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Gutenberg > Ovid >

Liebeskunst

Ovid: Liebeskunst - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
booktitleOvids Werke, Fünfter Theil
authorOvid
translatorHeinrich Lindemann
firstpub1861
year1861
publisherVerlag von Wilhelm Engelmann
addressLeipzig
titleLiebeskunst
created20040831
sendergerd.bouillon
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His sua Sisyphides auditis paene resolvit
    Corpora: nam sociis illita cera fuit.
Res est blanda canor: discant cantare puellae.
    Pro facie multis vox sua lena fuit.
Et modo marmoreis referant audita theatris,
    Et modo Niliacis carmina lusa modis.
Nec plectrum dextra, citharam tenuisse sinistra
    Nesciat arbitrio femina docta meo.
Saxa ferasque lyra movit Rhodopeius Orpheus,
    Tartareosque lacus tergeminumque canem.
Saxa tuo cantu, vindex iustissime matris,
    Fecerunt muros officiosa novos.
Quamvis mutus erat, voci favisse putatur
    Piscis, Arioniae fabula nota lyrae.
Disce etiam duplici genialia naulia palma
    Verrere: conveniunt dulcibus illa iocis.
Sit tibi Callimachi, sit Coi nota poetae,
    Sit quoque vinosi Teia Musa senis.
Nota sit et Sappho – quid enim lascivius illa? –
    Cuive pater vafri luditur arte Getae.
Et teneri possis carmen legisse Properti,
    Sive aliquid Galli, sive, Tibulle, tuum;
Dictaque Varroni fulvis insignia villis
    Vellera, germanae, Phryxe, querenda tuae;
Et profugum Aenean, altae primordia Romae,
    Quo nullum Latio clarius extat opus.
Forsitan et nostrum nomen miscebitur istis,
    Nec mea Lethaeis scripta dabuntur aquis.
Atque aliquis dicet: Nostri lege culta magistri
    Carmina, quis partes instruit ille duas;
Deve tribus libris, titulus quos signat Amorum,
    Elige, quod docili molliter ore legas.
Vel tibi composita cantetur Epistola voce:
    Ignotum hoc aliis ille novavit opus.
O ita, Phoebe, velis; ita vos, pia numina vatum,
    Insignis cornu Bacche novemque deae!
   

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    Als er diese vernahm, da hätte des Sisyphus Sprößling
    Fast sich gelöst; mit Wachs waren die Leute verstopft.
Etwas Reizendes ist der Gesang. Lernt singen, ihr Mädchen.
    Mancher die Stimme schon war Kupplerin statt des Gesichts.
Singt bald nach, was schon ihr gehört im marmornen Schauplatz,V. 317. Im marmornen Schauplatz, in der Oper, würden wir sagen. Vergl. oben I, 103. – Zwei gute Hdschrften resonent.
    Bald Gesänge im Ton Nilischer Weisen gesetzt.V. 318. Nilischer (Ägyptischer) Weisen. Durch die Unterwerfung Ägyptens unter die Römische Herrschaft waren nicht nur Ägyptische Culte, sondern auch die damit verbundenen, nicht durch Sittsamkeit sich auszeichnenden Gesänge und Melodien nach Rom gekommen. Ägypten war das Land üppigen Lebensgenusses. Vergl. Liebeserg. II, 13, 7 u. A. S. übrigens auch zu Verw. 1, 728.
Auch in der Rechten den Stab, in der Linken zu halten die LeierV. 319. Vergl. Verw. 11, 168 n. A.
    Wisse ein Weib. wie ich wünsche gebildet sie mir.
Felsen bewegte und Wild mit der Leier des Rhódope Sänger,V. 321 f. S. zu Verw. 10, 3. 11 ff. 11, 1 f.
    Den dreiköpfigen Hund selbst und des Tártarus Seen.V. 322. S. zu Verw. 7, 408.
Steine durch deinen Gesang, du gerechtester Rächer der Mutter,V. 323 f. Antiope, des Böotischen Königs Nycteus Tochter, von Jupiter in Satyrsgestalt beschlichen (Verw. 6, 110), floh aus Furcht vor des Vaters Zorn nach Sicyon zum Könige Epópeus und gebar daselbst den Zethus und Amphíon, wurde jedoch von des inzwischen verstorbenen Vaters Bruder Lycus nach Eroberung Sicyons und Tödtung des Epopeus nach Theben gebracht, und hier von dessen Gemahlin Dirce aus Eiferfucht aufs grausamste behandelt, bis ihre indeß herangewachsenen Söhne sie rächten, indem sie Dirce denselben Tod sterben ließen, den sie der Antiope bestimmt hatte. Sie ward an einen wilden Stier gebunden, dem man brennende Fackeln an die Hörner befestigt hatte, und so zu Tode gehetzt. Um so gerechter war der Rächer. Übrigens s. noch zu Verw. 6, 178.
    Haben zu neuer Stadt Mauern sich willig gefügt.
War er auch stumm, der Fisch, – von Arions Leier bekannt jaV. 325 f. Es bedarf für keinen Leser der Hinweisung auf Schlegels Ballade Arion.
    Ist die Erzählung – er hat, glaubt man, den Tönen gelauscht.
Lerne mit doppelter Hand die heitere Harfe auch fegen;V. 327 f. Von dem hier genannten Instrumente ist uns etwas Näheres nicht bekannt. Harfe haben wir es übersetzt, weil es wenigstens insofern diesem Instrumente ähnlich gewesen sein muß, als es mit zwei Händen gespielt wurde; ob auch rücksichtlich der Form zum Stehen und des Spielens auf zwei Seiten, läßt sich nicht ermitteln. Jedenfalls muß es mit mehr Heftigkeit gespielt worden und daher auch lärmender gewesen sein, da die Bewegung der Hände fegen genannt wird. Griechisch hieß es nable (νάβλη) oder in späteren Nebenformen naula (ναυλα) und naulon (ναυλον); beide Formen, nur durch i verlängert, nablia und naulia, geben auch hier die Quellen, jedoch letztere überwiegend. Verrere wird von Reg. u. Arond. bezeugt gegen vertere der übrigen, in welches letztere das erstere fast regelmäßig in den Hdschrften übergegangen ist.
    Wohl ist diese zur Lust passend und süßem Gekos.
Kund sei dir des Callímachus Sang und des Cóischen Dichters,V. 329 f. Des Callimachus Sang (wir lieben zwar das Wort Sang in edlem Sinne nicht, konnten aber hier ein einsilbiges Collectivum nicht entbehren, sonst würden wir Lied gesagt haben); s. zu Liebeserg. I, 15, 13. Des Coischen Dichters, des Philétas aus Cos, eines vorzüglichen elegischen Dichters, dem vorher Genannten ebenbürtig, welchen sich Propertius zum Vorbilde nahm. Nur einzelne Bruchstücke haben sich von seinen Gedichten erhalten. Der Teische Sang von dem betrunkenen Greis (= des betrunkenen Greises), die Gedichte Anákreons aus der Ionischen Stadt Teos, der durch seine Liebeslieder, von welchen nur wenige unbestritten echt auf uns gekommen sind, ebenso berühmt ist wie durch seinen heiteren Lebensgenuß. Er lebte lange am Hofe des durch Schillers Ballade allgemeiner bekannten Polykrates zu Samos (im sechsten Jahrhunderte vor Chr.) und wurde 85 Jahre alt, und wäre vielleicht noch älter geworden, wenn er nicht, wie erzählt wird, an einer Weinbeere erstickt wäre.
    Kund der Téische Sang von dem betrunkenen Greis.
Sappho auch sei dir bekannt – was ist wollüst'ger als diese? –V. 331. S. zu Liebeserg. II, 18, 26.
    Und der Väter durch List pfiffiger Geten betrügt.V. 332. Der = derjenige (Dichter), welcher &c., der Griechische Komödiendichter Menander, in dessen Stücken, wie in den Komödien überhaupt, in der Regel harte Väter durch listige Sclaven im Interesse verliebter Söhne und Töchter betrogen werden. Vergl. Liebeserg. I, 15, 17 n. A. Unter den Sclaven, deren die Griechen und Römer aus den verschiedensten Theilen der Welt hatten, waren die Geten von der untern Donau und dem schwarzen Meere durch ihre Verschmitztheit berüchtigt. Daher es bei Ausonius heißt:
Roh ist der Lyder, verschmitzt der Gete, der Phrygier weibisch.

Doch könnte auch der Römische Komödiendichter Terentius gemeint sein, in dessen Phormio ein Sclave Geta zwei Väter betrügt.


Auch die Dichtungen magst du des zarten Propertius lesen,V. 333. Propertius, ohne Zweifel der größte Lateinische Elegieendichter, Zeitgenosse und Freund des Virgilius, Gallus, Tibullus und unsers Ovidius. Vier Bücher Elegieen hat er gedichtet, die uns auch erhalten sind.
    Oder von Gallus Etwas, oder, Tibullus, von dir;V. 334. Über Gallus s. zu Liebeserg. I, 15, 29, sowie über Tibullus ebendas. V. 28.
Auch das von Varro besungne durch goldene Zotteln berühmteV. 335 f. Varro; s. ebendas. zu V. 21; wegen des Übrigen zu Verw. 7, 1.
    Vließ, zu beklagen im Tod, Schwester des Phryxus, von dir;
Und des Änéas Flucht, Ursprung der erhabenen Roma,V. 337 f. S. zu Verw. 13, 624.
    Derengleichen an Ruhm nicht man in Latium kennt.
Auch mein Name vielleicht wird unter diese sich mischen,
    Nicht in der Lethe Fluth, was ich gesungen, vergehn.V. 340. In der Lethe Fluth; s. zu Verw. 7, 152.
Mancher gewiß wird sagen dereinst: Lies unseres MeistersV. 341 f. Unseres Meisters &c., eben die Liebeskunst.
    Glatte Gedichte, worin beide Geschlechter er lehrt.
Oder aus den drei Büchern, betitelt die Liebesergüsse,
    Wähle, was lesen du magst zärtlich gelehrigen Munds.
Oder man trage auch vor mit gehöriger Stimme die Briefschaft.V. 345 f. S. zu Liebeserg. II, 18, 21. Von dieser Dichtungsgattung war Ovid der Erfinder.
    Anderen unbekannt, ward sie erfunden von ihm.
Das gieb, Phöbus; o gebt's, ihr heiligen Mächte der Sänger,
    Bacchus, geziert mit dem Horn, Göttinnen, neun an der Zahl!V. 348. Auch Bacchus ist Dichtergott. S. Liebeserg. I, 3, 11 n. A. III, 1, 23. 15, 17; ferner oben I. 525. Geziert mit dem Horn; s. zu Verw. 4, 19.
Quis dubitet, quin scire velim saltare puellam,
    Ut moveat posito brachia iussa mero?
Artifices lateris, scenae spectacula, amantur:
    Tantum mobilitas illa decoris habet.
Parva monere pudet: talorum dicere iactus
    Ut sciat, et vires, tessera missa, tuas;
Et modo tres iactet numeros, modo cogitet apte
    Quam subeat partem callida quamque vocet;
Cautaque non stulte latronum proelia ludat,
    Unus cum gemino calculus hoste perit,
Bellatorque suo prensus sine compare bellat,
    Aemulus et coeptum saepe recurrit iter.
Reticuloque pilae leves fundantur aperto,
    Nec, nisi quam tolles, ulla movenda pila est.
Est genus in totidem tenui ratione redactum
    Scriptula, quot menses lubricus annus habet.
Parva tabella capit ternos utrimque lapillos,
    In qua vicisse est continuasse suos.
Mille facesse iocos: turpe est nescire puellam
    Ludere: ludendo saepe paratur amor.
Sed minimus labor est sapienter iactibus uti,
    Maius opus mores composuisse suos.
Dum sumus incauti studioque aperimur in ipso,
    Nudaque per lusus pectora nostra patent;
Ira subit, deforme malum, lucrique cupido
    Iurgiaque et rixae sollicitusque dolor.
Crimina dicuntur, resonat clamoribus aether,
    Invocat iratos et sibi quisque deos.
Nulla fides tabulis, quae non per vota petuntur;
    Et lacrimis vidi saepe madere genas,
Iupiter a vobis tam turpia crimina pellat,
    In quibus est ulli cura placere viro.
Hos ignava iocos tribuit natura puellis;
    Materia ludunt uberiore viri.
Sunt illis celeresque pilae iaculumque trochique
    Armaque, et in gyros ire coactus equus.
   
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    Wer hegt Zweifel, daß Tanzen auch soll verstehen ein Mädchen,
    Daß sie beim Weine des Mahls schwenke die Arme nach Wunsch.V. 350. Über den Tanz der Alten s. zu Liebeserg. II, 4, 29. Beim Weine des Mahls; denn nur bei Gelagen, wenn der Wein aufgetragen war, wurde getanzt und, wie der nächste Vers besagt, auf der Bühne. S. nachher. Nach Wunsch, wie es die Anwesenden wünschen, je nachdem sie verlangen, daß das oder jenes dargestellt und ausgedrückt werde. – Einen anderen Sinn kann iussa nicht haben, mag man es nun auf das Subject puella oder dichterisch auf brachia beziehen. Burmann zieht freilich die Lsrt des Cod. Scheff. passa, die ausgebreiteten, vor; in iussa liegt aber Mehr, es ist mit Bezug auf das vorhergegangene scire gesagt
Meister der Leibesgeberden im Spiel der Bühne zu schauenV. 351 f. Zusammenhang: daß eine Schöne bei einem lustigen Gelage tanze, wird man um so weniger anstößig finden, als wir ja sogar öffentlich auf der Bühne Tänzer mit so vielem Vergnügen sehen. Eine solche Entschuldigung hält der Verfasser für nöthig, da, wie an der oben angef. Stelle bemerkt, die altrömische Strenge das Tanzen als unanständig und eines Freigebornen unwürdig verwarf, und die Pantomimen zur verachtetsten Classe gehörten. Gleichwohl drang die Tanzwuth wie eine Pest in die Familien ein, und die jungen Leute beiderlei Geschlechts nahmen Tanzstunden. Daher Horaz Od. III, 6, 21:
Ioner Buhltanz lernet herangereift
Mit Lust die Jungfrau, übet in Künsten sich &c. (Strodtmann)

Daß selbst ältere Männer dem Strome oder der Mode nicht zu widerstehen vermochten, ergiebt sich aus einem Verbote des Tiberius, es solle kein Senator die Häuser der Pantomimen betreten, Römische Ritter sollten sie nicht auf der Straße begleiten, und sie sollten nirgends anders als im Theater gesehen werden.


    Lieben wir: so viel hat diese Beweglichkeit Reiz.
Kleinigkeiten nur sind, daß sagen die Würfe der KnöchelV. 353 f. Daß sagen &c, daß ein Mädchen bei dem Knöchelspiele (s. oben zu II, 203) die verschiedenen Benennungen der geworfenen Augen, die Kunstausdrücke, als Venus, Hund &c.. bei dem Würfelspiele aber (s. ebendas.) die Bedeutung der geworfenen Zahlen kenne, also die Regeln, das Positive des Spieles verstehe. – Aus diesem Grunde, weil, wie der zweite Satz zeigt, nur von der Kenntniß der Spiele die Rede ist, lesen wir nicht ducere wie Heinsius aus Cod. Jun. und dem einen Pat.gegeben hat, indem er sich auf V. 493 unten beruft, eine Berufung, die wir nicht zu verstehen bekennen, sondern dicere, wie die gemeine Lsrt ist neben discere, das ebenfalls für dicere zeugt.
    Könne das Mädchen, und was Würfel bedeuten im Spiel;
Die drei Zahlen bald werfe, bald schlau bedenke, auf welchenV. 355 f. (Daß sie) die drei Zahlen, die drei Würfel (s. zu der angef. Stelle). Das Nächstfolgende ist nicht zu verstehen ohne genaue Kenntniß des Spiels, und diese haben wir nicht. Wir versuchen folgende Erklärung: Aus dem bald, bald erhellt, daß, gerade wie bei unserem sogenannten Knöcheln, das Würfeln und Halten zwischen zwei Personen wechselte. Folglich soll sie bald selbst werfen, bald, während der Gegner wirft, halten. Bei unsrem Knöchelspiel gewinnt der Werfende, wenn er 11 und darüber wirft, verliert mit 10 und darunter, indem die ersten 8 Augen (von 3 an, da unter 3 nicht geworfen werden kann) verlieren, die zweiten 8 gewinnen. Hing es bei den Römern vielleicht von der Wahl und Vorausbestimmung des Werfenden oder des Haltenden ab, welcher Hälfte (welchem Theile) der Augen er den Satz anvertrauen wollte, indem er sie nannte (quam subeat partem quamque vocet)? Welche Hälfte gewinnen würde, ließ sich freilich nicht berechnen; aber man konnte doch Wahrscheinlichkeitsberechnungen anstellen, wie solche z. B. unsere Pharospieler auch anstellen, daß z. B. wenn die eine Hälfte schon mehrere Male gestanden hätte, nun die entgegengesetzte fallen würde. Hierdurch erklärte sich auch Trist. II, 475:
Tessera quot (A. quos) numeros habeat, distante vocato
    mittere quo deceat, quo dare missa modo
;

wenigstens zunächst der Ausdruck numerus distans. Denn daß unter distans numerus überhaupt eine größere Zahl zu verstehen sei, wie Lörs erklärt, ist durchaus unzulässig, da es voraussetzen würde, wie Lörs auch wirklich thut, daß der Gegner nur wenige Augen geworfen gehabt hätte. Und welche größere Zahl sollte es sein? Eine bestimmte konnte man ja nicht nennen. Auch das folgende missa dare erklärt Lörs irrthümlich die Würfel dem Andern übergeben. Missa kann nimmermehr die Würfel bedeuten, sondern nur das Geworfene, die geworfenen Augen, und dare heißt, wie oben zu II, 204 gezeigt, die Steine rücken, so daß also vom Zwölflinienspiel (s. ebendas. und nachher V. 363) die Rede ist; was auch dadurch noch wahrscheinlicher wird, daß der Verfasser, wo er alle, oder doch die gewöhnlichsten Spiele aufzählt, dieses Spiel ganz unerwähnt lassen würde. – Für numeros will Burmann mit einigen Quellen numero lesen und giebt sich nicht wenig Mühe, das pleonastische numero bei Zahlen zu beweisen. Numeri steht dichterisch für tesserae, wie oben II, 263. Tres könnte auch unmöglich mit Beziehung auf den vorausgegangenen Sing. tessera stehen.


    Theil sie passend den Satz halte und welchen sie nenn';
Schlecht auch spiele mit nichten der Räuber bedächtige Schlachten,V. 357 ff. Das Räuber- oder Soldatenspiel, lusus latrunculorum; s. oben zu II, 207. Wann in dem Kampfe &c.; es werden einige der wesentlichsten Fälle, die das Spiel charakterisiren, genannt: erstens wann ein Stein, zwischen zwei feindliche gerathen, geschlagen wird; zweitens wann ein Stein, ohne Deckung überrascht, kämpft und sich wehren muß, während der Gegner (im Original der Nebenbuhler, insofern er denselben Platz einzunehmen bemüht ist) wiederholt angreift und immer wieder zurückweichen muß. – Für prensus haben viele Hdschrften pressus, das mindestens ebenso gut ist. Auffallend ist in mehreren vorzüglichen Quellen sua compare und in vielen, jedenfalls Erklärung davon, sua coniuge, da von weiblichen Figuren bei diesem Spiele unseres Wissens sich nirgends eine Spur findet. Hat man an unsere Schachkönigin gedacht? Oder hat man Am. III, 5, 38 im Sinne gehabt, wo compar vacca steht? Wir haben suo hergestellt. Ferner geben die Hdschrften einzeln pugnat für bellat, mehrere fälschlich den Conjunctiv in beiden Sätzen.
    Wann in dem Kampf ein Stein zweien der Feinde erliegt,
Und der Streiter den Krieg führt, ohne Gefährten betroffen,
    Oft der Gegner zurück läuft den begonnenen Weg.
Auch in ein offenes Netz mag glatte Bälle man schütten,V. 361 f. Ein hübsches Unterhaltungsspiel, wo man eine Anzahl glatte (aus Glas oder Elfenbein) Bälle oder Kugeln in ein offenes Netz warf, um sie einzeln wieder herauszunehmen, wobei sich jedoch kein anderer Ball, als der herauszunehmende rühren durfte. So hat Becker das Spiel hier, das die alten Erklärer weidlich gequält hat, einfach und anschaulich erklärt.
    Und der entnommene Ball darf sich bewegen allein.
Ferner ein Spiel durch saubere Schrift in Striche geordnetV. 363 f. Das Zwölflinienspiel lusus duodecim scriptorum, worüber man sehe oben II, 203, n. A. – Für redactum einige Hdschrften fehlerhaft reductum, und alle spicula für scriptula. Letzteres ist eine zweifellose Verbesserung Scaligers.
    Ebenso viel, als sind Monden im rollenden Jahr.
Je drei Steine enthält auf beiden Seiten ein Bretchen,V. 365 f. Ein Spiel, offenbar unserer Mühle ähnlich. Es wurde von zwei Personen gespielt, deren jede 3 Steine hatte. Diese drei Steine in eine Reihe zu bringen, ohne daß der Gegner einen der seinigen dazwischen brachte oder bringen konnte, war die Kunst des Spiels und bestimmte den Sieg. Zum Theil mit denselben Worten schildert der Dichter dieses Spiel Trauerg. I, 481 f.
Klein steht da ein Bret, mit je drei Steinchen versehen,
    Wo an einander zu reihn deine zum Sieger dich macht. –

Einige wenige Hdschrften continuisse, einige duos, Varianten, die sich auch an der angef. Stelle finden.


    Wo an einander zu reihn deine zum Sieger dich macht.
Sei auf tausend Scherze bedacht. Nicht scherzen zu könnenV. 367. Facesse geben nur wenige, darunter Reg., die übrigen fac esse oder face esse.
    Schadet; denn scherzend erwirbt Liebe ein Mädchen sich oft.
Aber gering ist die Mühe, geschickt zu benutzen die Würfe;V. 369. Beziehung auf V. 355.
    Größere macht es, der Herr seines Benehmens zu sein.
Während wir achtlos sind und gehen uns lassen im Eifer,V. 371. Die meisten Hdschrften haben unrichtig tunc sumus, viele ab ipso.
    Und im Spiele die Brust offene Blöße sich giebt;
Schleicht sich ein häßliches Übel, der Zorn, ein und die Gewinnsucht,
    Hader und Streit und Zank und der bekümmerte Schmerz,
Laut beschuldigt man sich, von Geschrei hallt wieder der Luftkreis,V. 375. Von Geschrei hallt wieder &c.; der Dichter schlägt scherzend einen höheren, einen epischen Ton an mit einer Anspielung auf Virgils resonat tonitribus aether.
    Und ein Jeglicher ruft Götter, die zürnen ihm, an.
Kein Vertrauen, wo nicht mit Gelübden man geht an die TafelV. 377. An die Tafel, an das Spielbret. Man traut dem Glücke nicht und thut keinen Wurf, ohne frevelhafter Weise erst Gelübde zum Himmel zu schicken. – Dieser Sinn ist nicht unpassend. Ob es aber der vom Verfasser beabsichtigte und mit seinen Worten gegebene sei, ist sehr zweifelhaft. Die gemeine Lsrt ist nämlich Nulla fides tabulis, quae non per vota petuntur, und diese haben wir in der gegebenen Weise verstanden und übersetzt. Der Sinn bleibt derselbe, wenn man nach der Variante des Cod. Reg. 3 talis für tabulis liest und dann natürlich qui statt quae. In dieser Construction wäre aber ohne Zweifel der Conjunctiv petantur erforderlich. Daher wollte Douza lesen nulla fides tabulis; quae non per vota petuntur? Nun hat aber ein Codex bei Heinsius nulla fides, tabulaeque novae per vota petuntur und que novae konnte nach der Schreibart der Hdschrften leicht in quae non übergehen, und einige Bestätigung findet diese Lsrt auch bei Reg. 1 in tabulae; und so hat Burmann denn diese Lsrt wirklich aufgenommen und alle späteren Herausgeber bis auf den heutigen Tag beibehalten. Nun wissen wir zwar, was novae tabulae sind, eine Umstoßung des ganzen vorhergehenden Spiels in Bezug auf Gewinn und Verlust und Beginn eines neuen, und fänden ein solches Verlangen bei Frauenzimmern ebenso wie den scherzhaften Gebrauch des politischen Ausdrucks sehr passend; aber was hieße dann nulla fides und besonders per vota? Ersteres könnte man allenfalls erklären: man hält nicht Wort, leugnet z. B., daß man so und so viel gehalten habe, schuldig sei &c.; allein mit per vota wüßten wir gar Nichts anzufangen. Wir haben daher die gem. Lsrt wieder hergestellt.
    Auch mit Thränen benetzt hab' ich oft Wangen gesehn.
Jupiter möge von euch fern halten so schimpfliche Laster,
    Wünscht ihr, daß irgend ein Mann finde Gefallen an euch.
Diese Vergnügen nur hat die träge Natur euch gegeben;
    Reicheren Stoffes erfreut sich zu vergnügen der Mann.
Der hat Reifen und Speer zum Spiel und die flüchtigen Bälle,V. 383 f. Die gewöhnlichsten Belustigungen der männlichen Jugend und der Männer überhaupt: das Schlagen der Reifen (denn es scheinen mehrere zugleich im Spiele gewesen zu sein), vorzüglich für Knaben, das Werfen des Speers, besonders aber das Ballspiel oder vielmehr die Ballspiele, da es deren mehrere Arten gab. Die Ballspiele gehörten so wesentlich zum täglichen Leben, daß man in den Häusern und Bädern besondere Räume hatte, die, wenn auch nicht ausschließlich, doch vorzugsweise zum Ballschlagen eingerichtet und danach benannt waren (sphaeristeria).
    Waffen dazu und das Roß, welches er tummelt im Kreis.
Nec vos Campus habet, nec vos gelidissima Virgo,
    Nec Tuscus placida devehit amnis aqua.
At licet et prodest Pompeias ire per umbras,
    Virginis aetheriis cum caput ardet equis.
Visite laurigero sacrata Palatia Phoebo –
    Ille Paraetonicas mersit in alta rates –
Quaeque soror coniuxque ducis monumenta pararunt,
    Navalique gener cinctus honore caput.
Visite turicremas vaccae Memphitidos aras:
    Visite conspicuis terna theatra locis.
Spectentur tepido maculosae sanguine arenae,
    Metaque ferventi circueunda rota.
Quod latet, ignotum est: ignoti nulla cupido;
    Fructus abest, facies cum bona teste caret.
Tu licet et Thamyran superes et Amoebea cantu,
    Non erit ignotae gratia magna lyrae.
Si Venerem Cous nusquam posuisset Apelles:
    Mersa sub aequoreis illa lateret aquis.
Quid petitur sacris nisi tantum fama poetis?
    Hoc votum nostri summa laboris habet.
Cura ducum fuerant olim regumque poetae,
    Praemiaque antiqui magna tulere chori.
Sanctaque maiestas et erat venerabile nomen
    Vatibus, et largae saepe dabantur opes.
Ennius emeruit, Calabris in montibus ortus,
    Contiguus poni, Scipio magne, tibi.
Nunc hederae sine honore iacent, operataque doctis
    Cura vigil Musis nomen inertis habet.
Sed famae vigilare iuvat. Quis nosset Homerum,
    Ilias aeternum si latuisset opus?
Quis Danaen nosset, si semper clausa fuisset
    Inque sua turri perlatuisset anus?
Utilis est vobis formosae cura puellae,
    Saepe vagos ultra limina ferre pedes.
In multas lupa tendit oves, praedetur ut unam,
    Et Iovis in multas devolat ales aves.
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    Euch sieht nicht der Campus, euch nicht die kürende Jungfrau;V. 385. Der Campus; s. oben I, 513 n. A. Die kühlende Jungfrau, eine kalte Quelle, deren Wasser in die Stadt geleitet war. Der Tuscische Strom, der Tiber; s. zu Verw. 14, 615.
    Nicht in der lieblichen Fluth führt euch der Tuscische Strom.
Doch ist erlaubt es und gut, im Pompejischen Schatten zu wandeln,V. 387. Im Pompejischen Schatten zu wandeln; s. oben I, 67 n. A.
    Wann der Jungfrau Haupt glüht in dem Sonnengespann.V. 388. Gegen das Ende des Sommers, wo die Sonne im Sternbilde der Jungfrau steht. Der Dichter spricht von ihr wie von einer wirklichen Jungfrau, er legt ihr ein Haupt und Empfindung bei. Vergl. die vorher ang. Stelle sowie besonders Verw. 2, 80.
Nach dem Palatium geht, geweiht dem Apoll mit dem Lorbeer,V. 389 f. In den Tempel Apollos auf dem Palatinischen Berge, von Augustus geweiht nach dem Siege bei Actium über die Ägyptische Flotte (Schiffe vom Parätonischen [zu Verw. 9, 772] Strand). Vergl. zu Verw. 13, 715. 15, 865. – Paraetonicas haben wir mit Cod. Reg. und zwei anderen gegeben gegen Paraetonias der übrigen. Erstere Form hat auch Statius.
    Der die Schiffe versenkt vom Parätonischen Strand.
Geht nach den Malen, gesetzt von Schwester und Gattin des FürstenV. 391 f. Nach den Säulengängen, welche von Octavia, Schwester, und Livia, Gattin Augusts (des Fürsten) und dessen Eidame Agrippa als Denkmäler erbaut und von den beiden Ersteren benannt waren. S. oben I, 69 ff. n. Anmerkungen. Agrippa hatte sich in der Seeschlacht gegen Sextus Pompejus ausgezeichnet und war von August mit dem Seekranze belohnt worden.
    Und von dem Eidam, im Kranz prangend des Siegers zur See.
In der Memphitischen Kuh von Weihrauch knisternde TempelV. 393. Der Memphitischen Kuh; s. oben I, 77 n. A.
    Geht, und die drei weithin freien Theater besucht.V. 394. Die drei Theater, des Pompejus, des Marcellus und des Cornelius Balbus. Vergl. oben I, 90.
Schauet den Sand des Plans, rothfleckig von warmem Geblüte;V. 395 f. Besucht das Amphitheater mit den Klopffechterspielen und den Circus mit den Wettrennen. S. oben zu I, 135.
    Schauet das Ziel, das muß glühend umfahren das Rad.
Unbekannt ist, was sich verbirgt, und Niemand begehrt es;
    Was nützt schöne Gestalt, wenn sie der Zeugen entbehrt.
Thámyras übertriff in der Kunst des Gesangs und Amöbeus;V. 399. Thamyras, oder Thamyris, ein berühmter Thracischer Barde, der mit den Musen in der Gesangeskunst wetteiferte. S. zu Liebeserg. III, 7, 62. Amöbeus gleichfalls ein berühmter Sänger aus Athen. – Für diesen minder bekannten Namen giebt ein Theil der Hdschrften den ungleich bekannteren Orphea mit atque für et.
    Kennt man es nicht, wird stehn wenig in Gunsten dein Spiel.V. 400. Für gratia mehrere Quellen gloria, häufige Variante.
Hätte nicht dargestellt wo Venus der Coer Apelles,V. 401. Hiernach hätte Apelles zuerst die Venus, wie sie aus dem Meere emporstieg, künstlerisch dargestellt, (vergl. oben V. 224) und sie gleichsam aus der Tiefe des Meeres ans Tageslicht gebracht. – Daß Ovid, wie man aus dieser Stelle und Briefe a. d. Pont. IV, 1, 29:
Gleichwie Venus das Werk und der Ruhm des koischen Meisters

geschlossen hat, Apelles als aus Kos gebürtig angenommen habe, während er zu Ephesus oder noch wahrscheinlicher zu Kolophon geboren war, ist keineswegs ausgemacht. Denn da Apelles seine letzte Lebenszeit in Kos zubrachte, daselbst auch das berühmte Venusbild malte und starb, so kann ihn der Dichter auch in dieser Beziehung füglich als Koer bezeichnet haben. Jener irrthümlichen Folgerung hat wahrscheinlich auch die Lsrt mehrerer Hdschrften und alten Ausgaben Cois für Cous ihren Ursprung zu verdanken. Man hat den Dichter von dem angeblichen Irrthume reinigen wollen. Auch pinxisset in den meisten Hdschrften ist jedenfalls unecht und nur Erklärung von posuisset, das mehrere der besten Quellen, darunter Reg., Sarr., Jur. Exc., bezeugen. Ponere wird, ganz wie das Deutsche darstellen, von jeder Art der Darstellung gesagt. Eine Folge von pinxisset ist wahrscheinlich auch numquam in vielen Hdschrften für nusquam.


    Läge die Göttin versenkt unter den Wellen des Meers.
Was erstreben, als Ruhm allein, die heiligen Dichter?
    Dieses Verlangen beherrscht einzig all unser Bemühn.
Sorge der Fürsten vordem und der Könige waren die Dichter;V. 405. Deum für ducum in Reg. und einigen anderen ist hier, wo es sich um Anerkennung und Belohnung handelt, schwerlich echt. Dagegen haben wir auf die Autorität aller Hdschrften fuerant für das von Heinsius blos nach Exc. Jur. aufgebrachte fuerunt hergestellt. Heinsius hat an unzähligen Stellen, oft ohne alle schriftliche Autorität, das Perfect mit verkürztem e für das Plusquamperfect eingeschmuggelt und es fast nur wo das Versmaß zwingend war, wie in der dritten Pers. Sing. (Am. III, 6, 3), stehen lassen. An unserer Stelle gleichwie an der eben angef. der Amor. ist das Plusquamperf. so zu erklären, daß der Sprechende einen Erzähler im Sinne hat, zu oder vor dessen Zeit das Berichtete schon geschehen und vorüber war; in anderen Fällen, daß er an etwas Folgendes denkt, mit dessen Eintritt das im Plusquamperfect Ausgedrückte aufhörte. Von letzterer Art sind Stellen, wie unten V. 429. 618, oben I, 104. II, 475. So oder ähnlich ist das Plusquamperfect auch in vielen anderen Fällen zu erklären und herzustellen, wo es auf überwiegender hdschriftlicher Autorität beruht. Denn anzunehmen, daß die Abschreiber aus Unkenntniß des in der 3. Pers. pl. perf. dichterisch kurz gebrauchten e das Plusquamperf. gesetzt hätten, heißt ihnen im Allgemeinen zu Wenig und zu Viel zutrauen. S. zu Am. III, 5, 2 vergl. mit I, 14, 25. II, 1, 22, wo wir überall jetzt das Plusquamperf. herstellen möchten. [Warum steht z. B. Rem. 263 profuerunt ohne alle Variante?]
    Hohe Belohnung zu Theil wurde dem alten Gesang.
Heilige Würde besaß und verehrungswürdigen Namen
    Sonst der Sänger, und reich flossen die Schätze ihm zu.
Ennius, aus dem Gebirge entstammt Calabriens, – würdigV. 409 f. Beispiel verdienter Anerkennung eines alten Dichters. Ennius (s. zu Liebeserg. I, 15, 19), aus Rudiä in der Nähe Tarents in Calabrien gebürtig, was der Verfasser anführt, um anzudeuten, daß er in einem rauhen und rohen Winkel, nicht etwa in Rom, dem Mittelpuncte feiner Bildung, geboren gewesen, wurde von dem älteren Scipio in hohen Ehren gehalten und zum Gesellschafter und Freund erkoren, auch in der Gruft desselben bestattet und sein Standbild neben dem des Scipio (dir an die Seite) auf derselben aufgestellt. – Der Text lautet in allen Hdschrften verdorben: hortos oder ortos Contiguos paene [ Reg. poenis] tibi oder tuis. Die treffliche Berichtigung in unseren Ausgaben verdankt man Jan. Parrhasius.
    Ist, Held Scipio, dir er an die Seite gestellt.
Jetzt ist der Epheukranz ruhmlos; und die wachende Sorge,V. 411. Der Epheukranz; da der Epheu dem Bacchus als dem Spender der Freude und des Genusses heilig (s. zu Verw. 3, 664), Bacchus aber ebenfalls Dichtergott ist (Liebeserg. I, 3, 11 und oben I, 525); so gehört der Epheu zum Dichterschmucke (vergl. Verw. 5, 338) und wird zur Bezeichnung der Dicht- und Gesangeskunst selbst gesetzt. – Für operata haben einige Hdschrften operosa, gewöhnliche Variante, hier freilich ganz unzulässig
    Die du den Musen geweiht, nennt man vergeudete Müh'.
Doch für den Ruhm zu wachen ist schön. Wer kennte Homerus,V. 413. Für den Ruhm zu wachen, dem Ruhme den Schlaf zu opfern. – Wieder einmal hat Heinsius auf eine einzige Autorität höchst unpassend den Conj. iuvet aufgebracht und erst Baumgarten-Crusius in der neuern Ausgabe wieder beseitigt. Dann giebt ein Theil der Hdschrften invigilare.
    Gäb's das unsterbliche Werk, gäb' es die Ilias nicht.
Dánae kennte man nicht, wenn eingeschlossen sie immerV. 415 f. S. unsern Index z. Verw. – A. Lsrten si latuisset, delatuisset, delituisset, praelatuisset.
    Und in dem Thurme versteckt blieb in das Alter hinein.
Nützlich euch ist es, dafür, ihr reizenden Schönen, zu sorgen,V. 417 f. Für cura haben Cod. Reg. und ein Vat. nebst Ed. pr. turba, das Heinsius aufnahm und ferre, welches sich damit nicht vereinigen ließ, ohne Bedenken in ferte verwandelte. Für ultra andere Lsrt extra.
    Daß ihr den schweifenden Fuß über die Schwelle oft setzt.
Dringt nicht ein in die Herde der Wolf, ein Schaaf zu erbeuten?V. 419. In multas haben wir mit Reg., Francof. u. anderen für die gem. Lsrt ad m. gegeben.
    Stößt auf der Vögel Schwarm nieder nicht Jupiters Aar?
Se quoque det populo mulier speciosa videndam:
    Quem trahat, e multis forsitan unus erit.
Omnibus illa locis maneat studiosa placendi,
    Et curam tota mente decoris agat.
Casus ubique valet. Semper tibi pendeat hamus:
    Quo minime credas gurgite, piscis erit.
Saepe canes frustra nemorosis montibus errant,
    Inque plagam nullo cervus agente cadit.
Quid minus Andromedae fuerat sperare revinctae,
    Quam lacrimas ulli posse placere suas?
Funere saepe viri vir quaeritur: isse solutis
    Crinibus et fletus non tenuisse decet.
Sed vitate viros cultum formamque professos,
    Quique suas ponunt in statione comas.
Quae vobis dicunt, dixerunt mille puellis;
    Errat et in nulla sede moratur Amor.
Femina quid faciat, cum sit vir levior ipsa?
    Forsitan et plures possit habere viros?
Vix mihi credetis, sed credite: Troia maneret,
    Praeceptis Priami si foret usa sui.
Sunt qui mendaci specie grassentur amoris
    Perque aditus tales lucra pudenda petant.
Nec coma vos fallat liquido nitidissima nardo,
    Nec brevis in rugas cingula pressa suas.
Nec toga decipiat filo tenuissima, nec si
    Annulus in digitis alter et alter erit.
Forsitan ex horum numero cultissimus ille
    Fur sit et uratur vestis amore tuae.
Redde meum! clamant spoliatae saepe puellae;
    Redde meum! toto voce boante foro.
Has, Venus, e templis, multo radiantibus auro,
    Lenta vides lites, Appiadesque deae.
Sunt quoque non dubia quaedam mala nomina fama:
    Deceptae a multis crimen amantis habent.
Discite ab alterius vestris timuisse querelis;
    Ianua fallaci nec sit aperta viro.
   



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    So aufstelle zur Schau ein reizendes Weib sich der Menge;V. 421. A. Lsrt formosa.
    Einer aus Tausenden doch wird zu erobern wohl sein.
Aller Orten verweile das Weib, nur bestrebt zu gefallen;
    Und ihr ganzes Bemühn sei zu erhöhen den Reiz.
Überall waltet das Glück. Wirf aus nur immer die Angel:
    Wo du am wenigsten denkst, steckt in der Tiefe der Fisch.
Oftmals jagen umsonst auf den waldigen Bergen die Hunde;
    Und wann keiner ihn hetzt, fällt in die Schlinge der Hirsch.V. 428. Für cadit einige Hdschrften venit.
Weniger konnte wohl Nichts die gebundne Andrómeda hoffen,V. 429. S. zu Verw. 4, 670. Ihr Schmerz = sie in ihrem Schmerze. – Gem. Lsrt Andromede potuit sp. revincta; dann in einigen relictae, Reg. jedoch revinctae, wofür auch einige mit revictae zeugen.
    Als daß Einem nur je könnte gefallen ihr Schmerz.
Oft bei Bestattung des Mannes erwirbt man sich einen; gelöstenV. 431. Gem. Lsrt ire.
    Haares zu gehn und im Blick Thränen, verleihet euch Reiz.
Meidet die Männer jedoch, die prangen mit Pflege und Schönheit,
    Die ein geschniegeltes Haar öffentlich stellen zur Schau.V. 434. In statione ponere kann dem Zusammenhange nach nicht einfach heißen in Stand setzen; denn dies enthielte keinen Tadel, den der Dichter doch beabsichtigt: sondern der Ausdruck ist ohne Zweifel vom Kriegswesen hergenommen und wird eigentlich von dem Führer gesagt, der seine Leute auf Posten stellt, dann aber, wenn wir nicht irren, auf einen Verkäufer übergetragen, der seine Waaren ausstellt, zur Schau stellt, um Käufer anzulocken.
Was sie sagen zu euch, das haben gesagt sie zu tausend.
    Bleibenden Sitz nicht hat Amor; er flattert umher.
Was soll machen das Weib, ist glatter der Mann als sie selber?V. 437. In der Stellung der beiden Wörter vir sit schwanken die Hdschrften. Heinsius hat unter Berufung auf die meisten und den Urdruck sit vir gegeben; der Sinn verlangt jedoch vir sit.
    Dürfte da haben vielleicht mehrere Männer die Frau?V. 438. Nicht ohne einige Zurückhaltung sagt der Lebrer. daß es einer Frau, wenn sie einen solchen Zierbengel habe, nicht zu verdenken sei, auch mehrere Männer zu haben.
Glauben mir werdet ihr kaum; doch glaubt mir: noch stände auch Troja,
    Kam es den Weisungen nach, die ihm sein Priamus gab.V.440. Den Weisungen, Helena sammt den geraubten Schätzen zurückzugeben. S. Verw. 13, 196 ff. n. Anmerkungen. Laßt euch also das Schicksal Trojas zur Warnung dienen, denkt, ich sei euer Priamus, kommt meinen Weisungen nach. – Auffallender Weise geben die vorzüglichsten Quellen, darunter auch Cod. Reg., Priame . . tuis. Die gem. Lsrt ist Priami . . senis, das vermuthlich von einem Abschreiber herrührt, der gemeint hat, dem angeführten Beispiele dadurch mehr Würde zu verleihen, ohne zu bedenken, daß der Dichter sich schwerlich ausdrücklich mit einem Greise hat vergleichen wollen. Die aufgenommene Lsart wird von mehreren alten Handschriften geboten.
Manche schwärmen umher mit erlogenem Scheine der Liebe,V. 441 f. Die Conjunctive stehen keineswegs hdschrftlich fest. Heinsius giebt sie nach »den besseren und der Ed. pr. « Und es ist in der Regel verdächtig, wenn derselbe, wo es seine Liebhabereien betrifft, die Autoritäten nicht namentlich anführt.
    Suchen auf solchem Weg schändlicher Weise Gewinn.
Weder euch täusche das Haar, hellglänzend von triefender Narde,V. 443. Öl sowohl als Salbe, aus der Blüthe des Indischen und Arabischen Nardengrases (s. zu Verw. 15, 398) bereitet, war vorzüglich geschätzt. Namentlich diente es dazu, sich bei festlichen Gelagen vor dem Bekränzen Haar und Nacken zu salben. – Liquido für liquida haben wir auf überwiegende Autorität der Hdschrften hergestellt. Für diese Form zeugen auch einige mit nitido liquidissima, und wenn Acro zu Horat. Od. II, 11, 16 es für bemerkenswerth erklärt, daß er Assyria nardo im Feminin gesagt habe, so folgt daraus, daß dies ganz ungewöhnlich und folglich nardum als neutrum das Gewöhnliche gewesen sei.
    Noch der verengernde Gurt, straff auf die Falten gedrückt;V. 444. Eine enge Gürtung des Unterkleides mittelst eines Gürtels, der, straff angezogen, fest anliegt (drückt) an den Falten, die er bewirkt (daher im Original seine Falten). und somit den Wuchs schlank erscheinen läßt. So trugen sich ohne Zweifel blos Stutzer, also vornehmere Römer oder wenigstens solche, denen man unmöglich diebische Absichten zutrauen konnte. – Irrthümlich erklärt Heinsius cingula von einer Binde, mit welcher die Toga gegürtet worden sei. Die Toga wurde aber nie gegürtet, sondern, wo sie unbequem war, also im Hause und gleich beim Eintritt in dasselbe abgelegt. Zu bemerken ist noch, daß einige Hdschrften, darunter Reg., lingula oder ligula für cingula haben und daß nach Servius zu Virg. Aen. 9, 360 die Form cingula sonst nur von dem Gurte der Thiere gesagt werden soll, wie es wirklich Rem. 236 vom Sattelgurt des Pferdes steht. Aber was ist lingula oder ligula? Wenn es dem Zusammenhange nach nicht etwas an dem getragenen Gewande Sichtbares sein müßte, könnte man an die Bretchen denken, welche, nachdem man die Toga abgelegt hatte, zwischen die Falten gelegt wurden, um ihre Regelmäßigkeit zu erhalten. So aber ist dies nicht zulässig. Endlich führen wir noch die Lsrt des Cod. Reg. an nec brevis impexas lingula nexa comas für einen etwaigen Apollo unter den gelehrten Lesern.
Noch betrüg' euch die Toga vom feinsten Gespinnste; auch das nicht,V. 445. Über die Toga s. oben zu I, 514.
    Wenn an den Fingern sich zeigt ein und der andere Ring.V. 446. Vielleicht nicht allein als Beweis der Wohlhabenheit überhaupt, sondern besonders als Abzeichen des Ritterstandes. Vergl. zu Liebeserg. III, 8, 15. – Ein Theil der Hdschrften giebt unus et alter.
Jener von ihnen vielleicht, der als der geschmückteste auftritt,
    Ist ein Dieb; und dein Kleid ist es, für welches er brennt.
Gieb mir das Meine zurück! schrein oft die bestohlenen Mädchen;
    Gieb mir das Meine zurück! hallt auf dem Platze es weit.V. 450 ff. Auf dem Platze, auf dem Forum Cäsars, wo nach oben I, 82 der Tempel der Venus-Erzeugerin und in unmittelbarer Nähe der Appische Brunnen oder die Mündung der Appischen Wasserleitung, wahrscheinlich mit Bildsäulen von Nymphen, von dem Dichter Appius' Göttinnen genannt, sich befanden: ein Haupttummelplatz der Buhlmädchen; daher Venus selbst als Patronin dieser Liebe die Appische (Mittel w. d. L. V. 660) heißt. Der Dichter drückt nun mit den Worten, daß diesem Gezänke die dort hausende Venus und die nahe befindlichen Nymphen ruhig zusähen, aus, daß dergleichen Vorkommnisse an diesem Orte, in dem eigentlichen Quartiere der Buhlmädchen, nicht selten wären und gleichsam von den Gottheiten des Orts begünstigt würden. – Derselbe Sinn bleibt, wenn man, wie Heinsius thut, mit Cod. Reg. und einigen andern für deae tuae oder bei der Lsrt videt, suae liest, indem die Nymphen dann wegen der Nähe des Standorts so bezeichnet werden. Wie die Buhldirnen selbst nach Heinsiussens Behauptung darunter verstanden werden können, will uns nicht einleuchten, man müßte denn, gewiß nicht passend, annehmen, daß sie aus Schadenfreude zusähen. Lenta giebt übrigens blos Reg. gegen laeta der übrigen. Vergl. zu Am. III, 11, 30.
Diesem Gezänk siehst du aus dem golbenstrahlenden Tempel
    Ruhig, o Venus, sehn Appius' Göttinnen zu.
Einige Namen auch giebt's unzweifelhaft bösen Geruches,V. 453 f. Wie es Männer giebt, von denen ihrem noblen Äußeren nach kein Mädchen ahnen kann, daß sie in einer ganz andern Absicht kommen, als Liebesgenuß zu suchen; so giebt es deren auch, die, wie böse Schuldner – denn von solchen ist der Ausdruck im Original hergenommen – allgemein dafür bekannt sind, daß sie schon viele Mädchen betrogen, also sie zu ehelichen versprochen und dann im Stiche gelassen haben. – Reg. 2 giebt dubiae famae, und man könnte glauben, daß diese Lsrt sehr annehmbar wäre, um den häufigen A-Laut zu vermeiden. Allein man scheint die Wiederkehr dieses Lautes, zumal bei verschiedener Quantität, geliebt zu haben; unser Dichter wenigstens hat dieselbe keineswegs gescheut. Beispiele sind unzählig. S. unsern Index z. Verw. An dem Texte des Pentameters hat man vielfach Anstoß genommen und geändert; nach unserer Meinung ohne Grund. Crimen habere ist ein von Ovid häufig gebrauchter Ausdruck gleich reum esse, und deceptae amantis a multis (eigentlich von vielen Mädchen her = bei vielen) so viel als multarum amantium (puellarum) deceptarum.
    Die sich bei Vielen gemacht schuldig getäuschten Vertrauns.
Lernet von Anderer Leid Furcht haben vor eigenen Klagen,V. 455. Furcht haben vor eigenen Klagen, fürchten, daß ihr selbst Ursache bekommen möget zu klagen. – Vobis für vestris, wie Cod. Tomas. hat, erklärt Heinsius für passender. Wenn es das aber auch wäre, so könnte es auf diese einzige Autorität gegenüber den übrigen allen immer nicht für echt angesehen werden. Auch Burmanns Vermuthung cavisse, gestützt auf caruisse zweier Hdschrften, während mehrere tenuisse, eine renuisse hat, ist zwar ganz sinngemäß, aber nicht nöthig.
    Daß dem betrüblichen Mann nicht sich erschließe die Thür.V. 456. Nec sit bezeugt Cod. Reg. gegen ne sit der übrigen.
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