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Gutenberg > Ovid >

Liebeskunst

Ovid: Liebeskunst - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleOvids Werke, Fünfter Theil
authorOvid
translatorHeinrich Lindemann
firstpub1861
year1861
publisherVerlag von Wilhelm Engelmann
addressLeipzig
titleLiebeskunst
created20040831
sendergerd.bouillon
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Quid, modo cum belli navalis imagine Caesar
    Persidas induxit Cecropidasque rates?
Nempe ab utroque mari iuvenes, ab utroque puellae
    Venere; atque ingens orbis in urbe fuit.
Quis non invenit, turba quod amaret in illa?
    Eheu, quam multos advena torsit Amor!
Ecce, parat Caesar domito quod defuit orbi
    Addere. nunc, Oriens ultime, noster eris.
Parthe, dabis poenas: Crassi gaudete sepulti,
    Signaque barbaricas non bene passa manus.
Ultor adest primisque ducem profitetur in armis;
    Bellaque non puero tractat agenda puer.
Parcite natales timidi numerare deorum:
    Caesaribus virtus contigit ante diem.
Ingenium caeleste suis velocius annis
    Surgit et ignavae fert male damna morae.
Parvus erat manibusque duos Tirynthius angues
    Pressit, et in cunis iam Iove dignus erat.
Nunc quoque qui puer es, quantus tum, Bacche, fuisti,
    Cum timuit thyrsos India victa tuos!
Auspiciis animisque patris, puer, arma movebis,
    Et vinces animis auspiciisque patris.
Tale rudimentum tanto sub nomine debes,
    Nunc iuvenum princeps, deinde future senum.
Cum tibi sint fratres, fratres ulciscere laesos;
    Cumque pater tibi sit, iura tuere patris.
Induit arma tibi genitor patriaeque tuusque:
    Hostis ab invicto regna parente rapit.
Tu pia tela feres, sceleratas ille sagittas:
    Stabunt pro signis iusque piumque tuis.
Vincuntur causa Parthi; vincantur et armis.
    Eoas Latio dux meus addat opes.
Marsque pater Caesarque pater, date numen eunti.
    Est deus e vobis alter, et alter erit.
   



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    Ja, als Cäsar jüngst aufführte im Bilde der SeeschlachtV. 171 ff. Nach dem Siege über Antonius bei Actium führte Augustus dem Römischen Volke ein Bild, eine Nachahmung dieser Seeschlacht vor. Dazu wurde der nöthige Raum am Tiber ausgegraben, derselbe aus dem Strome gefüllt und die erbeuteten feindlichen Schiffe, theils von den Küsten Asiens (Persische), theils Griechische, besonders Athenische (aus Cecrops' Gebiet) hineingeschafft. Der Zusammenfluß der schaulustigen Menge, selbst von den entlegensten Küsten (von beiderlei Meer, dem östlichen und westlichen) Italiens, war ungeheuer, so daß der Dichter in einem Wortspiele sagt, der ganze Staat sei in der Stadt gewesen.
    Persische Schiffe zusammt Schiffen aus Cecrops' Gebiet;
Kamen von beiderlei Meer die Jünglinge, kamen die Mädchen;
    Und es befand in der Stadt sich der gewaltige Staat.
Wer hat da in dem Schwarm nicht, was er liebe, gefunden?
    Ach, wie viele nicht hat Lieb' aus der Fremde gequält!V. 176. Lieb' aus der Fremde, Liebe zu einer aus der Fremde Gekommenen.
Sieh, zur gebändigten Welt, was fehlt noch, zu fügen, bereitetV. 177–216. Theils Schmeichelei auf Augustus' Familie (vergl. zu Verw. 15, 447), theils patriotische Ergießung, woran der Dichter seinen Gegenstand V. 217 wieder sehr geschickt anknüpft.V. 177 ff. Die Parther, ein streitbares Volk, welches ein großes Gebiet südöstlich vom Caspischen Meere (im äußersten Osten) inne hatte. Widerstand den Römern mehrere Jahrhunderte hindurch. Insbesondere hatten sie zwei Römische Heere unter den beiden Crassus, Vater und Sohn, geschlagen und vernichtet, die genannten Führer gefangen und getödtet und die Römischen Fahnen erbeutet und beschimpft. Sie zu züchtigen und ihr Gebiet, das, um die Unterwerfung der damals bekannten Welt zu vollenden, allein noch fehlte, zu erobern, wurde zur Zeit der Abfassung dieses Gedichtes ein gewaltiger Heereszug gerüstet, an dessen Spitze der noch ganz junge (Knabe V. 182. 191; s. zu Verw. 1, 449) Enkel Augusts, der von diesem an Kindes Statt angenommene Sohn seiner Tochter Julia und des Agrippa, Cajus Cäsar, stehen sollte.
    Cäsar sich . Unser nun wirst, äußerster Osten, du sein.
Büßen sollst du, o Parther: frohlockt, ihr begrabenen Crassus;
    Fahnen auch, die ihr zum Schimpf fielt in Barbarengewalt.
Da ist der Rächer, ein Held, mit den ersten Waffen gerüstet,V. 181. A. Lesarten victor adest. in od. ab annis.
    Führt, noch Knabe, den Krieg, nicht für den Knaben gemacht.
Spart, ihr Verzagten, es euch, die Jahre zu zählen der Götter;
    Männlicher Sinn vor der Zeit ward den Cäsaren zu Theil.
Himmlischer Geist erhebt sich, voraus den eigenen Jahren
    Eilend, und duldet nur schwer trägen Verzuges Verlust.V. 186. Trägen Verzuges Verlust, die Nachtheile, welche die Folgen trägen Zögerns sind.
Klein noch war der Tirynthische Held und erdrückt' in den HändenV. 187. S. zu Verw. 9, 19. 66.
    Schlangen; und Jupiters werth war in der Wiege er schon.
Der du ein Knabe noch jetzt, wie groß warst, Bacchus, du damals,V. 189. S. ebend. zu 3, 553. 542. zu 4, 20.
    Als sich vor deinem Stab Indien beugte, besiegt!
Führen mit Segen und Muth des Vaters wirst du die Waffen,V. 191. A. L. annis für animis.
    Knabe; mit Segen und Muth siegen des Vaters im Kampf.
Solche Erprobung bist so großem Namen du schuldig;
    Jetzt der Jünglinge Haupt wirst du, der Greise dereinst.
Rache, da Brüder du hast, nimm für die beleidigten Brüder;V. 195. Beleidigt, in ihren Rechten, ihrer Anwartschaft auf Statthaltereien beeinträchtigt, sind die Brüder, Lucius und der nach dem Tode seines Vaters geborne Agrippa, insofern sie die nächsten Anverwandten des Herrschers selbst und seine Erben waren.
    Da ein Vater dir lebt, schütze des Vaters Gebiet.V. 196. Des Vaters, des Adoptivvaters, da der rechte längst todt war
An dir legt der Vater des Lands und deiner die Waffen;
    Unbesieget beraubt sieht sich der Vater vom Feind.V. 198 bezieht sich auf den Abfall Armeniens zu den Parthern, gegen welches auch zunächst der Zug gerichtet war. – Obgleich die meisten Handschriften invicto geben, hat man doch ohne alle Motivirung invito angenommen. Wer wird sich auch mit Willen berauben lassen! Wie sinnvoll ist dagegen invicto! Zwar geschlagen, aber unbesiegt.
Du wirst Waffen der Pflicht, er führen die Pfeile des Frevels;V. 199 f. Die Parther kämpften zum Theil noch mit Bogen und Pfeil. Frevel war es natürlich, sich gegen die Römer zu verteidigen, und Recht und Pflicht, sie zu unterwerfen.
    Her vor deinem Panier gehen das Recht und die Pflicht.V. 200. Gem. Lesart stabit.
Rechtlich erliegt der Parther, er unterlieg' auch in Waffen;V. 201. Rechtlich, vom Standpuncte des Rechtes aus.
    Und mit des Ostens Gebiet Latium mehre mein Held.V. 202. Latium hier soviel als das Römische Reich, dessen Herz und Uranfang Latium war. – A. L. dux novus.
Vater Mars, gieb Segen, und Vater Cäsar, dem Zuge.V. 203. Vater ist Ehrenbenennung aller Götter, (s.zu Verw. 13, 669) folglich auch der unter die Götter versetzten und göttlich verehrten Menschen, als deren einen die Schmeichelei des Dichters den Cäsar Augustus schon jetzt bezeichnet. Mars kann aber auch ganz eigentlich Vater genannt werden als Vater des Romulus, des Gründers der Stadt und Stifters des Reiches.
    Gott ist Jener, und sein wird es der Andre von euch.V. 204. Der bisher in den Ausgaben herrschende Text lautet nam deus e vobis alter es, alter erit und beruht auf der Lesart der Aldinen. Die bekannten Handschriften geben jedoch est deus in vobis alter, et alter erit; und diese Fassung, nur mit Verbesserung von in in e oder ex halten wir für vorzüglicher und für die echte, da est, wie es der Sinn verlangt, mit Nachdruck an die Spitze kommt, während es in jener ganz verschwindet.
Auguror, en, vinces; votivaque carmina reddam,
    Et magno nobis ore sonandus eris.
Consistes aciemque meis hortabere verbis.
    O desint animis ne mea verba tuis!
Tergaque Parthorum Romanaque pectora dicam,
    Telaque, ab averso quae iacit hostis equo.
Qui fugis, ut vincas, quid victo, Parthe, relinquis?
    Parthe, malum iam nunc Mars tuus omen habet.
Ergo erit illa dies, qua tu, pulcherrime rerum,
    Quattuor in niveis aureus ibis equis.
Ibunt ante duces onerati colla catenis,
    Ne possint tuti, qua prius, esse fuga.
Spectabunt laeti iuvenes mistaeque puellae,
    Diffundetque animos omnibus ista dies.
Atque aliqua ex illis cum regum nomina quaeret,
    Quae loca, qui montes quaeve ferantur aquae:
Omnia responde, nec tantum si qua rogabit;
    Et quae nescieris, ut bene nota refer.
Hic est Euphrates, praecinctus arundine frontem;
    Cui coma dependet caerula, Tigris erit.
Hos facis Armenios; haec est Danaeia Persis;
    Urbs in Achaemeniis vallibus ista fuit.
Ille vel ille, duces: et erunt, quae nomina dicas:
    Si poteris, vere; si minus, apta tamen.
Dant etiam positis aditum convivia mensis:
    Est aliquid praeter vina quod inde petas.
Saepe illic positi teneris adducta lacertis
    Purpureus Bacchi cornua pressit Amor.
Vinaque cum bibulas sparsere Cupidinis alas,
    Permanet et capto stat gravis ille loco.
Ille quidem pennas velociter excutit udas;
    Sed tamen et spargi pectus amore nocet.
Vina parant animos faciuntque caloribus aptos;
    Cura fugit multo diluiturque mero.
Tunc veniunt risus, tunc pauper cornua sumit,
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    Ja, ich seh' es, du siegst; die gelobten Lieder entricht' ich,V. 205. Die gelobten Lieder entricht' ich, die Lieder, welche ich für den Fall, daß du siegest, zu dichten den Göttern gelobt habe, werde ich als ein schuldiges Opfer entrichten. Vergl. Verw. 8, 152 n. A.
    Und in erhabenem Ton wirst du gesungen von uns.
Stand denn gefaßt und die Schlacht mit meinen Worten begeistert!V. 207. Mit meinen Worten, entweder mit diesen meinen prophetischen, sicheren Sieg verheißenden Worten; oder mit der Verheißung, von mir besungen zu werden. – Tuis verbis, wie einige Handschriften lesen, würde keine besondere Schmeichelei sein.
    Möge nur deinem Muth würdig entsprechen mein Wort.
Singen werd' ich die Brust der Römer, den Rücken der Parther,V. 209 f. Die Brust, den muthigen Kampf mit dem Feinde zugewendeter Brust; den Rücken, die Flucht. – Pfeile, die &c., auf der Flucht. Von den Scythen und Parthern berichtet Plutarch, daß sie auch auf der Flucht noch ihre Pfeile abgeschossen hätten und daher fliehend noch ebenso gefährlich gewesen wären als Stand haltend. Daraus erklärt sich das Folgende.
    Pfeile, die sendet der Feind von dem gewendeten Roß.
Der, um zu siegen, du fliehst, was bleibt dir, Parther, besiegt dann?V. 211 f. Was bleibt dir &c, was bleibt dir, wann du nun besiegt sein wirst, zu thun übrig, wenn du schon, ohne besiegt zu sein, fliehst? Es steht übel um die Aussicht, das Vertrauen auf Sieg bei demjenigen, welcher, um zu siegen, flieht. – Dein Kampf, deine Art zu kämpfen. – Die gem. Lesart ist quid fugis, ut vincas? quid victos, P., relinquis? Für quid hat eine Handschrift quod, eine andere quo; weßhalb Heinsius wenigstens sehr passend, wenn auch nicht gerade nothwendig, qui vermuthet hat, das auch wir beibehalten haben. Dagegen giebt victos durchaus keinen erträglichen Sinn. und es muß mit einigen Quellen victo gelesen werden, was auch durch Arond. mit quid te victo parte relinques bestätigt wird.
    Parther, es deutet dein Kampf jetzt schon auf schlimmen Erfolg.
Drum wird kommen der Tag, wo prangend in Gold, o Erhabner,V. 213 f. Wo prangend &c., wo du den Triumphzug halten wirst. S. zu Verw. 1, 560.
    Ziehen du wirst mit vier schneeigen Rossen daher.
Ziehen dir werden voran die Führer mit Ketten belastet,V. 215 f. Die Führer selbstverständlich der Feinde. – Daß sie nicht &c. sarkastisch.
    Daß sie nicht suchen ihr Heil können, wie früher, in Flucht.
Zusehn werden vergnügt die Bursche vereint mit den Mädchen,
    Und der Tag wird hoch Allen erfreuen das Herz.
Und wann Manche davon nach den Namen der Könige forschet,V. 219 ff. Wann du, der du eine Geliebte suchst, die Eine oder Andere von den Mädchen fragen hörst &c. – Der Könige, entweder eben der vorher genannten Führer, oder der überhaupt besiegten, nicht gerade gefangenen Fürsten, die auf Bildern dargestellt dem Zuge vorgetragen wurden. Es wurden aber nicht blos diese bildlich dargestellt, sondern auch die vorzüglichsten Örtlichkeiten des feindlichen Landes, das Schlachtfeld, Berge, Flüsse, ganze Provinzen mit ihren Völkerschaften, zum Theil personificirt, in Bildern aufgeführt.
    Was für Örter und Berg' oder Gewässer man trägt;
Gieb auf Alles Bescheid; auch warte nicht erst auf die Frage.
    Auch was wissen du nicht solltest, erzähl' als bekannt.
Das ist der Euphrat hier, mit Rohr umkränzet die Stirne;V. 223 f. S. Verw. 9, 3. 32 n. Anmerkungen.
    Den mit dem bläulichen Haar lasse den Tigris du sein,
Nenne Armenier die; das ist der Dánae Persis;V. 225. Der Danae Persis, Persien, welches nach Herodot seinen Namen von Perses, Sohne des Perseus und Enkel der Danae, bekommen haben soll. Da nun die Landschaft als persönliches Wesen dargestellt war, so konnte der Dichter sie auch mit einem Abstammungsnamen belegen. – Ohne Noth und ohne Grund hat Heinsius hier, wie an mehreren anderen Stellen des Dichters, z. B. Verw. 2, 131, wo man sehe, den imperat. fut. facito für d. gem. Lsrt fac aufgebracht. Facis, wie cod. Reg. und zwei andere geben, ist das unzweifelhafte Echte.
    Eine Stadt war dies in Achämenischer Au.V. 226. In Achämenischen Au'n, in Persien, f. zu Verw. 4, 209.
Der und der sind Häupter; du wirst angeben schon Namen:
    Wahre. wofern du es kannst; passende aber, wo nicht.
Schmäuse auch bahnen den Weg an den lang hinstehenden Tafeln;V. 229. Eine weitere Gelegenheit Bekanntschaften zu machen. – An den langhinstehenden Tafeln, blos malend. S. zu Verw. 5, 40.
    Da zu erholen Etwas giebt es noch außer dem Wein.
Da zog oft an den Hörnern den aufgetragenen BacchusV. 231 f. Die Liebe überwand die Trinklust, bildlich ausgedrückt, Amor den Bacchus; und da Bacchus mit Hörnern gedacht und dargestellt wurde, so ist die Art desKampfes und Sieges wie bei einem Stiere. Vergl. Verw. 9, 84. – Aufgetragen wurde der Wein (Bacchus) erst nach der Hauptmahlzeit, und derselbe bildete somit einen besonderen Abschnitt des Schmauses oder vielmehr das Ende der eigentlichen Mahlzeit. Daher die so häufige ausdrückliche Erwähnung des Auftragens des Weines. Vergl. Verw. 4, 765. 8, 674 n. A. Liebeserg. I, 4, 7. – Das wol allein richtige positi giebt nur Reg. Gem. Lesart positis, leicht erklärlicher Irrthum.
    Amor, der rosige, zwang ihn mit dem niedlichen Arm.
Sind vom Weine besprengt die durstigen Flügel Cupidos,V. 233 f. Und wird hinwiederum die Liebe vom Weine angeregt, so kann man sich ihrer nicht erwehren. – Durstig heißen die Flügel, insofern sie Feuchtigkeit anzunehmen geeignet, porös sind. So die Flügelschuhe des Perseus Verw. 4, 730. Daher auch gewöhnliches Beiwort des Sandes. – Nimmt er Stellung &c., wie so oft bei dem kriegerischen Römer, vom Kriegswesen hergenommener Ausdruck. – Coepto od. cepto, wie die Handschriften größtenteils haben, sucht Heinsius umsonst zu vertheidigen.
    Nimmt er Stellung und steht fest und voll Würde am Platz.
Zwar es schüttelt behend das feuchte Gefieder Cupido;V. 235. Mag man auch widerstreben und das erwachende Gefühl rasch zu unterdrücken suchen, es ist umsonst, man ist schlimm daran, wenn das Herz einmal mit dem Weine auch nur einige Tropfen Liebe eingesogen hat. – Die bildliche Darstellung fließt zuletzt mit der eigentlichen zusammen oder geht in diese über. Dies verkannte Burmann und wollte docet für nocet lesen. Der Dichter, raisonnirt er, könne doch seine Kunst nicht schädlich nennen, nicht sagen, daß es schade, wenn die Brust mit Liebe besprengt werde. Das sagt aber der Dichter auch keineswegs, sondern im Gegentheil, daß das Widerstreben (das Schütteln des Gefieders) nichts helfe, sondern, wie gesagt, schon ein schwaches durch den Wein erregtes Liebesgefühl eben dem Widerstrebenden schade, d. h. seinen Widerstand wirkungslos mache. – Für et, das den Sinn nicht unwesentlich klärt und hebt, spargi giebt cod. Pal. aspergi, was Dan. Heinsius mit Unrecht für besser erklärt.
    Doch daß Liebe die Brust auch nur besprengte, ist schlimm.
Wein erreget das Herz und macht es für Liebe empfänglich;
    Sorge entflieht; hinweg spült sie der reichliche Wein.
Dann kommt Lachen und Lust, dann wachsen die Hörner dem Armen,V. 239. Dem Armen wachsen die Hörner, s. zu Verw. 4, 19 und vergl. Liebeserg. III. 11, 6 n. A.
    Tunc dolor et curae rugaque frontis abit.
Tunc aperit mentes aevo rarissima nostro
    Simplicitas, artes excutiente deo.
Illic saepe animos iuvenum rapuere puellae;
    Et Venus in vinis, ignis in igne, fuit.
Hic tu fallaci nimium ne crede lucernae.
    Iudicio formae noxque merumque nocent.
Luce deas caeloque Paris spectavit aperto,
    Cum dixit Veneri: Vincis utramque, Venus.
Nocte latent mendae, vitioque ignoscitur omni;
    Horaque formosam quamlibet illa facit.
Consule de gemmis, de tincta murice lana,
    Consule de facie corporibusque diem.
Quid tibi femineos coetus, venatibus aptos,
    Enumerem? numero cedet arena meo.
Quid referam Baias praetextaque littora velis,
    Et, quae de calido sulfure fumat, aquam?
Hinc aliquis vulnus referens in pectore, dixit:
    Non haec, ut fama est, unda salubris erat.
Ecce, suburbanae templum nemorale Dianae
    Partaque per gladios regna nocente manu:
Illa, quod est virgo, quod tela Cupidinis odit,
    Multa dedit populo vulnera, multa dabit.
Hactenus, unde legas quod ames, ubi retia ponas,
    Praecipit imparibus vecta Thalia rotis.
Nunc tibi, quae placuit, quas sit capienda per artes,
    Dicere praecipuae molior artis opus.
Quisquis ubique viri, dociles advertite mentes;
    Pollicitisque favens, vulgus, adeste meis.
Prima tuae menti veniat fiducia, cunctas
    Posse capi; capies: tu modo tende plagas.
Vere prius volucres taceant, aestate cicadae;
    Maenalius lepori det sua terga canis:
Femina quam iuveni, blande tentata, repugnet.
    Haec quoque, quam poteris credere nolle, volet.
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        Dann weicht Kummer und Schmerz, weichen die Runzeln der Stirn.
Dann schließt auf ihr Herz die in unseren Zeiten so seltne
    Einfalt, während der Gott alle Verstellung verscheucht.V. 242. Der Gott, der Weingott.
Da hat oft schon geraubt das Herz dem Jüngling das Mädchen;
    Venus war in dem Wein, Feuer in Feuer, versteckt.V. 244. Gem. Lesart Venus in venis.
Da gieb Glauben du nicht zu viel der betrüglichen Lampe;V. 245. Der Lampe. Nur Öllampen kannte das Alterthum, und noch dazu erst das spätere, während man in früheren Zeiten blos Kienspäne, dann eine Art Wachs und Talglichte hatte, welche aber sehr roh sein mochten, da sie bei Wohlhabenden und Vornehmen der Öllampe weichen mußten. Diese war von Thon oder Bronze, auch Silber, Gold, Glas und Marmor, von sehr verschiedener Form, doch stets zierlich, ganz niedrig und gewöhnlich ohne Fuß; denn sie hing entweder an der Decke oder war in einen Kandelaber eingefügt und hatte von einem bis zu zehn und mehr Döchten. Vergl. Verw. 12, 247, wo man in der Uebersetzung Flammen statt Kerzen lese.
    Denn der Schönheit Gericht schaden die Nacht und der Wein.V. 246. Der Schönheit Gericht, der Beurtheilung der Schönheit.
Tag war's, heitere Luft, da Paris die Göttinnen schaute,V. 247 f. Das bekannte Urtheil des Paris. S. zu Verw. 13, 574. – A. Lesart Utramque deam.
    Und zu Venus er sprach: Beide besiegest du sie.
Nachts entziehn sich die Fehler, und jedem Gebrechen verzeiht man:
    Schön macht nächtliche Zeit Jegliche, wie sie auch sei.
Über den Edelstein, die Wolle, gefärbt mit der Schnecke,V. 251. Die Wolle, gefärbt mit der Schnecke, mit der Purpurschnecke, mit Purpur.
    Über Gesicht und Leib ziehe zu Rathe den Tag.
Was soll auf ich dir zählen die Frauenvereine zu JagdenV. 253 f. Die Frauenvereine, keine modernen, sondern, wie sich gleich zeigt, Gelegenheiten und Orte, wo viele Frauen sich zusammenfinden, auf welche der Genuß Suchende Jagd machen kann, und zwar außer den in der Stadt selbst sich darbietenden Gelegenheiten. Als Curiosum führen wir an, wie der alte Merula gemeint hat, der Dichter zeige hier, daß Liebhaber auch in Wäldern Mädchen gewinnen könnten, zumal wenn sie (jene oder diese?) Vergnügen an der Jagd fänden; was die Amsterdamer Ausgabe von 1683 treuherzig nachschreibt.
    Passend? mit meiner Zahl kann sich nicht messen der Sand.
Was soll Bajä ich nennen, den Strand mit Segeln verbrämet,V. 255 f. »Nicht nur unter den zahlreichen Bädern Italiens behauptete Bajä entschieden den Vorrang, sondern der Ort galt überhaupt im Alterthume für einen der reizendsten, und das dortige Leben für das vergnüglichste. Die Stadt lag am völlig ebenen Strande des Meeres, aber im Rücken umschloß sie ein Kranz grün bewachsener Hügel. Die außerordentliche Milde des Klimas machte den Ort auch im Winter zum angenehmen Aufenthalte, und es war keine Jahreszeit, wo die Bäume nicht Früchte, die Fluren und Gärten nicht Blumen dargeboten hätten. Die Quellen waren von sehr verschiedenem Gehalte und ihre Heilkraft mannigfaltig. Vorzüglich waren es aber die heißen Schwefeldämpfe, welche an mehreren Orten hervorbrachen, die man zu Schwitzbädern benutzte. War wegen der wohlthätigen Wirkungen dieser Quellen das Bad von zahlreichen Kranken besucht, so mochte gewiß noch weit größer die Menge derer sein, die blos des Vergnügens wegen von Rom, dem nahen Neapel und der übrigen Umgegend her sich an den Ort begaben, der ganz geschaffen schien, um dort ein Leben voller Annehmlichkeit zu führen. Und will man die Frequenz eines Bades bestimmen, so wird Bajä als Maaßstab genommen.« Beckers Gallus I, 133 ff. Daß der Strand daher von Fahrzeugen, die theils dem Verkehre, theils dem Vergnügen dienten, wimmelte und mit Segeln wie verbrämt war, ist leicht denkbar. – Für velis hat Fragm. Oxon. bais, worin Heinsius ohne Grund Baulis (eine unmittelbar am Meere gelegene Ortschaft bei Bajä) vermuthete. – Dann ist noch manat in einem Theile der Handschriften für fumat, sowie aqua für aquam zu bemerken.
    Und das Wasser, das heiß dampft von des Schwefels Gehalt?
Hier wegtragend die Wund' in der Brust hat Mancher gesagt schon:
    Nicht entsprechend dem Ruf hat sich das Wasser bewährt.
Siehe nicht weit von der Stadt den Tempel Dianens im Walde,V. 259 f. In der Nähe der Stadt, ungefähr 15 altrömische oder drei deutsche Meilen von Rom, bei Aricia, stand in einem Haine ein Tempel der Taurischen oder Scythischen (s. Verw. 14, 331. 15, 489 n. A.) Diana, und dies war eine Art Wallfahrtsort, folglich für den vom Dichter im Auge gehabten Zweck ebenfalls sehr geeignet. Wahrscheinlich wurden hier in früheren Zeiten der Göttin flüchtig gewordene Sclaven geopfert, und davon rührte es muthmaßlich her, daß die Priester der Göttin Sclaven waren, d. h. nur Sclaven sein durften; und zwar konnten die Bewerber um das Priesterthum nur durch Kampf auf Leben und Tod mit den vorhandenen Priestern und Sieg über dieselben zu dem Priesterthume und den damit verbundenen Vortheilen (Reich) gelangen. Der Tödter wurde jedesmal der Nachfolger des Getödteten. – Für den lateinkundigen Leser bemerken wir noch, daß der Begriff von suburbanus weit umfassender war, als unsere Vorstadt, und noch weiter ausgedehnt wurde, als es hier von Ovid geschehen ist.
    Und das Reich, das erwirbt schuldige Faust mit dem Schwert!
Diese, dieweil sie haßt die Pfeile Cupidos als Jungfrau,V. 261 f. Der Göttin selbst und ihrer Eigenschaft als strenge Jungfrau wird zugeschrieben, was bei der Wallfahrt nach ihrem Tempel geschah.
    Schlug der Wunden schon viel, wird sie noch schlagen dem Volk.
Soweit lehrt, ungleichen Gespanns hinrollend, Thalia,V. 263. Ungleichen Gespannes (im Original mit ungleichen Rädern), in sechsfüßigen (Hexametern) und fünffüßigen (Pentametern) Versen. S. zu Liebeserg. I, 1, 1. – Thalia, die Muse der komischen Dicht- und Darstellungskunst, welche mit dem Hirtenstabe in der einen, mit der komischen Maske in der andern Hand dargestellt wurde. Auf Wagen fahren übrigens alle Gottheiten. – A. Lesarten retia tendas für ponas; modis für rotis.
    Wo du zu wählen ein Lieb hast und zu stellen das Netz.
Jetzt die besondere Kunst, durch welcherlei Mittel zu fahn sei,
    Die gefallen dir hat, bin ich zu lehren bemüht.
All' ihr Männer umher, neigt zu mir gelehrige Ohren;
    Komme herbei, o Volk, meinem Versprechen geneigt.V. 268. Adesto, wie viele Handschriften, durch vulgus verführt, haben, wäre prosodisch anstößig.
Faß im Herzen zuerst das Vertraun, daß alle sich lassen
    Fahn, und du wirst sie fahn; spanne die Netze nur aus.
Eher wol schwiegen die Vögel im Lenz, die Cicaden im Sommer,
    Kehrte den Rücken dem Wild zu der Mänalische Hund;V. 272. Der Mänalische Hund, der Arcadische, vom Berge Mänalus daselbst. Arcadien war wegen seiner Berge und Wälder ein berühmtes Jagdland, und die Arcadische Hunderace vorzüglich zum Jagen. Vergl. Verw. 3, 210.
Als ein Mädchen, mit Schmeicheln versucht, sich entzöge dem Jüngling.
    Die auch, von der du glaubst, daß sie nicht wolle, sie will.
Utque viro furtiva venus, sic grata puellae.
    Vir male dissimulat, tectius illa cupit.
Conveniat maribus, ne quam nos ante rogemus:
    Femina iam partes victa rogantis agat.
Mollibus in pratis admugit femina tauro;
    Femina cornipedi semper adhinnit equo.
Parcior in nobis nec tam furiosa libido:
    Legitimum finem flamma virilis habet.
Byblida quid referam, vetito quae fratris amore
    Arsit et est laqueo fortiter ulta nefas?
Myrrha patrem, sed non quo filia debet, amavit:
    Et nunc obducto cortice pressa latet.
Illius et lacrimis, quas arbore fundit odora,
    Ungimur; et dominae nomina gutta tenet.
Forte sub umbrosis nemorosae vallibus Idae
    Candidus, armenti gloria, taurus erat,
Signatus tenui media inter cornua nigro:
    Una fuit labes; caetera lactis erant.
Illum Gnosiadesque Cydoneaeque iuvencae
    Optarunt tergo sustinuisse suo.
Pasiphae fieri gaudebat adultera tauri;
    Invida formosas oderat illa boves.
Nota cano. non hoc, centum quae sustinet urbes;
    Quamvis sit mendax, Creta negare potest.
Ipsa novas frondes et prata tenerrima tauro
    Fertur inassueta subsecuisse manu.
It comes armentis; nec ituram cura moratur
    Coniugis: et Minos a bove victus erat.
Quo tibi, Pasiphae, pretiosas sumere vestes?
    Iste tuus nullas sentit adulter opes.
Quid tibi cum speculo montana armenta petenti?
    Quid toties positas fingis, inepta, comas?
Crede tamen speculo, quod te negat esse iuvencam.
    Quam cuperes fronti cornua nata tuae!
Sive placet Minos: nullus quaeratur adulter;
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    Gleichwie dem Mann die verstohlene Lust, so schmeckt sie dem Weib auch;
    Übel verhehlt es der Mann, stiller begehret das Weib.
Einig seien die Männer, zuerst nicht Eine zu bitten;V. 277 f. Bitten ganz gewöhnlich so ohne nähere Bestimmung von dem Angehen um Liebesgenuß. Vergl. Liebeserg. I, 8, 43 f. II, 2, 5. 7, 25. – Andere, minder passende Lesart aget.
    Ist gewonnen das Weib, ist es zu bitten an ihr.
So auf dem grasigen Plan brüllt zu das Weibchen dem Stiere,
    Dem hornhufigen Roß wiehert die Stute auch zu.
Spärlicher brennt in uns und nicht so wüthend die Wollust,V. 281. Mit aller Gewalt will Heinsius die Lesart fortior für parcior aufgenommen wissen und führt zu deren Vertheidigung eine Menge von Beispielen an. Man kann aber eine Person wohl stark nennen, welche ihre Leidenschaft beherrschen kann, nimmermehr aber die Leidenschaft selbst in diesem Sinne. Auch bei Baumgarten-Crusius finden wir in der letzten Ausgabe parcior wiederhergestellt.
    Und die Flamme des Manns hat das gehörige Maß.
Was soll Byblis ich nennen, die brannt' in verbotener LiebeV. 283 f. Die Fabel von Byblis s. Verw. 9, 455 ff. Dort aber zerfließt sie in eine Quelle. Der Dichter ist also hier einer anderen Überlieferung gefolgt oder hat der Fabel mit dichterischer Freiheit selbst einen andern Schluß gegeben.
    Für den Bruder, die Schuld sühnte voll Muth mit dem Strick?
Myrrha liebte den Vater, doch nicht wie's ziemet der Tochter;V. 285. S. Verw. 10, 298 ff. – Non quo steht hier, wie unten V. 745, handschriftlich fest, wenn auch dort sowohl als hier einige Quellen ut, qua, quod geben. Wahrscheinlich hat der Verfasser aus dem Zeitwort amavit das Hauptwort amore in Gedanken gehabt.
    In umhüllender Rind' ist sie begraben nunmehr.
Und mit den Thränen von ihr, die aus duftigem Baum sie ergießet,V. 287 f. S. ebendas. 500 ff.
    Salben wir uns; und benannt sind noch die Tropfen von ihr.
In den umschatteten Au'n des waldbewachsenen IdaV. 289. Ida ist hier, wie das Folgende lehrt, der Berg dieses Namens auf der Insel Creta, nicht der Phrygische oder Trojanische.
    War ein weißer Stier, Zierde der Herde, einmal,
Zwischen den Hörnern allein mit schmalem Schwarze gezeichnet:
    Dies der einzige Fehl; übrigens sah er wie Milch.
Nach ihm trugen Begehr die Kühe von Gnosus und Cydon;V. 293. Gnosus und Cydon, die vorzüglichsten Städte auf Creta, welche hier für Creta überhaupt stehen. – Gnosiadesque für das handschriftliche Gnosiades hat Heinsius verbessert wegen der kurzen Anfangssilbe des nächsten Wortes. Allerdings kann que leicht ausgefallen sein; doch erlauben sich die Dichter in fremden Eigennamen auch manche Freiheit. Übrigens findet sich auch Cydoniades in den Handschriften.
    Ihren Rücken nur ihm wünschten zu bieten sie dar.
Glücklich Pasiphae war, die Buhlin zu werden des Stieres:V. 295. S. zu Verw. 8, 132.
    Neidisch verfolgte mit Haß reizende Kühe das Weib.
Allbekanntes nur sing' ich; das hundertstädtige CretaV. 297. Das hundertstädtige Creta; s. Verw. 7, 4 81 n. A.
    Ist, ob lügnerisch auch, nicht es zu leugnen im Stand.V. 298. Berühmtes Zeugniß über die Lügenhaftigkeit der Bewohner Cretas. S. Liebeserg. III, 10, 19 n. A.
Sprossendes Laub, sagt man, und der Wiesen Zartestes habe
    Mit selbeigener Hand ab sie geschnitten dem Stier.
Sie begleitet das Vieh; und zu gehn hält nicht sie die Sorge
    Ab um den Gatten; es war Minos vom Ochsen besiegt.
Was, Pasiphae, nützt's, kostbare Gewänder zu tragen?V. 303. Heinsius hat hier, wie an vielen andern Stellen, z. B. Liebeserg. III, 8, 46 f., mit und ohne handschriftliche Autorität das elliptische quid in quo verwandelt. Ob aber nicht auch quid zulässig sei, lassen wir dahingestellt. Hier haben alle Quellen quid, nur Cod. Reg. quod.
    Hat doch für keinerlei Schmuck dieser dein Buhle Gefühl.
Was soll, wenn du besuchst die Herden des Bergs, dir ein Spiegel?
    Warum streichst du so oft, Thörin, das fertige Haar?
Glaube dem Spiegel jedoch, läßt nicht er als Kuh dich erscheinen.
    O, wie wünschtest du heiß Hörner entsprossen der Stirn!
Wenn dir Minos behagt, so brauchst du nicht Buhler zu suchen;
    Sive virum mavis fallere: falle viro.
In nemus et saltus thalamo regina relicto
    Fertur, ut Aonio concita Baccha deo.
Ah quoties vaccam vultu spectavit iniquo
    Et dixit: Domino cur placet ista meo!
Aspice, ut ante ipsum teneris exultet in herbis;
    Nec dubito, quin se stulta decere putet.
Dixit et ingenti iamdudum de grege duci
    Iussit et immeritam sub iuga panda trahi:
Aut cadere ante aras commentaque sacra coegit
    Et tenuit laeta pellicis exta manu.
Pellicibus quoties placavit numina caesis
    Atque ait, exta tenens: Ite, placete meo!
Et modo se Europen fieri, modo postulat Io:
    Altera quod bos est, altera vecta bove.
Hanc tamen implevit, vacca deceptus acerna,
    Dux gregis; et partu proditus auctor erat.
Cressa Thyesteo si se abstinuisset amore –
    O quantum est, uni posse placere viro! –
Non medium rupisset iter curruque retorto
    Auroram versis Phoebus adisset equis.
Filia purpureos Niso furata eapillos,
{    Puppe cadens celsa facta refertur avis.
Altera Scylla, maris monstrum medicamine Circes,}
    Pube premit rabidos inguinibusque canes.
Qui Martem terra, Neptunum effugit in undis,
    Coniugis Atrides victima dira fuit.
Cui non defleta est Ephyraeae flamma Creusae,
    Et nece natorum sanguinolenta parens?
Plevit Amyntorides per inania lumina Phoenix;
    Hippolytum pavidi diripuistis equi.
Quid fodis immeritis, Phineu, sua lumina natis?
    Poena reversura est in caput ista tuum.
Omnia feminea sunt ista libidine mota:
    Acrior est nostra plusque furoris habet.
Ergo age, ne dubita cunctas superare puellas;
    Vix erit e multis quae neget una tibi.
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        Willst du betrügen den Mann, sei doch der Buhle ein Mann.
Fort in den Wald, auf die Trifft stürzt aus dem Palaste die Fürstin,
    Wie die Bacchantin, entflammt von dem Aonischen Gott.V. 312. Über die Bacchantinnen s. unsern Index zu Verw., besonders zu Verw. 4, 25. – Der Aonische Gott ist Bacchus, der in Böotien, dessen alte Einwohner Aonen hießen, am Berge Cithäron besonders verehrt wurde. S. ebendas. 3, 700 ff.
Ah, wie blickte sie oft mit feindlichen Augen die Kuh an,V. 313. Die Kuh, überhaupt jede Kuh, welche die seinige war.
    Sprechend: Warum gefällt meinem Gebieter doch die?
Sehet nur, wie sie vor ihm auf dem üppigen Rasen herumspringt!V. 315 f. Den Conjunctiv exultet geben »die besseren«, wie jedesmal, wo es sich um Conjunctiv und Indicativ handelt. – Für decere a. Lesart placere.
    Ja, ich glaube, sie meint, Närrin die, daß es ihr steht.
Sprach's und ließ auf der Stelle hinweg von der mächtigen HerdeV. 317 f. Von der mächtigen Herde; woraus sich ergab, daß es gerade auf diese Kuh abgesehen war. – Unter den Bogen des Jochs; s. zu Verw. 7, 118. – Panda hält Heinsius für ein Lieblingswort Ovids und hat es daher hier auf die Autorität einiger Handschriften und der Urausgabe gegen curva aufgenommen.
    Schleppen sie unverdient unter den Bogen des Jochs,
Oder auch vor dem Altar zum erdichteten Opfer sie fallen;V. 319. Zum erdichteten Opfer; sie gab nur vor, daß sie ein Opfer darbringen wolle.
    Und der Rivalin Gedärm hielt sie in fröhlicher Hand.V. 320. S. zu Verw. 7, 600. 15, 136.
Oft, oft opferte sie, Rivalinnen schlachtend, den Göttern;
    Sprach, das Gedärm in der Hand: Geht und gefallet nun ihm!
Io wünscht sie sich bald und bald Europa zu werden:V. 323 f. S. Verw. 1, 610. 2, 836 ff.
    Jene, sie ist ja ein Rind; diese, es trug sie ein Rind.
Aber, getäuscht von ahorner Kuh, macht schwanger der BulleV. 325. Von ahorner Kuh, von einer Kuh aus Ahornholz. – Diese, Pasiphae. – An der Geburt, an dem, was Pasiphae gebar, an dem Minotaurus. – Der Vater, daß der Vater ein Stier war.
    Sie, und an der Geburt wurde der Vater erkannt.
Hätte die Creterin sich der Liebe erwehrt zu Thyestes –V. 327 ff. Ein anderes Beispiel des V. 281 aufgestellten und unten V. 342 wiederholten Satzes. S. zu Verw. 15, 462. – Die Creterin, Aërope, aus Creta.
    O wie ist es so groß, Einem gefallen allein! –V. 328. Einem gefallen allein, sich mit der Liebe eines einzigen Mannes begnügen zu können; ein Ausruf, den sich nach des Dichters Absicht seine schönen Leserinnen gewiß nicht umsonst gesagt sein lassen sollen.
Hätt' in der Mitte die Fahrt nicht unterbrochen und rückwärtsV. 329. Die Sonne entsetzte sich so über das hier Geschehene, daß sie mitten auf ihrem Wege umkehrte und nach Osten zurückfuhr. Vergl. Liebeserg. III. 12, 39. – Die alten Ausgaben haben mit einigen Handschriften sinnwidrig rapuisset.
    Roß und Wagen gelenkt Phöbus, gen Morgen zu gehn.
Die das purpurne Haar dem Vater gestohlen, die TochterV. 331 f. S. zu Liebeserg. III, 12, 21. – Zwischen V. 331 und 332 finden sich in den meisten Handschriften und alten Ausgaben folgende Verse, entweder
Puppe cadens celsa facta refertur avis.
oder auch Hunchostem patitur cum reliquis avibus.
dann Altera Scylla maris monstrum medicamine Circes.
oder Altera Scylla novum Circes medicamine monstrum.
in einer auch   Filia sed Phorci correpta cupidine Glauci.

oder endlich mit noch anderen Abweichungen. Diese wesentlichen Abweichungen der Quellen, verbunden mit dem Umstande, daß beide Verse in Fragm. Ox. sowie in dem vorzüglichsten Cod. Reg. gänzlich fehlen, in dem nächstbesten Reg. aber erst von späterer Hand an den Rand geschrieben stehen, berechtigen allerdings zu der von Heinsius verfochtenen Annahme einer Interpolation, hervorgegangen aus der Absicht, die beiden Scyllen zu unterscheiden und jeder ihr Recht wiederfahren zu lassen. Daher sind beide Verse seit Heinsius als unecht beseitigt. Wir können jedoch diese blos äußeren Gründe der Verwerfung nicht für ausreichend anerkennen, sind vielmehr geneigt, die fraglichen Verse in der Hauptsache für echt zu halten und haben sie daher in Klammern eingeschlossen und, ohne sie zu zählen, nach der besten Lesart gegeben.


{    Wurde im Fall von dem Schiff, sagt man, zum Vogel des Meers.
Scylla, die andre, ein Wunder des Meers durch den Zauber der Circe,}
    Drückt mit Weiche und Schaam wüthende Hunde an sich.
Der du zu Lande dem Mars, dem Neptun entflohn auf den Wogen,V. 333 f. Zu Lande dem Mars, bei der Belagerung Trojas; dem Neptunus auf den Wogen, bei der Heimkehr aus Troja, wo so viele Theilnehmer ihren Tod fanden. – Wardst, Atride &c; f. zu Verw. 15, 489.
    Wardst, Atride, der Frau scheußliches Opfer daheim.
Wer nicht hätte beweint Creúsens zu Ephyra Flamme,V. 335 f. S. zu Verw. 7, 394.
    Und die Mutter, vom Mord ihrer Erzeugten voll Blut?
Thränen aus leeren Höhlen vergoß der Sohn des Amyntor;V. 337. Der Sohn des Amyntor, Phönix, wurde von seinem Vater, weil ihn dessen Freundin anklagte, er habe ihr Unziemliches zugemuthet, der Augen beraubt (s. zu Verw. 7, 2. 3, 337), später jedoch von Chiron wieder sehend gemacht und von Peleus zum Erzieher des Achilleus bestellt. S. zu Verw. 8, 307.
    Schüchterne Rosse zerfleischt haben Hippolytus' Leib.V. 338. S. Verw. 15, 794 ff. – A. L. rapidi od. rabidi.
Was bohrst, Phineus, du aus den unschuldigen Söhnen die Augen?V. 339 f. Was von uns nach andrer Darstellung zu Verw. 7, 2 bemerkt wird, war Wiedervergeltung für dasselbe von Phineus an seinen eignen Söhnen begangene Verbrechen, zu welchem ihn die Stiefmutter derselben verleitet hatte.
    Auf dein Haupt wird selbst fallen die Strafe zurück.
Das ward Alles zumal durch Weiberbegierde gestiftet;
    Heftiger ist sie und hat mehr als die unsrige Wuth.
Auf denn, zweifele nicht, die Mädchen gesammt zu besiegen;V. 343. Zweifle nicht . . zu besiegen = besiegen zu können. – Der lat. Ausdruck ist ungewöhnlich: es sollte regelrecht quin superes heißen, da dubitare hier nicht in dem Sinne genommen werden kann, in welchem es sonst mit dem Infinitiv steht. Hier muß ne dubita so viel als confide heißen, wie der Zusammenhang und oben V. 269 lehrt. – Für superare zieht Heinsius die Lesart sperare vor.
    Kaum aus Tausenden wird Eine versagen sich dir.
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