Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Ostwald >

Lieder aus dem Rinnstein

Hans Ostwald: Lieder aus dem Rinnstein - Kapitel 102
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
editorHans Ostwald
titleLieder aus dem Rinnstein
publisherKarl Henckell & Co.
year1903
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180126
projectid9ad00744
Schließen

Navigation:

Biographien der Dichter.

Die mir einem Stern versehenen sind Selbstbiographien. – Ich nehme an, daß die Leser dieses Buches wissen, wer Goethe, Schiller, Heine und Lenau gewesen, und daß ich mir jede Biographie der vier ersparen kann.

Margarete Beutler. Geboren bin ich am 13. Januar 1876 zu Gollnow in Pommern. Eine Liebe zu meinen Blutsverwandten habe ich nie gefühlt, deshalb ist es unnötig, sie zu nennen. Erzogen bin ich durch die treueste aller Kinderfrauen: die Sonne. Was in mir reifte, reifte durch sie.

Eines Tages lockte sie mich aus meinem Elternhaus, das weder düster noch fröhlich war. Ich ging ohne umzuschauen. Es war so bequem, die Sonne wies den Weg. In den böhmischen Wäldern ließ ich meinen Mädchenleib durchsonnen, bis er reif zur Liebe ward. Die Liebe stellte mich auf einen Hügel und hieß mich Umschau halten. Meine Augen wurden scharf, ich erkannte in trostlosen Dunkelheiten tausend und abertausend gequälte, verhetzte Wesen, die nicht wie ich den Trieb zur Sonne hatten. In dieser Zeit schrieb ich die »Bilder aus dem Norden Berlins«. In dieser Zeit ward mein Knabe empfangen in reiner, freier Liebe, denn ich bin meiner ganzen Veranlagung nach nicht für eine Dauerehe geschaffen. – Und wieder winkte die Sonne, und ich ging wieder hinauf in meine Wälder und bot ihr meinen nackten mütterlichen Körper, damit sie das Kind in meinem Schoße durchleuchte und stärke. Mein Knabe liebt die Sonne wir ich, und ich glaube, sie liebt ihn auch und wird ihn einst leiten wie mich.

Wohin aber mich mein Weg noch führen wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich mich auf ihn freue und eine große Zukunftsneugierde in mir trage.

Von M. B. erschien ein Band »Gedichte«, Verlag Lilienthal, Berlin.

*

Fritz Binde, ungefähr Ende der sechzigerJahre des 19. Jahrhunderts im Rheinland geboren, lernte Uhrmacher, wanderte und hatte um 1900 in Vohwinkel ein Uhrengeschäft, schrieb in glänzendem Stil ästhetische Essais in zahlreichen freien Revuen. Anarchist und Anhänger M. v. Egidys – dann plötzlich orthodox frömmelnd, ging er in ein religiöses Stift in der Schweiz, wo er sich – dem Vernehmen nach – dem Missionsdienst widmen will ...

*

Von Emanuel von Bodman, Konstanz, erschienen folgende Werke:

Erde, ein Gedichtbuch, 1896, Jakob Schläpfle und andere Geschichten, 1901, Neue Lieder, 1902.
In Vorbereitung: Erwachen, Erzählung, Die Krone, Schauspiel.

Sämtlich im Verlag von Albert Langen, München.

*

Georg Büchner, ein junger revolutionärer Kopf aus bürgerlicher Familie, wurde am 17. Oktober 1813 zu Goddelau als Sohn eines Arztes geboren. Seit 1831 studierte er in Straßburg, seit 1833 in Gießen Medizin und Naturwissenschaft. Wie so viele junge Akademiker seiner Zeit kämpfte er für die politische Befreiung des deutschen Volkes, schrieb eine populäre Flugschrift mit dem Motto: »Friede den Hütten, Krieg den Palästen!« und mußte vor der drohenden Haft 1835 nach Straßburg fliehen. In der Muße des Flüchtlings beschäftigte er sich viel mit der Philosophie. Vorher, ehe er der Gewalt weichen mußte, hatte er ein glühendes, saftiges Gemälde der französischen Revolution im Laufe von wenigen Wochen mit breitem Pinselstrich hingeworfen: »Dantons Tod, dramatische Bilder aus der Schreckenszeit«. In rastloser Tätigkeit eignete er sich philosophisches Wissen an, erhielt schon im Oktober 1836 von der Universität Zürich die Erlaubnis zu Vorlesungen. Doch mitten in der blühenden Arbeit raffte ihn ein Nervenfieber am I9. Februar 1837 hin. Er hinterließ ein eigenartiges, phantasievolles Lustspiel »Leonore und Lena«, Bruchteile zu einem bedeutenden Soldatenstück »Wozzeck« und eine Reihe kleinerer Schriften. Eine vorzügliche Biographie dieses jungen, starken Dichters enthalten die von K. E. Franzos, Frankfurt a. M., 1879 herausgegebenen »Sämtlichen Werke«.

*

Ada Christen (Pseudonym für Christine von Breden) wurde am 6. März 1844 in Wien als die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, namens Friderik, geboren. Der Vater wurde wegen Beteiligung an der 48er Revolution zu langer Kerkerhaft verurteilt, die Familie verarmte, und Christine mußte eine freudlose, verhängnisschwere Jugendzeit durchmachen. Mit 15 Jahren ging sie zur Bühne über, wirkte an einigen kleinen deutschen Theatern Ungarns und vermählte sich im Jahre 1864 mit einem ungarischen Stuhlrichter von Neupauer, der jedoch bald starb. Nach mehrjährigem Witwenstande schloß Ada Chr. eine zweite Ehe mit dem Rittmeister a. D. und späteren Industriellen Breden in Wien, lebte in sehr guten Verhältnissen und starb vor nicht langer Zeit in ihrer Geburtsstadt.

Sie gab heraus u. a.: »Lieder einer Verlorenen« (1868), »Aus der Asche« (1870), »Schatten« (1878), »Aus der Tiefe« (1878). – Prosa: »Aus dem Leben«, »Unsere Nachbarn«.

*

Hermann Conradi, geboren zu Jeßnitz im Anhaltischen am 12. Juli 1862, besuchte erst die Volksschule in seiner Vaterstadt, später, nach mehrjähriger, krankheitshalber eingetretener Unterbrechung, die Gymnasien zu Dessau und Magdeburg. Bevor C. sein Abiturientenexamen machte, mußte er wiederum aus Gesundheitsrücksichten ein Jahr pausieren. C. sah sich während dieser Zeit im Buchhandel um. Dann kehrte C. zu den Studien zurück und bezog nach erlangter Maturität die Universität Leipzig, an der er Philosophie, Nationalökonomie und Germanistik studierte, welches Studium er seit 1887 in München fortsetzte. In Würzburg, wo er sich später staatswissenschaftlichen und philosophischen Studien widmete, starb er am 8. März 1890 an der Schwindsucht.

Schriften: Faschings-Brevier, Brutalitäten, Lieder eines Sünders, Romane: Phrasen, Adam Mensch, Anthologie (mit K. Henckell): Moderne Dichter-Charaktere (nach diesen und Brümmer, Dichterlexikon).

*

Jacob Julius David wurde geboren am 26. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, besuchte die Gymnasien zu Teschen, Troppau, Kremsier und studierte seit 1871 deutsche Philologie (Dr. phil.) in Wien. D. hatte manches Jahr hart mit dem Dasein zu ringen und ward, wie es in einem seiner schönsten Gedichte heißt;

»Durch stete Not, durch fruchtlos Kämpfen müd und fast verbittert.«

Der Dichter lebt in Wien seinem literarischen Schaffen, dessen bedeutsamer Eigenart ein langsam, aber sicher wachsender Erfolg beschieden ist.

»Gedichte« (Verlag von Heinrich Minden, Dresden). – Romane und Erzählungen: »Das Blut«, »Das Höfe-Recht«, »Die Wiedergeborenen«, »Probleme«, »Frühschein«. Dramen: »Hagars Tod«, »Ein Regentag«, »Der getreue Eckardt«. (Verlag von Georg Heinrich Meyer, Berlin).

*

Franz Diederich (aus einem Brief an den Herausgeber): Ich wurde am 2. April 1865 zu Hannover geboren, verlebte die Schülerjahre im Geburtsort, die akademische Zeit in Leipzig und Jena, dort den Zusammenbruch der sehr üppig gediehenen romantischen Jugendphantasterei erlebend – alles in den letzten achtziger Jahren. Dann die bewegte journalistische Laufbahn. Die Zeit in Dortmund, im westfälischen Kohlenrevier, wo der große Bergarbeiterstreik nachzitterte; dann die stille, allzustille Abgeschiedenheit hinter Gittern im alten, ehedem bischöflichen Bau zu Münster, endlich die acht Jahre in Bremen, wo ich den Goethebund belebte – und nun seit nahezu einem Jahre als Leiter des Feuilletons der Arbeiterzeitung in Dresden. Freilich, ein großer Weg war's nicht, aber abseits der herkömmlichen Heerstraße. Mit einer Scheu, die aus dem Innersten kam, ging ich um alle Wohlgelittenheit herum. Meine Neigung hing triebmäßig am Unerlaubten. – – –

Bisher erschienen »Worpsweder Stimmungen«, Berlin 1902, bei Georg Heinrich Meyer.

*

Martin Drescher (aus einem Briefe an den Herausgeber): Mein von Ihnen erbetenes Lebensläufle würde zu spät eintreffen. Ihnen persönlich mag zur Auskunft dienen, daß ich ein gründlich verpfuschter Jurist bin, der seinem preußischen Vaterlande vier Jahre lang als Gerichtsreferendarius unbezahlt und unbezahlbar gedient hat. In Amerika habe ich so ziemlich alles getrieben, was einer treiben kann und treiben muß, der daheim nichts Gescheites gelernt hat. Gegenwärtig verschleiße ich den hochinteressanten Hintertreppen-Roman: »Das Geheimnis der Familie Humbert«. Sie sehen also, daß ich noch immer in der »Literatur« bin – –

M. Dr. wurde Mitte der sechziger Jahre zu Wittstock in der Mark geboren, studierte Rechtswissenschaft in Breslau, Berlin und Göttingen und promovierte in Jena. In Berlin ward er Referendar, in Neu-Ruppin Assessor. Mißlicher Verhältnisse wegen verließ er Ende der achtziger Jahre Europa und ging nach Amerika. Er mußte drüben in dürftigsten Verhältnissen leben, als Kolporteur, Geschäftsreisender und Kellner in New-York. Als Tramp durchzog er einen bedeutenden Teil Nordamerikas; in Cincinnati, Chicago und Milwaukee betätigte er sich als Journalist. Im Jahre 1897 kam er nach Detroit (Michigan), wo er mit Robert Reitzel in Verbindung trat. Nach dessen Tode übernahm Drescher die Redaktion des »Armen Teufels«, die er bis zum Ende des Blattes (1900) inne hatte. Seitdem hat Drescher mehrere andere deutsche literarischradikale Wochenblätter – ohne Erfolg – herausgegeben und lebt jetzt in Chicago, wo er eine Zeitlang die »Fackel« redigierte. Nun ist er glücklich wieder Kolporteur – ein Zeichen, was Deutsch-Amerika für seine bedeutendsten Dichter – nicht tut ...

*

Leo Greiner (Dionysius Tod) ist am 1. April 1876 zu Brünn geboren und führte als Kind ein unstetes Wanderleben durch Oesterreich und Ungarn. Erst spät fand er eine zweite Heimat in Kronstadt in Siebenbürgen. Von dort begab er sich nach München, um Literaturgeschichte und Aesthetik zu studieren, unterbrach jedoch jeine Studien, als die Geldmittel nicht ausreichten, und widmete sich dem Journalismus. Mit dem Gründer der Zeitschrift »Revue franco-allemande« gemeinsam rief er das Unternehmen »Die elf Scharfrichter« ins Leben, deren literarischer Leiter er noch heute ist. In Buchform ist von ihm erschienen: »Das Jahrtausend«, Dichtungen (Verlag der »Revue franco-allemande«, 1900).

*

Johann Christian Güntherwurde 1695 oder 1698 im niederschlesischen Striegau geboren. Schon in der Schule zu Schweidnitz zeichnete er sich durch bedeutende Talentproben aus, die weit über die Höhe der damaligen Dichtkunst hinausgingen. Sein Vater, der Arzt war, zwang ihn, Medizin zu studieren. Da Günther aber genau wußte, was er bedeutete, da ihn seine große Begabung rücksichtslos auf die Wege des Dichters drängte, kam er in schwere innere und äußere Konflikte. Wegen seines Lebenswandels zerfiel er mit seinem Vater. Seine Kunst verschaffte ihm zwar Gönner. Doch er war in seinem innersten Wesen nichts als Dichter, verstand nicht, die Konjunkturen auszunutzen, und mußte erbärmlichen Neidern weichen. Auch scheint ein Dresdner Liebeserlebnis, das durchaus rein und keusch war, ihn zerrüttet zu haben. Die letzten Jahre seines jungen Lebens irrte er wie ein Vagabund von Ort zu Ort, bald hungernd, bald mit dem geringen Verdienst, den ihm Gelegenheitsgedichte einbrachten, seine Qualen berauschend. Er starb 15. März 1723 zu Jena, in Sprache und Tiefe seiner Poesie erst wieder von Goethe erreicht.

*

Karl Henckell, geboren 17. April 1864 zu Hannover als jüngster Sohn des Rentiers H. daselbst. Seine Mutter ist eine Tochter des Kurfürstl. hessischen Hofpredigers Dr. Piderit in Kassel. Gymnasialbildung in Hannover und Kassel, Dienstjahr in Hannover, Universitätsstudien in Berlin, München, Heidelberg, Zürich. Längere Aufenthalte in Wien, Mailand, Brüssel. Anfang der neunziger Jahre siedelte die Familie H. von Hannover nach Lenzburg im Aargau (Schweiz), wo der Vater (1898) im hohen Alter starb. H. begründete 1896 seinen Verlag, ist seit ein paar Jahren verheiratet, lebte in Küsnacht und Rüschlikon am Zürichsee und wählte neuerdings seinen Wohnsitz in Charlottenburg bei Berlin.

Hauptwerke: Poetisches Skizzenbuch, Strophen, Amselrufe, Diorama, Trutznachtigall, Zwischenspiel, Neues Leben. – Anthologien: Moderne Dichtercharaktere (mit Arent-Conradi), Buch der Freiheit, Sonnenblumen. – In Vorbereitung: Von der Höhe, Neue Gedichte.

*

Peter Hille Ich bin ein Sohn der roten Erde. Westfalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri. Schamlos lügt der Westfale, gottlos und ohne Gewissen. Aber trotzdem bin ich auf keinen grünen Zweig gekommen, kein glückhafter Abenteurer. Bin bis zu dieser vorgerückten Stunde meines Lebens ein fahrender Scholar verblieben. Von meiner Stammesart habe ich vermutlich nur die Zähigkeit, die mir noch zum Sieg verhelfen wird. Die andere Grundeigenschaft der roten Erde: das Bauernerbe Schlauheit besitze ich in dem Grade negativ, daß ich mir vorgenommen habe, nur durch innigste, lauschend gestaltende Aufrichtigkeit mich zu behaupten. Ich bin geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen, eine Stunde von dem westfälischen Badeort Driburg und ebenso weit von dem gleichfalls etwa vierzig Häuser und fast auch eine Kapelle aufweisenden Dörfchen Alhausen, allda der Dreizehnlindendichter Friedrich Wilhelm Weber geboren wurde im Befreiungsjahr 1813.

Ich verlebte eine einzige Kindheit auf dem Lande, machte in eigenwillig verlängerten Ferien und flunkerweis ausgefallenen Stunden viel Gänge in den Wald und war stolz, wenn ich nach Anweisung meines Vaters, des Rentmeisters Friedrich Hille, mit Rötel Nummern an die Braken und Klafter schreiben durfte oder ebenmal hinlief, um zu sehen, welche Nummer drüben an dem Holzhaufen stand. Auch die vornehme Freiheit des adligen Landlebens lernte ich im Umgange mit den Schloßkindern schätzen. Geschäfsreisen meines Vaters in der Kutsche oder im Pony-Wagen brachten mich in die Weserstadt Höxter mit der alten mächtigen Kastanienallee und der noch älteren Benediktinerabtei Corvey. Hier vor der Bibliothek sah ich auch Hoffmann von Fallersleben, und in großer Ehrfurcht grüßte der dreizehnjährige Knabe, der wohl in sich schon den Dichter spürte und in diesem was ganz Hehres und wunderbares empfand, den hohen Mann mit dem sinnend geneigten Haupte und dem ehrwürdigen Haar, das weiß bis auf den Kragen des schwarzen Rockes fiel. Wie war ich stolz, da er dankte: es war wie geheimes Einverständnis.

Detmold mit seinem Marstall, der damals noch leer, ohne Standbild, wie eine Granate im Teutoburger Walde stehende »Hermann« und die Urvagabunden versunkener Zeitschichten, die erratischen Externsteine prägten Märchen in den jungen Sinn.

Aber auch die Furcht meines jedenfalls zart und locker gefügten Hirnes vor dem Knall oder Pfiff, der mir noch heute Dramen oder Opern ängstlich und um die Katastrophen herum peinlich macht, empfand ich schon da: machte sich mein Vater schußbereit, dann blieb ich zurück und hielt mir die Ohren zu. Beim Schweineschlachten versteckte ich mich im fernsten Winkel des Hauses. So eine Neujahrsnacht war mir entsetzlich, und mit dem Schützenfest söhnte mich nur die schöne rote Fahne aus, die vor den Honoratioren, vor dem Pastorat und auch wohl unserm Hause so kunstvoll umgewirbelt wurde. Die Eisenbahn mit ihrem Pfeifen und Rasseln traf mich mit jener jähen Schärfe, die alle jungen Wonnen haben.

In dieser Zeit, in diesen jungen Stunden habe ich lange geweilt, weil ich in mich leben konnte und das Eigentliche, das wohl in mir ist, bildete.

Kamen die Folteranstalten, die Gymnasien von Marburg und Münster, die mich mit Ausnahme eines auch in mir den unfertigen Dichter erkennend schonenden Oberlehrers Dr. Josef Buschmann in Münster quälten und demütigten, weil sie mich nicht verhunzen konnten.

Später brachte ich in Höxter an der Weser den Oberstaatsanwalt durch meine genialen Protokolle in ärgerliche Verlegenheit, auf die er sich wie auf ein forensisches Opfer mit schwunghafter Vehemenz stürzte, um alsbald schmählich stecken zu bleiben, wie ich früher in der Mathematik, wenn ich am schönen Frühlingsmorgen um vier Uhr mit zerlesenem Reclam-Faust in der Tasche ausgegangen war und nun zu spät in die Logarithmenstunde und gleich an die Tafel kam; die Logarithmenstunde, die wie zur Ironie gegen die schöne Morgenfrühe auf die Zeit von sechs bis sieben verlegt war.

Dann so um 1877 schindete ich schändlich in faustischer Art tausendundein Kollegien, nippte von dem wie Kindheit unersetzlichen deutschen Studentenleben und begann meine erwerbsmäßige Schriftstellerei in Leipzig, die mir bald soviel einbrachte, daß ich in der Thalstraße bei der Weltfirma Hildebrand und Hadubrand wutentbrannt Korrektor wurde, wo ich bei zehn Mark Wochenlohn gefragt wurde, ob ich auch portugiesisch verstände. Wir freuten uns alle, daß der neunzehnjährige Buchhalter herablassend mit uns und trotz des großen Gehaltabstandes kein Unmensch war, und fühlten uns geehrt durchs Geschäftsgeheimnis, wenn wir, Chefs vorauf, vor einem Wechselboten in den Hinterraum verschwanden.

Dann genoß ich auf Raub und unter Widerwärtigkeiten London, Amsterdam, die Schweiz und von Italien Mailand, Florenz, Rom und Pisa.

Seit 85 bin ich meistens um und in Berlin. Seit Neujahr führe ich meine und anderer dichterische Untaten von abends neun bis zwölf im Restaurant »Zum Vesuv« von Carlo Dalbelli, Königin Augustastraße 19, bei der Potsdamerbrücke, einem geneigten Publikum zu Gemüte.

Quod Deus bene vertat!

Von P. H. erschienen unter anderem: Des Platonikers Sohn, Kleopatra, Semiramis.

*

Hans Hyan , geboren bin ich am 2. Juni 1868 zu Berlin, wann ich sterben werde, weiß ich nicht. Bisher sind dreizehn Bücher von mir erschienen; die Romane: »Spitzbuben«, »Die Flugmaschine«, »Der falsche Mandarin« etc.; die Novellen: »Johannistrieb«, »Das Kind«; außerdem Gedichte, Theaterstücke und anderes.

*

Otto Krille. Am 5. August 1878 als der dritte Sohn des Maurers Fr. Aug. Rrille in Zschaiten bei Großenhain (Sachsen) geboren, besuchte ich die Dorfschule meines Heimatsortes und später 1½ Jahr die II. Bürgerschule in Großenhain. Mein Vater war vor meiner Geburt tödlich verunglückt, und der geringe Verdienst der Mutter, trotz ihres außerordentlichen Fleißes, wollte mitunter für die fünfköpfige Familie nicht reichen. Mit 12 Jahren auf Wunsch meiner Verwandten in die Kgl. Sächsische Soldatenknaben-Erziehungsanstalt nach Kleinstruppen bei Pirna gebracht, mußte ich von da in die Unteroffizier-Vorschule nach Marienberg übertreten. Das militärische Drillsystem war mir in der Seele verhaßt, und ich sehnte meine Entlassung herbei, die denn auch im November 1895 erfolgte. Nun ward ich Fabrikarbeiter. Vom Oktober 1900 bis September 1902 mußte ich im 4. Sächsischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 48 meiner Militärpflicht genügen. Von befreundeter Seite in den Stand gesetzt, ein Jahr meiner weiteren Ausbildung zu widmen, siedelte ich im Oktober 1902 nach Charlottenburg über.

Meine Gedichte sind zerstreut in verschiedenen Zeitschriften. Eine Anzahl erschien in der Sammlung »Stimmen der Freiheit«, Herausgeber Konrad Beißwanger. Ein längeres Gedicht: »Sonnensehnsucht«, Dichtung aus dem Arbeiterleben« erscheint in Heftform bei A. Hoffmann, Berlin O.

*

Else Lasker-Schüler. Ich bin 1876 zu Elberfeld (Rheinland) geboren.

Mein Buch (Gedichte) »Styx« kam 1902 bei Axel Juncker, Berlin, heraus.

*

Georg Latz, geboren im vorigen Jahrhundert in Posen, besuchte daselbst das Gymnasium. Im Geist sozusagen aufgewachsen – sein Vater fabriziert Liqueur – erdichtete er sich schon in der Schule durch epigrammatische Meinungsäußerungen in seinen Aufsatzheften diverse Stunden Carcer.

Er blieb trotz dieser Abgeschlossenheit der Muse weiter treu und lebt in Berlin.

Seine Werke:
Humoristische Vortragsgedichte: »Bummeleien zum Parnaß« und »Der kleine Moritz in der Schule«. Ferner Theaterstücke: »Der Bataillonstopf« und »Sein Signalement«.

*

Freiherr Karl von Levetzow. Ich bin geboren 10. April 1871 auf Schloß Dobromelitz in Mähren. Mein Abiturienten-Examen absolvierte ich an der K. K. Theresianischen Akademie zu Wien, meine juridischen Studien an der Universität ebenda. Den Staatsdienst verließ ich schon ein Jahr nach meinem Eintritt, um mich ganz philosophisch-naturwissenschaftlichen Studien sowie meinen literarischen Bestrebungen zu widmen, und unternahm von Wien aus größere Reisen durch Südamerika, Marokko und ganz Europa. Seit 1900 habe ich meinen ständigen Aufenthalt in die französische Provence verlegt. Im vergangenen Jahre veröffentlichte ich einen großen symbolischen Pantomimenzyklus in Versen »Pierrots Leben, Leiden und Himmelfahrt«. – Da ich mich von jeher viel mit der Frage des idealen zu schaffenden Variétés als modernen Kulturfaktors beschäftigte, habe ich auch ( Pater peccavi!) an den Reisen des Kometen Überbrettl teilgenommen; leider haben mich aber verschiedene kosmische Störungen verhindert, denselben in die von mir geträumte dauernde Bahn zu lenken. Deshalb verzweifle ich aber nicht an der Sache des modernen Variétés. Meine tragischen Pantomimen »Die beiden Pierrots«, »Sphinx« u. s. w., sowie die »Ludelieder« seien ein klarer Beweis dafür. Gab außerdem heraus: »Gedanken eines Anderen von Ihm selbst«, »Höhenlieder«.

*

John Henry Mackay wurde am 6. Februar 1864 in Grennock in Schottland geboren, kam aber nach dem Tode seines Vaters schon in frühester Kindheit nach Deutschland. Er veröffentlichte Anfang 1885 eine Dichtung aus seiner Heimat »Kinder des Hochlands«, der in den nächsten beiden Jahren der Versuch eines Trauerspiels, der erste Band seiner »Dichtungen«, eine Novellensammlung »Schatten«, sowie das soziale Gedicht »Arma parato fero!« das sofort von dem Verbot des Sozialisten-Gesetzes getroffen wurde, folgten. – 1887 ging M. nach London.

Im Sommer dieses Jahres mit der Fertigstellung seiner Berliner Novellen »Moderne Stoffe«, der Liebesdichtung »Helene«, der ersten Folge seiner Dichtungen »Fortgang«, sowie mit Übersetzungen aus dem Englischen »Jenseits der Wasser« beschäftigt, lernte er erst im Herbst die soziale Bewegung kennen, schrieb die Aufsehen erregenden Gedichte »Sturm«, und faßte den Plan des großen Kulturgemäldes »Die Anarchisten«. Erst drei Jahre später, 1891, in Rom, wurde es vollendet. I1892 kehrte Mackay nach Berlin zurück, hauptsächlich von dem Wunsche getrieben, seine langjährigen Forschungen über das Leben Max Stirners zum Abschluß zu bringen, und lebt seitdem meist dort.

Mackay schrieb ferner eine Reihe erzählender Werke: »Moderne Stoffe«, »Die Menschen der Ehe«, »Die letzte Pflicht«, »Albert Schnells Untergang«, »Der kleine Finger«, »Der Schwimmer« und gab eine völlig neuartige Sammlung von Meisterdichtungen auf einzelnen Blättern heraus, die zu je einem Pfennige käuflich sind: »Freunde und Gefährten«. Die dichterische Produktion seiner Jugend erschien 1898 unter dem Titel: »Gesammelte Dichtungen«.

*

Erich Kurt Mühsam, geboren den 6. April 1878 in Berlin, verlebte seine Kindheit in Lübeck. Er mußte das Gymnasium »sozialistischer Umtriebe« wegen verlassen. Von 1897–1900 war er erst als Lehrling, dann als Gehilfe in verschiedenen Apotheken tätig. Reges Interesse für Kunst und Literatur, der unwiderstehliche Drang, sich selbst literarisch zu betätigen, verbunden mit der stärksten Abneigung gegen den pharmazeutischen Beruf, veranlaßten ihn, am l. Januar 1901 sich als freier Schriftsteller niederzulassen. 1902–1902 Redakteur des »Armen Teufel« in Friedrichshagen. Lebt jetzt in Wilmersdorf. Satirische Gedichte, Skizzen, skeptische Lyrik. Ein Buch ist bisher nicht herausgekommen.

*

Hans Ostwald wurde als Sohn eines Schmiedes am 31. Juli 1873 im Berliner Norden geboren, verlebte seine Kindheit in Stargard i. Pom., wo er die Bürgerschule besuchte, lernte 1887–1891 in Berlin Goldschmied und ging nach längerer Arbeitslosigkeit 1893 auf die Walze. Schon lange mit schriftstellerischen Arbeiten schwanger, erlebte er die ganze Lust und die Last der Landstreicherei am eigenen Leibe. Hier und da für einige Zeit Arbeit findend, durchtippelte er nach und nach ganz Norddeutschland, wurde 1896 von Felix Hollaender für die Literatur entdeckt, schrieb schon damals seine ersten Studien und Szenen aus der Tiefe des Lebens und veröffentlichte 1900 den ersten und echten deutschen, halb autobiographischen Landstreicherroman: »Vagabonden«. Diesem Werke, das unsere Kultur von unten beleuchtet, folgten 1901: »Die Tippelschickse«, eine Bühnenszene; 1902: »Verworfene«, eine Novellensammlung; 1903 »Die Bekämpfung der Landstreicherei, Darstellung und Kritik der Wege und Mittel, die zur Beseitigung der Wanderbettelei führen«.

*

Robert Reitzel, geboren am 27. Januar 1848 zu Schopfheim im badischen Wiesenthal. Vom Vater zum Theologen bestimmt, studierte er in Heidelberg, beschäftigte sich aber vornehmlich mit Philosophie und Literatur. 1871 schnürte er sein Bündel und ging nach Amerika. Nachdem er tiefstes Elend durchgemacht, als Landarbeiter sich versucht und das Land durchtrampt, gelang es ihm, eine Predigerstelle an der evangelisch-reformierten Gemeinde in Washington zu erhalten. Seine freien Anschauungen und das freie Aussprechen derselben führten zu einem heftigen Streit mit der Kirchenbehörde, in dessen Verlauf R. und mit ihm seine ganze Gemeinde sich dem Freidenkerbund zuwandte. Nachdem er als freidenkerischer Wanderredner einen großen Teil der Vereinigten Staaten durchstreift hatte, gründete er 1884 in Detroit (Mich.) ein radikal-politisches, literarisches Wochenblatt »Der arme Teufel«, das er bis zu seinem Tode (30. März 1898) herausgab. Es war das Zentrum des freiheitlichen Deutschtums in Nordamerika. Seine Essais über politische und religiöse Fragen über Menschen und Dinge, wie sie das Leben ihm zutrug oder eine Stimmung ihm nahebrachte, gehören zum Besten, was die deutsche Literatur hervorgebracht.

*

Frank Wedekind, geboren 24. Juli 1864 in Hannover, verlebte seine Kindheit und Jugend auf dem seinem Vater gehörigen Gut Lenzburg, Aargau (Schweiz) studierte in München und wandte sich bald ganz der freien Schriftstellerei zu. Er lebte dann längere Zeit in Zürich, Paris und seit mehreren Jahren als Haupt-»Scharfrichter« in München. Wegen Majestätsbeleidigung verbüßte er eine Festungshaft. Seine Werke: Dramen: »Frühlingserwachen«, »Der Erdgeist«, »Marquis von Keith«. Skizzen: »Russalka«, »Bänkelgesang«.

 

 << Kapitel 101 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.