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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 6
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
correctorw.klumatt-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Als Emma in ihr kleines Zimmer trat, entfuhr ihr ein Ausruf des Entzückens. Durch die offenstehenden Fenster sah sie in einen Park, der die ganze Breite des Hauses einnahm und sich in unermeßbare Ferne zu dehnen schien. Alte Bäume trugen üppig belaubte Wipfel, dichtes Buschwerk schuf dämmernde Winkel, weite Rasenflächen erfrischten das Auge mit saftigem Grün. Aus nickendem Schilfrohr blinkte der Spiegel eines Weihers.

Wundervoll war auch die Terrasse, die das Haus mit dem Park verband. Mit ihren verwitterten Bildwerken, breiten Steinquadern, wuchtigen Balustraden und mit dem dunkeln Grün ihrer Efeubekleidung erinnerte sie Emma an jene unvergeßliche Szenerie des Drurylane-Theaters.

Romeo und Julia ...

Wenn sie nachts auf die Terrasse trat, im langwallenden Nachtgewand, mit aufgelöstem Haar, konnte sie glauben, daß sie selbst Julia sei. Julia, die des nahenden Geliebten harrte ...

Und er, Romeo ...

Unwillkürlich dachte sie an Overton und jäher Schrecken befiel sie. Würde sie ihn jemals wiedersehen, wenn sie in diesem Hause blieb? Und wenn er sie hier fand – was würde er von ihr denken, daß sie mit Miß Kelly lebte?

Hatte jene nicht gesagt, daß der Prinz sie bezahlte? Und ihr seltsames Benehmen, der unaufhörliche Wechsel ihrer Stimmungen, ihre Selbstverachtung, ihre Gier nach Liebe und Genuß – war sie krank? Was hatte Mrs. Krook mit ihr vorgenommen, daß sie wie leblos umfiel und wie eine Sterbende aussah?

Unheimlich erschien Emma alles um sie her. Die rauschenden Bäume des Parks, die schamlosen Bilder an den Wänden, der ganze schmachvolle Reichtum jagten ihr eine zitternde Furcht ein. Wie einem dunkeln Schicksal preisgegeben kam sie sich vor, wehrlos, ohne Hilfe, ohne Rettung.

Wenn sie zu Mrs. Cane zurückkehrte? Vielleicht, daß die alte Frau doch nicht nur aus Eigennutz handelte, wie Miß Kelly meinte ...

Sie wandte sich zur Tür, um den Gedanken gleich auszuführen. In diesem Augenblicke aber kam Mrs. Krook herein.

»Verzeihen Sie, Miß Lyon, wenn ich störe. Es ist jemand da, der Sie zu sprechen wünscht! Er war früher schon einmal hier, um sich nach Ihnen zu erkundigen. Damals aber wußten wir selbst noch nicht, wo Sie waren. Er nennt sich Tom Kidd und sieht aus, wie ein Matrose.«

Erschreckt fuhr Emma zusammen. Tom? Was wollte er hier? War der Mutter etwas zugestoßen?

»Kann ich zu ihm hinuntergehen?« fragte sie unruhig. »Oder darf er heraufkommen?«

Mrs. Krook nickte.

»Ich werde ihn zu Ihnen schicken, Miß Lyon. Ich bitte aber darauf zu achten, daß Miß Kelly Besuch hat und nicht gestört werden darf!«

– – – – – – – –

Erregt lief sie ihm entgegen.

»Du, Tom? Was ist geschehen? Warum bist du nach London gekommen? Wie geht es der Mutter?«

Er schien ihre Fragen nicht zu hören. Er sah sie an wie geblendet. Diese vornehme Dame – war das wirklich das kleine Mädchen, das am Deegolf mit ihm zusammen die Schafe gehütet hatte?

»Amy!« stammelte er. »Fräulein Emma ...«

Nach Art der Walliser Bauern war er eingetreten, den Fischerhut auf dem Kopfe. Unwillkürlich nahm er ihn nun ab. Dann gab er Bescheid.

Es war nichts Schlimmes geschehen. Wohl war die Mutter um Emma in schwerer Sorge gewesen; nun aber, nach dem glücklichen Briefe aus Mrs. Canes Hause, hatte sie sich beruhigt. Auch die Leute von Hawarden hatten sich darein gefunden. Sie sprachen kaum noch von Emma.

Sie hörte lächelnd zu. Sie sah ihm an, daß er etwas verschwieg. Die Leute von Hawarden hatten wohl über der »Landstreicherin« den Stab gebrochen und zählten sie nun zu den Verlorenen. Aber einst würden sie ihren Irrtum erkennen.

»Und du, Tom,« fragte sie, ihn zum Sitzen nötigend, »was hat dich hergetrieben? Willst du dir London auch einmal ansehen?«

Verwirrt drehte er seinen Hut zwischen den Händen. Dann richtete er seine guten Augen auf ihr Gesicht, und sie verließen es nun nicht mehr.

»Ich bin ein armer Bursche, Fräulein Emma, der nichts gelernt hat und nicht zu sprechen versteht!« sagte er schwerfällig und oft nach Worten suchend. »Aber damals, als Sie auf Mr. Bloss' Farm die Schafe hüteten – wer war es, der jeden Morgen am Grenzhügel auf Sie wartete und den ganzen Tag mit Ihnen zusammen war? Wer machte Ihnen Sonnenhüte aus Wasserrosenblättern und Pfeifen aus Weidengerten? Und wer gab acht, daß Ihre Schafe nicht in den Deefluß fielen und ertranken?«

Erwartungsvoll sah er sie an. Sie nickte ihm freundlich zu.

»Ich hab's nicht vergessen, Tom. Ich denke oft, sehr oft daran!«

»Ich danke Ihnen, Fräulein Emma! ... Und als Ihre Mutter dann das Geld erbte und Sie zu Mrs. Barker kamen – wer freute sich mit Ihnen? Wer sagte Ihnen, daß Sie nun ein Fräulein seien? Das schönste und feinste Fräulein auf zwanzig Meilen in der Runde und auf der ganzen, großen Welt?«

Wieder nickte sie ihm lächelnd zu.

»Ein gewisser Tom Kidd hat das gesagt. Und mich sehr stolz damit gemacht.«

Ein Schatten zog über sein Gesicht.

»Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte es nicht gesagt! ... War es nicht die ganze Zeit so? Wo Fräulein Emma war, war da nicht auch Tom Kidd? Darum muß er nun auch da bleiben, wo sie bleibt!«

Erstaunt unterbrach sie ihn.

»In London? Du? Meinetwegen bist du hergekommen? Aber ich habe dir doch gesagt, daß du mir nicht helfen kannst! Daß ich meinen Weg allein gehen muß!«

Er schüttelte traurig den Kopf.

»Allein? Zwischen finsteren Häusern und fremden Menschen! Ohne eine Seele, die Sie kennt! Mit der Sie sprechen können von dem, was war! Von der Mutter und dem guten, alten Lande am Dee!«

»Das gute, alte Land!« All der Groll über ihre ärmliche Kindheit und über die ihr widerfahrenen Demütigungen rührte sich wieder in ihr. »Das ist für mich abgetan auf immer. Sprich mir nie mehr davon! Wirklich, Tom, es ist besser für dich und für mich, wenn du nicht hier bleibst.«

»Besser? Was kann es Ihnen schaden, wenn Tom Kidd hin und wieder einmal in der Ferne an Ihnen vorüberstreift? Wenn er sich freut, daß es Ihnen gut geht?«

Spöttisch schürzte sie die Lippen. Seine breite Art machte sie ungeduldig.

»Wünschest du wirklich, daß es mir gut geht? Hoffst du nicht, daß ich eines Tages elend bin und mürbe und müde?«

»Fräulein Emma!«

»So ist es! Dann willst du zur Stelle sein und mir zu Hilfe kommen und ich soll mich von dir retten lassen! Aber du täuschest dich, Tom. Niemals wirst du mich schwach sehen!«

Er war blaß geworden. Langsam stand er auf. Seine Hand, in der er den Hut hielt, zitterte.

»Fräulein Emma, ich bin ein Mensch mit armen, kurzen Gedanken. Aber Schlechtes habe ich nie gedacht. Als ich herkam, wünschte ich nur, daß einer hier wäre, zu dem Sie sich in der Not flüchten könnten, und der für Sie einträte!« Er schwieg einen Augenblick, wie vor etwas zurückschreckend, das ihm über die Lippen wollte, dann aber richtete er sich auf. »Und doch ist es richtig, was Sie denken. Ich habe Sie lieb. Immer habe ich Sie lieb gehabt, Fräulein Emma ... Und es gab eine Zeit, da ich mir in meinem Geiste ein hübsches, kleines Haus am Deegolf vorstellte, und in dem Hause ...«

Von Mitleid erfüllt hob sie die Hand.

»Sprich nicht weiter, Tom! Auch ich habe dich gern, aber nicht so, wie du es wünschest. Ich dachte, ich könnte dir das Harte ersparen, aber nun – ich muß wahr sein zu dir, wenn es dich auch schmerzt. Deine Träume werden nicht in Erfüllung gehen. Ich bin nicht für dich bestimmt. Niemals werde ich deine Frau werden.«

Er beugte sich ein wenig zu ihr vor. Sein Gesicht wurde noch bleicher, als zuvor, und seine Augen blickten traurig und hoffnungslos.

»Niemals, Fräulein Emma? Niemals?«

Ruhig hielt sie seinen Blick aus.

»Niemals, lieber Tom! Für mich gibt es nur eins: mein Ziel erreichen, oder untergehen!«

Er nickte ein paarmal vor sich hin. Als habe er alles das vorausgeahnt.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Emma!« sagte er still. »Ich weiß nun, woran ich bin!«

»Und du gehst nach Hawarden zurück?«

»Ich bleibe in London. Es könnte doch ein Tag kommen, da Sie mich brauchen. Wollen Sie mich dann rufen? Ohne an das zu denken, was heute zwischen uns vorgegangen ist? Sie dürfen es, Fräulein Emma. Nie wieder soll ein Wort davon über meine Lippen kommen. Versprechen Sie es mir?«

Bittend hielt er ihr seine Hand hin. Mit warmem Druck legte sie die ihre hinein.

»Ich verspreche es dir, Tom!«

»Ich weiß, Sie werden Ihr Wort halten! Und damit Sie mich finden können – ich fahre als Matrose unter Kapitän Helves zwischen der Londonbrücke und Gravesend Gravesend, der südlichste Punkt des Londoner Hafens.. Ich habe es Ihnen aufgeschrieben!« Er legte einen Zettel auf den Tisch und sah Emma noch einmal mit einem langen Blicke an. »Leben Sie wohl, Fräulein Emma, und nehmen Sie's nicht ungut, daß ich Ihnen lästig gefallen bin!«

Seine Stimme brach in einem erstickten Laut. Sich den Hut vors Gesicht haltend ging er schnell hinaus.

– – – – – – – –

Toms treues Wesen hatte ihr wohlgetan. Nun fühlte sie sich wieder ruhig und sicher. Kindisch schalt sie ihre Furcht vor Miß Kelly. Aber so ging es ihr, wenn sie allein war. Ihre Einbildungskraft erhitzte sich dann und schuf Gespenster, die am hellen Tage ihr Herz in Schrecken setzten. Was konnte ihr denn geschehen?

Ein leichtes Liedchen trällernd öffnete sie einen großen Schrank und musterte die Kleider, die Miß Kelly für sie bestimmt hatte. Schwere seidene Roben mit kostbaren Stickereien; helle Gewänder, leicht und zart, wie aus Spinnweben gefertigt. Alle schienen neu und unberührt.

Sie wählte ein weißes Hauskleid und zog es an. Lange musterte sie sich in dem Spiegel, der ihre ganze Gestalt zurückgab. Sie dachte an Overton. Wenn er sie so sähe, in diesem Kleide, würdig einer Julia, die im Strahl des Mondes den Geliebten erwartete ...

Träumend ging sie hin und her und setzte sich dann in einen Winkel. Draußen ging der Tag zur Rüste. Schatten stiegen auf und hüllten das Zimmer in ein weiches Dunkel.

Mrs. Krook brachte den Tee und eine brennende Lampe, die sie auf den Tisch stellte. Dann verschwand sie wieder, lautlos, wie sie gekommen. Emma achtete kaum darauf. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wieder bei der großen Dichtung der Liebe...

Liebe ...

Was war Liebe? ...

Alle liebten ... Und alle anders ...

Seltsame Gestalten schwebten vorüber... blasse Gesichter lächelten ... dunkle Augen tauchten sehnsüchtig ineinander ...

Julia und Romeo, Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona ... nach ihnen eine unabsehbare Schar von Männern und Frauen ...

Sie alle liebten... liebten ...

Nickend, winkend schwebten sie vorüber, zogen durch das Licht der Lampe, verschwanden durch die offene Tür unter den Bäumen des Parkes ...

Als letzter ein Jüngling mit dem feinen Antlitz eines Mädchens ...

Overton ...

Seine Arme öffneten sich, seine Lippen wölbten sich Emma entgegen ...

Lautlos stand sie auf, sich in diese Arme zu schmiegen. Er aber wich vor ihr zurück. Auf der Terrasse löste sich eine Gestalt in ein Flimmern, das im Lichte des Mondes zerrann ...

Leises Raunen ging durch Bäume und Büsche. Lichtes Gewölk schwamm über die glänzende Scheibe des Mondes, Schleiern gleich, hinter denen sich sehnsüchtige Mädchengesichter bargen. Aus weiten, schweigenden Rasenflächen blinkte der silberne Spiegel des Weihers. Schluchzende Laute tönten, klagende Seufzer ...

– – – – – – – –

»Es ist die Lerche nicht, es ist die Nachtigall,
Die süß ihr Lied ins bange Ohr dir singt!
Verloren im Gezweig der blühenden Granate
Strömt ihren Schmerz sie in die stille Nacht!
Glaub', Lieber, mir: es ist die Nachtigall!«

Sie stand auf der Terrasse. Julias Worte flossen ihr von den Lippen, mischten sich in die leisen Stimmen der Nacht ...

Da – was war das?

Aus dem Parke klang die. Antwort zurück ...

Die Lerche ist's, die Tagverkünderin!
Nicht Philomele! Sieh den neid'schen Streit,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt!
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunst'gen Höh'n.
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod!«

Erschreckt wandte Emma sich zur Flucht. Aber schon kam es über die Stufen der Terrasse herauf, zwei Hände hielten die ihren und ein junges Gesicht beugte sich über sie.

»Warum fliehen, holde Julia? Romeo ist hier und bittet dich zu bleiben!« Lachend zog er sie, um sie besser zu sehen, in einen Streifen des Mondlichts. »Teufel, sie ist hübsch, diese Julia! Wo hast du sie aufgetrieben, Arabella?«

Am Fuße der Terrasse richtete sich Miß Kelly auf, wo hinter einem dichten Gebüsch aus Kissen und Decken ein Lager zusammengetragen war.

Langsam kam sie heran.

»Erzählte ich Ihnen nicht von ihr, George? Ich entdeckte sie im Mai, an der Küste von Wales!«

»Ach ja, ich erinnere mich. Romney war ganz entzückt. Und er hat recht. Sie ist eine Schönheit. Darf ich sie küssen, Arabella?«

Lüstern beugte er sich über Emmas Mund.

Sie war wie betäubt. Ein Prinz war es, der sie in seinen Armen hielt. Der Sohn eines Königs, einst selbst ein König ...

Aber da sein warmer Atem über ihr Gesicht ging, fuhr sie auf und stemmte ihre Hände gegen seine Brust.

»Geben Sie mich frei!« stieß sie keuchend hervor. »Sie haben kein Recht auf mich! Ich bin nicht Ihre Geliebte!«

Aber er ließ sie nicht los. Mit Gewalt faßte er ihren Kopf und suchte ihn zu sich heranzuziehen. In seinem hübschen Gesicht brannte eine knabenhafte Wut.

»Sei doch nicht albern, Mädchen!« rief er mit ihr ringend. »Wenn Gentleman George Lust auf deinen Mund hat, so ist das eine Ehre für dich und ein Vergnügen für deinen Mund. Halt' ihr die Hände fest, Arabella! Sie hat Kräfte wie ein Bauer.«

Miß Kelly war herangekommen. Ihre schwarzen Augen flackerten und ihre vollen Schultern zuckten aus dem offenen Nachtgewande.

»Du bist kindisch, Amy! Warum sträubst du dich? Küssen Sie, George! Küssen Sie immerzu! Wer die Herrin besitzt, hat auch ein Recht auf die Kammerzofe!«

Sie sagte es lachend mit durchklingendem Spott. Betroffen hielt der Prinz inne.

»Kammerzofe? Sie ist deine Kammerzofe?«

Er ließ Emma los und trat zurück, als beflecke ihn schon ihre Nähe.

Miß Kelly drohte ihm mit dem Finger.

»Ja, ja, George! Allzuschnelle Kühnheit kann selbst einem Prinzen verhängnisvoll werden! Aber beruhigen Sie sich, ich scherzte nur. Sie brauchen Ihre Hände nicht gleich zu waschen. Amy ist meine Freundin und will Schauspielerin werden. Sie ist also liaisonfähig. Wenn Sie wollen, können Sie mit ihr Romeo und Julia spielen!«

Sie schien ihn gut zu kennen; denn sein knabenhafter Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen.

»Romeo und Julia? Nicht übel! Meinen Romeo hab' ich Wort für Wort im Kopf. Die Nacht ist schön, Julia ist nicht minder schön, und mit etwas Phantasie kann man sich unseren Park wohl als Garten der Capulets vorstellen.«

»Und die Amme?« fragte Miß Kelly. »Das wäre wohl ich, nicht wahr?«

Er brach in ein kicherndes Gelächter aus.

»Arabella Kelly als Amme – wundervoll! Überhaupt, die Idee gefällt mir. Romeo zwischen Julia und der Amme auf dem Balkon, im Zwiespalt, welche von beiden er wählen soll. Die beiden Weiber in tollem Liebeswetteifer. Natürlich läuft die Amme als erfahrene Liebeskünstlerin Julia den Rang ab. Eine prachtvolle Szene, würdig eines Boccaccio! Laß uns anfangen, Arabella. Die kleine, prüde Julia mag zusehen und Liebe lernen.«

Und Miß Kelly mit beiden Armen umschlingend begann er zu improvisieren.

»Komm, ofterprobte Lehrerin der Liebe, laß die Wogen,
Die vielbefahr'nen, deines weißens Busens
Mit gier'gem Kiele mich durchfurchen! Wenn ich sterbe,
Sei dieses Meer mein Grab. Leandern gleich
Will ich den süßen Schaum in vollen Zügen trinken...«

Er hatte ihr das Kleid aufgerissen und sein Gesicht in das schwellende Fleisch ihrer Brust gebettet. Abgebrochen, in wirrem Stammeln, wie von wilder Leidenschaft zerrissen kamen die Worte von seinen Lippen.

Miß Kelly ließ alles mit sich geschehen.

»Bei Gott, George,« rief sie, als er eine kleine Pause machte, »Sie bereiten mir täglich neue Überraschungen! Sie sind ja ein Dichter! Sie machen Verse wie Shakespeare!«

Er lächelte eitel.

»Nicht wahr? Wenn die Majestät meines Vaters das wüßte! Er haßt alles, was nach Poesie riecht, und möchte sämtliche Philosophen und Dichter am liebsten in ein Schiff packen, um es mitten auf dem Ozean anbohren und versenken zu lassen. Weißt du, was er neulich zu Miß Burney, der Schriftstellerin, sagte?« Mit ein paar schnellen Handgriffen gab er seiner Gestalt eine verblüffende Ähnlichkeit mit der des Königs und ahmte dessen Stimme nach. »Voltaire ist ein Ungeheuer und Shakespeare – haben Sie jemals solch elendes Zeug gelesen? Was? Was? Was denken Sie? Was? Ist es nicht ein jämmerliches Zeug? Was? Was? Historische Äußerung Georges III. Er starb in vollständiger Geisteszerrüttung.« Wie ein Kind stammelnd wiederholte er unaufhörlich dieses blöde ›Was? Was?‹ Und voll ätzenden Spottes setzte er dann mit natürlicher Sprache und Gebärde hinzu: »Natürlich mag er diese Leute nicht, die den gekrönten Häuptern so rücksichtslos ins Herz leuchten und sie als Menschen mit Fehlern und Lastern hinstellen, wie die anderen auch. Er glaubt fest an sein Gottesgnadentum!«

Erstaunt hatte Emma ihm zugehört. Nichtig und widerwärtig erschien er ihr in seiner witzelnden, prahlerisch-geistreichelnden Redesucht. Und wie er über seinen Vater, den König, zu sprechen wagte!

Sie vergaß, wer er war und wer sie war. Unwillig warf sie den Kopf zurück und blitzte ihn mit ihren Augen an.

»Sie verspotten den Glauben Ihres Vaters, Königliche Hoheit!« sagte sie scharf, nachdem er geendet. »Was aber werden Sie glauben, wenn Sie einst König sind?«

Überrascht und nicht im geringsten durch ihren Ton gekränkt sah er sie an.

»Hast du gehört, Arabella? Die Kleine hat auch eine Zunge! – Nun, holde Julia, ich werde glauben, was mir das Parlament vorschreibt. Persönlich werde ich König von der Gnade einer lustigen Gottheit sein. Amor, Bacchus, Apollo sind meine Dreieinigkeit. – Was starrst du mich so entsetzt an, frommer Engel? Hast du nie von der berühmten Zehn-Gebote-Bill gehört, die Seiner Majestät Premierminister Sir Robert Walpole im Parlament einbringen wollte? Überall in den zehn Geboten sollte das kleine Wörtchen ›Nicht‹ gestrichen werden Historisch. Schade, daß nichts daraus geworden ist! Wir stehlen, ehebrechen und töten zwar auch jetzt, aber ohne jenes Wörtchen ›Nicht‹ könnten doch auch die kleinen Sünder mal ruhig schlafen. Sie hätten ja keine Strafe zu fürchten! – Nein, Arabella, sieh doch die Kleine! Sie ist köstlich! Das blasse Gesicht! Die erschreckten Augen!«

Er brach in ein lautes Gelächter aus und schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel, sich unverhohlen an Emmas Verwirrung weidend.

»Amy ist erst seit ein paar Monaten in London!« sagte Miß Kelly entschuldigend. »Sie hat noch nichts gesehen als eine einzige Vorstellung von Romeo und Julia im Drurylane. Von unserer Freigeisterei hat sie wohl überhaupt noch nichts gehört!«

Überrascht trat er nahe an Emma heran und musterte sie neugierig.

»Eine Unschuld? Eine weiße Blume?« Wieder züngelte es lüstern in seinen Augen auf. Plötzlich, wie von einer Idee erfaßt, wandte er sich zu Miß Kelly. »Sind Hawkes und Jennings da? Wir wollen der Kleinen London zeigen! Gleich heute! Widersprich nicht, Arabella!« stieß er ungeduldig hervor, als sie abwehrend die Brauen zusammenzog. »Es bleibt dabei! Wenn du nicht mitwillst, gehen wir. ohne dich!«

Er klatschte in die Hände. Gleich darauf erschien Mrs. Krook auf der Terrasse. Er befahl ihr, Hawkes und Jennings zu schicken.

– – – – – – – –

Hawkes und Jennings ...

Seine Spürhunde nannte sie Prinz George. Und mit ihren schlauen, ruhelosen Augen, mit ihren dicken Köpfen und starken Raubtierzähnen glichen sie wirklich riesigen Doggen. Sie dienten ihrem Herrn als Schutzwachen bei seinen heimlichen nächtlichen Ausflügen und als Spione, die alles auskundschafteten, was in London geschah.

Seit drei Tagen hatte der Prinz sie nicht gesehen. Nun erstatteten sie ihm Bericht.

Die Highwaymen, Räuber der Hochstraßen, waren in den Palast des Erzbischofs von Canterbury eingebrochen und hatten das gesamte Silbergeschirr entführt. Dem Lordkanzler hatten sie das große Siegel von England gestohlen. In einer der belebtesten Straßen Londons hatten sie die Pariser Post angehalten und beraubt. Die Polizei war ratlos; das Volk verspottete ihre Ohnmacht, bewunderte die Kühnheit der Räuber und nannte sie ›Gentlemen‹.

Im Oberhause hatte der Bischof von Llandaff seine oft angekündigte Ehebruchsbill eingebracht, in der er nachwies, daß in den siebzehn Jahren; der Regierung Georges III. mehr Ehescheidungen vorgekommen waren, als während der ganzen, früheren Geschichte Englands.

Ein irischer Lord hatte einen von seiner Mätresse begünstigten Nebenbuhler überfallen und grausam verstümmelt. Der Nebenbuhler war während der Nacht gestorben, der Lord nach Frankreich geflohen.

Die Entschädigungsklage Sir Richard Worseleys gegen Kapitän Davis, den Entführer seiner Frau, war vor Gericht verhandelt worden. Der Entführer war freigesprochen, der Ehemann in die Kosten der Klage verurteilt Historische Tatsachen.. Lady Worseley aber war zur Königin des Höllenfeuer-Klubs erwählt worden.

»Des Höllenfeuer-Klubs?« fragte Prinz George erstaunt. »Sagtest du mir nicht, Hawkes, daß er verboten und aufgelöst wurde?«

Hawkes nickte.

»So geschah's auch, Gentleman,« sagte er grinsend, dem Prinzen den Titel gebend, den dieser am meisten liebte. »Heute nacht aber wird er neu eröffnet. Lord Baltimore ist Präsident und Lady Worseley Königin!«

Prinz George fuhr lebhaft auf.

»Heute nacht? Das müssen wir sehen! Schnell, meine Damen, zieht euch um! Jennings, laß anspannen! Hawkes, besorge Degen und Pistolen! Hoffentlich ist die Polizei diesmal besser auf dem Posten und hebt uns aus. Damit Majestät, mein Herr Vater, doch auch einmal ein Vergnügen haben.«

Er lachte wie toll, sich die Schenkel schlagend, und trieb alle ins Haus.

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