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Liebeswerben

Ludwig Tieck: Liebeswerben - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Sechsundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1839
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleLiebeswerben
pages124
created20130810
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die beiden jungen Freunde waren in einem Zustande, den man wohl als den einer kalten Verzweiflung bezeichnen könnte. Sie überlegten hin und her, und es schien kein anderer Ausweg, als der vorgezeichnete zu bleiben. Wenn wir etwas gelernt hätten, sagte endlich Lindhorst, so wäre es eigentlich viel bequemer, ein honetter rechtlicher Mensch zu seyn. Es ist ein verdammtes Treiben, nur immer so mitzulaufen und auf keiner Kenntniß, keiner Wissenschaft in Sicherheit fußen zu können. Ja! rief er lebhaft aus, ich gelobe es hiemit feierlich, befreit mich mein guter Genius, der mich vielleicht noch nicht aufgegeben hat, aus diesem Drangsal, so will ich ein einfacher, ordentlicher, fleißiger Mensch werden: in einem kleinen Amte, einer gewöhnlichen Beschäftigung, diese verdammte Genialität ablegen und vergessen. Kraftlos, nüchtern, albern sind diese unsre Bestrebungen und es muß eine Wollust seyn, irgend wo in einer ächten Wissenschaft zu Hause zu seyn, und von einem sichern Mittelpunkt den Umkreis seiner Kenntnisse täglich erweitern zu können.

Die Freunde wurden bestürzt, als sie ihren Gefährten Wallroß besuchten, diesen so tiefsinnig, fast ganz verwandelt wieder anzutreffen. Ich gestehe, sagte dieser, noch niemals in meinem Leben hat etwas diesen Eindruck auf mich gemacht, wie jene Hellsehende, die Baronin und jener wunderbare Arzt. Ich bin durch diese Bekanntschaft, und was ich 454 dort erlebte, wie in eine andere Sphäre entrückt worden. Ich ahndete nicht, daß so etwas möglich sei und daß solche Kräfte und Gefühle in mir schlummerten, wie sich seitdem in meinem Wesen entwickelt haben. Ja hier, hier, meine Freunde, liegt das wahre Feld des Wissens, die höchste Kraft der Menschheit und das tiefsinnigste Erkennen. Ich kann schwerlich behaupten, daß mir jetzt noch Elisa für meine Liebe so nothwendig wie vordem seyn kann: es ist jetzt mehr, als wenn der Besitz dieses Wesens mir unentbehrlich sei, um mich ganz reif und für die höchsten Erkenntnisse empfänglich zu machen. Noch niemals hat mir ein Mensch ein solches Vertrauen eingeflößt, wie dieser Doktor: ein Mann, so begabt, mit solchen Talenten ausgerüstet und doch so schlicht und einfach. Er, der das Wunderbarste kennt und veranlaßt, der in der nächsten Verbindung mit der Geisterwelt steht, und von diesen unbegreiflichen Ereignissen wie von den alltäglichsten Dingen spricht. Wie bin ich nur gewürdigt worden, in eine Gemeinschaft mit ihm, dieser Baronin und jener wunderbar frommen Frau zu treten, die schon jetzt nur dem Himmel lebt, und von Visionen und den Heerschaaren der Unsichtbaren genährt wird. –

Es war bald darauf, daß der Doktor Rumberg Wallroß und die übrigen besuchte, um sie wieder nach jenem Dorfe zu geleiten, in welchem die Baronin und die Hellsehende wohnte. Diesmal gingen sie auf dem Fußsteige, so empfindlich auch dem beleibten Wallroß im Emporsteigen die Hitze fiel; doch bald empfing sie der kühlende Wald. Sie wollten durch die Abfahrt der Equipage kein Aufsehn erregen, denn so geheim auch alles betrieben wurde, so war doch schon etwas von der Wunderkraft der Hellsehenden im Städtchen verlautet. Und darum hatten sie es auch dem wißbegierigen Küster nicht abschlagen können, ihre Gesellschaft zu 455 vermehren, der sich mit eignen Augen von den überirdischen Erscheinungen überzeugen wollte. Da der Küster zu den vertrautesten Freunden des Zirkels gehörte, so hatte der Doktor den dringenden Bitten und Vorstellungen des gutmüthigen Wallroß nachgeben müssen, der gern seinem Freunde Emmeran diesen Genuß und Zuwachs seiner Kenntnisse gönnen wollte.

Mit dem schwersten Herzen wandelte der junge Amsel, der sich immerdar seine sonderbare Aufgabe wiederholte und noch nicht begriff, wie er sie würde lösen können. Als man angekommen war, trat ihnen die Baronin feierlich entgegen, die Amsel heut mit einem forschenden Auge betrachtete, ob er die künftige Ehegattin in ihr erkennen möchte. Heute, sagte die Edeldame, ist ein großer Tag, denn die Kranke hat schon gestern verkündigt, daß sich heute ganz vorzügliche Erscheinungen manifestiren würden.

Als sie alle in das Zimmer traten, lag die Kranke schon im magnetischen Schlaf. Alle setzten sich schweigend nieder und die Baronin schien nach ihren glänzenden Augen besonders inspirirt. Nie irrt sie sich, flüsterte sie Wallroß zu, und wir dürfen uns heut auf etwas Einziges gefaßt machen. – Sie sah den jungen verlegenen Amsel prüfend an, und lächelte vertraulich. Alles wird sich wahrscheinlich zum Glück entwickeln, so fuhr sie fort, denn die Heiligen bezwingen immerdar die bösen, dämonischen Kräfte.

Der Küster, welcher sich unter ganz fremde Menschen versetzt sah, blickte mißtrauisch umher, und betrachtete aufmerksam die Schlafende und fuhr entsetzt zurück, als diese jetzt mit hohlem Ton also begann: Ja, heute kann ich klarer schauen als sonst. Ich sehe die schöne Elisa, sie ist mehr getröstet, sie ist freudiger, sie hat durch einen Geist erfahren, daß sich in zwanzig Monden ihr Glück entschieden hat. Aber der Geliebte muß sie aufsuchen, er muß gleich, in wenigen 456 Tagen von hier reisen, erst durch Frankreich, dann durch Italien. Vier Monat soll er in Frankreich verweilen, vier in Ober-Italien, vier in Neapel, vier in Sicilien, und im zwanzigsten Monat, wenn er schon vier Monat in Rom verweilt hat, wird er sie auf der Stiege zum Kapitol, auf der dritten Stufe von unten, genau nach der dritten Stunde nach Mittage, treffen. Dann sind die Verfolger entwaffnet, gestorben, sie ist frei und Beherrscherin ihres großen Vermögens.

Wallroß schrieb mit großer Genauigkeit diese Prophezeiung in sein Taschenbuch nieder. Aber nicht genug mit diesem Opfer, er muß noch andere bringen, so fing sie wieder an. Bis Rom darf Lindhorst mitreisen, wenigstens begleitet er ihn nach Sicilien, von dort sendet er den Freund nach seiner Heimath zurück. Aber auch Wohlthäter der Menschheit, der Armen, der Kranken muß er werden, um sein Glück und seinen Reichthum zu verdienen. Unsre Freundin dort, die edle Gottgeliebte, sie hat meinem guten Arzt schon zehntausend Thaler für sein Krankenhaus gegeben, das er an der Grenze der Schweiz so segensreich gestiftet hat, das Doppelte wenigstens muß der edle Wallroß entrichten, wenn er sein Glück nicht selber zerstören will. Dann mag er, so bald er will, seine Reise antreten, nur muß er unterwegs nüchtern, keusch und mäßig verharren, allen Umgang mit den sogenannten Aufgeklärten vermeiden, Niemanden sein Geheimniß und die Absicht seiner Reise vertrauen und ja nicht den Tag vergessen, wann, von heut an, die zwanzig Monden verflossen seyn werden. Kann er sich zu diesen Opfern nicht verstehen, so ist ihm Elisa verloren.

Wallroß schrieb mit erneutem Eifer die Bedingungen nieder. Nein, sagte er dann, man soll mich treu und wahrhaft finden, indem er dem Doktor die Hand reichte. Dieser 457 drückte sie ihm herzlich und erwiederte: Die Armen, Gebeugten und Kranken, ja die ganze Menschheit dankt Dir, Bruder, dafür in meiner Person. Ich habe auch mein geringes Vermögen diesem schönen Zwecke geopfert und der Segen des Himmels läßt sich auch schon dort spüren, und wie erst, da ich nun durch Eure Wohlthaten im Stande bin, jenes Hospital zu erweitern. – Die Baronin reichte dem Arzt von der andern Seite mit zärtlichem Ausdrucke die Hand, indem sie zugleich Amsel forschend betrachtete, dem es schwer wurde, das Lachen zu unterdrücken, so verstimmt er übrigens war. Lindhorst begriff alles, und konnte es nur loben, mit welcher Klugheit der Doktor die Erfüllung so weit hinaus geschoben hatte. Er rechnete freilich darauf, daß in der nächsten Sitzung auch für ihn noch etwas durch die Prophetin würde abgeschlossen werden.

Die Büßerin kommt! schrie jetzt die Kranke mit gellender Stimme, so daß alle erschraken.

Jetzt, sagte die Baronin, werden noch viel merkwürdigere Erscheinungen eintreten, an denen die Psychologie, so wie die Religion die schönsten Beiträge und Erfahrungen erhalten. Es war sonderbar, daß jetzt die Kranke einen Dialog mit zwei ganz unterschiedlichen Stimmen führte. Die büßende Seele erzählte ihr von ihren Wanderungen, was sie unterwegs gehört, und wie vielen Teufeln sie begegnet sei. Jetzt fing der Küster Emmeran an, in sein Taschenbuch alles zu verzeichnen, was er vernahm. Wir werden Besuch bekommen, sprach die fremde Stimme aus der Kranken, zwei böse Geister werden sich hier einfinden und eine liebe, fromme Seele in Besitz nehmen. – Ich weiß, wen Du meinst, antwortete die natürliche Stimme, den zarten schönen Jüngling, das weiche Gemüth, welches ganz dem Göttlichen ergeben ist. –

458 Und wirklich fing jetzt Amsel an zu zittern, die Augen zu verdrehen, und indem sich alle noch über dieses sonderbare Ereigniß verwunderten, schlug Amsel mit Fäusten um sich und stieß unverständliche Laute aus. Keiner war jetzt so geschäftig, als die Baronin, ihm Hülfe zu leisten. Mit dem Ausdruck des Entzückens schlang sie die Arme um seine Brust und suchte ihn zu besänftigen. Auch schien ihre Berührung die bösen Geister etwas zu beruhigen. Allerhand Namen und Ausdrücke nannte jetzt Amsel mit gedämpfter Stimme, welche der Küster für hebräische erklärte und sie aufschreibend meinte, es müßten eben einige jener neu entdeckten Teufel seyn, die sich kund geben wollten. Die Kranke aber sagte: Wie nimmst Du heut so schnell Abschied, büßende Seele. Ja, Freund Amsel, Du bist bewährt, ein Auserwählter bist Du, und nur durch jene fromme Christin, durch das Band der heiligen Ehe kann Dir geholfen werden. Ihr reiset morgen, ich sehe es, ihr Begeisterten Beide, jenseits des Flusses seid ihr morgen für immer verbunden, und noch einmal werden die Bösen den guten Amsel heimsuchen. Dann ist er erlöset und durch Liebe des edelsten Wesens beglückt.

Die Posse war zu Ende gespielt, und Amsel war froh, so ungeschickt er sich auch als Komödiant betragen hatte, daß er zu seinem natürlichen Zustande so bald zurückkehren durfte. Die Baronin war in Freude und Entzücken, einen Geliebten und Gemahl zu besitzen, der ein wahrer, ächter Besessener sei. Amsel blieb dort, man rüstete sich, weil es die Prophetin so gewollt hatte, zur schnellen Abreise. Ganz in Tiefsinn verloren, kehrte Wallroß zur Stadt zurück und war unfähig, auf die Bemerkungen des Küsters zu hören, der aus den erlebten Erscheinungen die seltsamsten Folgerungen ziehen wollte. Richten wir uns ein, Freund Lindhorst, sagte Wallroß beim Abschiede, daß wir so bald als möglich 459 reisen können. um die arme Elisa zu erretten und mein Gelübde zu erfüllen. Ich werde die bedeutende Summe vorher dem wohlthätigen Arzte zum Heil der Menschheit ausliefern, ja ich möchte ganz arm werden, denn ich fühle es, ich neige mich durch Alles, was ich jetzt erlebt habe, ganz zur Frömmigkeit hin, und das Weltliche verliert allen Reiz für mich.


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