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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Dreißigstes Kapitel

Noch immer war keine Einigung mit den Gläubigern erzielt. Sie verlangten, daß Sir William für Greville bürgte; dann erst wollten sie eine längere Zahlungsfrist zugestehen. Sir William aber hatte Bedenken. Fortwährend versteckte er sich hinter neuen Ausflüchten. Wenn er die Bürgschaft übernahm, wer stand ihm dafür, daß Greville seine Schulden jemals bezahlte? Daß er bei seinem unsicheren Einkommen nicht neue Verbindlichkeiten einging? Nach ein paar Jahren brach dann die Katastrophe trotzdem herein und das Geld war umsonst ausgegeben.

Emma las die Überlegung in Sir Williams Blicken, mit denen er sie und Greville betrachtete. Etwas Spähendes, Abwägendes war in ihnen.

Angst beschlich sie. Sir William hatte denselben kaufmännischen Geist, wie Greville. Er würde nicht helfen, wenn für ihn selbst nicht auch ein Vorteil heraussprang. Was aber konnte der Arme dem Reichen bieten?

Vergebens grübelte sie; sie fand nichts. Machtlos mußte sie zusehen, wie Sir Williams Urlaub dahinschwand, ohne daß etwas Entscheidendes geschah.

Greville hatte ihr verboten, sich einzumischen. Sonst hätte sie sich Sir William zu Füßen geworfen, gebeten und gefleht. Bis er weich geworden wäre, ihr den Beweis seiner väterlichen Zuneigung gegeben hätte, von der er immer sprach.

Denn er war liebenswürdig und vertraut zu ihr. Seine ganze Zeit brachte er bei ihr in Edgware Row zu, während Greville in London mit den Gläubigern verhandelte und die Abreise seines Oheims vorbereitete ...

In den letzten Tagen des August wollte Sir William nach Neapel zurückkehren ...

– – – – – – – –

Beim Abschied schenkte er ihr sein Bild, eine Kopie des Reynoldsschen Gemäldes. Er schien wehmütig gestimmt. Er pries den Reiz des friedlichen Familienlebens, das er in Edgware Row gekostet hatte, und bedauerte sich selbst, daß er nach Neapel zurückkehren mußte, wo er wohl Freunde besaß, aber keine Seele, die mit ihm fühlte und für ihn allein lebte. Wie war dagegen Greville zu beneiden! Gewiß;, er war arm und hatte Sorgen; aber die Schönheit verklärte sein Heim und die Liebe bettete ihn warm in ihre weichen Arme. Gern hätte Sir William mit ihm getauscht.

Und er wiederholte seine Einladung, ihn in Neapel zu besuchen. Alle Vorteile zählte er noch einmal auf, die Emma von der Reise haben würde. Er erwartete bestimmt, daß sie im nächsten Frühjahr kam. Sie mußte es ihm versprechen.

Emma hörte ihm zu, mit der leichten Zurückhaltung, die sie ihm gegenüber seit jener Treueprüfung angenommen hatte. Wenn er sie gern hatte und an ihrem Schicksal Anteil nahm, warum half er Greville nicht? Glücklich konnte sie doch nur im Glück des Geliebten werden. Aber daran schien Sir William nicht zu denken.

Und so nahm sie seine Einladung nicht ernst. Ein Akt der Höflichkeit war sie, sonst nichts.

Erleichtert atmete sie auf, als er geschieden war. Trotz aller seiner Liebenswürdigkeiten hatte er doch immer zwischen ihr und Greville gestanden. Wie ängstlich hatten sie Rücksicht auf den reichen Verwandten nehmen müssen, in dessen Hand das Schicksal ihrer Liebe ruhte!

Und seit jener häßlichen Szene in ihrem Schlafzimmer hatte sie ein dunkles Gefühl, als sei er nicht so aufrichtig, wie er sich gab. Als arbeite er im stillen daran, sie von Greville zu lösen. Hatte er nicht die feine Kunst der Diplomaten gerühmt, zu denen auch er gehörte? Menschen zu leiten wie Marionetten, deren Mechanismus man ungesehen in Tätigkeit setzte, während man sie in dem Glauben ließ, daß sie sich aus eigenem Willen und aus eigener Kraft bewegten ...

Es war gut, daß er nun fort war. Zwar hatte er Greville nicht geholfen, aber die geheime Angst war doch nun von ihr genommen. Niemand stand mehr zwischen ihnen. Mühsal und Sorge, Sturm und Not – was bedeutete das alles, wenn sie nur einander hatten! Wenn sie einander nur liebten ...

– – – – – – – –

Mühsal und Sorge, Sturm und Not kamen.

Sie glaubte nun erkannt zu haben, woher alle jene Mißverständnisse zwischen Greville und ihr rührten. Ein ernster, strebender Mann war er, der ohne eine große Aufgabe nicht zu leben vermochte. Sie aber war ihm bisher nur die Geliebte gewesen, eine Blume, die sein Dasein schmückte, ohne ihm Inhalt zu geben. Die man fortwarf, wenn sie welkte. Gefährtin, Helferin mußte sie ihm werden, um ihn ganz für sich zu gewinnen. Mußte teilnehmen an allen seinen Freuden und Leiden, an seinen Gedanken, an seiner Arbeit.

Eifrig ging sie ans Werk. Es wurde ihr schwer. Immer wieder stellte sich ihr Mangel an Kenntnissen ihr in den Weg. Aber sie ließ sich nicht entmutigen. Lernte und lernte.

Seine Sammlungen half sie ihm ordnen, sich schrittweise die Wissenschaften aneignend, die über sie Auskunft gaben. Bilder und Mineralien studierte sie, um mit Greville über seine Lieblingsbestrebungen sprechen zu können. Und als er, eine mit einem Doktor Black in Edinburg angeknüpfte Korrespondenz pflegend, sich der Chemie zuwandte, las sie ihm die Werke vor, die jener sandte, machte Auszüge, ließ sich diktieren, diente als Sekretärin.

Mußte er nach London, so äußerte sie kein Wort des Unmuts mehr wie früher; kam er zurück, verdüstert von den häßlichen Verhandlungen mit seinen Gläubigern, so empfing sie ihn mit lächelnder Miene. Seine schlechte Laune ertrug sie, ohne zu murren, räumte alles aus dem Wege, was ihn verstimmen konnte. Ängstlich beherrschte sie die Wallungen ihres Blutes, suchte immer heiter und sonnig zu sein, vermied sorgfältig, sich ihm aufzudrängen. Wie eine Sklavin war sie, die an den Augen ihres Herrn hing; glücklich, wenn er ihr einen Blick schenkte; demütig, wenn er sie fortwies.

Und Greville schien ihr Mühen um ihn anzuerkennen. Öfter als früher suchte er ihre Gesellschaft, ließ er sich von ihr in den Abendstunden auf der Harfe vorspielen und die neuen Lieder singen, die er ihr aus der Stadt mitbrachte.

Die Nächte verbrachten sie eng aneinander geschmiegt. Horchten auf das Rieseln des Regens, das Fallen der Blätter, das Brausen der Winterstürme, die um das Haus fuhren. Sahen einander in die Augen, suchten sich in brennenden Küssen.

Winter war draußen, Frühling aber in Edgware Row ...

– – – – – – – –

Briefe gingen zwischen Greville und Sir William hin und her; Emma fragte nicht mehr nach ihnen, seitdem Greville ihr es eines Tages verwiesen. Worüber konnten sie einander auch zu schreiben haben? Über Kunst, über Politik und vielleicht auch über Grevilles Schulden. Alles das berührte sie nun nicht mehr. Sie hatte ihn wieder und vertraute ihm. Niemals würde er mit seinem hinter gemachter Kälte versteckten warmen Herzen etwas tun, was ihr Schmerz bereitete.

In Tagen der Arbeit floß der Winter dahin, in Nächten der Liebe ...

– – – – – – – –

Zu Emmas Geburtstag am sechsundzwanzigsten April traf von Sir William ein Brief an sie ein, der erste, den sie von ihm erhielt. Er wünschte ihr Glück, erinnerte sie an die gemeinsam verlebten Stunden, wiederholte seine Einladung.

Mit einem gewichtigen, fast feierlichen Ernst, der sich nicht mehr mit einem Scherz abtun ließ.

Greville schien lebhaft besorgt.

Sir William war nicht gewohnt, vergebens zu bitten. Zwar dachte er zu vornehm, um sich für eine Kränkung zu rächen. Aber würde er nicht gleichgültig werden gegen das Schicksal seines Neffen? Nur durch den Hinweis auf das Wohlwollen des reichen Oheims hatten sich die Gläubiger bisher von verhängnisvollen Schritten zurückhalten lassen. Merkten sie, daß Sir William Greville fallen ließ, so war das Ende da.

Kingsbench, das Schuldgefängnis, drohte ...

Auf der anderen Seite hatte Sir William Emma sehr gern. Er bewunderte ihre Schönheit, ihre Talente. Er war sogar ein wenig in sie verliebt. Nach Art alternder Lebemänner wünschte er den Rest seiner Tage mit blühenden Blumen geschmückt zu sehen, wenn sie auch anderen gehörten und anderen ihren Duft spendeten. Wenn Emma ihn recht zu nehmen wußte, konnte sie viel, vielleicht alles von ihm erreichen. Deutete Sir William nicht selbst an, daß er von ihrem Besuche die Übernahme der Bürgschaft gewissermaßen abhängig machte? Vielleicht auch die Einsetzung Grevilles zum Erben seines Vermögens?

Vielleicht dachte er noch weiter.

Er hatte Emma unter der führenden Hand Grevilles kennen gelernt. Nicht als selbständig denkende und handelnde Frau. Wenn er nun durch den Besuch ihr eigenstes Wesen erforschen wollte, losgelöst von fremdem Einflusse? Ihre treue Liebe zu Greville hatte er erprobt; aber noch wußte er nicht, ob sie dem Neffen mehr sein konnte, als nur die Geliebte.

Und hatte er nicht ein Recht, zu erfahren, in wessen Hände dereinst sein Vermögen gelangte? Den Plan einer zweiten Ehe hatte er wohl endgültig aufgegeben. War es da nicht sehr wahrscheinlich, daß er mit dem Gedanken umging, sein Alter unter Menschen zu verleben, die voll Dankbarkeit alles tun würden, ihm die letzten Tage zu verschönen?

Daß er Emma einlud, war ein Beweis, daß er nicht daran dachte, sie von Greville zu trennen. Wenn er das wollte, konnte er es auf einfachere Weise erreichen, brauchte nicht die Hand zu einer Verräterei zu bieten.

Zu einer Verräterei ...

Hielt sie Greville einer solchen für fähig? Hatte er ihr jemals begründeten Anlaß zu dem Mißtrauen gegeben, mit dem sie ihn immer wieder kränkte?

Unsinnig war auch ihre Furcht vor Sir William. Jene Szene war wirklich nur ein allerdings etwas rauhes Spiel gewesen. Hätte Greville sonst untätig im Nebenzimmer gesessen?

Wenn sie sich aber trotzdem vor dem Alleinsein mit Sir William scheute, so brauchte sie ja nur die Mutter mitzunehmen.

Und endlich traf es sich gut, daß die Einladung gekommen war. Greville mußte auf ein paar Monate nach Schottland gehen, um wegen seiner chemischen Studien mit Doktor Black persönliche Rücksprache zu nehmen und in den Bergen Kristalle und Mineralien zu sammeln. Rauh und unwirtlich war es dort; unmöglich konnte er Emma mitnehmen.

Nun aber war die Schwierigkeit gelöst. Gleichzeitig würden sie von Edgware Row fortgehen, er nach Schottland, sie nach Neapel. Um im Herbst erfrischt, verjüngt zueinander zurückzukehren.

Liebte sie ihn denn gar nicht, daß sie einzuwilligen zögerte? Immer hatte sie gesagt, daß sie für ihn zu jedem Opfer bereit sei. Nun aber, da er sie um eine kleine Gefälligkeit bat, versagte sie?

Nun denn, er wollte das Letzte, Äußerste tun und sie persönlich im Herbst von Neapel abholen.

Feierlich und förmlich verpfändete er darauf seine Ehre.

Konnte sie nun noch schwanken? Tödlich beleidigte sie ihn ja, wenn sie sich nun noch weigerte.

Sie schrieb an Sir William, sagte zu und bat, Greville mit ihr zusammen wohnen zu lassen, wenn er käme, sie abzuholen. Er wisse ja, daß das notwendig sei.

Sie unterstrich den Satz. Er würde verstehen, daß nichts in der Welt imstande war, sie dem Geliebten abspenstig zu machen.

Sir William antwortete sofort. Er bewilligte alles. Schickte ein reiches Reisegeld.

Dennoch schien der Plan scheitern zu sollen. Die Mutter erlitt einen Schlaganfall ....

Wochenlang lag sie zu Bett. Und als sie unter Emmas Pflege soweit genesen war, daß sie aufstehen und wieder umhergehen konnte, waren bereits der Sommer und der Herbst vergangen. Der zweite Winter seit Sir Williams Abschied von Edgware Row brach an. Mit Schneefällen und eisigen Stürmen. Nun war die Reise für die alte Frau unmöglich.

Immerfort kränkelte sie, schien sich nicht erholen zu können. Ein schrecklicher Husten quälte sie, nachts verging sie fast unter Erstickungsanfällen. Das englische Klima war zu rauh für ihre schwache Brust; sagten die Ärzte. Einer wärmeren Sonne und einer milderen Luft bedurfte sie. Um ganz zu gesunden, mußte sie auf einige Zeit nach dem Süden gehen ...

Wovor Emma bisher zurückgebebt war, das wünschte sie nun selbst voll Ungeduld herbei.

Neapel ...

Als der März die ersten schönen Tage brachte, nahm sie mit der Mutter Abschied von Edgware Row, während Greville nach Schottland ging. Nach Süden und Norden zerflatterte das Glück des stillen Winkels.

Würde es sich jemals wieder zusammenfinden?

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