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Liebeswerben

Ludwig Tieck: Liebeswerben - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Sechsundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleLiebeswerben
pages124
created20130810
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Herr Wallroß hatte schon seit Monaten ein stattliches Haus in dem Städtchen Ueberlingen gemacht. Wenn man von einem wohlhabenden menschenfreundlichen Herrn sprach, von dem wohlthätigsten der Menschen, von einem, der gern alle mögliche Unternehmungen förderte, der an einem 363 wohlbesetzten Tische gern Gäste sah, mit ihnen fröhlich war und sich freute, wenn sie mit Kenntniß und feinem Geschmack seine besten Weine tranken, so war es Herr Wallroß, dessen Gastfreiheit Niemand erreichte. So hatte es sich gefügt, daß die kleinen Kaufherren der Stadt, der Bürgermeister und die vorzüglichsten Einwohner in diesem freundlichen Manne, mit welchem es sich leicht leben ließ, ohne Haß und Neid ihren Protektor anerkannten und ihm freiwillig, als einem Höheren, huldigten. Nur einige Frauen konnten es dem Glücklichen nicht vergessen, daß er ehemals, bevor er die Erbschaft gethan, und das große Loos gewonnen hatte, ihnen ganz gleich gestanden, es wohl für einen Vortheil gehalten hätte, wenn sie ihm ihre Töchter mit einer guten Aussteuer zur Ehe angeboten.

Nur ein Punkt war es, über welchen Bürgermeister und Prediger zweideutig lächelten, wenn er berührt wurde. Der gutmüthige, dicke Mann schien sich nehmlich gar nicht um die Literatur zu kümmern, so wenig um die Philosophie wie um die schönen Künste, um Kritik oder Theater. Seine Unwissenheit war über alle diese Gegenstände in einem erleuchteten Jahrhundert und in einer so hochgebildeten Stadt so äußerst auffallend, daß sogar der Sohn des Predigers, noch ein Gymnasiast, ihm schon mehrmals seine Ignoranz in anzüglichen, aber wohlgesetzten Redensarten vorgehalten hatte, die der gutmüthige Wallroß nur halb verstand, sie auch gar nicht übel nahm, weil ihn alles das gelehrte Zeugs, wie er es nannte, nicht im mindesten interessirte.

Es machte daher kein geringes Aufsehen, als dieser nehmliche Wallroß seit vierzehn Tagen etwa als ein fertiger, ausgemachter Gelehrter, Kritiker und Schöngeist in einer goldenen Waffenrüstung so glänzender Redensarten, so strenger Urtheile, so großartiger Welt-Ansichten, dastand, daß sich 364 seine bisherigen Freunde mit einer Art von heiligem Grauen von ihm wendeten, voraus, da er so vornehm grob war, daß ihm gegenüber weder Spediteur noch Bürgermeister, ja selbst der Prediger nicht zu Wort kommen durften. Dem Letzteren war es besonders empfindlich, daß der bisherige Simplex so plötzlich zu einem untrüglichen Papst Sixtus dem Fünften ausgefahren war, daß er selbst tiefsinnige theologische Gegenstände und strittige Punkte der Lehre sicher, wenn auch nicht befriedigend, vorzüglich aber in weit größerer Eile und kürzerer Zeit entschied, als es jemals ein Papst, Kardinals-Kollegium oder protestantische Synode, auch die dreistesten Superintendenten eingerechnet, gewagt hatten.

Konnte man nun freilich vermuthen, Wallroß habe diese tiefen Einsichten und vielfachen Talente bis jetzt verborgen gehalten aus Bescheidenheit, um seinen einfachen und einfältigen Mitbürgern nicht zu sehr zu imponiren, durfte man vermuthen und ahnden, daß eine plötzliche erleuchtende Begeisterung mit springenden Flammen diesen Geist zum Propheten erhoben, daß er in allen Zungen wahrsagen konnte. mochte der Arzt auch fürchten, es sei nur Symptom einer furchtbaren Krankheit, oder schon das erste Stadium eines Wahnsinnes, der wohl gar in Raserei endigen möchte: so hatte der stets besonnene Küster dem erstaunten und erzürnten Priester eine menschliche und vernünftige Erklärung der wundersamen Verwandlung insinuiren wollen.

Mein verehrter Herr Superintendent, (so ungefähr hatte sich der aufgeklärte Mann vernehmen lassen) die Sache ist nicht so ganz räthselhaft, als sie auf den ersten Anblick scheinen möchte. Wissen Sie noch, welche Sandwüste vor zwanzig Jahren Ihr sogenannter Garten war, den Sie erst durch Ihre Mühwaltung zum wirklichen Garten gemacht haben? Anfangs zwar schien Hopfen und Malz verloren: nachher 365 aber, als Sie immer mehr Gartenerde und Dünger hineinfuhren, hat er sich bald bekehrt und ist in sich geschlagen, um aus dürrer Haide zum Frucht- und Blumen-Erzeuger, aus einem verstockten Heiden zu einem Nutzen bringenden Christen sich zu verherrlichen. Wie schneller wäre dies Ergebniß eingetreten, wenn der Boden fett, schwer, tüchtig gewesen und etwa früher nur durch Vernachlässigung so unnütz und entartet geworden. Nun wissen wir aber Alle, wie fett, schwer, handfest und korpulent unser Freund Wallroß seit seinen Jünglingsjahren gewesen ist. Diese feiste, fettige Erde ist nun jetzt mit ganz neu erfundenem Dampfpflug aufgerissen, mit den kräftigsten Grundsätzen umragolt, mit anzüglichen und anstößigen Redensarten gedüngt, dann noch mit Unkraut, recht üppigem, von atheistischer Hyper-Orthodoxie gekräftigt worden, daß der hinein gestreute mannigfaltige Saamen nur fast über Nacht zu dieser prangenden Wildniß von Obst und Blumen, von Brenn-Nessel und Rose, von Stachelgewächs und tiefsinnigen Moorpflanzen, leuchtend, duftend, stinkend und aromatisch, in die Atmosphäre und das Licht des Himmels allgewaltig hinausgequollen ist.

Ich verstehe Euern metaphorischen Styl nicht ganz, sagte der Priester.

Vor vierzehn Tagen etwa war unsers Wallroß Geburtstag, sagte der Küster, nachdem er sich verbeugt hatte, oder wie sie es jetzt tituliren wollen, sein Wiegenfest, obgleich die Wiegen unter gemeinsamer Zustimmung der Aufklärer schon längst abgeschafft sind, ich mir auch keine fügsame, zierliche Wiege für den jungen Wallroß, wie er nun damals gewesen seyn mag, imaginiren kann: – kurz, als dieses große Fest eintrat, hatte er, wie Sie wissen werden, die Grille, diesen Tag in der Einsamkeit zuzubringen und für sich selbst in stiller Beschaulichkeit zu feiern. Aus 366 Bescheidenheit, denn ihm waren die Glückwünsche aller seiner vielen Verehrer lästig, ihm gefiel es, einmal ganz Mensch zu seyn und draußen in seinem kleinen Häuschen allen Gratulanten hier in der Stadt aus seiner feierlichen Stille zurufen zu können: hole euch alle der Henker, denn ihr seid doch alle, bei Lichte besehen, langweilige Menschen!

Seid nicht grob, Küster! rief der beleidigte Geistliche – Ihr wißt ja, daß ich selbst schon ein Carmen für den Tag gedichtet hatte.

Unbeschadet Ihrer Ehre, Höchstverehrter, sagte der Küster, hätte er Sie doch auf keinen Fall mit dem Scheltwort meinen können; – aber doch wohl den Herrn Spediteur, den oft durchreisenden Roßtäuscher, den Herrn Apotheker und den Weinschenken, denn, nicht wahr? diese lieben Männer haben alle eine Anlage zu dem, was die Welt so langweilig nennt? – Nicht in allen Stunden, denn der Mensch ist nicht immer gleich, aber oft, und selbst unser Herr Bürgermeister Symphorius läßt es sich zuweilen recht angelegen seyn, auch in diesem Gefilde zu arbeiten.

Menagirt Euch, sagte der Priester und lächelte selbstgefällig.

So hatte der Mäcenas also, fuhr der Küster fort, sein großes Haus in der Stadt hier verlassen, saß draußen, guckte ins Feld, aß und trank, und hatte Maulaffen feil.

Unanständiger Mensch! rief der Geistliche.

Das Volk sagt einmal so, erwiederte Jener, und wir werden immer volksthümlicher; eine solche Redensart trägt für den ächten deutschen Patrioten fast einen geweihten Stempel. Indem unser Wallroß sich also damit beschäftigte, einige Fliegen zu fangen und sich die Mücken abzuwehren, gehen zwei junge rüstige Bengel vorbei, die er im Anfange für Handwerksburschen hält. Die Jungen lachen, grölen, schwatzen, 367 singen und tollen so frisch und frei in die Luft, Gott und den alten Kaiser hinein, wie alles solches Volk das noch nichts erlebt, und weder Schmerzen, Gedanken, noch Gram empfunden hat.

Zur Sache, wenn's beliebt.

Er ruft sie herbei, Wallroß, der sinnige Menschenfreund, und sie lassen sich's denn auch bei einer Flasche alten Rheinweins gefallen. Der jüngste, ich glaube er heißt Drossel oder so ähnlich (ich bin in der Ornithologie nie sehr zu Hause gewesen), singt, und wie er von dem Geburtstage hört, improvisirt er sogleich ein herrliches Lied, in welchem Reime und tiefsinnige Gedanken nur so durch einander purzeln, und die höchsten Gefühle der Menschheit sich so ächt lyrisch verklären, und doch wieder so kindlich abstümpern und unterbuttern, daß das gerührte Wallroß im Erstaunen badet, und in einem Meer von Wonne schwimmt, und so in Plaisir plätschert, daß er wiederholentlich seine Floßfedern über dem Kopf freudig zusammenschlägt, sich die Schuppen auf seinem Haupte sträuben, und der Kerl toll und voll, besoffen und torklig wird.

Unanständiges Reden, sagte der Prediger verdrüßlich.

Volksthümlich, Hochwürden, sagte der Küster; nun entdeckt sich's aber, daß der Großherr der Gewässer und der Großsultan unsers Städtchens sich, statt zweier Gimpel oder Handwerksburschen, zwei ächte unsterbliche Enakskinder, Riesen, Helden von der unüberwindlichen Schaar, Silberschildige himmel-stürmende Titanen eingefangen hatte.

Macht Euch deutlich, Mensch.

Zwei der neusten Literaten waren es nehmlich, Argyraspiden, die mehr nach silbernen Schildthalern trachten, als sie Schilde besitzen oder errungen haben, die den Himmel des Reichthums, der Ehren und des Adels stürmen wollen, 368 nicht, um ihn zu vernichten, sondern um sich in die erledigten Sessel hinein zu setzen: kurz, zwei Stammhalter des deutschen Volks, der Cultur und der Wissenschaft, die wahren artesischen Brunnen, die uns aus dem Mittelpunkte der Erde jenes Urnaß sprühen und befruchten lassen, das –

Unausstehlicher Schwätzer! rief der Superintendent.

Wenn man sich gebildet ausdrückt, wenn man sich bestrebt in der wahren Hieroglyphe ächter Menschheit-Symbolik – –

O, bester Emmeran, ich bitte Sie ums Himmels willen, sagte der Superintendent dringend und höflich, ich beschwöre Sie, sprechen Sie, wie ein ordinairer Mensch.

Der Küster verbeugte sich und fuhr dann fort: wenn man nicht zu den ordinairen gehört, ist es schwer, einem solchen Befehl Folge zu leisten. Wie gesagt, die Gäste gefielen dem Wirth, der Wirth gefiel den Gästen, und so sind diese drei auch seit jenem Tage beinah unzertrennlich. Wallroß hat sich in ihre hohen Mysterien einweihen lassen, er hat alle die Grade erhalten, die sie nur selbst besitzen, und ist alsbald Meister vom Stuhl geworden. Nun begreifen Sie auch wohl, wie dieser umragolte, neu aufgerissene, umpflügte, gedüngte, mit Jauche vieler Tageblätter besprengte Wallroß diese mächtigen Orakelsprüche von sich geben kann. – Im Umsehn hat er die Geheimnisse der Philosophie und alle ihre Formeln erhascht: das Allwissen ist ihm ohne Mühwaltung geworden, Samuel hat ihn zum Könige gesalbt, die Tinktur ist über ihn ausgegossen, die alles Nichtwissen in Wissen umwandelt, er hat sich durch eignen Kraftwillen zugleich zum Propheten umgesetzt, ohne einer Propheten-Schule zu bedürfen, und so steht unser Wallroß neu erschaffen in seiner Glorie da.

Allein, Küster, sagte dessen Vorgesetzter: wenn ich das 369 auch begreifen möchte, – wo bleibt jene angeborne, angewohnte und festgewurzelte Bescheidenheit, die wir alle an unserm Wallroß so liebten?

Verehrungswürdiger, sagte der Küster, er war drei oder vier und dreißig Jahre unendlich bescheiden gewesen, und dergleichen Tugend hält entweder für das ganze Leben vor, und artet in Blödigkeit und Menschenfurcht aus, oder sie schlägt über, und wird dann nothwendig Stolz, Anmaßung, Selbstgenügsamkeit und Unverschämtheit. Weil unser Wallroß so kindlich demüthig war, grade deshalb ist er nun in seiner Bekehrung ein so ganz grober Gesell geworden. Kann er nun wieder drei oder vier und dreißig Jahr diese Insolenz verbrauchen, so hebt es sich dann mit seinem stillen Wesen ganz richtig auf. Unser großer Göthe – Sie kennen ihn doch?

Narr! sagte der Priester.

Erkusiren meinen unziemlichen Zweifel, fuhr der Küster fort: – unser großer Göthe also hat sich in einem seiner leichten Gedichte mal einen Einfall erlaubt, der unserer deutschen jungen Jugend außerordentlich nachtheilig gewesen ist: er sagt nehmlich dort scheinbar ganz apodiktisch: »nur die Lumpen sind bescheiden.« –

Teufel noch einmal! stieß der Geistliche heraus. Gott verzeih mir meine Sünde!

Warum sich entsetzen? erwiederte der bedächtige Emmeran; ich darf behaupten, daß grade Sie, Herr Snperintendent, derselben Meinung sind.

Das werde ich fein fleißig bleiben lassen! sagte jener.

Und doch – sprach der Küster. Denn wie oft habe ich Sie wahrhaft erboßt gesehen, der Sie doch ein christlich gelassener Mann sind – wenn so ein kleiner, blasser, dünnleibiger, verlegner Candidat, dem man es in jedem Bückling 370 ansah, daß er nichts gelernt hatte, wenn ein so schmächtiger Nichtsmensch, in dessen heiserer Stimme noch immer der Präses von Saufgelagen schnorrte, und der nur so Melodie brummte, aber eigentlich verstummte, der Worte dusselte, indem er nichts dachte, wenn ein solcher Nirgendaus dann von seiner Bescheidenheit sprach, daß er keine Anmaßung besitze, daß er alle Frechheit und Arroganz hasse: – aus der Haut wollten Sie ja fahren wegen dieser Anmaßung auf seine verfluchte Bescheidenheit. – Wäre der Kerl doch lieber grob und ungezogen, hörte ich Sie einmal heraus poltern, als daß er jetzt süßlich thun will und sich so frömmelnd anstellt: denn ein Mensch, der was gelernt hat, mag wohl selbst ungezogen seyn, weil er sich fühlt, vollends in der Jugend, und seinen Vorgesetzten anschnauzen. – aber so ein verhagelter Taugenichts, der wie eine Vogelscheuche aussieht, in welche das Gewitter eingeschlagen hat, der soll mir nicht mit seiner Bescheidenheit angezogen kommen, wenn ich ihm dafür nicht mit den allergröbsten Redensarten seinen Bescheid geben soll. –

Ich erinnere mich nicht, sagte der Priester, daß ich mich jemals solcher Ausdrücke bedient hätte: indessen fahren Sie fort.

So hörte ich einmal, sprach der Küster, einen lieben herrlichen Mann eifern und wettern, als ihn ein solcher lispelnder Tausendsasa verlassen hatte; dessen drittes Wort war immer gewesen, wie ungeheuer bescheiden er sei, und daß er mindestens auf diese Tugend der Bescheidenheit Anspruch machen könne, wenn er auch gar keinen andern Vorzug oder sonst kein Talent besitzen sollte. Worauf (eiferte jener Gelehrte) ist denn dieser Lumpenhund bescheiden? der Mensch kann und darf ja nur bescheiden seyn, wenn er ein großes Talent an sich kennt, wenn er ungeheure Kenntnisse besitzt, wenn er das Glück gehabt hat, irgend etwas Ausgezeichnetes zu thun, das Vielen heilsam war, worüber alle 371 erstaunen dürfen. wenn ein solcher sich in der Masse gewöhnlicher Menschen nicht vordrängt, wenn seine Mienen, sein Gespräch, sein Anstand und seine Geberden so gar nichts Besonderes haben, er keine Auszeichnung erwartet, sondern selber vergißt, daß er so etwas Apartes sei, und behaglich mit den übrigen Menschenkindern so hin lebt, als wenn er ihres Gleichen wäre, so nennt man einen solchen wahrhaft edlen Menschen bescheiden, und man darf behaupten, daß an ihm diese Bescheidenheit eine ächte schöne Tugend sei.

So habe ich auch immer geglaubt, sagte der Priester.

Gewiß, fuhr der Küster fort, kann es Göthe auch nur so gemeint haben, daß ihm, so wie Ihnen, jene widerwärtigen hochmüthigen Tugendheuchler zuwider waren, die die Bescheidenen spielen, indem sie im Stillen die Anmaßendsten aller Menschen sind. Ich habe solcher Burschen gekannt, die ums dritte Wort sagten: »Ich bin nur ein dummer Junge, ich kann darüber nicht mitsprechen; ach Gott! ich habe nichts gelernt, ich bin ein Nichts; wer mit mir umgeht, wer mit mir spricht, der würdigt sich herab; ach! durch Ihren Tadel werde ich erst Etwas.« – Und nach acht Tagen sprachen sie von Leibnitz und Newton, von Keppler und Haller, als wie von dummen Jungen. Es ist also auch recht verdrüßlich, daß in dem Gedicht der »Luise« der junge liebende Candidat, der noch gar nichts vorstellen kann, immer so schlicht hin, der »edle bescheidene Walther« genannt wird. Nicht wahr?

Läßt sich hören, sagte der Geistliche.

Wenn nun Göthe, fuhr der Küster fort, jenen ächten klassischen Lumpenhunden ihre sogenannte Bescheidenheit vorwirft, so darf man mit dieser oder einer ähnlichen Erklärung den Text wohl billigen. Seit dies unselige Wort aber 372 ausgesprochen ist, rennen die allerächtesten Lumpen, die auf nichts in der Welt stolz seyn dürften, von allen Seiten herbei und schreien: ihr werft uns Grobheit, Unverschämtheit vor, daß wir keinen wollen gelten lassen, daß wir das große Wort führen, wenn wir auch nicht wissen, wovon die Rede ist – aber: habt ihr es denn vergessen? »nur die Lumpen sind bescheiden!« sagt unser großer Göthe, unser Göthe, – – unsern nennen sie den Gestorbenen, der ihnen nicht war, nie werden kann, und der von ihnen durch Sonnenfernen getrennt ist.

Küster, sagte der Priester, indem er mit nachdenklicher Miene eine Prise nahm, – Ihr könntet wirklich einige unsrer berühmten Gedichte mit einem eindringlichen Commentar herausgeben; denn es ist nicht ohne, daß den guten Autoren oft das Wort im Munde verdreht wird. – Aber woher wißt Ihr alle diese Umstände so genau, von diesen Literaten, diesen Enakskindern und so weiter?

Weil ich eben auch zu ihrem Bunde gehöre, antwortete der Küster. Sehn Sie, mein edler Vorgesetzter, mir ist es ganz auf eine ähnliche Art, wie unserm zarten Wallroß gegangen. Ich lebte lange hier in diesem Nest, zwar von Ihnen ausgebrütet, aber doch nach Jahren noch nicht flügge geworden. Was half es mir denn, daß ich unsern Jean Paul, Thümmel, Lichtenberg, Utz und nach Gelegenheit den Lykophron, so wie Nicolai's Schriften studirt hatte? Bei keinem Menschen hatte ich Autorität, weil ich in diesem irdischen Leben nur ein Küster vorstellte. Wir verabscheuen die Kasten-Einrichtungen der Indianer und den Abscheu ihrer Braminen dort vor einem Paria – aber wir Erleuchteten? Man nenne doch nur einen Küster, einen Schneider, einen Blasebalgtreter, einen Nachtwächter, Wurstmacher, Perücken-Baumeister, bei irgend einer feierlichen Gelegenheit: – einen 373 Schulmeister, – einen Lumpensammler gar nicht einmal zu nennen – wenn über das Wesen der Milchstraße, oder die Centripetal- und Centrifugal-Kraft, die letzten Klauseln und Pfiffe der Ethik, die Mysterien der Gnostiker oder ähnliche Raritäten ein gründliches Urtheil abgegeben werde soll – man lacht nur, wenn man sich auf obige Notabilitäten berufen möchte. Und doch war Jakob Böhme ein Schuster und die Guyon nur ein Frauenzimmer, der Feldmarschall Dörflinger ein Schneider und Jean Paul nur ein Titular-Legations-Rath, den Chirurgus Schiller nicht zu erwähnen.

Aber Ihr, Küster, sprach der Superintendent – –

Ja, sagte der, diese Carbonari der Literatur, diese armen herumziehenden Zigeuner, die auch vom Wahrsagen leben, und nur den Händen, die ihnen etwas verabreichen, Glück wünschen und prophezeien, diese großen Männer, Götter-Jünglinge und Dioskuren haben denn auch mein glänzendes Verdienst unter meiner bescheidenen Hülle entdeckt, und mich zu ihrem Bruder angenommen. Die Sache ist simpel diese: die Herren haben einen hohen unermeßlichen Geist, aber was man so gemeinhin Kenntnisse nennt, besitzen sie fast gar nicht, und diese sich anzueignen, ist beinah immer das Kennzeichen eines geringen Ingenii. – Nun, da sie über alles sprechen, suppeditire ich ihnen dermalen theologische Ideen und Entdeckungen, Vorfälle bei unserer Kirche, Anekdoten aus der Stadt, biographische Nachrichten von Ihnen, meinem höchst verehrten Gönner: alle diese stoffartigen Materialien verdauen nun diese hohen Geistmenschen, und kneten in ihren Berichten, indem sie den Zimmt und Zucker ihres Genie's hinzufügen und drüberstreuen, einen sehr genießlichen Brei. –

Plagt Euch – rief der Superintendent – das gränzt ja an Felonie und Crimen laesae. Wenn ich Euch nun bei den höchsten Behörden anklagte.

374 Dank sollten Sie mir es wissen, mein Gönner, sagte der Küster ganz ruhig, herzlichen Dank: denn da diese Erfindungsreichen das Schreiben doch nicht lassen werden, und da ihnen Notizliches zu ihrem Treiben nothwendig ist, so ist es ein wahres Glück, oder vielmehr eine günstige Fügung des Schicksals, daß sie sich an mich, einen tugendhaften, unbestechlichen, rein moralischen Mann gewendet haben. Nun habe ich Gelegenheit, Ihnen für alle genossene Güte meinen Dank abzustatten, indem ich nun, fast mit Uebertreibung, alle Ihre Vorzüge und Gaben herausstreiche. Wie, wenn nun ein Pasquillant verbrüderter Mitarbeiter jener Verehrungswürdigen wäre? So bin ich wie ein Blitzableiter an Ihren ehrwürdigen Leichnam gestellt.

Mein guter Freund, sagte der Superintendent entrüstet, Er treibt da ein gefährliches Handwerk, ich warne Ihn, es kann Ihn um seine Stelle bringen.

Da müßten wir, sagte der Küster ruhig lächelnd, kein Jahrhundert haben, keinen Zeitgeist, kein Fortschreiten und Veredeln der Menschheit. Wenn ich nachher mein Schicksal beschriebe, und daß ich als das Opfer einer kleinlichen Cabale gefallen sei, – welch Halloh würde sich in allen deutschen Gauen erheben. Nein, mein guter Consistorialrath, lassen Sie uns gute Freunde bleiben, und schließen wir ein Paktum ab, damit wir unsre Grenzmarken immer erkennen mögen. Ich bin höflich, ergeben, artig gegen Sie, als meinen Vorgesetzten. Aber Sie sind es eben so gegen mich, da ich ein Mann des Volks bin, einer der die Coulissen mit schieben hilft, wenn sich die Dekoration der Zeitgeschichte verwandeln soll. Selten nennen Sie mich »Sie« das mag hingehen – die Anrede »Ihr« ist aus einer guten, biedern, altdeutschen Zeit noch zu uns herüber gekommen, – aber das »Er«, was Ihnen manchmal herausfährt, muß ich mir, 375 besonders wenn andere Menschen zugegen sind, durchaus verbitten: das widerspricht unserer Bildung. Erlauben Sie es sich doch, so nehme ich in jenen Blättern unter der Aegide jener hochgeherzten Freunde meine Rache, und Insinuationen, Anspielungen, Anekdötchen, ja pasquillantische Einfälle und Ausfälle dürften schwerlich ausbleiben. –

Sein Sie bescheiden! Mann! rief der Priester mit rothem Gesicht.

Der Küster lächelte und sprach: unser großer Göthe sagt: Nur die Lumpen sind bescheiden.


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