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Liebeswerben

Ludwig Tieck: Liebeswerben - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Sechsundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleLiebeswerben
pages124
created20130810
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach acht Tagen kehrte Lindhorst wieder von seiner abentheuernden Reise zurück. Es war ihm in der That, wie er erzählte, viel schwerer geworden, mit der vornehmen Geliebten zu einem Gespräch zu gelangen, als das vorige Mal, 411 denn die Geschwister hatten wirklich wieder das Familien-Schloß bezogen. Vielleicht wäre es ihm ganz unmöglich geworden, wenn die Brüder nicht aus einer Art Eigensinn jenen alten Kastellan mit auf ihre Burg genommen hätten, weil er dort auch eine gewisse Aufsicht führen sollte und einen andern Domestiken ersetzen, der kürzlich gestorben war. Der Kastellan, welcher den Liebes-Abgesandten natürlich begünstigte, stand in vertrauter Verbindung mit dem eigentlichen Kammerdiener, einem jungen verschmitzten Menschen, der viel im Hause vermochte, weil er das Vertrauen des älteren barbarischen Bruders besaß. Als der Kastellan nehmlich durch eine bedeutende Summe diesen listerfüllten Kammerdiener gewonnen hatte, war es möglich geworden, mit der Dunkelheit des Abends den ängstlichen Gesandten in das Schloß zu befördern. Unglaublich lange Zeit und viele Redekunst hatte es bedurft, um Elisa zur Annahme jenes Geschenks zu bewegen: und nur die Vorstellung, daß sie es mindestens als ein Darlehen nicht verschmähen solle, um ihre Gefangenschaft zu erleichtern, hatte sie endlich dahin gebracht, es sich überliefern zu lassen. So dankte sie denn in einem freundlichen Briefe herzlichst für diesen Beweis der Liebe, von den schönen Gedichten war sie entzückt, sie sagte, sie sei stolz auf einen hohen Geist, der ihr seine Huldigung darbringe, und der zugleich von den Musen so außerordentlich begünstigt sei. Es ist zu begreifen, daß des begeisterten Wallroß Liebe durch diese Mittheilungen, so wie durch den glücklichen Erfolg immer heftiger und ungeduldiger wurde.

So verging eine geraume Zeit. – Durch jene von Lindhorst angelegte Zwischenpost kamen auch einige kleine Zettel von der geliebten Hand und zuletzt sogar eine feine gestrickte Börse, die sie, wie sie schrieb, in Stunden der Trauer für den edlen Freund gearbeitet habe, in dessen 412 Andenken sie versunken sei, was ihr einzig in ihrer Situation zur Erheiterung gedient. Unter Thränen und Schluchzen küßte Wallroß das zarte Gewirk und schwor dann, er könne nicht ruhen, er müsse sie, sei es auch auf welche Art und mit wie großer Gefahr, selber sprechen, ihr mündlich seinen Dank sagen und mit ihr die Abrede treffen, wie und wo Sicherheit für sie und ihrer Beider Liebe zu finden sei.

Lindhorst suchte ihn auf alle Weise zu beruhigen. Es gelang ihm endlich nur nach vielfachen Bemühungen, und indem er versprach, sogleich am frühesten des folgenden Tages wieder hinzureiten, um eine Zusammenkunft zu ermitteln. Mit dieser Aussicht eines nahen Glückes mußte sich endlich die leidenschaftliche Sehnsucht des Liebenden zufrieden stellen lassen.

Diesmal kam Lindhorst früher als sonst zurück. Es war ihm, so lautete sein Bericht, gelungen, die Dame sogleich zu sprechen. Er hatte ihr den zärtlichen Brief des entzückten Rosenwald übergeben, und sie hatte diesmal, ohne sich zu weigern, das bedeutende Geschenk, einen kostbaren Schmuck, als Erwiederung des ihrigen angenommen. Was aber theurer als alles schien, war folgendes Briefchen.

Mein sehr lieber, mein verehrter Freund!

Mein Herz giebt Ihrer Leidenschaft, Ihren dringenden Vorstellungen nach. Ich kann, ich mag nicht länger die Zurückhaltende spielen: ist Ihnen, Liebster, mein Herz doch auch früh schon entgegen geeilt. Das Schicksal hat uns auf eine solche Weise gestellt und zusammengeführt, daß Alles das, was in gewöhnlichen Verhältnissen recht und schicklich zu nennen seyn mag, für uns keine Anwendung findet. Darum habe ich auch Ihr zu kostbares Geschenk mit freudigem Dank angenommen, und es soll Ihnen und mir zum Zeichen 413 dienen, daß wir von jetzt an unzertrennlich verbunden sind. Wohl müssen wir uns sprechen und persönlich kennen lernen, Abrede nehmen und Mittel ersinnen, um mich zu retten, sei es durch List und Flucht, oder daß wir die Gesetze in Anspruch nehmen. Denn meine Sicherheit, ja mein Leben, sind mit jedem Tage mehr gefährdet. Gebe ich den unbilligen Forderungen meiner grausamen Brüder nicht nach, füge ich mich nicht unbedingt ihrem Willen, jene mir verhaßte Verbindung einzugehen, so wird es meinen Tyrannen gar nicht unerwünscht seyn, wenn ich mich aus dem Leben verliere und den Augen der Menschen auf immer entschwinde, damit ich nur nicht irgend einmal meine Rechte geltend mache. Der Himmel vergebe mir, wenn mein Argwohn und meine aufgeregte Stimmung jenen Unrecht thut.

Der Freund wird Ihnen, Geliebter, sagen, wo und wie wir uns auf einige Minuten nur für diesmal treffen können, wo wir dann mündlich ausmitteln wollen, was für die nächste Zeit geschehen soll und muß. – So lebe denn wohl, Du Inhalt meines Herzens, und laß alles, auch für Deine Nächsten, ein unverbrüchliches Geheimniß seyn. Nur Dein Freund Lindhorst ist unser einziger Vertrauter, aber er darf ebenfalls bei unserer Unterredung nicht zugegen seyn.

            Die Deinige

Elisa.«            

Diese Zeilen hatten den schon aufgeregten Wallroß ganz außer sich gesetzt. Er las sie und las sie wieder, er küßte den Brief und tanzte und sprang in der Stube herum, dann umarmte er seinen Vertrauten und drang ihm, zum Andenken dieser glücklichen Stunde, ein ansehnliches Geschenk auf, weil er, wie er sagte, einen Gesandten, der in kurzer Zeit so viel und das scheinbar Unmögliche ausgerichtet habe, doch einigermaßen belohnen müsse. Aber wie, wo, rief er dann aus, 414 als er wieder etwas zur Besinnung gekommen war, kann ich sie sehn, und sprechen, und wann?

Höre mich ruhig zu Ende, antwortete Lindhorst, und zwang den Unruhigen, sich nieder zu setzen. Ein Prozeß, der schon seit Jahren unentschieden bleibt, zwingt die Brüder, wiederum in unsere Gegend zu kommen. Die Schwester wird sie begleiten, theils weil ihre Gegenwart bei einigen Bestätigungen, Anfragen und dergleichen nützlich und fördernd seyn kann, theils weil die Brüder, die doch ohngeachtet aller Vorsicht, einen Argwohn gefaßt haben mögen, die Schwester dort nicht auf eine unbestimmte Zeit allein lassen wollen. Kommen sie nun an jenen Meierhof, welches um die Abendzeit geschehen wird, so fingirt sie Kopfschmerz oder eine Ohnmacht oder irgend ein Uebel, welches ihr das Weiterfahren unmöglich macht. Sie läßt sich zu Bett legen, und behält ihre Kammerfrau zur Bedienung bei sich. Die Brüder mögen nun auch in jenem Meierhof verweilen, oder, welches viel wahrscheinlicher ist, sich nach der Stadt begeben, so geht Elisa auf jeden Fall, da die Kammerfrau ihre Vertraute ist und jene Menschen des Meierhofes durchaus in meinem Interesse sind, gegen Mitternacht aus dem Hause, sie schleicht sich durch den Garten, geht den Fußsteig herunter, durch den Hohlweg, welchen Du kennst, und erwartet Dich dann in dem Gebüsch, welches abseits vom kleinen Feldwege liegt, um ganz ungestört mit Dir dort in der Einsamkeit der Nacht die nöthigen Verabredungen zu treffen. – Hier kannst Du ihr nun ganz Dein Herz ausschütten: sei es nun, daß Du sie beredest, sogleich mit Dir die Flucht zu ergreifen, oder sie vielleicht eine zeitlang in Deinem Hause zu verbergen, oder mit ihr nach der großen Stadt in der Nähe zu reisen und die Gerichte in Anspruch zu nehmen und um Schutz anzurufen, oder was euch beiden sonst das Beste und 415 Zweckmäßigste dünken mag, mit ihr einzurichten und abzureden. –

Aber wann? wann? rief Wallroß in der höchsten Ungeduld – wann wird dieser entscheidende Moment eintreten?

Der Meier dort, antwortete Lindhorst, wird mir einen Boten senden, so wie Elisa in seinem Hause eingetroffen ist.

Gleich muß sie bei mir bleiben, rief Wallroß, sei es nun, daß wir nach der Residenz, oder nach England und Frankreich fliehen: oder daß ich sie hier verberge, und wir uns heimlich trauen lassen, wogegen freilich der Superintendent tausend Schwierigkeiten erheben wird, da er einmal seinen ordinären Ansichten ganz ergeben ist.

Nach zweien Tagen kam wirklich gegen Abend ein geheimnißvoller Bote an Lindhorst, als dieser eben neben Wallroß im Saale sich befand und diesem vorlas. Der Knabe, welcher das Billet gebracht hatte, war sogleich wieder verschwunden. Das Billet, undeutlich geschrieben, lautete so. – »Diese Nacht – um zwölf Uhr – in dem bewußten Gebüsch.«

Es war vor einiger Zeit eine Equipage, ein schwerer Wagen mit Geräusch dem Hause vorüber und durch die kleine Stadt gefahren, und die beiden Freunde waren der Meinung, die tyrannischen Brüder hätten ihre Reise nach der nächsten Stadt fortgesetzt, um dort ihre krank gewordene Schwester zu erwarten.

Der Moment ist groß, sagte Wallroß jetzt; und welch ein Heldenmädchen! so in der stillen furchtbaren Mitternacht, in jenem einsamen Walde will sie mich treffen, dorthin eilt sie ganz allein, ohne Begleitung, ohne Schutz: – und ich – gestehe ich es Dir nur – ich gehe diesen Weg nicht ganz ohne Furcht und Bangen. Aber wie die Leidenschaft der Liebe bei ihr alles ausgleicht, so muß sie mir, dem Manne, 416 noch ungleich mehr den Muth erhöhen. Gern würde ich Dich um Deine Begleitung ersuchen, damit Du wenigstens, wenn nicht bei uns, doch in der Nähe verharren könntest, – aber ihr Wille muß mir heut und immerdar Gesetz und Gebot seyn.

So verließ Lindhorst den Freund, um sich nach dem Landhause zu begeben, in welchem Amsel seit diesen Tagen meist allein geblieben war, weil sein Beschützer Wallroß ihm von allen diesen Begebenheiten, Planen und Abentheuern nur wenig mitgetheilt hatte, Amsel auch, da er eben an einem Trauerspiel arbeitete, diese sonderbare Verhandlung nur wenig zu interessiren schien. In seiner Tragödie wollte er seine Theorie vom Schlaf und willkürlich erregten Traum in wirklicher Handlung und Begebenheit vorstellen: durch Traum erfährt der heftig Liebende alle Plane seines boshaften Nebenbuhlers, dieser aber, der Kunde davon empfangen, benutzt grade diesen Umstand, den wieder fest Eingeschlafenen, der sich sein Glück erträumen will, grausam zu ermorden, worauf sich die Geliebte dann selber tödtet und der Bösewicht den Gerichten übergeben wird. Die Schlafscenen und Träume, in welchen er die Liebe in der höchsten Verklärung darstellte, arbeitete der Dichter mit besonderer Vorliebe aus und versprach sich, daß die Aufführung des Gedichtes auf dem Theater ganz neue und ungeheure Effekte hervorbringen müsse.

Es war Nacht geworden, und Wallroß trat mit bebendem Herzen und ungeheueren Erwartungen seine einsame Pilgerfahrt an. In welche wunderbare, fast mährchenhafte, auf jeden Fall aber höchst poetische Situation bin ich hineingerathen, – – so sagte er zu sich selbst, – eine Verfassung und ein Liebes-Verhältniß, von dem ich vor zwei Monden noch nichts ahnden konnte! Was wird die Welt zu dieser überraschenden und einzigen Begebenheit sagen? Was unsere 417 kleine Stadt? Vielleicht bin ich schon morgen mit ihr verbunden – vielleicht schon in dieser Nacht mit ihr in einem bequemen Wagen auf der Flucht nach fernen Ländern. Wie sie es nun entscheiden wird. Habe ich doch Alles auf alle möglichen Fälle eingerichtet und in meinem Hause die nöthigen Kapitalien und Papiere bereit gelegt, um das Meiste gleich mitnehmen zu können.

Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, die Finsterniß fast undurchdringlich, die Luft kalt, und jetzt fing ein feiner Regen an niederzufallen, um den schlüpfrigen Boden noch mehr zu nässen, und die raschelnden Blätter am Baum und Gebüsch vermehrten die herabrieselnden Tropfen, so wie sie sich im stärker werdenden Winde schüttelten. Eine Erkältung ist gewiß, dachte Wallroß; indeß, welche Kleinigkeit in der Wagschale der großen geheimnißvollen Ergebnisse. Aber sie, das zarte, holde Wesen, die an dergleichen nicht gewöhnt ist? Indessen, sie wird auch das als Heldin überwinden; und kann sie doch morgen schon ganz glücklich seyn.

Jetzt gelangte Wallroß auf den Feldweg, und seitwärts lag der kleine Wald, den Lindhorst und Elisa zur geheimnißvollen Bühne der nächtlichen Liebesscene ausersehen hatten. Er mußte über eine Wiese gehen, deren hohes Gras ihm die Beine und Füße übermäßig benetzte, und er dachte mit Schauder daran, daß die Geliebte diesen unbequemen Weg ebenfalls werde durchwaten müssen. – Jetzt stand er im Walde zwischen den nassen Gebüschen, und der Wind trug von dem Städtchen den Ton der Glocken herüber, die jetzt die Stunde der Mitternacht austönten. Furchtbar klangen diese Schläge in das Ohr des Harrenden, der, vom Regen schon durchnäßt, schauernd und frierend, dort zwischen den triefenden Büschen sich im anwachsenden Regen sehr unbehaglich fühlte. Er dachte, sich verwundernd, darüber nach, 418 wie dergleichen Gefühle, die ihn jetzt trotz seiner Leidenschaft peinigten, niemals in Gedichten und Romanen, bei nächtlichen Entführungen und spannenden Situationen geschildert und ausgemalt wurden.

Er ging in dem kleinen Walde hin und wieder, suchte sich auch unter den größten Bäumen etwas vor dem Regen zu schützen. Es schlug ein Viertel, es schlug halb, und immer ließ sich nichts wahrnehmen, so sehr er auch sein Gehör anspannte. Es schadet nicht, sagte er zu sich selber, wenn ich ihr etwas entgegengehe; angelangt ist sie noch nicht, es ist ihr Trost und Beruhigung, mich noch früher anzutreffen; was wage ich denn selbst so Großes, wenn ich im äußersten Fall sogar bis zum Meierhofe gehe? Sie kann ja vielleicht und ohne sich zu verstellen krank geworden seyn. Wenigstens darf diese Nacht nicht ohne eine bestimmte Entscheidung verschwinden.

Er sammelte seine Kräfte und seinen Muth, doch fing er an, die ungeschickte Gelegenheit der Zusammenkunft im Stillen zu tadeln. Er mußte wieder durch das hohe Gras einer kleinen Wiese schreiten, um wieder auf den Fußsteig, der nach dem Hohlweg führte, zu gelangen. Schon der Widerwärtigkeiten der Luft, der Finsterniß, der Nässe und des Regens mehr gewöhnt, schritt er sicher fort und sah nur fleißig zurück, ob sich nicht jetzt vielleicht am Saume des Gebüsches ein weißer Schimmer zeigen möge. Die Nacht war aber so finster geworden, daß die lichte Dunkelheit aller Anstrengung spottete. Wie mehr noch war der Sinn des Auges überflüssig oder unnütz, als der Liebende jetzt in den Hohlweg gelangte. Er tappte an den nassen Felsenwänden mit den Händen umher, und die eine kalte Mauer warf ihn gleichsam der andern, ganz nahe gegenüberstehenden, zu; von Dornen, indem er um sich fühlte, wurden ihm die Hände 419 zerrissen, oben war die Kluft mit Büschen und Brombeerstauden verwachsen, so daß er, wenigstens an dieser Stelle, vom Regen weniger beschüttet wurde. Jetzt glaubte er Schritte zu vernehmen. Er stand ganz still und hielt den Athem an sich. Als wenn sich in der Dunkelheit noch eine schwärzere Nacht-Masse bewegte, so war es ihm, indem sein Fuß fest am Boden wurzelte, argwöhnisch horchend, weil dies schwerlich ein weibliches Wesen seyn konnte. Das Nachtdunkel schien näher zu kommen, als Wallroß plötzlich von hinten sich von zwei männlichen Armen umschlungen fühlte. Er wollte sich losmachen und im Anstrengen sich umwenden, als eine andere Gestalt ihn vorn an der Brust faßte und dann mit den Händen abwärts fuhr, am Kleide nieder, als wenn man die Absicht habe, seine Taschen auszuleeren. Jetzt war es dem Angegriffenen gelungen, sich frei zu machen, er schlug mit den Fäusten um sich und traf, so schien es, in das Angesicht des ersten oder zweiten Unbekannten. Der Schlag mochte wuchtig und empfindlich gefallen seyn, denn der Unsichtbare schrie auf und erwiederte diese Kriegeserklärung durch den Rückschlag mit einem derben Stock, den er in den Händen trug. Da das Handgemenge sich einmal erklärt hatte, so säumte der zweite Helfershelfer auch nicht, Schläge zu dieser Sammlung beizutragen, und Wallroß, der keinen Stab und keine Waffe mit sich führte, konnte mit ziemlicher Gewißheit voraussehn, daß er in diesem ungleichen Kampfe unterliegen müsse. So wenig es aber jetzt an der Zeit war, zu räsonniren oder Schlußfolgen zu ziehen, so sah Wallroß doch so viel ein, daß alle Gegenwehr seiner Fäuste und Beine vergeblich sei, wenn es ihm nicht gelinge, aus diesem verwünschten Hohlweg zu entrinnen und auf freiem Felde dann der Stadt zuzueilen. Indem er noch so, von Schlägen gemißhandelt, überlegte, ließ sich eine 420 rauhe Stimme vernehmen, welche rief: Spitzbubenpack! und zugleich drosch eine größere Figur auf die Angreifenden so heftig los, daß der Eine von diesen sogleich zu Boden stürzte. Er gerieth dem breiten Wallroß unter die Füße, und dieser, nachdem er auf ihm herumgeschritten war, erlangte dessen Knüttel, der dem Gestürzten entfallen war. Nun wendete sich der Vortheil und das Glück der Schlacht auf die Seite des zerbläuten Wallroß, denn er, so wie der neu hinzugekommene Streiter arbeiteten jetzt unermüdet auf jene Unbekannten hinein, die nun auf den Rückzug denken mußten und ihre Rettung nur finden mochten, wenn es ihnen gelang, dies Thermopylä zu verlassen, welches ihnen den Untergang drohte. Gewiß wäre auch der Sieg unbedingt für den neu gekräftigten Wallroß entschieden worden, wenn nur irgend der Schimmer eines Schimmers sich in dieser allerdunkelsten Nacht hätte regen wollen; bei der völligen Abwesenheit alles dessen, was einem Schein oder Licht ähnlich sah, arbeiteten die beiden Sieger feindlich zuweilen auf einander, und manchen Schlag nahmen ihre Körper an, der den böswilligen Gegnern zugedacht war. So wälzte sich die Schlacht im Finstern stumm und schweigend hin und her, lautlos, außer daß die Felsenwände die häufigen Schläge wiederhallten, die im verschiedenen Tempo und wechselnden Takt auf Rücken, Schultern, Hüften und Lenden, zuweilen auch auf die Köpfe niederfielen.

Kein Stratege, auch wenn der zugegen gewesen wäre, könnte genügend beschreiben und motiviren, wie es geschah, daß die Schlacht plötzlich draußen, jenseit des Hohlweges, war und jetzt, als man nicht mehr von den Felsenwänden beschränkt wurde, sich eine Flucht des angreifenden Heeres erhob und nach der Stadt zu die Retirade möglich und 421 wirklich ward. Der unbekannte Streiter verfolgte den flüchtigen Feind, der, so schien es, sich nicht wieder zu sammeln wagte.

Wallroß, der im Kampfe sehr gelitten hatte, war nicht in der Stimmung, den fliehenden Gegner zu verfolgen, er befriedigte sich damit, befreit zu seyn, und war wohl jener alten Ueberzeugung, man müsse dem entweichenden Feinde goldene, wenigstens silberne Brücken bauen. Er hinkte, sehr friedlich gesinnt, über das Feld nach der Stadt, wo er sehr spät, mit der Dämmerung des Tages, eintraf und sich sogleich zu Bette legte.

Nach einigen Stunden besuchten ihn seine Freunde Lindhorst und Amsel, die durch einen Diener waren herbeigerufen worden. Wallroß war über die Rührung dieser Getreuen selber innigst gerührt, denn erschüttert, wie sie über diesen Vorfall waren, erschienen sie fast eben so leidend, als er selbst. O ihr meine Freunde, rief er aus, nachdem er ihnen die Begebenheiten der Nacht erzählt hatte – was soll ich sagen? Was soll nun werden? Wie ist das Ding zugegangen?

Ja wie? rief Lindhorst aus: so viel, wie ich aus Allem abnehmen kann, und so wie mir der Meier von dort erzählte, der schon vor dem Aufgange der Sonne bei mir war, haben die Brüder Wind von der Sache bekommen, haben vielleicht sogar einen der Briefe gefunden – kurz, sie blieben dort in der Meierei – sperren die Schwester ein – gehen um Mitternacht nach der verabredeten Stelle, wo sich dann das zuträgt, was sich zugetragen hat. Nun sind sie über alle Berge. Vielleicht entfernen sie sich mit Elisa aus dem Lande, um alle Untersuchung unmöglich zu machen. Denn daß Elisa mit ihnen gemeinschaftlich diese ungeheure Bosheit sollte ausgeübt haben, ist nicht anzunehmen.

Nein! nein! rief Wallroß aus: fort mit dem 422 abscheulichen Gedanken! Du, Lindhorst, wirst nächstens wieder abreisen, um auszuforschen, wo sie sich aufhält, und neue Pläne mit ihr zu verabreden. Ich glaube aber bei reiflicher Ueberlegung nicht einmal (denn ich habe über die Begebenheit wohl nachsinnen müssen), daß man an mein Leben wollte, ja ich zweifle beinah, daß es nur zu einer Schlägerei gekommen wäre, wenn ich nicht den Anfang mit Gewaltthätigkeiten gemacht hätte, denn seht nur, was mein Bedienter in meiner Rocktasche gefunden hat.

Er zeigte einen Zettel, auf welchem mit großen Buchstaben geschrieben war: »Entsage Elisen – oder – –!« Dies nahm ich, fuhr er fort, als man es mir mit Gewalt in meine Tasche prakticiren wollte, für Raub-Anfall. – Wie ihr leidend ausschaut! Ja, das ist die ächte Freundschaft, so Alles, was den Geliebten trifft, mitzuempfinden.

Wie kann es anders seyn, erwiederte Lindhorst, wenn Freundschaft und Liebe nicht zu unbedeutendem, nüchternen Schall herabsinken soll?

Ja, Freunde, fuhr Wallroß fort, es war eine wundervolle Nacht, niemals, und wenn ich hundert Jahr alt werden sollte, werd' ich sie vergessen. Man lernt in manchen Stunden mehr als sonst in Jahren. Ich war in Sehnsucht, Liebe, Erwartung, Kälte und Fieberfrost aufgelöst, als diese beiden Brüder, diese Würger und Tyrannen dort im Hohlwege über mich herfielen. Es giebt verschiedene Arten zu prügeln und geprügelt zu werden, dessen erinnere ich mich noch wohl aus meiner Jugend, wo ich Gelegenheit hatte, die wunderlichsten Erfahrungen aller Art einzusammeln. Diese Bösewichter aber fielen, nachdem ich ausgeschlagen hatte, mit einer Neronischen Wuth über mich her und zerbläuten mich auf eine Weise, die man nur meuchelmörderisch nennen kann. Hätte ich ein Schwert, ja nur einen tüchtigen Knüttel in 423 Händen gehabt, so hätte ich es ihnen wohl zeigen wollen, daß ich Mann bin: aber wer denkt bei einem sehnsüchtigen, liebevollen Roman-Abentheuer an dergleichen? Ich wäre gestorben, oder verwundet dort liegen geblieben, wenn sich nicht ein Gott meiner angenommen hätte. Jetzt verstehe ich erst die Empfindungen der edlen Griechen, die so oft in ihren Gedichten einen Unsterblichen zur Rettung eines bedrängten Sterblichen auftreten lassen. Als dieser Held erschienen war und ich erst den Knüttel des einen Gefallenen erwischt hatte, – ich versichere Euch, Freunde, diese Brüder haben heut gewiß auch Wunden, Beulen und blaue Flecken aus diesem Treffen aufzuweisen, denn bin ich jemals ein Streiter gewesen, so war ich es nun in dieser Nacht. Himmel und Erde! ich wurde begeistert, und die Bösewichter mußten uns auch das Feld räumen. Sie könnten sich für Geld sehn lassen, so bunt müssen sie gefärbt seyn.

Der Doktor kam, und da dieser erklärte, daß dem Leidenden jetzt Ruhe nöthig sei, so entfernten sich, nach einigen trostreichen Worten, die mitleidigen Freunde, um ihre Studien fortzusetzen.


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