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Liebeswerben

Ludwig Tieck: Liebeswerben - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Sechsundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleLiebeswerben
pages124
created20130810
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nach einigen Tagen kam Lindhorst zu Wallroß und sagte, indem er ihm einen offenen Brief zeigte: Auf Deinen Wunsch. mein Freund, habe ich nun die erste Einleitung also abgefaßt, und ich denke, sie soll Dir nicht mißfallen. Er las:

Darf ein Fremder, den die Sonne der Schönheit nur einmal anlachte, um sogleich wieder hinter Wolken zu verschwinden, wohl als ein Halbwilder das Bekenntniß wagen, daß er geblendet, aber auch glücklich und selig war? – Wie ist mein Leben, mein Dasein seitdem ein so ganz anderes! – Aus dem Born des Lebens habe ich Begeisterung getrunken, ich bin aus meiner Betäubung und nüchternen Leere erwacht, ja, bin erst jetzt geistig geboren; erst jetzt ist mir Natur und Kunst etwas, seit es mir das Schicksal erlaubte, in dieses Auge zu blicken. Darum die Frage: soll ich hoffen, daß mir dieser Blick noch einmal wieder aufgehen wird? Oder 396 verzweifeln? – Nein, in jene Nacht kann ich nicht wieder zurückkehren. Der von der Blindheit Geheilte wird nie, wenn ihn nicht ein unerbittliches Schicksal zwingt, die unendliche Welt des Lichtes wieder aufgeben. – Soll ich die Erscheinung, die sich mir kund gab, meinen Erlöser, meinen Heiland nennen? – Wohl hat sie mir ein Welt-All gegeben, hat mir das Thor jener Ahndungen eröffnet, in denen die höchste Seligkeit ruht. – O nur einmal – nur einmal einen freundlichen Blick – ein einziges süßes Wort von diesen Himmelslippen – was bin ich dann? Wen soll ich dann noch beneiden? – Ist es nicht natürlich, daß alle Welt mich beneidet? – Jetzt aber verstumme ich; flehend, aber kaum hoffend, inbrünstig wünschend und doch verzweifelnd, – soll mir eine Erwiederung werden? Nur ein Zeichen der Vergebung, daß diese göttliche Schönheit, dies edelste Herz das nicht Frevel nennt, wozu mich unabweisbar mein Schicksal, mein Gemüth, die Bestimmung, die mir seit Ewigkeit diese Gefühle vorschrieb – hingerissen hatte.

Der in Demuth Hoffende.        

Schön! rief Wallroß. Es scheint mir aber, Freund, als wenn so eine Nachahmung aus dem Buche, das Du mir vorgestern zum Anlesen gegeben hast, aus dem Werther durchschimmerte.

Natürlich, erwiederte Lindhorst etwas empfindlich; wo denn den Ausdruck einer überschwenglichen Liebe und Empfindung hernehmen? Alle unsre neusten Bücher, die nehmlich, die von unsern besten Köpfen herrühren, sind in diesem Ton abgefaßt. Und das Beste ist, da die jüngere Generation, und selbst zum Theil die ältere, den guten Werther nicht kennt, oder wieder vergessen hat, daß diese Tonart für eine ganz neue und originelle gilt. Aus dem Werther, der nur wenige Bogen stark ist, und aus Rousseau's Heloise spinnen 397 wir, die Sache umschreibend, alles weitläufiger machend, alle unsere Werke heraus. Keiner merkt es, daß die Manier eine ganz alte ist, ja wir könnten abschreiben und kämen sicher mit unserm Raube hindurch, und man bewunderte noch unsre Originalität, jene poetische Prosa, die vor Jahren einmal so verrufen war.

Der Ausdruck, sagte Wallroß bescheiden, daß ich mich da einen Halbwilden nenne, hat mir nicht recht gefallen wollen.

Warum nicht? antwortete Lindhorst; wir können leicht dafür Naturkind setzen, oder was die Schauspieler komisch genug Naturburschen nennen; aber die Metapher mit der Sonne bleibt passender und edler, die Anspielung, daß die Wilden der Sonne ihre Anbetung widmen, ist dadurch historischer; genau genommen ist Wilder besser, ganz Wilder – denn was ist ein Halbwilder? Nicht Fisch, nicht Fleisch; kein Cultivirter und doch auch kein Naturmensch mehr; aber die Allegorie soll eben schon in diesem Wort angedeutet seyn, daß der Wilde durch den bloßen Anblick der Sonne oder Schönheit schon zu einem Halbwilden umgearbeitet oder modifizirt wird. Und so habe ich denn freilich hier auch wieder an den Werther gedacht, der sich selbst mit einer Art von sentimentaler Eitelkeit gern für einen solchen Halbwilden giebt, weil er die unnütze pedantische Gelehrsamkeit, die Philisterei der Geschäftsmänner, so wie die Feinheiten unserer falschen Cultur verachtet, und eben so, wie vor ihm Rousseau, gern eine halbe Barbarei oder Wildheit, die der ächten Natur, dem Aufschwung und dem heroischen Zeitalter weit näher steht, wieder einführen möchte. –

Ich glaubte nicht, sagte Wallroß, daß Du Dir bei dem einzigen Wort so viel gedacht haben könntest. Tiefsinn ist freilich eure Sphäre. Es gefällt mir auch, daß mein 398 eigentlicher Name nicht unter der Epistel stehen soll, denn man mag ihn aussprechen, wie man will, so klingt er hart, fatal und selber etwas komisch, was bei einer leidenschaftlichen Liebe immer bedenklich ist. Ich habe schon gegrübelt, ob ich mich vielleicht mit einer kleinen Abänderung »Wallrose« nennen soll, oder »Rosenwall«, – oder etwas fremdartiger »Rosiwallo« oder italienisch »Rosa del Vallo« oder »Waldrose« oder »Rosenwald«. Wahlrose, oder Walhallaroß ist zu fremdartig und liegt zu fern.

Nehmen wir Rosenwall, erwiederte Lindhorst.

Hierauf schrieb Wallroß den Liebesbrief auf einem feinen Blättchen sauber ab und Lindhorst bestieg den Rappen seines Freundes, wohl mit Geld ausgestattet, um künstlich und auf irgend eine feine Weise die Epistel der schönen Dame beizubringen. Da so viele Gefahren drohten, da es fast unmöglich war, sich der Holden zu nähern, da Lindhorst sie aber doch selber sprechen mußte, um sie zu einer Antwort durch die Kunst seiner Ueberredung zu bewegen. das Schloß der ganz wilden und barbarischen Brüder auch fern lag, so bereitete Lindhorst seinen zagenden Freund darauf vor, daß er wohl erst nach einer Woche, vielleicht noch später zurückkommen könne. Sie trennten sich nach einer herzlichen Umarmung, und Wallroß schickte dem Dahintrabenden Blicke der Sehnsucht nach.

Jetzt war Amsel die einzige Gesellschaft des Liebenden, denn die ehemaligen Freunde in jener Stadt hatten sich alle von dem zu excentrischen Wallroß zurückgezogen. Amsel las dem Harrenden Liebesgedichte vor, und zuweilen fiel Wallroß in einen sanften Schlummer, der aber nicht jene lehrreichen Schlafstunden erzeugen wollte, die Amsel ihm neulich gerühmt hatte; im Gegentheil klagte der Verliebte über Schwere des Kopfes, Verdüsterung der Stimmung und 399 Verdrüßlichkeit, welches alles freilich auch der im Uebermaß genossene starke Wein mochte hervorgebracht haben.

Ein Brief Lindhorsts kam an: er war aus der nächsten Stadt, und am folgenden Abende hoffte der Reisende den Ort seiner Bestimmung zu erreichen. So vergingen fast zwei Wochen, als an einem Abende der Rappe mit Schweiß und Lindhorst mit Staub bedeckt vor dem entzückten Wallroß erschien. Der Ermüdete mußte sich umkleiden, und als man beim Abendessen im kühlen Saale saß, erzählte der Wiedergekehrte dem staunenden Wallroß und dem erfreuten Amsel seine indeß erlebten Abentheuer.

Theuerster Freund, fing Lindhorst an, mir ist die Aufgabe, die so schwer schien, über Erwarten gelungen. Ich reiste so ganz unschuldig, betrachtete hier und dort die Naturmerkwürdigkeiten, war in einigen Städten, und näherte mich so, im Zickzack vorschreitend, dem Schlosse, wo die Familie sich gewöhnlich aufhält. Man spricht im Umkreise des Landes viel von der Spannung, die die Geschwister trennt. Alle bedauern das arme Mädchen, die mit einer Härte behandelt wird, die einem so aufgeklärten Jahrhundert, wie es das unsrige ist, völlig fremd seyn sollte. Man hält ihr ihre Einkünfte zurück, die sich der ältere Bruder ganz aneignet, man verhindert sie, in Gesellschaft zu gehen, damit ihre Schönheit nicht Aufmerksamkeit errege, und ihre Liebenswürdigkeit ihr nicht Freunde erwerbe. Die Reise hieher hat sie neulich nur machen dürfen, weil ihre Unterschrift bei irgend einer Familien-Verhandlung nothwendig war: eine Sache, die nur in der Gegend hier und der nahen Stadt geschlichtet werden konnte. – Als ich in der Nähe des Schlosses angekommen war, hörte ich zu meinem Leidwesen, daß man sich nach einem alten, fast verfallenen Jagdhause, das mitten in einem dichten Walde liegt, begeben habe, weil die Brüder, 400 die leidenschaftliche Waidmänner sind, dort eine Hirschjagd anstellen wollten. Was erst meinen Plan ganz zu vernichten schien, war im Gegentheil demselben, wie ich bald fand, förderlich. Man kannte mich in jenem Theil des Gebirges schon als einen Naturfreund und Mineralogen, und so konnte es nicht auffallen, wenn ich mich anstellte, als wenn ich die Basaltlagen und das kristallische Vortreten derselben im Gebirgswalde dort genau untersuchen wollte. Das Lustschloß, wenn man es so nennen kann, oder jenes Jägerhaus, hatte wirklich ein furchtbares Ansehen. Es wird einem so unheimlich dort, Grauen folgt uns auf jedem Schritt nach, und das Gebäude so wie die Umgegend haben so recht die Physiognomie, als wenn dort etwas Entsetzliches oder Tragisches sich ereignen könne. An dem Tage, an welchem die Brüder mit allen ihren Kumpanen im Walde waren, näherte ich mich dem alten hölzernen Gebäude, das einen innern Hof hat, von vier Wänden oder Mauern umschlossen, und durch vier Thürme an den vier Ecken fast das Ansehen einer Festung gewinnt. Hier hauste in einem der Thürme ein alter Kastellan mit einer alten Frau und noch einem eben so greisen Bedienten: in einem andern Thurm wohnt die Köchin, mit einigen weiblichen Dienstboten. Ein ergrauter ehrlicher Forstmann wohnte unten, und war seiner Unfähigkeit wegen zu Hause geblieben. Ich ging durch das Thor und trat nun in den Hof, der von den Gebäuden umschlossen wird; zwischen den Pflastersteinen war allenthalben Gras hervorgewachsen, in den Winkeln wucherten hohe Stauden von Nesseln und Unkraut, um den steinernen Brunnen in der Mitte standen einige Gebüsche von blühendem und duftendem Flieder. Alles romantisch genug, wenn nicht die Leiden einer Unglücklichen alles Poetische in diesem Neste unterdrückten. Es gelang mir, den Förster vertraulich zu machen, der unten an 401 das Fenster getreten war, und sich verwunderte, was ich dort zu suchen haben könne. Nun kam es mir sehr zu statten. daß Du es mir, Freund, möglich gemacht hattest, gegen solche Menschen freigebig zu seyn. Ich sagte ihm, ich sei ein entfernter Verwandter seiner Herrschaft, der aber mit den Brüdern entzweit sei und jetzt in einer höchst wichtigen Angelegenheit das Fräulein sprechen müsse, indem ich ihr einen Brief zu übergeben habe, von dem ihr Schicksal, ihr Wohl und Weh abhange. Ich merkte nun wohl, daß der Alte sein junges Fräulein liebe und bedaure, aber doch den Muth nicht habe, etwas zu unternehmen oder sich deutlich zu erklären. Endlich sagte er: Mein werther Herr, alles was Sie mir sagen, mag wahr und richtig seyn, aber allein getraue ich mir nichts zu thun; wir müssen uns dem alten Kastellan entdecken, der argwöhnisch ist, und ein scharfes Auge auf Alles hat. Er schloß mich nun ein, ging den Kastellan zu holen, und kam bald mit einem hinkenden Greise zurück. Der Kastellan, einer der häßlichsten Menschen, kam mir zutraulicher entgegen, als ich es erwartet hatte. Ich merkte sogleich, daß er schon von dem Geschenk etwas vernommen, das ich dem alten Jäger in die Hand gedrückt; als ich ihm nun eben so viel reichte, wurde er gleich sehr zutraulich und gesprächig. Er erzählte, wie er die Summe mit seinen Untergebenen theilen müsse, damit sie ihn nicht an die Herrschaft verriethen, und ich begriff, daß ich ein neues Geschenk für die beiden Alten bereit halten müsse, um keinen Verrath vom übrigen Gesinde befürchten zu dürfen. Nun unternahm es der Kastellan, mich bei der schönen Gefangenen anzumelden, die in einem großen Zimmer wohnte, dessen Fenster nach dem Walde und der freien Landschaft hinaus gingen. Sie war natürlich erstaunt, verwirrt, konnte gar nicht begreifen, woher ihr der Zuspruch komme und so weiter. Es 402 war also kein leichtes Unternehmen für mich, mich auf eine würdige Art bei ihr einzuführen, da sie natürlich mir mit Mißtrauen und Argwohn entgegen treten mußte. Als ich nun vor ihr erschien, mußte ich auch alle meine Geistesgegenwart aufbieten, um vor der hohen edlen Erscheinung nicht in Verlegenheit zu gerathen.

Nach den ersten Begrüßungen der Förmlichkeit erinnerte ich sie an ihre Reise nach unserer Gegend hieher; ich schilderte Dich, und wie Du Dich glücklich gefühlt hättest, sie zu erblicken, welchen Eindruck sie auf Dich gemacht, welche Gefühle sie Dir zurückgelassen habe. Dann ging ich auf Deine Persönlichkeit und Deine Verhältnisse über, machte ihr eine Darstellung Deiner Wohlhabenheit, Deiner Gemüthsgaben, und da ich schon so viel gewonnen hatte, daß sie mir gerne zuhörte, so war ich dreist genug, bescheiden auf ihre eigenen Verhältnisse und ihre beängstigende Abhängigkeit überzugehen. Sie erstaunte anfangs, theils über meine Dreistigkeit, theils darüber, daß ich von allem so genau unterrichtet sei. Sie konnte aber nicht zürnen, denn ich fühlte wohl, wie der Gedanke an die Möglichkeit überwog, aus dieser Knechtschaft erlöst zu werden. Als ich so weit gekommen war, wagte ich es, ihr Deinen Brief zu überreichen. Sie wurde roth und that jetzt recht beleidigt und böse: aber meine Bitten, meine Zusprache, alle meine Vorstellungen, die um so dreister wurden, je mehr ich fühlte, daß ihr Zürnen ihr nicht Ernst sei, überwältigten sie endlich. Sie erbrach und las, doch in demselben Augenblick stürzte der Kastellan herbei, und meldete, daß die Jagdgesellschaft zurückkomme, deren Hörner sich auch schon aus dem Walde vernehmen ließen. Ich mußte mich schnell entfernen, und mich nach der entgegengesetzten Seite in die Wildniß hinein begeben. In der Nacht schlief ich in einer Köhlerhütte, und der folgende Tag brachte Regen und 403 Gewitter. Die Herren blieben also zu Hause, und ich mußte mich vor ihnen verbergen. Man brachte mir aber durch einen kleinen Burschen, der für uns gewonnen war, die Kundschaft, daß das Schloß am folgenden Tage wieder leer seyn würde. Ich begab mich zu ihr und nach vielen Vorreden sagte sie endlich: Mein Herr, ich will mich nicht zieren, oder eine Komödie spielen, da Sie genau wissen, wie mein Schicksal, meine Wohlfahrt, alle meine Wünsche und meine Zukunft auf einem ungewissen Spiele stehn. Das Schreiben Ihres Freundes hat mich gerührt, ich halte ihn für einen edlen Mann, und so seltsam, ja wunderlich sich unsere Bekanntschaft anspinnt, so entschuldigen die Umstände vielleicht die Umgehung aller Formen. Ihr Freund wird mich also auch nicht mißdeuten, wenn ich Ihren Händen eine kurze Antwort, eine Erwiederung seines Schreibens anvertraue. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr knieend und mit einem Kuß auf ihre schöne Hand für so viele Güte zu danken. Da ich so viel gewonnen hatte, machte ich noch eine Gelegenheit für Botschaften aus, die sie senden kann nach jenem einzeln liegenden Meierhofe, eine halbe Meile von hier, dessen Besitzer ich seit lange kenne und der mir alles schickt, was bei ihm anlangen möchte. Denn mit der Post ist es, wie Du einsehen wirst, unmöglich zu schreiben oder etwas zu bestellen, da Elisa in zu strenger Obhut steht. Empfange aber nun diesen theuern Brief von ihr.

In großer Bewegung erbrach Wallroß das Siegel und las: –

»Wenn ich bloß meinen Empfindungen als Jungfrau folgen wollte und dürfte, so hätte ich, da wir uns fast gar nicht kennen, Ihren Brief nicht angenommen und noch weniger beantwortet. Meine Lage ist aber so einzig, mein Verhältniß zu meinen nächsten Verwandten so traurig, daß ich 404 als eine Gefangene, der man grausam ihre unveräußerlichsten Rechte raubt, mich wohl über die gewöhnlichen Formen der Schicklichkeit hinweg setzen darf. Ich darf also, ohne eine Unwahrheit zu sagen, bekennen, daß mich Ihr Brief gerührt hat, daß Ihre Huldigung, Ihre zarte Hingebung, diese Offenbarung eines schönen Gemüthes, alles dies – ich bin um den Ausdruck verlegen – mich so gestimmt hat, daß ich mich gern jenes Augenblickes erinnere, als ich, den schönen Strom entlang fahrend, plötzlich Ihrer ansichtig wurde, der mich begrüßte, ohne mich zu kennen. Sollen wir uns vielleicht in der Zukunft weniger fremd bleiben, so werden Sie, wie ich, ohne Zweifel in die Schule der Geduld gehen müssen, denn bis jetzt sehe ich nur noch unübersteigliche Hindernisse vor mir. Mein Stand, vorzüglich aber meine Familie, Brüder, die ihren Leidenschaften mit Härte das Glück einer Schwester opfern wollen, ein vornehmer, einflußreicher Mann, der mit ihnen verbündet ist – und ich gegenüber arm, ganz hülflos, bewacht, bedroht, ohne Mittel, mich zu retten – was, edler Mann, können Sie mit dem besten Willen gegen alle diese Hemmungen ausrichten, die wie Zauberbande um mich geschlungen sind? Wäre nicht Hoffnung, so könnten wir alle nicht leben. Mit diesem Gruß und mit dieser Hinweisung sage ich Ihnen jetzt Lebewohl. – Elisa.«

Wallroß küßte das Blatt, und konnte sich der Thränen nicht enthalten, wenn er sich die unglückselige Lage seiner Geliebten recht lebhaft vorstellte. Er versank in tiefe Gedanken, sprang dann vom Sessel auf, und schloß Lindhorst mit Heftigkeit in seine Arme. Ich danke, danke Dir herzlichst, mein geliebter Freund, rief er aus; Dir ist das fast Unmögliche gelungen, und bloß Deiner Geschicklichkeit, Deiner Redekunst, Weltkenntniß und feinem Benehmen war diese Aufgabe nicht zu schwer, alles auf diese Art zu lösen. Aber – aber – 405 ich möchte Deinem diplomatischen Talente jetzt eine noch schwierigere Probe zumuthen. Sie nennt sich arm und hülflos, die Domestiken werden ihr, da ihr von den grausamen Brüdern so alles genommen ist, nur ungern beistehn, ja, sie sind im Stande, sie zu verrathen. Dein Kastellan und alter Jägersmann scheinen mir verdächtige Figuren. Freund, Du mußt Dich noch einmal aufmachen, und mit Feinheit und zartem Sinn sie dahin bewegen, daß sie eine Summe annimmt, durch welche sie selbst in der Gefangenschaft dort eine gewisse Freiheit gewinnt, bis zu jener Zeit, wo es uns wohl gelingt, sie völlig zu erlösen. –

Lindhorst sah ihn mit großen Augen an. Bester Mann, sagte er nach einer Pause, Du hast mich wahrhaft erschreckt. Ein solches Anerbieten – mit welcher Stirn soll ich der Dame gegenüber stehen? Ich ihr einen Geldbeutel in die Hand drücken? Dann bedenkst Du auch zweierlei nicht. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß die Brüder jenes entlegene Waldhaus bald verlassen und auf ihr Familien-Schloß zurückkehren. Hier sind andere Domestiken, gewiß eine größere Anzahl, die Möglichkeit, mich einzuschleichen, mit weit mehr Schwierigkeiten verknüpft: ich muß wieder neue Wege einschlagen, wiederum bestechen, die Menschen dort erst kennen lernen. Und, zweitens, hast Du es auch wohl bedacht, daß, wenn es selbst gelingen könnte, ich ihr doch in Deinem Namen keine kleine Summe anbieten dürfte? Und alles dies soll man wagen, Dein Eigenthum, meine Beschämung? Und, wenn es mir mißlingt, das nothwendige Abbrechen eines jeden Verhältnisses mit ihr?

Du mußt Dich, rief Wallroß, wenn Du mein wahrer Freund bist, für mich aufopfern: ich ehre Deine Bedenken, aber Du kannst diese mir zu Liebe überwinden. Darin besteht ja die Freundschaft, daß man ihr auch schwere Opfer 406 bringt. Was die Summe selbst betrifft, so werde ich schon dafür sorgen, daß sie nicht zu klein ausfällt. Und Dir gelingt es auch, das zarte Wesen dahin zu stimmen, sie von mir und Dir anzunehmen. Dadurch stehe ich unmittelbar in einem vertrauteren Verhältnisse zu ihr, unsre Gütergemeinschaft setzt schon eine Vereinigung der Gemüther voraus, und wir finden dann bald die Veranlassung und Gelegenheit, daß sie sich durch Flucht ganz ihren Tyrannen entzieht. –

Lindhorst versprach endlich, nach einiger Zeit den Versuch zu machen und eine andere Reise anzutreten. Uebrigens nahm man sich vor, den folgenden Tag, welcher der Geburtstag Elisens war, durch einen festlichen Schmaus zu begehen, und Wallroß entfernte sich, um die nöthigen Anstalten zu treffen.

Als jetzt Amsel und Lindhorst allein waren, sagte der jüngere zum älteren Freunde: es ist zum Erstaunen, wie Du Alles zum Ziele zu führen weißt, und Dir auch das Schwierigste gelingt: ich glaubte Dich zu kennen, aber dieses Talent der Geschicklichkeit ist mir neu in Dir.

Du hast noch Vieles zu lernen, sagte Lindhorst, Dein Sinn ist etwas zu einfach, und darum ist es gut, daß ich mich Deiner angenommen habe. – Im Bade, sieben Meilen von hier, erschrak ich aber nicht wenig, als ich unsern alten Bekannten, den verruchten Wilderer, in der wandelnden Menge bemerkte. Zum Glück war in dem Getümmel sein Blick nicht auf mich gefallen, und ich wich ihm geflissentlich aus, wobei mir mein scharfes Auge und meine Weitsichtigkeit sehr behülflich war. Wie der Mensch in den vier Jahren sich verändert hat! Er war schon ehemals unangenehm anzuschauen, aber jetzt hat sich fast eine wunderbare Häßlichkeit in ihm entwickelt. Dieser freche Mensch verlor nachher am Spieltisch eine bedeutende Summe, und ich verließ den 407 Ort um so eiliger, damit uns der Zufall nicht, ohngeachtet meiner Vorsicht, zusammenführe. Er würde gewiß unsre ehemalige Bekanntschaft in Anspruch nehmen und meine Reputation in hiesiger Gegend völlig vernichten. Es ist eben eine Strafe, daß, wenn man sich einmal mit dergleichen Gesellen eingelassen hat, man sie niemals wieder ganz abschütteln kann. Auf der Rückreise hörte ich im Gasthofe, in welchem er eine zeitlang wohnte, er habe sich aufgemacht, um nach dem Elsaß zu gehen.

Amsel erwiederte: ich war auch einmal in einer Art von Verbindung mit diesem fatalen Subjekt. Er ist schon von vielen Orten weggewiesen worden, ist schon mehr wie einmal in Arrest gewesen, aber seine beispiellose Frechheit imponirt den Leuten, und seine Verschmitztheit findet immer wieder Mittel und Wege, sich aus allen Verlegenheiten herauszuziehen. Besonders versteht er es, ganz unerfahrene junge Menschen zu ködern. Man kann seinen Künsten kaum widerstehen, wenn man noch gar keine Welterfahrung hat. Er hat schon viele Menschen unglücklich gemacht, denn man wollte von ihm erzählen, daß er manchen Jüngling erst in die verderblichsten Verbindungen hineingelockt und ihn dann selber der Regierung denunzirt habe: so daß man von ihm nicht weiß, ob er ein Verschwörer oder ein Spion sei.

Er verläßt nun wohl Deutschland, sagte Lindhorst, weil er sich doch nicht mehr bei uns sicher dünkt. Es ist jetzt freilich auch mißlich, drüben etwas anzuknüpfen; alles ist zu klug geworden und bewacht sich gegenseitig.

Auf dem Feste, welches zu Ehren Elisens gefeiert wurde, war man fröhlich und guter Dinge. Da Wallroß seine ehemaligen Vertrauten nicht wieder einladen konnte, indem sie sich von ihm losgesagt hatten, so hatte er einige der minder Bedeutenden nebst ihren Frauen und Töchtern gebeten, die 408 sich geschmeichelt fühlten, daß der reiche Mann, selbst nachdem er gebildet war, sich ihrer wieder erinnerte. Auch der gelehrte Küster Emmeran war zugegen, und die feinsten Weine wurden nicht geschont, um die Gesundheit der Königin des Festes zu trinken, deren Name aber niemals genannt wurde. Da der Wirth es nicht am Nöthigen ermangeln ließ, so übernahm er sich im Enthusiasmus, so wie seine Gäste, und bei den meisten mußte Morphus wieder gut machen, was der jugendlich übermüthige Bacchus verschuldet hatte.

In diesem festen Schlafe des Rausches war dem leidenschaftlichen Wallroß Elisa im hellsten Glanz ihrer Schönheit erschienen: sie hatte ihm ihre Liebe zugesagt und ihn, auf den Knieen liegend, demüthig gefleht, sie aus ihrer Sklaverei zu erlösen. Neu begeistert ließ er jetzt seinem Freunde Lindhorst nicht länger Ruhe, dieser mußte eine zweite Reise nach dem Gegenstand seiner Sehnsucht, mit einer bedeutenden Summe ausgestattet, auf dem schnell trabenden Rappen unternehmen.

Lindhorst widersprach und bat vergeblich, diese mißliche Unternehmung wenigstens noch für einige Tage aufzuschieben; der Liebeseifer des heftigen Wallroß verstattete kein Einreden und Lindhorst fühlte, daß jener im Begriff sei, bei längerer Weigerung ihm seine Freundschaft völlig aufzukündigen. Man hatte also wieder einen künstlichen und noch leidenschaftlicheren Brief gedichtet, dem man einige südlich feurige Sonette hinzufügte, und Lindhorst mußte schwören, niemals zu verrathen, daß Wallroß oder Rosenwald, wie er sich als Dichter unterzeichnete, nicht der Verfasser dieser begeisterten Produktionen sei.

Als der Botschafter fort geritten war, sagte Wallroß zu Amsel: Mein gutes Kind, Dein Schlaf-Unterricht und was Du Dir bei der Sache einbilden magst, ist nur Wind und 409 ein Nichts. Meine neuliche Mahlzeit und der Constanzia hat mir zwar den Kopf etwas schwer gemacht, aber dafür auch welche glorreiche Träume! Venus und alle Grazien haben mich besucht, und meine göttliche Elisa stand so wirklich, in solcher wahrhaften Lebendigkeit vor mir, daß ich noch mit Entzücken an diese seligen Augenblicke denken muß. Der Mohnsyrup, den ich neulich auf Dein Geheiß schlucken mußte, um der Göttin im Traum ansichtig zu werden, ist mir noch lange im Halse unangenehm stecken geblieben. Was half es denn auch, daß ich Petersilie unter mein Kopfkissen legte und ein Stück Salbey am Fuß-Ende? Dummheiten, mein Sohn! diese jämmerliche Nacht habe ich wie ein Hund elend zugebracht. Mir träumte nehmlich, ich sei wieder ein Knabe und war in meiner allerersten Schule. Ich sollte aufsagen und konnte nicht. Mein alter Schulmeister, an den ich seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gedacht habe, stand mit seinem grünen Schlafrock, der lange alte Mensch, und mit seiner hohen grauen Filzmütze vor mir, und hatte das fatale Straf-Instrument in der Hand, das uns Knaben alle in Angst und Schrecken setzte. Da ich mich auf den Spruch gar nicht besinnen konnte, es auch mit dem Lesen schlecht ging, so erhielt ich wirklich meine Tracht recht empfindlicher Schläge von meinem Griesgram. Und noch im Wachen bildete ich mir ein, daß ich Schmerzen auf Schultern und Rücken empfände. Das war nun die magische Wirkung von Eurem Sellery und Petersilienkraut! Nein, mein Freund, ein tüchtiger Wein erregt Liebes-Visionen und das läßt sich auch begreifen, aber Euer Krims-Krams aus Euerem konfusen Buche, das ist alles nur Schwärmerei.

Diese meine Kunst, im Schlaf glücklich zu seyn, antwortete Amsel, denn so titutlirt sich mein Büchlein, ist gewiß nicht zu verwerfen. Denn ich habe mehr wie einmal die 410 Sache versucht und die Rezepte immer probat gefunden. Die Constitutionen mögen wohl verschieden und die Erfahrungen noch nicht genug gesondert seyn. Vielleicht ist auch Dein Wille nicht stark genug gewesen, denn dieser muß, als ein gekräftigter, die magischen Wirkungen lenken und regieren.

Du inklinirst zum Aberglauben, Kind, sagte Wallroß; in Deiner Blondheit hast Du überhaupt etwas zu viel mittelalterliches, solche saumselige Schwärmerei, die man heut zu Tage nicht mehr brauchen kann. Auf Deinem Wege könnte ja der resoluteste Mensch sich zur wahren Nachtmütze schlafen, und so meinen, er habe den Stein der Weisen gefunden. Wenn ein Bischen Nesseln und Bilsenkraut, Ameisen-Eier und Schaafgarbe, gesottener Thymian und angebrenzelter Klee oder Nieswurz das alles erzeugten, was Du Dir einbildest, so dürfte man nur sein Geld in den Fluß tragen, und ganz umsonst alles besitzen, indem man ruhig im Bette bleibt. Denn Du sagst ja, Geld, Bibliotheken, Länder, Geliebte, Weine und Künste und Wissenschaften besäße man im Schlaf durch diese Alfanzereien. –

Ja, mein Freund, sagte Amsel empfindlich, und ich versichere Dich, nur in meinem künstlichen Schlafe habe ich etwas gelernt, wenn ich etwas weiß, wenigstens weit mehr, als von meinen sogenannten Lehrern.

So könnten wir im Schlaf unsern Küster zum Bischof machen, sagte Wallroß und verließ kopfschüttelnd den verstimmten Amsel.


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