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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 3
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Arlingtonstreet 14 ....

Der Schweizer Portier gab Emma Auskunft. Miß Kelly, war nicht in London. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Wales war sie mit Mr. Romney nach Paris gereist. Wann sie zurück sein würde, war unbestimmt. Sicherlich aber zu den Rennen von Epsom, die am fünfzehnten August begannen.

»Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, wird man Sie von Miß Kellys Rückkunft benachrichtigen!«

Emma dachte an die niedere Herberge, in der sie abgestiegen war.

»Ich bleibe nicht in meinem Gasthof!« erwiderte sie verlegen. »Sobald ich eine feste Wohnung habe, teile ich Ihnen die Adresse mit!«

Sie trat auf die Straße zurück und tauchte in dem Menschenstrom unter, den der schöne Maitag ins Freie gelockt hatte. Planlos ließ sie sich mit forttreiben.

Daß Miß Kelly nicht in London war, erschreckte sie nicht. Während der langen Postfahrt von Chester hatte sie sich in ihren Phantasien von ungeheuren Schwierigkeiten bedroht gesehen, die sie alle siegreich überwunden hatte. Was konnte ihr nun diese erste kleine Unebenheit schaden? Schlimmstenfalls vermietete sie sich, bis Miß Kelly zurückkam, irgendwo als Dienstmädchen.

Auch das Gewühl um sie her flößte ihr keine Furcht ein. In dem kleinen, stillen Hawarden hatte sie sich immer bedrückt gefühlt, hier in dem großen, brausenden London kam sie sich vor wie ein Fisch in seinem Element. Frei war sie, an keine Rücksicht mehr gebunden. Konnte tun und lassen was sie wollte. Ein lustiges Lied summend sah sie den Begegnenden ins Gesicht, lächelte über das plumpe Aussehen der Bürgerfrauen, weidete sich an den schmeichlerisch-herausfordernden Blicken der Männer. Fest und elastisch klangen ihre Schritte auf dem Steinpflaster. Als ginge sie über erobertes Land. Als brauchte sie nur die Hand auszustrecken, um all den Glanz ihr eigen zu nennen.

Vor einem Schaufenster blieb sie stehen. Damenkleider aus leichten, weißen und bunten Stoffen waren ausgestellt, indische Schals, gold- und silbergestickte Mäntel, Hüte mit wallenden Straußenfedern.

Emma kannte Namen und Wert der Kostbarkeiten nicht, aber ihre Schönheit fesselte sie. Auch war in der Mitte des Schaufensters ein Spiegel angebracht, der das Bild des vor ihm Stehenden in voller Größe zurückwarf.

Zum ersten Male sah sie sich in ihrer ganzen Gestalt. Von allen Seiten musterte sie sich, scharf, ohne Eigenliebe. Sie fand sich hübsch, aber den Bauernkittel schrecklich. Das erste, was sie sich anschaffen mußte, war ein Kleid, wie sie im Schaufenster hingen. Es war für sie, was für den Ritter das Schwert, für den Schiffer das Segel.

Sie zählte ihr Geld und sah, daß sie noch sieben Pfund hatte. Kurz entschlossen trat sie in den Laden.

Ein junger Mann kam ihr entgegen.

»Ist der Geschäftsinhaber zugegen?« fragte sie. »Ich möchte ihn sprechen.«

Der junge Mann deutete auf eine ältere Frau, die sich im Hintergrunde mit einer Dame unterhielt.

»Das Magazin gehört Madame Beaulieu. In welcher Angelegenheit?«

Emma maß ihn mit kühlem, Blick und ging an ihm vorüber, ohne zu antworten.

»Sie gestatten, Ma'am! Kann ich bei Ihnen für zwei bis drei Pfund ein elegantes Kostüm kaufen?«

Madame Beaulieu lächelte.

»Hier in Fleetstreet Hauptverkehrsstraße Londons, parallel der Themse, Verlängerung des Strand. gibt es nur Kostüme, die viel, viel mehr kosten!« sagte sie freundlich mit fremdem Akzent. »Billige Sachen kaufen Sie besser in der Drummond-Straße, auf dem Eustonplatz oder auch am Surreyufer!«

»Ich höre diese Namen zum erstenmal!« erwiderte Emma. »Ich bin gestern abend erst nach London gekommen. Und wie teuer ist das Kleid, das neben dem Spiegel in Ihrem Schaufenster hängt?«

»Acht Pfund, mein Kind!«

»Das ist mir zu viel. Ich besitze nur noch sieben und weiß nicht, ob ich in nächster Zeit etwas verdienen werde. Wenn ich das Geld habe, werde ich wiederkommen.« Sie wandte sich, wie um zu gehen. Dann aber schien ihr etwas einzufallen. »Dürfte ich das Kleid nicht wenigstens einmal anziehen?«

Madame Beaulieu lachte hell auf.

»Haben Sie gehört, Mrs. Cane?« rief sie der Dame zu, mit der sie sich unterhalten hatte. »Die kleine Unschuld vom Lande möchte mein schönstes Kostüm nur einmal anziehen!«

Mrs. Cane kam näher, um Emma, neugierig zu betrachten.

»Sind Sie so eitel, mein Kind?«

»Ich bin nicht eitler, als andere, Ma'am!« sagte Emma ruhig. »Aber ich bin fremd nach London gekommen, um bei einer vornehmen Dame in Dienst zu treten. Unglücklicherweise ist sie nach Paris verreist und kehrt erst im August zurück. Ich muß also sehen, daß ich mich bis dahin auf anständige Weise durchbringe!«

»Und dazu brauchen Sie ein schönes Kleid? Sie sind noch sehr jung ... zu jung, als daß ich annehmen möchte ...«

Emma warf den Kopf zurück, ihre Augen blitzten stolz.

»Bitte, nicht weiter, Ma'am! Ich hoffte, hier werde vielleicht ein junges Mädchen gebraucht, das hübsch genug ist, um den Kundinnen die Kostüme des Magazins vorteilhaft zu zeigen. Deshalb wünschte ich vor Ihren Augen jenes Kleid anzuziehen!«

Die beiden Damen sahen einander erstaunt an.

»Ihr Gesicht ist hübsch genug!« sagte Madame Beaulieu dann mit scharf prüfendem Blick. »Aber zu der Beschäftigung, die Sie wünschen, gehört mehr. Man muß auch eine tadellose Figur haben!«

Emma nickte.

»Ich weiß es, Ma'am! Und ich habe sie. Mr. Romney wenigstens fand meine Figur vollkommen!«

»Romney?« Die beiden Damen schrien fast auf. »Der Maler Romney?«

»Er will mich malen und hat mir für jede Sitzung fünf Pfund geboten!«

Auf Mrs. Canes Gesicht spiegelte sich etwas wie Mißtrauen.

»Sie sagen das, als wenn es nichts wäre! Warum gehen Sie denn nicht zu ihm?«

»Herr Romney ist ebenfalls verreist!«

Die Augen der Dame blickten plötzlich streng abweisend.

»Das ist nicht richtig! Ich habe noch vor drei Wochen mit ihm gesprochen!«

Ruhig sah Emma zu ihr auf.

»Wohl möglich, Ma'am! Vor zehn Tagen aber hat er mich am Deegolf in der Nähe von Hawarden gemalt. Als ich vorhin in Miß Kellys Hause war, sagte mir der Portier, sie sei mit Mr. Romney nach Paris gereist. Miß Kelly war dabei, als er mich zeichnete. Sie engagierte mich als Gesellschafterin und schrieb mir ihre Adresse auf.«

Sie holte das Blatt aus Romneys Skizzenbuche hervor und reichte es den Damen hin. Mrs. Cane nahm es und prüfte es sorgfältig.

»Es ist Miß Kellys Handschrift!« sagte sie endlich. »Ich kenne sie genau. Schon manche Anweisung von ihr auf einen gewissen Gentleman ist durch meine Hand gegangen!«

Emma lächelte.

»Eine Anweisung auf Gentleman George? Auf – Dickerchen?«

Mrs. Cane sah überrascht auf.

»Sie wissen?« Sie wandte sich zu Madame Beaulieu. »Ich glaube, die Kleine spricht die Wahrheit. Können Sie ihr nicht helfen, meine Liebe?«

Madame Beaulieu zuckte die Achseln.

Wir sind in der toten Saison. Zum Herbst vielleicht!«

»Wenn Miß Kelly zurück ist, braucht sie keine Hilfe mehr!« Sie sah Emma nachdenklich und zweifelnd an. »Ich selbst würde vielleicht etwas für Sie tun können ... aber dies schreckliche London ... man kann den Menschen nicht ins Herz sehen! Auch weiß ich nicht, was Sie gelernt haben und ob Sie überhaupt etwas leisten können!«

Emma preßte die Lippen zusammen.

»Ich begreife Ihre Bedenken, Ma'am! Ich selbst würde mich an Ihrer Stelle tausendmal besinnen. Jedenfalls aber belüge ich niemand!«

Und sie erzählte alles: ihre niedere Herkunft, ihre kurze Schulzeit bei Mrs. Barker, ihre Flucht aus Hawarden. Sie verhehlte und beschönigte nichts.

Mrs. Cane hörte aufmerksam zu; ihr scharfer Blick schien Emma bis ins Innerste ihrer Seele dringen zu wollen.

»Und Ihre Mutter?« fragte sie dann. »War sie mit Ihrer Handlungsweise einverstanden?«

»Ich habe sie nicht gefragt!« erwiderte Emma offen. »Sie ist durch ihr Unglück so ängstlich geworden, daß sie es nicht zugegeben hätte. Ich habe ihr geschrieben, daß ich nach London gehe, um die Stellung bei Miß Kelly anzutreten. So wird sie vorläufig beruhigt sein!«

»Und für die Zukunft?«

Emma preßte die Lippen zusammen.

»Sie wird immer nur gute Nachrichten von mir erhalten.«

»Und wenn es Ihnen schlecht geht?«

»Dann erst recht!«

»Sie scheinen Ihre Mutter sehr lieb zu haben, mein Kind!« sagte Mrs. Cane warm und wandte sich zu Madame Beaulieu. »Wie wär's, meine Liebe, wenn wir prüften, ob Mr. Romney recht hatte, als er dies kleine, tapfere Mädchen für eine vollkommene Schönheit erklärte? Darf sie das Kostüm aus Ihrem Schaufenster einmal anlegen?«

Madame Beaulieu winkte einer Verkäuferin, das Kleid zu holen.

»Gern, Mrs. Cane, wenn Sie es wünschen! Leider aber kann ich Miß Lyon keine Stellung bei mir anbieten!«

Mrs. Cane lächelte.

»Wir werden sehen!«

Das Kleid wurde gebracht, Emma zog es an, und die beiden Damen betrachteten sie lange.

»Es wird sich vielleicht doch einrichten lassen, daß Sie bei mir bleiben!« sagte Madame Beaulieu dann. »Ich werde eine meiner Verkäuferinnen entlassen und Ihnen die Stelle geben!«

Emma errötete.

»Verzeihen Sie, Ma'am ... Sie sind sehr liebenswürdig ... aber ich möchte nicht gern eine andere verdrängen ...«

Mrs. Cane nickte ihr freundlich zu.

»Ihre Gesinnung macht Ihnen Ehre, mein Kind. Und sie bestärkt mich, Ihnen einen anderen Vorschlag zu machen. Mr. Cane, mein Mann, ist einer der ersten Juweliere in London. Unser Geschäft liegt ein paar Schritte von hier entfernt und zählt Damen und Herren der höchsten Aristokratie zu seiner Kundschaft. Haben Sie Lust, als Empfangsdame bei uns einzutreten? Es könnte gleich geschehen und mit der Zeit würde es Ihnen wohl leicht werden, sich die nötigen Kenntnisse auch für den Verkauf anzueignen. An Unterweisung soll es Ihnen nicht fehlen. Über die Bedingungen werden wir uns schon einigen.«

Emma war von dem Glück, das sich ihr bot, einen Augenblick wie betäubt.

»Wie gut Sie sind, Ma'am!« rief sie dann und beugte sich auf Mrs. Canes Hand herab, um sie zu küssen. »Ich werde mir Mühe geben, daß Sie Ihre Güte nie zu bereuen haben!«

Mrs. Cane lächelte fein.

»Machen Sie sich keine übertriebenen Vorstellungen, Kind! Wären Sie häßlich, so hätte ich Ihnen nicht helfen können. Unsere Kunden lieben es, schöne Gesichter zu sehen, und wir Geschäftsleute müssen darauf Rücksicht nehmen. So ganz uneigennützig ist mein Vorschlag also nicht. Wie ist es, können wir gleich zu uns hinübergehen, um mit Mr. Cane das Weitere abzumachen? Oder haben Sie etwas anderes vor?«

»Nichts, Ma'am, nichts! Ich habe hier in London ja nach niemand zu fragen. Ach, wenn Mr. Cane nur Ihren Vorschlag billigt!«

Wieder lächelte die alte Dame.

»Mr. Cane billigt meine Vorschläge immer! ... Aber was tun Sie denn da? Ich sagte Ihnen doch, daß bei uns die beste Gesellschaft verkehrt. Sie müssen stets elegant sein. Behalten Sie also das Kleid nur an; wir verrechnen es gelegentlich. Und Madame Beaulieu wird uns noch ein paar Kleinigkeiten geben müssen, um Ihre Toilette zu vervollständigen. Wäsche, Schuhe, alles, was nötig ist. Mr. Cane soll sich gleich überzeugen, daß ich eine gute Erwerbung gemacht habe!«

– – – – – – – –

Als Emma sich am Abend dieses Tages entkleidet hatte, betrachtete sie sich lange in dem kleinen Spiegel der Mansarde, die in Mr. Canes Hause nun ihr Heim war. Ein Lächeln der Zuversicht kräuselte ihre Lippen.

Der erste Tag in London! Der erste Schritt auf ihrem neuen Wege zum Glück!

Ihre alten Kleider hob sie sorgfältig auf. Einst, wenn sie eine Lady war, sollte ihr der grobe Bauernkittel ein Sinnbild ihres Triumphes sein.

Aber als sie aus dem Beutelchen, in dem sie ihre Barschaft verwahrte, ein Papier nahm und aus diesem ein einzelnes Geldstück wickelte, verfinsterte sich ihr Gesicht. Ihre Zähne knirschten aufeinander und ihre Augen blickten hart. Mühsam bohrte sie mit einem Nagel eine Öffnung in das Silber und schlang es sich an einer Schnur um den Hals.

Der Schilling der Jane Middleton ...

– – – – – – – –

Wochenlang lebte Emma nun ein stilles Leben im Hause des Juweliers. In dem großen Laden des Erdgeschosses empfing sie die Kunden und legte ihnen die Kostbarkeiten des berühmten Magazins vor. Ihre Hände wühlten in den Schätzen der Welt und ihre Augen tranken den Glanz, der von ihnen ausgehend das Halbdunkel des Raumes mit tausendfarbigen Lichtern zu erfüllen schien.

Wasserhelle Diamanten aus Indien und Brasilien blitzten neben himmelblauen persischen Türkisen und violetten Amethysten vom Ural. Gelbe Topase aus Sachsen, blutrote Rubine aus Birma, kornblumenblaue Saphire vom Himalaja wetteiferten mit dunkelgrünen Smaragden aus Kolumbien und indischen goldroten Karneolen. Lapislazuli aus Afghanistan und vom Baikalsee ließen auf ultramarinblauem Grundgestein ihre goldenen Flitter erglänzen.

Sie hatte sie alle kennen gelernt, diese Wunder des Lichts und der Farbe. Aus allen Teilen der Erde hatte der Handel sie hier zusammengetragen, um die Frauen Englands zu schmücken. Die Frauen von ein paar Tausenden Bevorzugter, die sich zu Herren über die Masse der Millionen emporgeschwungen hatten. Jeden Stein wußte sie nach seinem Werte zu schätzen, so daß Mr. Cane, der erfahrene Juwelier, sich oft darüber verwunderte, woher dem einfachen Mädchen aus dem Volke das Gefühl für das Echte gekommen. Es war ihr natürlicher Sinn für Schönheit, der sie leitete, geschärft durch das Begehren.

Denn eine brennende Gier nach diesen Kostbarkeiten hatte Emma erfaßt. Wenn sie einen Stein von besonderer Färbung oder außergewöhnlichem Glanze verkaufen mußte, hatte sie Wallungen eines zornigen Schmerzes. Wie beraubt kam sie sich dann vor. Als habe nur sie ein Anrecht auf königlichen Schmuck und als bestehle man sie schon durch das bloße Anschauen.

Niemals aber kam ihr die Versuchung, sich eines dieser heißbegehrten Stücke anzueignen. Mit einem heimlichen Lächeln beobachtete sie die Vorsichtsmaßregeln, die Mr. Cane seinen Verkäuferinnen gegenüber traf. Ihretwegen konnte er alles unverschlossen umherliegen lassen! Um einen Stein setzte sie ihre Zukunft nicht aufs Spiel!

Die Zukunft ...

Eines Tages würde dieselbe Emma Lyon, die jetzt hinter dem Ladentische stand und fremden Wünschen diente, dort vor der Tür in eigener Equipage vorfahren und eintreten, geleitet von Lakaien in goldstrotzenden Livreen. Mr. Canes geschmeidige Verbeugungen würden sie empfangen und das staunende Geflüster der armen Verkäuferinnen. Was sie sich auch von diesen Schätzen wünschte, alles würde ihr gehören.

So würde es geschehen. Sie wußte es genau.

Aber noch zeigte sich zu dieser Zukunft kein Weg. Die Herren, die eintraten, bewunderten ihre Schönheit, warfen ihr verstohlene Blicke zu, raunten ihr kecke Worte ins Ohr. Keiner aber näherte sich ihr ernstlich. Sie kauften, um die Diademe in andere Haare zu flechten, die Kolliers auf anderen Nacken funkeln zu lassen, die Ringe an andere Finger zu stecken. Wie eine Durstende kam sie sich vor, bis an den Hals in einen rieselnden Quell gestellt. Sobald sie sich aber bückte zu trinken, wich das Wasser zurück.

Zorn und Ungeduld ergriff sie über die Langsamkeit, mit der das Glück nahte. Was nutzte es, daß sie hier in dem Glanze lebte, wenn sie selbst keinen Teil an ihm hatte? Inmitten des lärmvollen, menschenerfüllten London war sie in diesem Laden wie abgeschieden von der Welt, die draußen, jenseits der Schaufenster vorüberflutete mit ihren unbekannten Genüssen und Erregungen. Die seiderauschenden Damen und die eleganten Herren, die hereinkamen – wie die leichten Springwellen waren sie, die das Meer ans Ufer warf, um sie nach kurzem Spiel wieder mit sich fortzunehmen. Wie am Deegolf durfte sie den fernen leuchtenden Streifen des Meeres nur sehen; nicht hinabtauchen in die tiefe, murmelnde Flut …

– – – – – – – –

Eines Morgens kam Mrs. Cane schon früh aus ihrer Wohnung herunter, als Emma das Magazin öffnete.

»Wissen Sie, liebes Kind,« sagte sie freundlich, nachdem sie Emmas Gruß erwidert hatte, »daß Sie heute bereits einen Monat bei uns sind?«

Emma versuchte zu lächeln.

»Wirklich, Ma'am? Hoffentlich bereuen Sie es nicht, mich aufgenommen zu haben!«

Mrs. Cane sah ihr mit forschendem Blick in die Augen.

»Wir sind mit Ihnen zufrieden, Miß Emma. Es fragt sich nur, ob Sie es auch mit uns sind!«

»O, Ma'am ... ich bin Ihnen so dankbar ...«

»Still, still! Ich glaube zu ahnen, was in diesem hübschen, eigenwilligen Kopfe vorgeht. Er ist einer von denen, die alles sehen und alles hören wollen. In den ersten Tagen war's etwas Neues, elegante Herren und Damen hereinkommen zu sehen und sprechen zu hören. Nun aber merkt man, daß es eigentlich immer dasselbe ist. Und da fühlt sich das junge Herz in Mr. Canes Laden nicht ganz befriedigt. Ist es nicht so, mein Kind?«

Emma richtete sich auf und sah die alte Dame frei und offen an.

»Es ist so, Ma'am,« sagte sie. »Je länger ich hier bin, desto mehr fühle ich, wie wenig ich weiß und wieviel ich zu lernen habe. Verzeihen Sie, wenn ich so rückhaltlos spreche! Ich verstehe nun einmal nicht zu lügen!«

Mrs. Cane nickte.

»Ich zürne Ihnen nicht, mein Herz. Im Gegenteil, ich freue mich über Ihren Wissensdrang. Ich habe ja das Vertrauen zu Ihnen, daß es sich nur auf Gutes und Schönes richtet. Und ich möchte Ihnen gern helfen. Es wird nachgerade auch Zeit, daß Sie London ein wenig näher kennen lernen. Waren Sie schon einmal in einem Theater?«

Emma errötete.

»Niemals, Ma'am! Aber einige meiner Mitschülerinnen bei Mrs. Barker haben öfter das Theater in Chester besucht und nachher Wunderdinge erzählt. Einen rechten Begriff habe ich mir jedoch nicht machen können!«

»Nun denn – wollen Sie heute abend mit mir ins Drurylane-Theater gehen? Mr. Sheridan, der Direktor, ein berühmter Schriftsteller, ist ein Freund meines Mannes und hat uns zwei Logenplätze geschickt. Mr. Cane ist aber verhindert. Es wird ›Romeo und Julia‹ gegeben, von Shakespeare. Wissen Sie, wer Shakespeare war? Der größte Dichter nicht nur Englands, sondern auch der ganzen Welt. ›Romeo und Julia‹ ist eines seiner Meisterwerke. Mr. Garrick, unser bester Schauspieler, gibt den Romeo; die Julia spielt Mrs. Siddons, eine junge Künstlerin, der man eine große Zukunft prophezeit. Die Vorstellung beginnt um sieben Uhr. Übrigens wird es gut sein, wenn Sie das Stück vorher lesen, damit Sie leichter folgen können. Ich werde Ihnen das Buch leihen. Setzen Sie sich damit auf Ihr Zimmer. Den Nachmittag gebe ich Ihnen frei!«

Emma nahm das Buch mit klopfendem Herzen. Am Nachmittag saß sie in ihrer Mansarde und las. Die unsterbliche Tragödie der Liebe.

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