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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 8
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

In eine Höllenorgie sah Emma, als sie den Saal wieder betrat.

Abgerissene Kleiderfetzen, zerbrochene Gläser, zertretene Früchte bedeckten den Boden. Vergossener Wein troff von den Tischen auf die Trunkenen, die sinnlos in Knäueln umherlagen, wie der Rausch sie niedergeworfen. Stammelndes Lallen, kreischendes Geschrei, gellendes Gelächter mischte sich in den betäubenden Lärm der rasenden Musik. Und inmitten dieses wüsten Chaos sprang, taumelte, rannte, stampfte eine Herde von Wilden, in brünstigen Umschlingungen sich zu wogenden Gruppen zusammenballend, einander durch den Saal hetzend, wie von wahnsinnstoller Wut gejagt.

Allen voran Satanina, Lady Worseley. In ihrem wie rosiges Fleisch leuchtenden Gewande, mit ihrem blutige Blitze schleudernden Rubindiadem und mit ihrem zu einer Grimasse verzerrten Madonnenantlitz flog sie aus einem Arm in den anderen, tauschte wilde Umarmungen und brennende Küsse, peitschte mit schrill emporgeschraubter Stimme und girrendem Lachen das Bacchanal zu immer rasenderen Sprüngen.

Aber um die große Tafel in der Mitte des Saales herrschte fast lautlose Stille. Noch immer ging das Spiel. Doch außer Lord Baltimore und Sir Watford schien sich niemand mehr daran zu beteiligen. In dichten Gruppen drängten sich die Zuschauer um Luzifer und Asmodi, wie gebannt auf die fallenden Karten starrend, mit geflüsterten Bemerkungen die Wechselfälle des Spiels begleitend, in ihren gemessenen Bewegungen einen seltsamen Gegensatz zu dem wilden Taumel umher bildend.

– – – – – – – –

Auch Prinz George spielte nicht mehr. Sein junges, hübsches Gesicht war blaß von mühsam zurückgedrängter Leidenschaft und in seinen hellen Augen brannte etwas wie Zorn.

Als er Emma erblickte, stieß er ein gezwungenes Lachen aus.

»Da bist du ja, Kleine! Warum ließest du mich so lange allein? Meine hübschen Papierchen sind sämtlich zu diesem Glückspilz von Luzifer hinübergeflogen. Aber Unglück im Spiel, Glück in der Liebe! Du sollst mich schadlos halten, Julia. Sei vernünftig und sträube dich nicht länger. Ausleben und ausleben lassen!«

Mit einer schnellen Bewegung legte er seinen Arm um ihre Hüften und beugte sich zu ihren Lippen herab, um sie zu küssen. Sie aber machte sich mit einem kräftigen Ruck frei.

»Schon einmal habe ich gesagt, daß ich kein Spielzeug für fürstliche Launen bin!« stieß sie scharf heraus. »Ich bin auch nicht gekommen, um falsche Worte zu hören. Ich will Ihnen nur sagen, wo Miß Kelly ist, damit Sie sich ihrer annehmen, ehe ich gehe!«

Kurz beschrieb sie ihm den Weg.

»Chandu?« lachte er. »Dann ist sie versorgt und stört uns nicht. Bei dem Throne meines Vaters, Kind, ich bin ihrer überdrüssig bis zum Ekel! Nur ein Wort kostet es dich und ich gehöre dir! Du willst nicht? Ja, zum Teufel, was willst du denn?« Den weiten Ärmel ihres Kleides festhaltend, wandte er sich halb lachend, halb ärgerlich zu einem neben ihm stehenden Manne. »Haben Sie schon einmal ein Wunder gesehen, Sir John? Hier ist eins! Ein kleines Bauernmädchen, unwissend, keinen Pfennig in der Tasche, weigert sich, die Liebe des Prinzen von Wales entgegenzunehmen!«

Der Angeredete drehte sich nach Emma um und betrachtete sie aufmerksam.

»Sie ist sehr schön!« sagte er langsam mit einer harten, metallisch klingenden Stimme. »Selbst in Indien habe ich nichts Schöneres gesehen. Wahrhaftig, sie macht Ihrem Geschmack Ehre, Prinz! Wenn ich nicht fürchten müßte, Ihnen ins Gehege zu kommen – ich würde mich's etwas kosten lassen, diese schmucke Prise zu kapern!«

Prinz George lachte, wie über einen Witz.

»Sie, Sir John? Mit Ihrem Adonisgesicht?«

Jener zuckte die Achseln.

»Sie sind noch jung, Prinz, und scheinen noch nicht erfahren zu haben, daß Gegensätze sich anziehen. Häßliche Männer gewinnen die schönsten Frauen; und umgekehrt. Wenn Sie beispielsweise Leidenschaft einflößen wollen, so müssen Sie eine Häßliche wählen!« Er begleitete die Schmeichelei mit einem Lächeln, das sein Gesicht noch abstoßender machte. »Um meinen Erfolg bei Ihrer kleinen Hebe dürfen Sie also außer Sorge sein! Wer gewohnt ist, die Knochen von Piraten zu brechen, bricht wohl auch einen trotzigen Mädchenkopf!«

Seine unter schweren, buschigen Brauen hervorglühenden Augen trafen Emmas Augen. Ein Frösteln durchrann Emma. Nie zuvor hatte sie einen Blick von solcher Wildheit gesehen. Zwischen dicken Lidern schoß er hervor wie ein Raubtier aus den dichten Zweigen seines Verstecks.

Sie wollte fortblicken und vermochte es doch nicht. In der Häßlichkeit des Mannes schien wirklich etwas von der zwingenden Gewalt zu liegen, von der er gesprochen hatte. Die hagere Gestalt war wie aus lauter Sehnen gebildet; dürre, dunkle Arme schauten aus den weiten Ärmeln des roten Dominos; die schwärzlichen Finger glänzten wie gehärtetes Eisen. Spärliches schwarzes Haar bedeckte leicht gewellt den massigen Kopf, und die Züge des gebräunten Gesichts zeigten einen kühnen Schnitt, dessen gewalttätiger Ausdruck durch eine rote, vom linken Ohr zum rechten Mundwinkel laufende Wundnarbe noch erhöht wurde. So stellte sich Emma jene Bukanier vor, von denen das Volk grausige Erzählungen überlieferte. Friedliche Städte hatten sie überfallen, Männer gemordet, Weiber geschändet, ganze Länder ausgeraubt.

Er schien den Eindruck in ihren Augen zu lesen. Ein Lächeln spaltete seine Lippen.

»Sie wünschen von hier fortzugehen, Miß?« fragte er. »Erlauben Sie, daß ich Sie zu Ihrem Schutz begleite!«

Sein Blick ließ sie nicht los. Sie wollte ihn abweisen, brachte aber kein Wort heraus.

Prinz George lachte gezwungen auf.

»Hören Sie mal, Sir John, wenn Sie mir die Kleine abjagen ... Es ist Hochverrat, vor königlichem Blut den Vortritt zu nehmen!«

Sir John verneigte sich leicht, mit durchschimmerndem Spott.

»Die Liebe kennt kein Majestätsverbrechen, Prinz. Ich erwarte das Urteil des Königs!«

Prinz George biß sich auf die Lippen.

»Das glaube ich! Wenn's nach ihm ginge, wüßte ich heute noch nicht, daß es zweierlei Fleisch auf der Welt gibt! Glücklicherweise aber hat hier ein anderer zu entscheiden: Amy selbst!« Er blinzelte ihr mit seinem leichtfertigen Lächeln zu. »Eine pikante Situation für dich, was? Die Eva des Paradieses bist du und der Teufel hat dir den Apfel der Erkenntnis in die Hand gegeben. Aber es sind zwei hungrige Adams da. Ein Prinz, der einmal König sein wird, und ein wackerer Seeheld, dem schon im nächsten Treffen eine Kanonenkugel den verführerischen Adoniskopf fortblasen kann. Entscheide dich! Wem willst du das süße Gift reichen?«

Sie war nun wieder ganz ruhig. Als ödes Geschwätz erschien ihr das witzelnde Werben der beiden Männer. Und das leere Lachen des Prinzen stieß sie ab, seine prahlerische Beweglichkeit. Nichts Königliches fand sie an ihm, keinen Zug von Größe.

Schweigend maß sie ihn mit einem Blick der Verachtung und wandte sich ab, um zu gehen.

In diesem Augenblicke ertönte von der großen Tafel her lautes Geschrei.

»Neunzigtausend! Neunzigtausend Pfund! Es stehen neunzigtausend Pfund in der Bank! Wer wettet? Zweihundert Pfund auf Luzifer! Hundert auf Asmodi!«

Der Ruf pflanzte sich durch den ganzen Saal fort und brachte die Orgie zum Stillstand. Die Musik hörte auf zu spielen; alles strömte herzu, um an den Wetten teilzunehmen.

Eine dieser Menschenwellen riß Emma mit sich fort und drängte sie an die Tafel. Eng eingekeilt stand sie hier in der ersten Reihe der Zuschauer, neben Lord Baltimore. Ohne den Kopf wenden zu müssen, konnte sie alles sehen.

– – – – – – – –

Die Ellbogen auf das rote Tuch der Tafel gestützt saß Lord Baltimore in kalter Ruhe, fast ohne Bewegung. Ihm gegenüber war Sir Watford in seinen Stuhl zurückgesunken. Seine zusammengefallene Brust keuchte; in seinem kahlen Totenschädel flackerten die Augen wie rollende Flammen; seine Hände und Füße waren in fortwährender, krampfhaft zuckender Bewegung. Zwischen ihnen, in der Mitte der Tafel, lag ein Haufen von Gold und Banknoten. Die neunzigtausend Pfund, zu denen Lord Baltimores Bank angeschwollen war.

»Das Spiel geht weiter!« sagte Lord Baltimore mit seiner scharfen, kühlen Stimme. »Es werden nur noch Sätze von mindestens zehntausend Pfund angenommen!«

Sir Watford schnellte auf.

»Ich allein setze!« schrie er wild, den Lord mit seinen Blicken durchbohrend. »Va banque! – Wunderst du dich, Luzifer?«

Lord Baltimore zuckte wie mitleidig die Achseln.

»Warum sollte ich mich wundern? – Andere Karten!«

Man reichte ihm ein neues Spiel. Er schob es seinem Gegner zu, der die Papierhülle abriß, mischte und abhob. Dann reichte er es Lord Baltimore zurück. Auch dieser mischte nun, ließ Sir Watford abheben und legte die oberste Karte verdeckt auf die Tafel. Alles mit einer langsamen, feierlichen Förmlichkeit, aus der eine schwüle Spannung emporzuwachsen schien.

»Rot oder Schwarz?« fragte der Lord. »Was wählt Asmodi?«

»Rot ist die Farbe Luzifers. Verflucht sei sie und er! Asmodi wählt Schwarz.«

Mit einem Zucken seiner Hand warf Sir Watford die Karte auf. Rot. Careau-Zehn.

Er stieß einen Schrei der Wut aus und warf Lord Baltimore einen Wechsel zu.

»Geht das Spiel weiter?«

Ruhig legte Lord Baltimore das Papier in die Bank.

»Es stehen einhundertachtzigtausend Pfund Der höchste Satz auch bei einem Spiel im »Kakaobaum«, einer berüchtigten Spielhölle der Londoner Gesellschaft. Junge Lebemänner verloren häufig an einem Abend 5-20 000 Pfund; schwindelhaftes Börsen- und Hasardspiel war an der Tagesordnung.! Das Spiel geht weiter!«

»Va banque!«

Niemand wettete mehr. Von der Ungeheuerlichkeit des Vorganges schienen alle wie erstarrt.

Wieder ein neues Kartenspiel. Wieder das Mischen und Abheben. Wieder die verdeckte Karte.

»Schwarz!« sagte Asmodi.

»Rot!« erwiderte Luzifer.

Die Reihe des Umwendens war an Lord Baltimore.

Mit seiner Kaltblütigkeit prahlend, nahm er ein Tischmesser und richtete die Spitze auf die Karte. Einen Augenblick blieb seine Hand in der Schwebe. Sie zitterte nicht. Langsam bohrte sich der Stahl in die Karte und kehrte sie um.

Schwarz. Pique-Aß.

Ein allgemeiner Aufschrei folgte. Mit einem schrillen Gelächter des Triumphes beugte sich Sir Watford weit vor, um mit boshaft funkelnden Augen das Gesicht seines Gegners zu durchwühlen.

»Besiegt, besiegt! Die rote Bank ist gesprengt! Wunderst du dich noch nicht Luzifer?«

Lord Baltimore zeigte nicht die leiseste Spur einer Erregung.

»Das Glück ist launisch!« sagte er kalt. »Ich weiß es längst!«

Er wollte aufstehen. Aber mit einem Zuruf hielt ihn Sir Watford zurück.

»Bleib', wenn du Ehre hast! Das Spiel geht weiter! Die letzte Abrechnung ist es zwischen uns. Als ich ein Weib liebte, nahmst du es. Als ich der erste Lebemann Londons war, übertrumpftest du mich. Als ich den Höllenfeuerklub schuf, wurdest du zum Präsidenten gewählt. Was ich auch unternahm, du kamst und zerstörtest es. Kampf ist zwischen uns, solange wir atmen. Höre also! Diese Banknoten, diese Wechsel, dieses Gold – alles setze ich gegen deinen Luziferthron. Schlägt Rot, gehört alles dir; schlägt Schwarz, ist alles mein! Ein Feigling, wer zurückweicht!«

Lord Baltimore setzte sich.

»Das Spiel geht weiter!«

Die allgemeine Spannung löste sich in einem' wiehernden Gelächter. Wie im Zirkus den halsbrecherischen Sprüngen der Clowns zollte man Sir Watfords genialem Einfall durch Händeklatschen und wilde Zurufe Beifall.

Diesmal hatte Asmodi die verdeckte Karte umzuwenden. Er streckte die Hand nach ihr aus; plötzlich aber hielt er inne.

»Immer hatte ich eine unglückliche Hand!« murmelte er und ließ seine Augen wie suchend über die Reihen der Zuschauer schweifen. Mit mattem Erstaunen blieben sie auf Emma haften. »Was will die Unschuld hier? Laß mich deine Hand sehen, kleiner Engel! Beim Apollo, die Hand einer Venus! Und die Lebenslinie ist tief und stark. Da ist Wille. Dir vertrau' ich mein Glück. Komm an! Dreh' um!«

Er hatte Emmas Hand ergriffen, um sie zu betrachten. Nun deutete er auf die Karte. Und wie einem unwiderstehlichen Zwange gehorchend, ergriff Emma das Blatt und deckte es auf.

Schwarz. Treff-König.

Sinnlos vor Freude warf er die Hände empor. »Ich wußte es, eines Tages würde ich meine Rache haben! Nun ist sie da! Herunter von deinem Sessel, Luzifer! Her mit deiner Krone! Mein ist alles! Mein! Mein!«

Er riß Lord Baltimore das gehörnte Teufelsdiadem vom Kopf und setzte es sich auf. Und plötzlich in ein schäumendes Lachen ausbrechend griff er in die aufgetürmten Banknoten und Goldstücke, streute sie um sich her, drückte sie in Emmas Hände, ließ sie auf die Köpfe der Menge herabregnen.

»Luzifer ist nicht mehr! Ein falscher König war er, ein Lügner. Sagte er nicht, daß Gold Glück sei? Deshalb spielte, raffte, scharrte er zusammen, Aber es ist nicht wahr! Alles Unheil kommt von dem gelben Gotte. Fort mit ihm, daß ich ihn nicht mehr sehe! Stopf dich voll, Luzifer! Friß, schling' hinab, bis dir die Eingeweide platzen!«

Mit vollen Händen schleuderte er ihm das Gold zu. Und dabei nickte er und wiederholte unaufhörlich die eine Frage, die sein armes, kreisendes Hirn auszufüllen schien.

»Wunderst du dich? Wunderst du dich endlich, Verhaßter?«

Lord Baltimore maß ihn mit einem Blicke, als wollte er die letzte, verborgenste Blöße des Gegners erspähen.

»Ich wundere mich nicht!« sagte er langsam mit schneidender Stimme, jedes Wort betonend.; »Ich bemitleide dich, Asmodi! Du bist verrückt!«

Ein kurzes, schrilles Auflachen war die Antwort. Dann aber wurde Sir Watford plötzlich eisig ruhig.

»Ich wußte, daß du so sprechen würdest. Weil du ein winziges Hirn hast, weil du nicht imstande bist, meine Gedanken nachzudenken. Auch ihr anderen alle, blöde seid ihr und dumm; ihr begreift nur, was ihr seht! Nun denn – ihr sollt sehen! Meine Präsidentenrede werde ich euch halten. Komm, kleiner Unschuldsengel, führ' mich auf Luzifers Höllenstuhl!«

Er ergriff Emma an der Hand und stieg mit ihr zum Throne empor. Von einer seltsamen, dunkeln Spannung gebannt, ließ Emma alles mit sich geschehen.

Oben angelangt, setzte sich Sir Watford einen Augenblick auf den Thron Luzifers. Seine blutlosen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, als verspotte er sich selbst. Seine Hände wühlten in den Falten seines weiten Dominos; dann richtete er sich auf und trat an die Rampe.

Und als er nun sprach, war seine Stimme ganz ruhig. Nichts Schrilles, Schneidendes mehr war in ihr. Leise, sanft floß sie dahin, wie getragen von stiller, lächelnder Beschaulichkeit. Auf Zwischenrufe antwortete er nicht. Er wartete jedesmal, bis wieder Stille war und fuhr dann fort.

»Asmodis Thronrede – hier ist sie! ... In seinem König will das Volk den höchsten Ausdruck seines Wesens finden. Euer Wesen ist gemein. Ich bin von euch allen der Gemeinste. Darum bin ich euer König ...

Ausleben und ausleben lassen! So spricht das Gesetz. Aber Luzifer erließ ein zweites Gesetz: Sich über nichts wundern. Dieses Gesetz ist falsch! Wer sich über nichts wundert, ist auf nichts neugierig. Wer nicht neugierig ist, lebt sich nicht aus. Ich verwerfe daher jenes falsche Gesetz und setze an seine Stelle ein anderes: auf alles neugierig sein! Über ein neugieriges Volk will ich herrschen, will ein König sein der Sensation ...

Als Knabe war ich neugierig auf die Eltern. Ich lernte sie kennen. Sie haßten und betrogen einander. Meine erste Sensation. – Als Jüngling war ich neugierig auf Freundschaft und Liebe. Ich lernte sie kennen an dem Tage, da Lord Baltimore mir mein Weib entführte. Meine zweite Sensation. – Seitdem habe ich jede Neugier befriedigt, alle Sensationen durchkostet. Nur eine noch bleibt mir, die letzte und größte. Was kommt jenseits des Erdenlebens? Das rätselhafteste aller Rätsel ... Das Volk der Neugierigen sehnt sich nach der Lösung. Ein König aber habe eine Mission. Der König voran! Er zerreiße den Schleier, hinter denn das Rätsel sich versteckt! Und das sei meine Mission, meine letzte Sensation ... Was kommt nachher? Antwort will ich auf die Frage. Neugierig bin ich ... neugierig ... neugierig ...«

Dreimal wiederholte er das Wort, während er die Falten seines Dominos auseinanderschlug und die rechte Hand gegen seine Schläfe emporführte ...

Langsam ... langsam ...

Nicht der Schatten einer Bewegung war auf allen den starr emporgerichteten Gesichtern. Totenstille herrschte. Nur das Knistern der brennenden Fackeln hörte man und das leise Zischen des Wassers, in das die glühenden Tropfen des Harzes fielen ...

Dann dröhnte der Schuß Theatralisch aufgeputzte Selbstmorde gehörten zu den charakteristischen Erscheinungen der Zeit..

– – – – – – – –

In einem hundertstimmigen Geschrei, in einer wilden Flucht, in einer von gespenstiger Furcht gehetzten Menge trieb Emma dahin – eine kleine Welle im Wirbel der Brandung.

Jemand griff nach ihr, sie festzuhalten. Sir John's schreckliches Gesicht erschien über ihr, sein Mund stammelte unverständliche Worte.

Den Domino in seinen Händen lassend, entfloh sie. Fluchend lief er hinter ihr her, sie zu fangen.

Kühle Nachtluft wehte. Dunkel dehnte sich ein weites Feld. In der Ferne ein heller Streifen.

Keuchend stürzte sie sich in das Feld, dem matten Schimmer entgegen ...

Endlich war sie am Ufer. Ein Schiff trieb dahin. Ein Ruder knarrte. Breit hob sich die Gestalt des Steuermannes vom Flusse ab.

Einen langen, zitternden Schrei der Todesangst stieß Emma aus ... eine Stimme antwortete ... ein Gesicht beugte sich über sie ...

Tom?

Bewußtlos fiel sie in seine Arme.

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