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Liebeswerben

Ludwig Tieck: Liebeswerben - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Sechsundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleLiebeswerben
pages124
created20130810
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Rath Witte war indessen im Städtchen angekommen und der Präsident hatte wirklich seinen Schwiegersohn begleitet. Der Bürgermeister fühlte sich sehr glücklich und ebenso dessen Tochter, die ihre Gespielin, Henriette, mit größter Freude empfing. Alle begaben sich nach dem schön gelegenen Weinberge, und die Fremden waren mit den Einrichtungen, welche der Bürgermeister und dessen Tochter getroffen hatten, sehr zufrieden.

Indessen war auch durch die Stadt manches Gerücht gelaufen, und die Thatsachen, die es betraf, waren natürlicherweise ziemlich entstellt worden. So erzählte man sich unter Schaudern, daß eine große Räuberbande sich in der Gegend umtreibe und vor einiger Zeit nächtlicherweise dem reichen Wallroß aufgelauert habe. Andre meinten, Gespenster seien es, die jetzt von Zeit zu Zeit zu erscheinen anfingen, um den friedlichen Bürger und Landmann zu beunruhigen. Ebenso hatte auch schon von der wunderbegabten Prophetin verlauten wollen, und man war so freigebig, das schon Unbegreifliche dieser Erscheinungen in ein noch seltsameres Licht zu stellen. Man wollte sichtlich und persönlich verschiedene Teufel in mancherlei Farben und Formirungen gesehen, Stimmen gehört haben, und Feuerzeichen, ja Erdbeben und Orkan, Alles hatten einige Schwätzer erlebt und meinten, die Obrigkeit müsse dazu thun, um dem 460 unchristlichen Unfug zu steuern. Diese blinden Gerüchte und thörichten Legenden fanden selbst bei manchen Klügeren einigen Glauben, als der junge Amsel plötzlich verschwunden war, an dessen Gegenwart sich die Einwohner des Städtchens so gewöhnt hatten, daß sie sich Lindhorst ohne den jüngern Freund gar nicht mehr denken konnten. Daher war es Vielen eine ausgemachte Sache, daß jene beschriebenen Teufel den Unglücklichen wirklich geholt hätten. Als man später erfuhr, er habe sich mit jener fremden Edeldame vermählt und lebe ruhig und vergnügt in einem fremden Lande, wollten die strengeren Gemüther sogar dieser Nachricht keinen Glauben schenken.

Das Wunderbare und Gespenstische hatte sich allenthalben verbreitet, und es war zu vermuthen, daß die Hellseherin und ihr Doktor nicht lange mehr einsam und unbesucht auf jenem Dorfe verharren würden. Wallroß machte indessen alle Anstalten, um seine Pilgerfahrt bald antreten zu können, und es lag nur noch daran, daß er die bedeutenden Summen, die dazu und zu jenem wohlthätigen Institut erforderlich waren, nicht so schnell ablösen und beweglich machen konnte.

Der Rath Witte war sehr verstimmt, denn es war so gekommen, wie er es vorhergesehen hatte. Ihm war nehmlich der Auftrag geworden, auf seiner Reise zugleich einigen verdächtigen Individuen nachzuspüren, von denen er vielleicht durch mühsames Forschen in diesen Gegenden einige Nachricht erhalten könnte. Seine Gattin suchte ihn zu trösten, aber deren Schwester, Henriette, war über die Aussicht entzückt, vielleicht mit einigen politischen Verbrechern oder extravaganten, überspannten Jünglingen in Verbindung zu kommen, oder wenigstens ihre Bekanntschaft zu machen. Es war ihr nicht sonderlich schwer, die Tochter des Bürgermeisters 461 und durch diese den würdigen Mann selbst dahin zu vermögen, daß die Herren Wallroß und Lindhorst zu einem Mittagsmahl eingeladen wurden. Der Rath Witte gab nach, weil er hoffen durfte, für seine Aufträge den Mittag benutzen zu können, da ihm auch der Name Lindhorst durch seine Verzeichnisse der halb verdächtigen Personen kein fremder war. Der alte Präsident aber blieb mit der ältesten Tochter, der Gattin des Raths, auf dem Weinberge draußen, weil er dort einen Besuch aus der Residenz erwartete, und die junge Frau, die sich nach dem Landleben gesehnt hatte, nicht gleich einen der ersten Tage durch überlästige Gesellschaft sich verderben wollte.

So versammelte man sich also im Hause des Bürgermeisters, welcher noch seinen alten Freund, den Superintendenten, als das zweite Haupt der Stadt, eingeladen hatte.

Die beiden jungen Frauenzimmer, Henriette und Julie, mußten vorzüglich die Gesellschaft beleben, die beim Anfang der Mahlzeit etwas verlegen schien, vorzüglich war es Wallroß, der sich nicht recht zu benehmen wußte, weil seine Einbildung noch ganz von dem erfüllt war, was er kürzlich erlebt hatte, ihn auch seine großen Pläne ganz ausschließlich beschäftigten; Lindhorst war ängstlich und einsylbig, weil es ihm nicht unbekannt war, daß der Rath Witte zu jener Kommission gehörte, die in den Prozessen gegen die verdächtige Jugend thätig war. Am verlegensten machte ihn aber Henriette, in welcher er jene junge Dame erkannte, bei der er im Bade und auf den Spaziergängen kürzlich als reicher Graf figurirt hatte. Sie war mit einer Tante auf einige Tage dort gewesen und hatte für die Tochter der Alten gegolten. Sie lachte überlaut, als er vor Beschämung kein Wort zu sagen wußte, als sie ihn gleich damit anredete, daß er ehemals vielleicht den Namen Graf geführt habe. 462 Er erholte sich erst, als das Entgegenkommen der muthwilligen Henriette ihn dreister und gesprächiger machte, und es gelang ihm, von ihr aufgemuntert, seine ganze Liebenswürdigkeit zu entfalten. Im Verlauf der Gespräche benutzte der Rath freilich diese hingebende Heiterkeit, um sich bei ihm nach jenem viel berüchtigten Wilderer zu erkundigen. Lindhorst fühlte sich von Neuem beängstigt, gestand aber doch ziemlich freimüthig, daß er vor Zeiten mit diesem gefährlichen Menschen allerdings in ziemlich freundschaftlichen Verhältnissen gewesen sei, ihn aber schon seit lange völlig aus den Augen verloren habe und deshalb auch keine Nachricht von ihm geben könne, wo er sich jetzt etwa aufhalten möge. Der Rath Witte ging nun zur Erzählung der vielfachen Frevel über, die dieser Wilderer nach der Aussage vieler seiner ehemaligen Gehülfen und Vertrauten sich hatte zu Schulden kommen lassen, und Lindhorst war froh, als das Gespräch nach einiger Zeit eine andere Wendung nahm. Dies geschah, indem ein fremder Mann, der Geheimerath Walther, eintrat. Dieser hatte seinen Freund, den Präsidenten, hier in dieser Gesellschaft zu treffen gehofft, und es war natürlich, daß er, das Mißverständniß eingestehend, den dringenden Einladungen des Bürgermeisters nachgab und an dem Mittagsmahle und der Gesellschaft Theil nahm.

Der Geheimerath, der den Bürgermeister und Superintendenten schon kannte, betrachtete Wallroß und Lindhorst um so genauer, und es entging ihm nicht, daß die übermüthige Henriette sich für den Letzteren besonders zu interessiren schien. Walther erzählte von einigen merkwürdigen Fällen, die sich in der Residenz zugetragen hatten, von seltsamen magnetischen Kuren, von sonderbaren Prophezeiungen und dergleichen Dingen, die bald nicht mehr zu den Seltenheiten gehören würden. Dies setzte die Zunge des 463 Geistlichen in Bewegung, der von seinem Küster schon Vieles von jener Hellsehenden und ihrem sie begleitenden Wunderdoktor vernommen hatte. Wir sind schon so weit vorgedrungen, sagte der Theologe in seinem Zorne, daß uns alle jene wahrhaftigen Wunder, von denen uns die Schrift meldet, bald als Kinderei und unbedeutende Kleinigkeit erscheinen werden. Man sieht durch Mauern weit in die Ferne hinein, und wird uns auf diesem Wege bald alle Telegraphen, geschweige die Briefposten, unnütz machen. Bis zu dem Mond und den Sternen hinauf muß sich bald unsere Erkenntniß erstrecken, und man wird alle Teleskopen und die astronomischen Beobachtungen verlachen dürfen. Die Zukunft ist uns kein verschlossenes Buch mehr, sondern jeder Naseweis wird bald darin mit Muthwillen herumblättern, nach Wohlgefallen Ohren hinein kneifen und sich das Wohlgefälligste abschreiben. Geister, Verstorbene, aus allen Jahrhunderten, treiben sich wie Mäuse und Ratten in den Ställen und Scheunen umher, und wie eine dumme Magd nur einmal gähnt und das Maul etwas weit aufsperrt, springen die Bannisirten in die langweilige Kreatur hinein, verschanzen sich in ihr und toben und gestikuliren, lästern und prophezeien aus ihr heraus nach Herzenslust und zur ergötzlichen Erbauung von Priestern, Staatsbeamten und Doktoren, die berühmten Philosophen gar nicht einmal mitgerechnet. Was wir bis jetzt Vorzeit genannt haben, geht auch völlig unter, und nicht bloß die Gleichmachung der Stände, sondern auch der Zeiten ist gelungen, denn Alles wird, wie in höchster mystischer Extase, Gegenwart. Denn diese Geister, oder die Hellsehende selbst durch eigne Kraft sieht in jeden beliebigen verflossenen Zeitraum hinein, so deutlich und bestimmt, wie in ihre kleine Stube, und der räthselhafte Nimrod oder geheimnißvolle Melchisedek steht deutlicher vor ihr, als der 464 thönerne Goliath aus ihrem Ofen. So haben wir schon ein gedrucktes Buch, welches eine unwissende, aber wunderwirkende Nonne diktirt hat, in welchem die Passion des Erlösers so deutlich und klar beschrieben ist, mit den kleinsten Nebenumständen, Lokalitäten, Kleidern und Zufälligkeiten, daß unsere Evangelien nur dagegen dämmernde Fragmente sind. Und dieser Aberwitz eines kranken Gehirns, diese komödischen Phantasieen werden selbst von manchem Geistlichen mit einer Art von Ehrfurcht betrachtet, und weder Zorn noch Witz, weder Satire noch religiöser Eifer erhebt sich in unserm deutschen Vaterlande gegen diese Entweihung des Heiligen. Nun treten auch noch die höllischen Heerschaaren auf und wollen wie aus Brodneid ebenfalls mitspielen. Der Exorcismus meldet sich natürlicherweise, wir hören die Gotteslästerungen der Teufel, um uns zu bekehren, endlich siegt das göttliche Wort und sie fahren wieder aus. Wahrlich, als der Dichter vor vierzig oder mehr Jahren sang:

Wie schön, o Mensch, mit Deinem Palmenzweige
Stehst Du an des Jahrhunderts Neige –

dachte er an diese unermeßlichen Fortschritte nicht. Man hat den Geschmack an dem gesunden Menschenverstand fast völlig verloren, weil er eben etwas so Ordinäres war und wir der pikanten Reizmittel jetzt bedürfen.

Vielleicht müßte man jetzt »Runkelrüben-Zweige« singen, sagte lächelnd der Geheimrath. Merkwürdig sind für den Beobachter alle diese Symptome. Der künftige Psycholog wird vielleicht annehmen, daß Meinungen, Aberglauben, viele Richtungen und Erscheinungen der Zeit sich ebenso als Contagium verbreiten, wie Pest und andere ansteckende Krankheiten. Die große Nüchternheit der ehemaligen Aufklärer wird durch den Aberglauben der neuen Glaubenshelden bedeutend überboten. Die Berliner Monatsschrift und Biester 465 und Nicolai erringen sich jetzt eine Art von Ehrenerklärung. Damals meinte man, der Glaube sei nur ein Mangel, eine Unfähigkeit, zu denken und zu philosophiren. Die Sprecher jener Zeit und die Tausende ihrer Anhänger hatten es nie erlebt und konnten es nicht wissen, welche belebende Kraft im Glauben wirkt, und Tiefsinn, Anschauung und Liebe erweckt. Ihnen war er nur eine Negation, eine Abwesenheit des Denkvermögens. Wie leicht war damals das Leben, wie bequem die Philosphie! Was frühere Geister gedacht oder geschaut hatten, war völlig vergessen: warf ein neumodiger Denker einmal einen Blick in diese veralteten Schriften, so erregten sie ihm nur Lachen. Die Reaktion konnte nicht ausbleiben, und sie trat wirklich ein. Aus dem Schönen und Heiligen, aus Kunst und Liebe entwickelte sich wieder der bessere Sinn. Der Glanz des Lebens trat wieder aus der Dämmerung hervor und selbst die strengen Denker konnten erst und wollten sich nachher dem Andrang dieser süßen Gewalt nicht mehr erwehren. Die edelsten Geister strebten Philosophie und Religion nicht nur zu versöhnen, sondern beide große Gotteserscheinungen eine durch die andere zu kräftigen. Aber nicht lange, so erwachten und erwuchsen aus diesen edelsten Bestrebungen auch Fanatismus und Aberglaube. Der verzärtelte Hochmuth bemächtigte sich der Herrschaft, und alle Wunder der Natur und Erkenntniß sollen diesem Stolze und Eigensinn, der Verfolgung und dem Aberwitze dienen. Und fügten sich die Regierungen, die Obrigkeit und die Kirche, so wie vormals, diesen Schwärmereien, so hätten wir in wenigen Jahren wieder Hexenprozesse und Scheiterhaufen. Nun hat sich das Blatt völlig umgewendet. Die Schwärmer sehen jetzt nur in dem, was sie Glauben nennen, Kraft und Geistesthätigkeit, ihnen ist Zweifel, ja die göttliche Vernunft 466 selbst nur Negation und Abwesenheit des Gedankens. Sie verstehen es nicht mehr, daß auch der Zweifel vom wahren Geiste erregt wird, und daß der wahre Glaube so zu sagen nur auf der Basis des tiefsinnigen Zweifels mit Sicherheit ruhen kann. Sie citiren so oft für ihren Wahn die alten Schriften und verschmähen selbst die Kirchenväter nicht, wenn diese ihrer Lehre dienen, aber diese Aussagen der großen Gottesgelehrten und erleuchteten Frommen ignoriren sie klüglich, um ihre fratzenhaften Luftgebilde nicht selbst zu zerstören.

Wallroß betrachtete den Redenden aufmerksam, weil diese Lehren zu seinen Ansichten und Hoffnungen keinesweges paßten. Der Geistliche nahm nun wieder das Wort und erzählte noch Manches, was er von seinem Küster gehört hatte; Wallroß wurde befragt, und so kam denn die Schilderung der Baronin, der Hellsehenden und auch des Arztes umständlicher vor. Plötzlich rief Walther: nach Allem, was ich hier erfahre, kann dieser sogenannte Arzt kein anderer, als jener gefährliche Wilderer seyn, den wir schon so lange suchen.

Ich zweifle kaum mehr, sagte der Rath Witte, denn alle angegebenen Kennzeichen passen auf diesen Landläufer. Henriette mischte sich in das Gespräch und zeigte eine große Begierde, einen solchen Mann, von dem so viel Bedenkliches erzählt wurde, in Augenschein zu nehmen. Dazu kann Rath werden, mein Fräulein, erwiederte Walther, denn gewiß ist es unsere Pflicht, uns dieses Menschen, der wenigstens ein verdächtiges Handwerk treibt, zu versichern und ihn zu examiniren, ob er sich als ein rechtlicher Mann ausweisen kann.

Wallroß brach in Lobeserhebungen des Arztes aus, lobte 467 seine Menschenfreundlichkeit und seine uneigennützige Bemühung, wie er als ein Wohlthäter mit Aufopferung von Zeit und Geld ein Krankenhaus gestiftet habe, welches bald als eine blühende Anstalt seinen Segen in jener entlegenen Provinz verbreiten würde. Der Rath Witte sah ihn scharf an, schüttelte mit dem Kopfe und sagte dann: Herr Lindhorst! Sie müssen uns ja am besten darüber belehren können, da Sie ihn gekannt haben, ob Wilderer und dieser wohlthätige Doktor eine und dieselbe Person sind. Lindhorst verwünschte innerlich diese Gespräche, und daß er sich habe verleiten lassen, an dieser Gesellschaft Theil zu nehmen. Er zögerte mit der Antwort und sagte endlich: Sie erinnern sich, Herr Rath, daß ich diesen Wilderer seit manchem Jahre nicht gesehen habe, er war damals noch jünger, frischer, man kann sich zu Zeiten sehr verändern, er führt aber authentische Pässe mit sich, er genoß das unbeschränkte Vertrauen einer vornehmen Dame; Wilderer, so viel ich weiß, hat niemals Medizin studirt, und dieser Mann ist ein einflußreicher Doktor, so daß ich mich für meine Person überzeugt halten muß, er und jener Wilderer seien zwei ganz verschiedene Wesen.

Die kluge und aufmerksame Henriette merkte wohl, welchen Eindruck diese schwankende Antwort auf ihren Schwager mache, der jetzt überzeugt war, daß Lindhorst mit jenem Wilderer zusammenhänge, daß Beide verdächtige Abentheurer seien: sie mußte merken, daß auch der Geheimerath diesen Glauben theile; dachte sie doch selber ebenso. Nur war es ihr ängstlich, daß der junge Mann, ihr Nachbar, gefährdet werden könne, als sie sah, daß man einige Beamte auf das Dorf sandte, um sich dieses vermeintlichen Wilderer oder vorgeblichen Arztes wenigstens in so weit zu versichern, 468 daß er nicht entweichen könne, ohne vorher von sich Rede und Antwort gegeben zu haben.

Der Bürgermeister hatte sogleich, als der Geheimerath angekommen war, einen Eilboten nach seinem Weinberge hinausgeschickt. um den Präsidenten zu benachrichtigen und anzufragen, ob es diesem vielleicht gefällig sei, nach der Stadt zu kommen. Jetzt, indem man sich vom Tische erhob, hörte man einen Wagen vorfahren, und der Bürgermeister, der an das Fenster getreten war, meldete die Ankunft des Präsidenten. Der Rath Witte hatte mit seinem scharfen Inquisitor-Auge entdeckt, daß Lindhorst die Gelegenheit benutzen würde, um sich schnell zu entfernen, er fürchtete, daß er sogar Stadt und Provinz eiligst verlassen würde, er faßte ihn also unter den Arm und zog ihn an ein Fenster, indem er sich den Anschein gab, sich eifrig bei dem jungen Schriftsteller nach literarischen Gegenständen zu erkundigen, die ihn sehr interessirten. Ihr Gespräch über einige dieser Produkte wurde aber gleich im Beginn gestört und beendigt, indem man im andern Zimmer einen großen Tumult vernahm und Beide neugierig und erschreckt in den benachbarten Saal eilten.

Kaum war der Präsident, um den Freund und die Gesellschaft zu begrüßen, in diesen getreten, als Wallroß entsetzt, bestürzt, außer Fassung mit der stärksten Kraft seiner Lunge aufschrie: O meine Elisa! Also hast Du dennoch Deinen tyrannischen Brüdern nachgegeben und Dich diesem Scheusal, diesem alten widerwärtigen Präsidenten aus Feigheit schnöde verkuppeln lassen? O, warum hast Du mir das gethan? Nach diesen vielen Versicherungen Deiner inbrünstigen Liebe? Nach diesen heiligen Schwüren?

So sehr Alle erstaunten, so war die Tochter des 469 Präsidenten, welche er am Arme führte, am meisten entsetzt. Es traf sich zufällig, daß sie wirklich Elisa hieß, und es ist begreiflich, daß der Rath Witte sich seiner Gattin annahm, der Präsident den Wüthenden mit sonderbaren Blicken maß, der Bürgermeister und alle Andere den bis dahin ruhigen Wallroß als einen Rasenden betrachteten, den plötzlich die Wuth befallen habe. Nur Lindhorst begriff zu seinem tödtlichen Schrecken den Zusammenhang und wünschte sich tausend Meilen entfernt zu seyn, konnte aber den Saal nicht verlassen, weil sich der Rath schon wieder an ihn gehängt hatte und Wallroß ihn überdies zum Zeugen aufrief, als den vertrauten Freund, der das ganze Liebes-Verhältniß zwischen ihm und der schönen Elisa geleitet habe.

Als man sich vom ersten Schrecken erholt hatte, als Wallroß zu merken anfing, wie man ihn hintergangen und betrogen habe, setzten sich Alle wieder, und der alte Präsident lenkte die Untersuchung. Es ist nicht zu beschreiben, wie sehr Lindhorst beschämt wurde, als Punkt für Punkt sein Betrug und die fortgesetzte Lüge an den Tag kam: ebenso verlegen, verwirrt und ganz außer Fassung kam Wallroß, als es ihm immer deutlicher wurde, wie grob man ihn hintergangen hatte. Er bezeichnete die Geschenke, die er zu verschiedenen Zeiten gemacht, er nahm die Briefe, die ihm so theuer waren, und die er immer bei sich trug, aus seiner Schreibtafel, er erzählte von dem nächtlichen meuchlerischen Anfall, und es bedurfte keines Geständnisses, um einzusehen, daß Lindhorst und Amsel ihren Wohlthäter und Beschützer mit Schlägen gemißhandelt hatten. Nun kam auch in der Erzählung die Gestalt des rettenden Doktors zum Vorschein, und der ganz zerknirschte Lindhorst nahm jetzt keinen Anstand mehr, zu bekennen, daß dieser der vielberüchtigte Wilderer 470 sei, der seitdem mit ihm und Amsel als Diktator geschaltet habe. Wallroß bat den Präsidenten und dessen Tochter Elisa um Verzeihung, die ihm von Allen, da er der Leidende und Getäuschte war, gern bewilligt wurde. Er ging nach Hause, von Allen bemitleidet, wenn gleich auf den meisten Lippen ein leises Lächeln schwebte. Er mußte froh seyn, wenigstens jenes Kapital, welches er dem Krankenhause widmen wollte, gerettet zu haben, auch versprach Lindhorst, die Juwelen, die noch in seinem Besitz seien, zurückzustellen.

Lindhorst durfte sich nicht verwundern, wenn ihm der Präsident und die Räthe Arrest ankündigten. Man verschloß ihn einstweilen in ein abgelegenes Zimmer im Hause des Bürgermeisters, dessen Fenster vergittert waren, und das schon ehemals zum Gefängniß gedient hatte.

Die Männer entfernten sich, und als sich Elisa, Henriette und Julie allein sahen, sprachen sie über diesen seltsamen Vorfall, der sie Alle gleich sehr überrascht hatte. Die muthwillige Henriette erwiederte auf die vernünftigen Betrachtungen der älteren Schwester: Der Ausgang dieser Begebenheit ist ganz unerträglich prosaisch. Der hübsche Lindhorst ein ordinärer Arrestant. Er, der nur in der Wirklichkeit so etwas ausgeführt hat, wie es mich in den Dichtungen Balzac's und anderer neuen Poeten so innig ergötzt. Und er hat doch noch weit bis zu jenem Criminel, da er mir doch auch so interessant ist. Göttlich ist die nächtliche Prügelei. Wie freue ich mich nun, diesen noch größeren Wilderer zu sehen, welcher wieder die Prügelnden prügelt und den Betrug nun ins Große spielt, sich mit dem Teufel selbst verbindet und den schmachtenden Wallroß nach Rom und Jerusalem oder Palermo schicken will.

Elisa tadelte diese Schadenfreude und ging mit dem 471 Vater und dem Gatten in Begleitung des Geheimenrathes wieder nach dem Weinberge. Henriette blieb in der Stadt, um den großen Verdächtigen und interessanten Vagabunden kennen zu lernen. Aber es sollte ihrer Schadenfreude nicht so gut werden, denn Wilderer, der vom Küster gehört hatte, daß der Präsident angekommen war, ging weislich allen Fragen aus dem Wege und war mit seiner prophetischen Frau schon verschwunden, als die Beamten ihn aufsuchen und festhalten wollten.

Der Bürgermeister erschrak, als am folgenden Tage auch Lindhorst, der zum Verhör gerufen werden sollte, nicht mehr in seiner fest verschlossenen Klause anzutreffen war. Das Räthsel löste sich aber bald, da die Richter inne wurden, daß Henriette die Flucht befördert und möglich gemacht hatte. Man suchte den Skandal so viel als möglich zu vermeiden, und Julie, die Helferin und Mitwisserin war, schwamm in Thränen. Der Präsident bemühte sich, Alles zum Guten zu vermitteln, er sandte, nachdem er mit seiner Tochter Henriette ein langes und ernstes Gespräch geführt hatte, einen vertrauten und klugen Mann dem Entflohenen nach, in der Hoffnung, daß Lindhorst sich zu einem ordentlichen Menschen umsetzen würde und seine Tochter in der Ehe ihren Hang zum Thöricht-Romantischen mäßigen dürfte. Denn verheirathet wurde nach einigen Wochen der jugendliche Verbrecher oder Verirrte mit der Schwärmerin, und der Präsident mochte ihr das Vermögen, welches ihr von der Mutter zukam, nicht vorenthalten.

Die beiden jungen Eheleute lebten eine Zeitlang in der benachbarten Provinz, sie versöhnten sich nachher völlig mit der Familie; Lindhorst ward gesetzt und Henriette las, als sie ein gesundes Kind nährte, weniger. Doch wollten einige 472 boshafte Menschenkenner behaupten, der Gemahl habe ihr vor seiner Bekehrung besser als in seiner Tugendhaftigkeit gefallen. Wallroß vereinigte sich wieder mit den gesetzten Leuten der Stadt, seinen ehemaligen Freunden, und vermählte sich nach wenigen Monden mit Julien, der Tochter des Bürgermeisters.

 


 

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