voll Gebäck
auf der Tafel Mitten,
alles war bereit, und ich
ließ nicht lang' mich bitten.

Wohl drei Monde, dünket mich,
mochte es so währen,
daß ich in dem frohen Haus
weilt' in hohen Ehren.
Da nun ward mein Ranzen auch
seiner Schätze ledig,
und die Göttin Venus ließ
weiter ziehn mich gnädig.

Jünglinge, was ihr gehört,
nehmt es wohl zu Herzen!
Wenn der Frauen Venus Pfeil
macht euch bittere Schmerzen,
denket meiner! Wo's auch sei,
jeglicher Beschwerden
könnet ihr, wenn ihr nur wollt,
los und ledig werden!

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.