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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Anfang Januar 1784 traf Sir William in England wieder ein.

Kaum hatte er sich mit Grevilles Hilfe in London eingerichtet, als er auch schon nach Edgware Row herauskam. Er begrüßte die Mutter mit achtungsvoller Höflichkeit und Emma mit einer Vertraulichkeit, als sei er nur ein paar Tage fortgewesen. Er küßte die Pfirsichwangen der »ewig jungen Hebe«, küßte die »rotleuchtende Haarflut der ewig liebreizenden Venus«, küßte die »edlen Hände der ewig schönen Teemacherin«.

Er schien überhaupt gern zu küssen.

Und in dieser heiter-scherzhaften Laune blieb er. Aller hemmenden Fesseln ledig schien er dieses Urlaubsjahr von Grund aus genießen zu wollen. Fortwährend lud er Emma und Greville zu nächtlichen Streifereien durch die Vergnügungsstätten Londons ein, bei denen er die Kosten trug. Bei kleinen, üppigen Schmausereien zu dreien in den lauschigen Einzelzimmern der französischen Traiteurs machte er den freigebigen Wirt. Bei Romney bestellte er sein Porträt und ein neues Bild Emmas als »Bacchantin«.

Freie Abende verlebte er regelmäßig in Edgware Row. Man trank Tee, musizierte, sang, plauderte, las. Er hatte seine Geige mitgebracht, die er gewandt und ausdrucksvoll spielte. Emma begleitete ihn auf der Harfe und sang neue Lieder. Er war voll Lobes über ihre Fortschritte, über den warmen, vollen Klang ihrer Stimme, und bedauerte, daß sein Freund Galluci sie nicht hören konnte. Der berühmte italienische Gesangsmeister würde sofort ihre weitere Ausbildung übernehmen. Denn das Letzte, Höchste der Kunst fehlte ihr noch. In dem feuchtkalten Nebel Englands konnte sie auch niemals zu ihm gelangen. Galluci aber würde aus ihr in kurzer Zeit eine Diva ersten Ranges machen. Und Cimarosa und Paisiello, die gefeierten neapolitanischen Opernkomponisten, würden ihr Lieder und Arien schreiben.

Und er lud sie ein, ihn mit Greville in Neapel zu besuchen. Alle Freuden malte er ihr aus, die sie in diesem irdischen Paradiese erwarteten, dem Lande des leichten Sinnes, der Lieder und der Liebe, Warum war er selbst, trotz seiner vierundfünfzig Jahre, noch so jung? Weil er beizeiten aus dem kalten Norden geflüchtet war, und weil man unter der lachenden Sonne des Südens nicht alterte. Wie aus einem Jungbrunnen stieg man aus den warmen Wassern des Meeres empor; fühlte sich unter dem tiefen Blau des Himmels wie neugeboren.

Lächelnd hörte sie zu und freute sich an seinen Phantasien. Vielleicht war alles gar nicht so, wie er es schilderte. Dennoch weckte seine Begeisterung eine leise Sehnsucht in ihr. Wie aber sollte sie jemals nach Neapel kommen? Unmöglich konnte sie Sir Williams Einladung ernst nehmen. Nur in einem einzigen Falle konnte die Reise sich verwirklichen. Wenn sie Grevilles Frau wurde ...

Sie wagte nicht, den Traum zu Ende zu träumen. Aber eine süße Erwartung blieb in ihrer Seele zurück ...

– – – – – – – –

Sir William war zwei Monate wieder in England, als Grevilles Gläubiger die Geduld zu verlieren schienen. Sie überschwemmten ihren Schuldner mit Mahnungen, und als sie von ihm nur Vertröstungen auf die Zukunft erhielten, suchten sie Sir William in seiner Londoner Wohnung auf. Er kam sofort nach Edgware Row heraus. Eine Unterredung mit Greville folgte ...

Emma saß auf ihrem Zimmer und horchte.

Sie hatten sich im Laboratorium eingeschlossen, aber ihre lauten Stimmen drangen zu ihr herein. Sir William machte dem Neffen starke Vorwürfe, Greville verteidigte sich. Zwei-, dreimal schienen sie hart aneinander zu geraten. Heftig liefen sie im Zimmer auf und ab; einer suchte den anderen zu überschreien. Endlich drohte Sir William mit Enterbung. Und – nannte er da nicht auch Emmas Namen?

Todesangst überfiel sie. Wenn Sir William die Trennung verlangte ...

Plötzlich wurden sie ruhiger. Sie dämpften ihre Stimmen, als fürchteten sie Lauscher. Stundenlang hörte Emma dieses dumpfe Murmeln, das sich ihr auf die Brust legte, wie ein Alp ...

Dann hörte sie die Schritte der Männer auf der Treppe. Sie verließen das Haus. Das Rollen des davonfahrenden Wagens drang zu ihr herauf. Fuhr Greville mit nach London?

Vielleicht hatte er in seinem Zimmer ein paar Zeilen zurückgelassen, die ihr Nachricht gaben.

Sie ging nachzusehen. Aber seine Tür war verschlossen. Ohne ein Wort war er gegangen. Und wußte doch, wie sie sich sorgte.

– – – – – – – –

Mitten in der Nacht erwachte sie. Verstört, in Schweiß gebadet blickte sie um sich. Dem Verlöschen nahe brannte die Lampe auf dem Tisch. Seltsam verzerrt blickte Grevilles Gesicht aus dem Bilde über dem Schreibtisch zu Emma herüber.

Hatte er sie verlassen?

Wieder kam die Angst über sie. Sie. sprang auf, schlich an seine Tür. Verschlossen, wie vorher. Er war noch nicht zurück.

Sie stieg die Treppe hinab und trat auf die Straße. Angestrengt spähte sie den Weg nach London hinunter, horchte auf jedes Geräusch. Lange stand sie so, fröstelnd in dem kalten Nebel des Märzmorgens.

Todmüde setzte sie sich endlich auf die Treppe, Hier mußte er an ihr vorüber, wenn er kam ...

Ihr Husten weckte die Mutter. Erschreckt kam, die alte Frau herbei. Ihren Bitten gab Emma endlich nach und ließ sich ins Bett bringen. Aber die Decken und Kissen erwärmten sie nicht. Frierend lag sie und lauschte.

Wartete ... wartete ...

– – – – – – – –

Sie mußte doch eingeschlafen sein ...

Als sie erwachte, saß Greville an ihrem Bett. Dankbar lächelte sie ihm zu. Er war bei ihr; er hatte sie nicht verlassen.

Er schüttelte den Kopf über ihre Torheit. In der kühlen Morgenluft hatte sie sich erkältet; drei Tage hatte sie in heftigem Fieber gelegen. Er hatte ja nicht geahnt, daß sie sich ängstigte. Sonst hätte er ihr gleich gesagt, daß so verwickelte Verhältnisse, wie die seinen, sich nicht im Augenblick entwirren ließen. Sir William war anfangs zornig gewesen, dann aber hatte er Hilfe in Aussicht gestellt. Zeitraubende Verhandlungen mußten, mit den Gläubigern geführt werden. Vielleicht waren auch einige Reisen notwendig. Es ließ sich jetzt noch nicht übersehen.

Sir William war voll Sorge um Emma. Aber als er an ihr Bett gekommen war, um sie zu sehen und das Fieber zu prüfen, hatte sie sich seltsam gegen ihn benommen. Aufgeschrien hatte sie, abwehrend ihre Hände gegen ihn ausgestreckt. Als ob sie sich vor ihm fürchtete.

Er meinte es doch gut mit ihr. Wenn er Greville half, geschah es auch ihretwegen.

Er wartete draußen. Wollte sie nicht erlauben, daß er hereinkam?

Matt nickte sie Gewährung.

Und Sir William beugte sich über sie und küßte die »,edlen Hände der armen, schönen, törichten, lieben Teemacherin von Edgware Row«.

– – – – – – – –

Seitdem kam er täglich.

Um ihr die Langeweile des Krankenzimmers zu vertreiben, führte er sie in die Kunstgeschichte ein. Er brachte kostbare Bücher mit, in denen Meisterwerke der Malerei und Bildhauerei abgebildet waren, und sprach über die Schönheitsideale der einzelnen Menschenrassen. Die edle Linie der Hellenen zeigte er, die Unterschiede zwischen Italienern und Spaniern, das üppig-gesunde Fleisch eines Rubens, die krankhafte Zartheit eines Botticelli, die Pikanterien der Franzosen.

Dann suchte er festzustellen, welchem Schönheitstypus Emma angehörte. Er betastete die Form ihres Kopfes, verfolgte die Linie des Halses, erforschte die Struktur der Hand.

Lächelnd ließ sie es geschehen. Sein Eifer belustigte, sein Lob erfreute sie. Mußte sie ihm um Grevilles willen nicht gefallen?

Es schadete nicht, wenn er sich vielleicht auch ein wenig in sie verliebte.

Auch den oberen Teil der Brust gab sie ihm preis. Alles das hatte Romney hundertmal gezeichnet, durch seine Bilder kannte es alle Welt.

Dann verlangte Sir William auch die Form ihres Fußes zu prüfen. Sie zögerte. Komisch zwar erschien ihr diese stückweise Enthüllung, nachdem das »Göttliche Bett« den Augen von London bereits Emmas ganze Gestalt offenbart hatte. Aber dieses London war ihr damals ein unbestimmtes Etwas gewesen, eine verschwommene, wie in weiter Ferne sich auftürmende Masse, wesenlos und geschlechtslos. Während Sir William ...

Er war Mann. Und seine Neugier schien mit jedem Zugeständnis zu wachsen ...

Und hatte nicht Greville ihr das Häßliche jener Zurschaustellung mit hundert stichhaltigen Gründen bewiesen? Nur, wenn Greville es guthieß, wollte sie Sir William nachgeben.

So hielt sie ihn hin.

Als Greville am Abend zu ihr kam, sagte sie es ihm, überzeugt, daß er nicht einwilligen werde. Aber er ...

Für was hielt sie denn Sir William? Diesem feinfühligsten aller Menschen war es einzig und allein um die Kunst zu tun. Nicht das Weib sah er in Emma; eine Meisterschöpfung der Natur war sie ihm, der er huldigte, ohne sie zu begehren. Mußte sie denn immer gleich an Schlechtes glauben?

Er schien verstimmt und blieb nur ein paar Augenblicke bei ihr.

Er war überhaupt in letzter Zeit sehr verändert. Täglich fuhr er nach London. Dachte er vielleicht, daß Sir William ihn ihr ersetzen konnte? Kehrte er dann spät heim, so war er mißmutig und abgespannt. Kaum, daß er ein karges Wort für das Notwendige fand. Selbst ihre Liebkosungen schienen ihm lästig.

Dieser schreckliche Kampf rieb ihn auf. Besprechungen mit seinen Gläubigem trieben ihn ruhelos durch die Straßen Londons. Für Sir William mußte er Kunsthändler besuchen, Bibliotheken durchstöbern, Neuigkeiten erkunden. Dazu kam noch die Politik.

Nach einem kurzen Ministerium der Wighs waren die Torys unter William Pitt dem Jüngeren abermals zur Regierung gelangt. Die Verabschiedeten kehrten in ihre Stellungen zurück. Auch Greville hatte Aussicht auf ein Amt. Er mußte sich in den einflußreichen Kreisen zeigen und sorgen, daß er nicht vergessen wurde.

Er hetzte sich ab und dachte wohl nur selten an Emma. Während sie sich nach ihm sehnte.

– – – – – – – –

Am folgenden Tage gab sie Sir William auch den Fuß preis.

Die Bettdecke vor sich ausbreitend richtete sie sich auf und setzte den Fuß auf den Teppich.

Sir William betrachtete ihn, nahm die Maße, verglich ihn mit Abbildungen in seinen Büchern. Endlich stellte er ihn auf einen Bogen Papier und zeichnete den Umriß ab.

Aber dann ... Das alles genügte doch nicht, um Emmas Schönheit zu beurteilen. Auch die Form der Schenkel und Hüften mußte er haben. Die ganze Gestalt ...

Er stammelte die Bitte hervor, während er vor ihr auf den Knien lag und auf das weiße Fleisch des Fußes starrte. Als Emma erschreckt nicht gleich antwortete, suchte er die Decke emporzuschieben. Seine Hände zitterten, er atmete laut und schnell, seine Ohren färbten sich dunkelrot ...

Plötzlich warf er sich auf Emma. Sie fiel auf das Bett zurück ... ein Kampf entspann sich ...

Das Entsetzen lähmte sie so, daß sie keinen Laut in ihrer Kehle fand. Aber mit ihrer ganzen Kraft wehrte sie sich, wich sie seinen Angriffen aus ...

Endlich war sie frei. In ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, rannte sie aus dem Zimmer. Die Tür zum Laboratorium aufreißend stürzte sie hinein ...

Im Winkel am Fenster, den Kopf auf die Hand gestützt, saß Greville ...

– – – – – – – –

Aber gleich hinter Emma erschien Sir William. Keuchend ordnete er sich das verwirrte Haar, stieß seltsame, unartikulierte Töne aus. Schlug plötzlich ein schallendes Gelächter an. Er erstickte fast an diesem immer aufs neue hervorsprudelnden Lachen.

Dann beglückwünschte er Greville.

– – – – – – – –

Der alte Skeptiker hatte an Emmas Treue gezweifelt, Greville ihm widersprochen. Um den Streit zu entscheiden, hatten sie beschlossen, Emma zu versuchen.

Sie aber hatte die Probe bestanden.

Sir William bat um Verzeihung, Greville umarmte Emma und führte sie in ihr Bett zurück. Gehorsam tat sie, was er verlangte. Brachte kein Wort des Vorwurfs heraus.

Müde war sie, wie zerschlagen. Fiel gleich in tiefen Schlaf.

Abends stellte sie mit Hilfe der Mutter ihr Bett in Grevilles Zimmer zu dem seinen. Eine dunkle Furcht war in ihr. Sie glaubte, nur Ruhe finden zu können, wenn sie ihn neben sich wußte.

Er wollte zornig werden, als er in der Nacht nach Haus kam. Sie aber bat und weinte. Schmiegte sich demütig an ihn und küßte ihn ...

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