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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 35
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Sir William hatte in dieser Zeit viel zu tun. Täglich hielt er lange diplomatische Besprechungen mit Emma ab, sich die Pflichten seines Amtes durch den Anblick von Emmas Schönheit versüßend.

Durch den Ausbruch der Revolution in Frankreich war eine völlige Verschiebung in der politischen Lage Europas eingetreten, die alle Künste der Diplomatie in Anspruch nahm.

Durch die Weiber der Halle und die entfesselten Scharen der Volksquartiere waren Ludwig XVI. und Marie Antoinette von Versailles nach Paris zurückgebracht worden und hatten ihren Einfluß auf die Regierung Frankreichs fast ganz verloren. Das geheime Bündnis der Bourbonen war gesprengt.

Das Schicksal der geliebten Schwester beunruhigte Maria Carolina. Marie Antoinette schob das durch eine jahrhundertelange Mißwirtschaft ausgesogene Volk, dessen Urteilskraft über die Ereignisse des Tages nicht hinausging, die Hauptschuld an dem Zusammenbruch des Staates zu. Man verlangte die Verbannung der Ausländerin, beschimpfte sie durch Schmähschriften und schmutzige Lieder, drohte ihr mit dem Tode, wenn sie nicht freiwillig ging. Schlimmes schien ihr bevorzustehen, falls ihr nicht von außen Hilfe kam.

Und von Frankreich griff der revolutionäre Geist weiter um sich. In Neapel blieb das niedere Volk zwar ruhig, aber die Gebildeten fingen an, eine vermessene Sprache zu führen. Die Ausländer am Hofe und in der Regierung wurden mit Mißtrauen behandelt, die Polizei berichtete von geheimen Zusammenkünften, in denen junge Heißsporne Reden gegen Maria Carolina, die »Ausländerin«, die »Österreicherin«, hielten. In den Straßen zeigten sich Gestalten, durch Kleidung, Haartracht, äußere Abzeichen den Jakobinern ähnlich, die in Paris die Herrschaft des Volkes an die Stelle des angestammten Königshauses zu setzen strebten.

Sollte Maria Carolina demselben Schicksal anheimfallen, das über Marie Antoinette bereits düstere Gewitterwolken zusammenzog? Rettung der Schwester, Schutz des eigenen Thrones mußte nun das Ziel ihrer Politik sein. Neue Freunde galt es zu werben.

Mit ihrer ganzen leidenschaftlichen Tatkraft ging sie ans Werk. Täglich flogen ihre Kuriere mit Botschaften an die Höfe Italiens, an ihre Gesandten in Wien, Petersburg, Berlin. Täglich hatte sie lange, geheime Konferenzen mit den Vertretern der Kontinentalmächte an ihrem Hofe. Eine Liga gegen die Revolution wollte sie zusammenbringen, durch den gleichzeitigen Einmarsch großer Heere in Frankreich den verderblichen Geist des Jakobinertums mit einem Schlage vernichten.

Und schon schien sich ein Erfolg zu zeigen. Um das Band zwischen den beiden Staaten enger zu schlingen, willigte ihr Bruder, Kaiser Leopold II. von Österreich, in eine dreifache Heirat zwischen den Herrscherfamilien von Wien und Neapel. Des Kaisers Söhne Franz und Ferdinand sollten Maria Carolinas Töchter Theresia und Ludovica, und Maria Carolinas Kronprinz Franz die Erzherzogin Maria Clementine zum Altar führen. Im August erwartete man den Fürsten Ruspoli als außerordentlichen Botschafter und Brautwerber in Neapel; alsdann sollten Ferdinand und Maria Carolina mit dem Kronprinzen und den beiden bräutlichen Prinzessinnen nach Wien zu der dreifachen Hochzeitsfeier reisen. Hier würde man die politische Lage besprechen und Entschlüsse fassen, deren Ausführung gewaltige Veränderungen in Europa herbeiführen mußten.

– – – – – – – –

Es war eine schwere Zeit für Sir William.

Fortwährend forderte Pitt Berichte über die Vorgänge in Neapel von ihm ein. Alles wollte der Unermüdliche wissen, auf die geringsten Kleinigkeiten legte er Gewicht. Eine ungeheure Verwirrung der Verhältnisse auf dem Kontinent sah er voraus, aus der es für England Nutzen zu ziehen galt. Die Schwächung Frankreichs durch die inneren Unruhen mußte benutzt werden, um im Mittelmeer festen Fuß zu fassen. Durch Gibraltar beherrschte man bereits den Eingang; nun mußten auch Stationen im Meerbecken selbst erworben werden, durch die man die Fahrstraße der britischen Schiffe sicherte und den Warenverkehr der Levante in die Hand bekam. Ein neues großes Handelsgebiet galt es dem englischen Kaufmann zu erschließen, die Flagge König Georges III. sieghaft auch über den Häfen Kleinasiens und Ägyptens wehen zu lassen, Konstantinopel zu bedrohen und dadurch den indischen Kolonien auch von dieser Seite Schutz gegen die Anschläge der Neider zu verschaffen.

Begeistert ging Sir William auf die Weisungen des Ministers ein. Geheime Boten verkehrten zwischen ihm und Sir Acton; große Summen flossen in die Taschen der Höflinge, die jede unvorsichtige Äußerung der Königin an Sir William weitergaben; mit unerschöpflicher Geduld ertrug er die schlechte Laune des Königs, der über die Reise nach Wien, grollte und im voraus über den lästigen Etikettenzwang der Hochzeitsfestlichkeiten klagte.

Aber Sir William erfuhr nur wertlosen Klatsch, kaum des Berichtens wert. Maria Carolina schien gegen England von Mißtrauen beseelt. Selbst ihren Premierminister weihte sie nicht in ihre Pläne ein. Lächelnd, stets voll Huld gegen Sir William, hüllte sie sich in eine berechnete Harmlosigkeit, gegen die er keine Waffe fand.

Er war verzweifelt. Alle seine Diplomatenkünste versagten gegenüber dieser Königin, die das Genie ihrer großen Mutter geerbt zu haben schien. In schwarzen Stunden dachte er schon daran, den Abschied zu nehmen und das schwierige Feld jüngeren Kräften zu überlassen.

Ach ja, eine Frau fehlte ihm. Nur eine Frau konnte in die Geheimnisse einer anderen dringen...

– – – – – – – –

Mitte Juli wurde der Brautschatz der Prinzessinnen in Neapel mehrere Tage lang zur öffentlichen Schau ausgestellt. Im Hafen von Manfredonia sammelten sich acht Schiffe der neapolitanischen Kriegsflotte, um die königlichen Reisenden auf ihrer Meerfahrt nach Fiume zu geleiten. In Wien erhielt Fürst Ruspoli als Ausstattung zu der Brautwerbung den hohen Orden vom Heiligen Vlies. Am sechsten August sollte er in Neapel eintreffen ...

Am letzten Juli erschien der König zur Abendgesellschaft im Palazzo Sessa. Er wollte noch eine gemütliche Stunde verleben, ehe die Langeweile der höfischen Feste über ihn hereinbrach.

Er brachte Emma ein kleines, fest verschnürtes Paket mit. Neue Duette von Händel, wie er sagte, die sie während seiner Abwesenheit einstudieren sollte. Wenn er zurückkam, wollte er sie mit ihr singen. Und sobald sie sich ein Urteil über die Musik gebildet hatte, sollte sie es ihm nach Wien mitteilen. Der Kabinettskurier Ferren würde jedesmal bei ihr vorsprechen, ehe er eine seiner Reisen nach Österreich antrat.

Emma wollte das Paket sogleich öffnen. Aber er wurde verlegen und hielt sie zurück. Er hatte nur wenig Zeit, die Königin erwartete ihn. Sie wollten lieber zum Abschied noch ein paar Duette singen von denen, die sie bereits miteinander geübt hatten. Dabei sah er Emma bedeutungsvoll an.

Aber er war nicht gut bei Stimme. Schon nach wenigen Takten brach er wieder ab. Die Angst vor der Tortur der Wiener Etikette vergällte ihm selbst diese letzten Stunden der Freiheit. Aber wenn er nach einem Jahre wiederkam, wollte er sich schadlos halten. An diesem wundervollen Händel, den er Emma nochmals dringend empfahl ...

– – – – – – – –

Als er fort war, verließ Emma unauffällig die Gesellschaft und öffnete das Paket.

Der König hatte nicht gelogen. Es waren neue Duette von Händel, in goldgepreßtes Leder gebunden. Aus der Höhlung des Rückens aber ragte ein zusammengefaltetes Papier hervor.

Hatte König Nazone Emma wieder angedichtet, wie er es in letzter Zeit öfters getan?

Fast vierzig Jahre war er nun schon alt, schien aber in seinem Gefühlsleben erst auf der Stufe eines Schulknaben angelangt, dem weibliche Reize zum ersten Male den Sinn verwirrten.

Sie zog das eng beschriebene Blatt heraus und las ...

Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er war der Bevormundung durch die Königin müde. Die Regierung wollte er ihrem Ehrgeiz überlassen; aber in seine Privatangelegenheiten sollte sie sich nicht mischen. Anderswo wollte er das Glück suchen, das Maria Carolina mit ihrem hochfahrenden Sinn ihm nicht zu geben vermochte.

Einzig und allein bei Emma konnte er dieses Glück finden.

Ihm sollte sie sein, was Ludwig XV. die Pompadour gewesen war. Ein Landgut bei Caserta sollte ihr gehören, ein Palazzo in Neapel, ein Haus in Palermo. Den Titel einer Herzogin von Bronte wollte er ihr verleihen. Die Söhne, die sie ihm schenkte, wurden Grafen, erhielten hohe Ämter, die Töchter stattete er reich aus und verheiratete sie mit Fürsten.

Die ersten paar Jahre mußte Emma allerdings außerhalb Neapels leben, um der Opposition kein Wasser auf ihre Teufelsmühlen zu leiten. Sobald aber Maria Carolina die Jakobiner mit eisernem Besen ausgefegt hatte, kam Emma an den Hof und war nach der Königin die Erste.

Wenn Maria Carolina sich dagegen sperrte und die Etikette vorschob, verheiratete der König Emma ganz einfach mit dem Herzoge von Ascoli oder mit sonst einer hochadeligen Lakaienseele. Dann mußte die Königin klein beigeben.

Wenn Emma einwilligte, sollte sie nur ein paar Zeilen schreiben, die der verschwiegene Ferri ihm nach Wien bringen würde. Von dort würde der König dann alles vorbereiten, daß sie bei seiner Rückkehr den Palazzo Sessa verlassen und auf das Gut bei Caserta übersiedeln konnte ...

Mit einem Auflachen des Hohnes verbarg Emma den Brief in ihrem Mieder. So hatte ein König geschrieben´...

Liebe?

Liebe war ein Geschäft. Und aus ihm Stiegen die Laster der Zeit empor, wie einst die giftigen Dünste der Krankheiten aus der Büchse der Pandora ...

Als Emma zur Gesellschaft zurückkehrte, trat Prinz Dietrichstein ein. Er kam von der Königin.

Sie hatte ihn gefragt, ob Emma während der Abwesenheit des Hofes in Neapel blieb, ob sie neue Attitüden erfunden hatte und neue Lieder sang. Und ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte, das sie mit Sir William verheiratete.

Prinz Dietrichstein fragte Emma, als sie einen Augenblick unbeachtet mit ihm am Fenster stand.

Sie lächelte vor sich hin. Bat um, seinen Besuch am folgenden Morgen.

– – – – – – – –

Die ganze Nacht saß sie schreibend in ihrem Zimmer. Zum erstenmal sprach sie zu einer Königin. Aber sie wählte ihre Worte nicht ängstlich aus. Frei heraus schrieb sie, was sie dachte, was Maria Carolina wissen sollte.

Der König hatte sich in Emma verliebt, ohne ihr Zutun. Er hatte ihr Anerbietungen gemacht, die eine andere wohl verlocken konnten. Emma aber war der Königin aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens in Ehrfurcht und Liebe ergeben. Um keinen Preis der Welt brachte sie es über sich, diese erhabene Stirn durch einen Hauch von Verdruß zu trüben, diese schönen, königlichen Augen zum Zorn zu reizen. Sterben würde sie, wenn die edelste Frau Europas Böses von ihr dachte. Darum wies sie das Ansinnen des Königs zurück und flehte Maria Carolina um ein gerechtes Urteil über die Unglückliche an, die unabsichtlich vielleicht das Mißfallen der Majestät erregt hatte. Emma stand im Schutze der britischen Gesandtschaft, aber willig verzichtete sie auf dieses Recht, wenn Maria Carolina es befahl. Auf Gnade oder Ungnade würde sie sich ihr ausliefern, würde, so schwer es ihr auch fiel, den Anblick der großen Herrscherin und liebreizenden Frau zu entbehren, nach England zurückkehren, um die Ruhe der angebeteten Monarchin nicht zu stören.

Durch diese freiwillige Verbannung hoffte sie den Wünschen der Königin zu entsprechen. Sir William zwar würde die Trennung schmerzlich empfinden. Er liebte Emma. Aber er hatte kein Recht auf sie. Das Gerücht, das vielleicht auch zu den Stufen des Thrones gedrungen war, log: Sir William war nicht in geheimer Ehe mit Emma verbunden. Er hatte schon oft daran gedacht, sie zu seiner Frau zu machen, immer aber hatte ihn die Scheu vor dem Mißfallen Maria Carolinas zurückgehalten. Dieselbe Scheu hatte auch Emma abgehalten, sein Liebeswerben zu erhören. Rein, wie sie nach Neapel gekommen war, konnte sie auch heute noch den strengen Blick der Majestät mit ruhigem Gewissen ertragen ...

In tiefster Demut, mit willigster Hingebung erwartete sie, was Maria Carolina über sie beschließen würde. Was es auch sei, im Geiste würde sie auch die strafende Hand der Erhabenen mit den ehrfurchtsvollen Küssen heißer Liebe bedecken ...

Der Morgen dämmerte bereits, als sie die Feder fortlegte. Sie faltete den Brief, legte das Schreiben des Königs hinein und siegelte zu. Mit schmerzenden Gliedern erhob sie sich, ging ruhelos hin und her.

Sollte sie es wagen? Um alles ging es, was sie in diesen Jahren erstrebt und erreicht hatte. Ihr ganzes Sein stand auf dem Spiel ...

Zur bestimmten Stunde kam Prinz Dietrichstein. Nach vielen Bitten übernahm er es, den Brief der Königin in einem unbewachten Augenblick zu überreichen.

Va banque ...

– – – – – – – –

Am folgenden Tage brachte er die Antwort der Königin. Ein verschlossenes Kuvert, ohne Adresse, ohne Siegel. Fiebernd vor Erwartung riß Emma es auf. Ein leeres Blatt fiel heraus.

Von Maria Carolina kein Wort ...

Nachmittags ging Emma in den Englischen Garten der Villa reale, um nach der Königin auszuspähen. Vielleicht, daß sie aus Maria Carolinas Mienen den Eindruck des Briefes zu erraten vermochte.

Die Königin erschien nicht. Wie es hieß, hatte sie wichtige Konferenzen über das Zeremoniell beim Empfange des Fürsten Ruspoli.

Auch an den folgenden Tagen erschien sie nicht ...

Am 6. August traf Fürst Ruspoli ein, am 7. wurden zwischen ihm und dem Premierminister Sir Acton diplomatische Besuche gewechselt. Am 12. hielt der Fürst, vom Principe della Torrella und Cavaliere Macedonio eingeholt, seinen feierlichen Einzug in Neapel. Am 14. fand vor versammeltem Hofstaat die feierliche Werbung statt, am 15. wurde die Doppeltrauung durch den Kardinal-Erzbischof vollzogen, bei der Kronprinz Franz die Stelle der erzherzoglichen Bräutigame vertrat. Am 18. verließ der König unter dem Namen eines Grafen von Castellamare die Stadt, um in Barletta, wo sich die königliche Flotte gesammelt hatte, an Bord zu gehen.

Von Maria Carolina kein Wort ...

Und am folgenden Morgen sollte sie mit den Prinzessinnen abreisen ...

Emma gab alle Hoffnung auf. Es war, wie immer. Sie hatte kein Glück.

Sie machte einen letzten Versuch. Abermals ging sie nachmittags in den Englischen Garten. Sir William begleitete sie.

Madame Skawuska Und die Herzogin von Fleurus gesellten sich zu ihnen. Lachend ging man auf und ab, plauderte von den verflossenen Hoffestlichkeiten, medisierte, kritisierte.

Plötzlich blieb Emma stehen.

Gefolgt von einem Kammerdiener, im Gespräch mit Prinz Dietrichstein kam Maria Carolina den breiten Weg herauf, huldvoll die ehrerbietigen Grüße der ihr Begegnenden erwidernd. Der Herzogin von Fleurus und Madame Skawuska nickte sie lächelnd zu. An Emma ging sie vorüber, als sähe sie sie nicht ...

Während sie langsam weiterschritt, kam Prinz Dietrichstein plötzlich zurück und bat Sir William zur Königin. Sir William eilte, dem Befehl zu gehorchen. Entblößten Hauptes trat er vor sie hin, in ehrerbietiger Verneigung ihre Anrede erwartend.

Was sagte sie ihm?

Der gewandte Hofmann bewegte heftig die Hände, verlor gänzlich seine gemessene Haltung. Als Maria Carolina ihn mit einem Neigen des Hauptes verabschiedete, ließ er seinen Hut fallen.

Regungslos sah er ihr nach.

– – – – – – – –

In den Palazzo Sessa zurückgekehrt, schloß er sich mit Emma ein. Dann berichtete er.

Maria Carolina war zuerst sehr gnädig gewesen. Von den vergangenen Hoffestlichkeiten war sie sehr befriedigt, freute sich auf die Reise nach Wien, auf das Wiedersehen mit den Verwandten. Lebhaft hatte sie dann bedauert, daß die schönste Dame der Neapeler Gesellschaft an den Festen nicht hatte teilnehmen können. Gern hätte sie diese Dame auch in ihrem Gefolge mit nach der Kaiserstadt an der Donau genommen, um den schönen Wienerinnen zu beweisen, daß auch die Frauen von Neapel nicht alle häßlich waren. Und plötzlich hatte sie Sir William gefragt, wie lange er sich noch in ein Geheimnis hüllen wollte, das keins mehr war. Wußte man nicht allgemein, daß er mit jener Dame verheiratet war?

Aber als Sir William die Wahrheit des Gerüchtes bestritt, war sie sehr ungnädig geworden. Fest hatte sie an eine geheime Ehe geglaubt und darum keinen Anstoß an seinem Zusammenleben mit Emma genommen. Nun aber – es ging doch nicht an, daß ein Gesandter, der zu den Intimen der königlichen Familie zählte, sich zu den Geboten der Moral in Widerspruch setzte. In diesen Zeiten, da der Pöbel überall an den Grundlagen der Gesellschaftsordnung rüttelte, war ein musterhafter Lebenswandel Pflicht der Aristokratie. Und es war für Sir William ja leicht, diese Pflicht zu erfüllen. Das Mittel war so einfach, daß es keines Hinweises bedurfte.

Verlangte sie, daß Sir William sich von Emma trennen sollte?

»Ich glaubte es!« schloß er. »Plötzlich aber wurde sie wieder liebenswürdig. Ich dürfe die Sache nicht tragisch nehmen, sagte sie. Nur mein Glück wolle sie und erwarte bestimmt, nach ihrer Rückkehr von Wien Lady Hamilton bei Hofe empfangen zu können!«

Bleich hatte Emma ihm gegenübergesessen, in qualvoller Ungeduld seiner umständlichen Erzählung folgend. Nun stand sie schnell auf und trat ans Fenster, ihre heftige Bewegung Sir Williams Blicken zu entziehen.

Maria Carolina ...

Alles hatte die Königin zwischen den Zeilen gelesen, was Emma nicht offen hatte aussprechen dürfen ...

»Die Königin will also, daß Sie mich heiraten oder aufgeben!« sagte sie ruhig, sich Sir William wieder zuwendend. »Nun denn, ich bin bereit, sobald Sie es wünschen, Neapel zu verlassen und nach London zurückzukehren!«

Erschreckt starrte er sie an.

»Und damit glauben Sie die Lösung des Konflikts gefunden zu haben? Sie wissen doch, daß ich Sie liebe! Daß ich in dieser ganzen Zeit nur daran gedacht habe, wie ich Sie für mich gewinne! Sie aufgeben? Unmöglich! Lieber verzichte ich auf mein Amt und ziehe mich mit Ihnen irgendwohin in die Einsamkeit zurück.«

Sie schüttelte den Kopf.

»In die Einsamkeit? Sie würden sich dort sehr unglücklich fühlen, Sir William. Auch wenn ich diese Einsamkeit teilte. Ohne den Prunk des Hofes und die Aufregungen der Politik können Sie ja gar nicht leben. Und, offen gestanden, ich auch nicht!«

Er nickte.

»Es ist wahr. Ich würde wahrscheinlich ein unausstehlicher Misanthrop werden. Aber was soll ich tun? Helfen Sie mir, Miß Emma! Geben Sie mir einen Rat!«

Spöttisch sah sie auf seine komische Hilflosigkeit.

»Blicken wir den Dingen ins Auge!« sagte sie kalt. »Sie möchten mich ganz gern heiraten. Aber Sie scheuen sich vor König George. Sie fürchten, daß er Ihnen die Mesalliance nicht verzeihen wird, Ist es so, Sir William?«

Mit verdüstertem Gesicht starrte er ins Leere.

»Es ist so. Er ist mir zwar wohlgeneigt, aber er hat eine strenge Auffassung von den Pflichten des Adels.«

Verächtlich schürzte sie die Lippen.

»Trotzdem wird er vielleicht Milde walten lassen, wenn Sir William Pitt ihm den Vorteil klarmacht, den England aus einer Heirat zwischen Sir William Hamilton und Miß Emma Hart ziehen kann.«

Erstaunt sah er auf.

»Den Vorteil?«

»Sagten Sie nicht selbst, daß nur eine Frau imstande ist, in Maria Carolinas Geheimnisse zu dringen? In diese Geheimnisse, die für England von größter Wichtigkeit sind? Maria Carolina aber ist der Miß Hart ›wohlgeneigt‹ und wünscht, die Lady Hamilton bei Hofe zu empfangen ...«

Lebhaft sprang er auf. Seine Äugen glänzten.

»Das ist die Lösung! Pitt vermag beim König alles. Noch heute setze ich den Bericht an ihn auf.«

Sie schüttelte den Kopf. Sie dachte an Greville und an die Verbindungen, die er im Auswärtigen Amt hatte.

»Ist ein Bericht nicht gewagt? Wenn Sie einen Urlaub nach London erbäten? Um mit Sir Pitt mündlich zu verhandeln?«

Entzückt stimmte er zu. Setzte sich gleich hin, das Gesuch abzufassen. Ein besonderer Kurier sollte es nach London bringen. Schon am nächsten Morgen.

Aber als er fertig war und Emma ansah, wie sie still ihm gegenübersaß, wurde er verlegen.

»Da schreibe ich und baue Pläne!« sagte er mit einem gezwungenen Lachen. »Und habe Miß Hart noch nicht einmal gefragt, ob sie überhaupt Lady Hamilton werden will?«

Er stand auf und beugte sich über sie. Etwas wie Rührung machte die Runzeln seines Greisengesichts zittern.

Mit einem seltsam glitzernden Blicke sah Emma zu ihm auf.

»Es gab eine Zeit, da hätten Sie mir eine Königskrone bieten können, und ich hätte sie ausgeschlagen. Diese Zeit ist vorbei. Ich liebe niemand mehr. Nicht einmal mich. Auch Sie liebe ich nicht, Sir William. Immer aber werde ich Ihnen eine gehorsame Frau sein und eine getreue Helferin. Mit gutem Gewissen kann ich es Ihnen versprechen. Niemals mehr wird es eine Versuchung für mich geben. Niemals werde ich wieder lieben können. Wenn Sie es daraufhin mit mir wagen wollen ...«

Er lächelte. Sie sah es ihm an, daß er es besser zu wissen glaubte. Was ernste Wahrheit war, hielt er für Stolz und spröde Zurückhaltung. Hatte ihm Greville nicht die Briefe gesandt, in denen sie von ihrer Liebe für Sir William sprach?

Gierig küßte er ihren Hals, ihren Nacken, die weißen Schwellungen ihrer Brust. Sie ließ es geschehen.

Sie stand nun auf der Höhe, die sie in heißem Mühen, erstrebt hatte. Sie stand allein. Was war ihr dieser Mann, der ihr seinen Namen gab, um eine schöne Statue zu besitzen?

Tom, Romney, Nelson, Greville – alle waren aus ihrem Leben verschwunden. Einsam war sie, wie damals, als sie auf dem »Göttlichen Bett« des Doktor Graham lag.

Ein Frösteln durchschauerte sie. Während draußen die Sonne brannte …

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