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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 21
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, kam ihr Sir Harry in seiner gewohnten höflichen Weise entgegen. Er führte sie zum Tisch und nahm ihr gegenüber Platz, sie um ihre Pläne für den Tag befragend. Er wünschte, daß sie ihn nachmittags zu den Rennen begleitete.

»Sie können es ohne Furcht!« setzte er hinzu, da sie mit einer Gebärde des Abscheus abwehrte. »Lady Jane wird nicht hinkommen. Lord Halifax est tombé malade!«

»Krank?« wiederholte sie erstaunt und sah ihn an. Plötzlich fuhr sie auf. »Sir Harry! Was ist geschehen? Haben Sie ihn getötet?«

Er lächelte ruhig.

»Une bagatelle! Nur ein Schuß durch den Arm!

Un petit souvenir pour Lady Halifax, daß der Mann für das einstehen muß, was die Frau sündigt!«

Verwirrt stand sie auf. Sie fühlte, daß sie ihm für seine Ritterlichkeit danken mußte, und wollte um den Tisch herum zu ihm gehen, ihm die Hand zu reichen. Aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Sie hatte bisher in ihrem Herzen immer über ihn gespottet, über sein geziertes Wesen, seine verschrobene Sprache. Nun aber fürchtete sie sich fast vor ihm. Sie wußte, wenn sie jetzt zu ihm ging, würde er sie küssen wollen. Und sie würde es ihm nun nicht weigern können.

»Sie sind sehr gut zu mir, Sir Harry!« stammelte sie, sich wieder setzend. »Ich bin Ihnen sehr dankbar!«

»Wofür? Ist es nicht meine Pflicht, für die einzutreten, qui portera un jour le nom de Lady Fetherstonehaugh?«

»Es ist wahr!« murmelte sie. »Ich werde Ihre Frau sein!«

»Aber die gestrige Affäre hat mir doch gezeigt, daß ich Sie mit meiner Verachtung des Klatsches in eine schiefe Stellung gebracht habe. Je ne fais que des faux-pas, n'est-ce pas? Darf ich Ihnen deshalb einen Vorschlag machen?«

Und er setzte ihr einen neuen Plan auseinander, Sie wollten mit der Hochzeit nicht bis zu seiner Großjährigkeit warten, sondern sich in London im geheimen trauen lassen und dann bis zum nächsten Jahre auf Reisen gehen. War er dann majorenn geworden, so würde er mit Emma nach England zurückehren, seine Verwandten vor das ›Fait accompli‹ stellen und Emma überall als seine Frau einführen. Alles würde ohne Schwierigkeiten abgewickelt werden. Das einzige Unangenehme war, daß man sich auf kurze Zeit trennen mußte. Emma mußte in ihre Heimat nach Hawarden und Sir Harry zu seinen Verwandten nach Lechster reisen, die für die Trauung nötigen Papiere zu beschaffen.

»Willigen Sie ein, Miß Emma!« bat er. »Und machen Sie endlich diesem unhaltbaren Zustand ein Ende!«

Sie sah zu. ihm auf, der in ritterlicher Ehrerbietung vor ihr stand. Seine sonst so nichtssagenden Augen zeigten etwas von Wärme und seine Stimme klang schlicht und natürlich.

Vielleicht, daß sie ihn doch noch einmal lieben lernte?

Langsam stand sie auf.

»Und wenn ich Sie nicht liebte, Sir Harry?« fragte sie und ließ ihre Augen nicht von seinem Gesicht. »Wenn ich einen anderen liebte?«

Er wurde blaß und ballte die Hände.

»Einen anderen?« stieß er zwischen den zusammengepreßten Zähnen heraus. »Ich würde ihn ... Aber nein!« unterbrach er sich. »Es ist nicht möglich. Sie sind wahr. Sie würden es mir gesagt haben.«

»Vielleicht wußte ich es selbst nicht!«

»Miß Emma!«

Sie brach plötzlich in ein Gelächter aus.

»Sie sind komisch, Sir Harry!« spottete sie. »Durch ein einziges Wort kann man Sie von Sinnen bringen! Nein also, ich liebe keinen anderen mehr. Und wenn Sie auf Ihrem Plan bestehen ...«

»Sie willigen ein?« unterbrach er sie freudig.

»Geben Sie mir eine Stunde Bedenkzeit! Und lassen Sie mich auf meinem Zimmer allein!«

Sie winkte ihm zu und ging.

In ihrem Zimmer warf sie ein einziges Wort auf einen Briefbogen.

»Quitt!«

Dann öffnete sie ihr Kleid über der Brust, zog den Schilling hervor und siegelte ihn auf dem Papier ein. Den Brief schickte sie durch einen reitenden Boten fort.

An Jane Lady Halifax.

– – – – – – – –

Drei Tage später reiste sie nach London ab. Dort wollte sie zwei Tage in einem Gasthof bleiben, um dann mit der Überlandpost nach Hawarden weiterzufahren. In drei Wochen würde sie mit Sir Harry in London wieder zusammentreffen. Dann würde er alles für die geheime Trauung und die Kontinenttour vorbereitet haben.

Sie fuhr mit Postpferden in einer Reisekalesche Sir Fetherstonehaughs. Ein vorausreitender Diener bestellte auf allen Stationen Relais, so daß die Fahrt keine Unterbrechung erlitt. Der alte Smith, Sir Harrys vertrauter Kammerdiener, war Reisemarschall; er führte die Kasse und sollte im Verein mit einem zweiten Diener dafür sorgen, daß es seiner zukünftigen Herrin an nichts fehle.

Emma hatte nun selbst Eile, mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie machte auf keiner Station länger Rast, als zum Wechseln der Pferde nötig war. Ihre Mahlzeiten nahm sie im Wagen und schlief auf der ausgezogenen, mit weichen Kissen bedeckten Sitzbank.

In der Nacht aber hielt der Wagen plötzlich an. Von den Regengüssen des Frühjahrs gelockert, hatten die Sandberge von Surrey die Straße überschwemmt. An einer abschüssigen Stelle waren die Pferde eines Reisewagens gestürzt; in die Stränge verwickelt hatten sie mit ihren wild schlagenden Hufen den Kutscher verwundet. Der Reisende selbst war unverletzt geblieben. Er hatte den Bewußtlosen unter den Pferden hervorgezogen und mühte sich, ihn ins Leben zurückzurufen. Aber allein war er nicht imstande, den umgestürzten Wagen wieder aufzurichten und die Reise fortzusetzen. Zudem begann es zu regnen. Und der vornehme Herr war wohl nicht an Strapazen gewöhnt.

Alles das wurde Emma von Smith berichtet, während der zweite Diener im Verein mit Emmas Kutscher dem Fremden half, den Wagen aufzurichten. Dann aber stellte es sich heraus, daß die Achse gebrochen war. Der Fremde mußte daher zu Fuß gehen, wenn Mylady ihm nicht einen Platz in ihrem Wagen einräumte.

»Er wollte Mylady darum bitten! Als er aber hörte, daß wir aus Up Park sind, stand er davon ab. Er will bei dem verwundeten Kutscher bleiben, bis wir ihm von der nächsten Station Hilfe schicken.«

»Demnach scheint er kein Freund Sir Harrys zu sein!« sagte Emma gleichgültig. »Kennen Sie ihn, Smith?«

»Es ist Sir Greville, Mylady, der bis jetzt bei Lord Halifax zu Besuch war.«

Emma fuhr zusammen und ließ den Gurt des halbgeöffneten Fensters fallen, den sie in der Hand gehalten hatte. Etwas in ihr krampfte sich und litt.

»Es ist gut, Smith!« brachte sie endlich mühsam heraus. »Sobald der Weg frei ist, fahren wir weiter!«

»Er ist bereits frei, Mylady!«

Sie überlegte.

»Ich glaube, Sir Harry würde zu einer Unhöflichkeit selbst gegen seinen größten Feind nicht imstande sein! Bitten Sie also Sir Greville auf einen Augenblick zu mir!«

Smith verneigte sich und ging. Dann sah sie im Schein einer Laterne den Mann herankommen, von dem sie während dieser ganzen Zeit geträumt hatte. Nicht mehr von ihm gewußt hatte sie, als seinen Namen. Und auch der war falsch gewesen.

Sir Greville trat an den Schlag und zog mit kalter Höflichkeit den Hut.

»Sie befehlen, Miß Hart?«

Der Ton seiner Stimme machte sie zittern.

»Sie kennen mich? fragte sie leise zurück.

Seine Lippen – diese im Traum oft geküßten Lippen – zuckten, voll Hohn.

»Ich habe Miß Hart gesehen, als sie von Sir Fetherstonehaugh der Lady Halifax als künftige Herrin von Up Park vorgestellt wurde. Ich habe von der Hebe Vestina des Doktor Graham und dem Modell Romneys gehört. Ich habe den Brief gelesen und den Schilling gesehen, den Miß Hart an Lady Halifax sandte.«

Wie Hammerschläge waren seine Worte auf sie eingedrungen. Gereizt richtete sie sich auf.

»Und Sie halten mich nun für schlecht und boshaft, nicht wahr?«

Er schwieg einen Augenblick, dann lachte er kurz auf.

»Möchten Sie mich auch vor Sir Fetherstonehaughs Pistole bringen? Sie gestatten, daß ich mich um Dinge nicht kümmere, die mir gleichgültig sind.«

Auch sie lachte, voll bitteren Spottes.

»Sehr vorsichtig! Gleichwohl wünsche ich, daß Sie ein richtiges Urteil über mich gewinnen. Mein Weg wird mich in Ihre Kreise führen ...«

Schroff unterbrach er sie.

»Sir Fetherstonehaughs Kreise sind nicht meine Kreise!«

Seinem Hochmut setzte sie offenen Hohn entgegen.

»Sie haben recht, Sir Greville. In Sir Harrys Kreisen ist man gewohnt, für das einzustehen, was man tut. Man versteckt sich nicht hinter falschem Namen, wie Mr. Overton!«

Überrascht trat er einen Schritt zurück.

»Overton?« stammelte er verwirrt. »So habe ich mich doch nicht getäuscht? Sie sind ...?«

Mit einem Blick auf Smith fiel sie ihm ins Wort.

»Jedenfalls glaube ich ein Recht darauf zu haben, nicht nach dem Schein beurteilt zu werden. Ich fordere von Ihrer Ehre, daß Sie mir die Gelegenheit nicht verkümmern, mich vor Ihnen zu rechtfertigen. – Wie weit ist es zur nächsten Station, Smith?«

»Eine halbe Stunde, Mylady!«

»Sir Greville, diese halbe Stunde verlange ich für mich. Steigen Sie ein! Und Sie, Smith, befehlen Sie dem Diener, daß er bei dem Verwundeten bleibt. Dann setzen Sie sich neben den Kutscher und lassen Sie uns fahren!«

Sir Greville gehorchte schweigend ...

– – – – – – – –

Sie saß ihm gegenüber, der Schein der Wagenlaternen fiel auf sein Gesicht, während Emma im Dunkel blieb. Ein Gefühl des Triumphes war in ihr, daß sie ihn gezwungen hatte, ihr zu willen zu sein. Und gleichzeitig Haß. Gegen ihn, gegen Jane Middleton, gegen Sir Harry, gegen sich selbst. Daß sie nun, wo sie zum ersten Male allein mit diesem Manne war, nicht anders zu ihm sein durfte.

Furcht vor Greville empfand sie nicht. Ihr Haß machte sie stark. Dieses Weib, das er liebte, würde sie ihm zeigen, wie es war. Dann hohnlachend weiterziehen.

Kurz und kalt wollte sie sprechen. Aber da sie sich in ihre Erinnerungen vertiefte, brachen alle alten Wunden ihrer Seele wieder auf. Und das Elend, in dem sie lebte, kam ihr zum Bewußtsein. In dem geheimen Jammer, der ihre Worte durchzitterte, fühlte sie ihr Herzblut in Strömen dahinfließen.

»Als Richter rufe ich Sie an zwischen Jane Middleton und mir!« schloß sie, ihre flammenden Augen auf die seinen heftend. »Was habe ich getan, daß sie mich unter ihre Füße treten darf? Muß ich ihre Beleidigungen hinnehmen wie eine Gnade? Demütig, ohne mit der Wimper zu zucken?«

Schweigend hatte er zugehört. Nun hob er lebhaft den Kopf.

»Demütig? Sie sahen nicht demütig aus, Miß Hart. Und Sie haben sich an Lady Halifax gerächt. Es ist nicht Ihr Fehler, wenn sie heute nicht Witwe ist!«

Zornig fuhr sie auf.

»Das Duell? Ich habe es nicht gewollt! Nicht einmal gewußt habe ich davon!«

»Und Ihr Brief? Ein Dolchstoß war er für Lady Jane!«

»Ein Dolchstoß – ja, das sollte er sein! Hat sie nun auch einmal gefühlt, wie es ist? Gemartert werden und sich nicht wehren können?«

Sie warf sich in die Kissen des Wagens zurück und lachte. Ein krampfhaftes Lachen, das sie atemlos machte und ihr das Blut in den Kopf trieb.

Bestürzt, zornig sah Greville sie an.

»Sie freuen sich noch? Fühlen Sie denn gar keine Reue?«

Sie lachte noch lauter, schneidender.

»Fühlte sie Reue, als sie mich in den Staub stieß? Soll das ungebildete Mädchen aus dem Volke feiner empfinden als die wohlerzogene Lady?«

Betroffen nickte er.

»Der alte Gegensatz! Es war ein Fehler von Ihrer Mutter, Sie in die vornehme Schule zu schicken. Lady Jane hätte sich niemals zu dem unüberlegten Schritte hinreißen lassen, wenn Sie in Ihrem Stande geblieben wären.«

Fast sprachlos starrte Emma ihn an.

»Das ist alles, was Sie auf meine Anklage erwidern? Sie entschuldigen sie wohl noch? Nun ja, Sie...« Sie bebte vor dem Wort zurück, das ihr über die Lippen wollte. Aber dann sagte sie es doch. Atemlos, gierig, wie von einer unsichtbaren Hand vorwärts gestoßen. »Nun ja, Sie lieben Lady Halifax! Sie beten sie an!«

Nun war es heraus. Darum war jenes Frohlocken in ihrem Herzen gewesen, als Smith berichtete, wer neben der umgestürzten Kalesche stand. Darum hatte sie Sir Greville gezwungen, ihre Hilfe anzunehmen. Darum saß sie ihm gegenüber. Einem inneren Zwange war sie gefolgt. Um Greville dieses eine Wort ins Gesicht schleudern zu können.

Diese Anklage, aus der eine geheime, bange Frage zitternde, sehnsüchtige Hände emporstreckte...

Sir Greville war von seinem Sitze aufgefahren.

»Was sagen Sie da?« rief er bestürzt. »Ich Lady Jane lieben? Wer hat den Unsinn aufgebracht?«

»Ich hörte davon sprechen. Ist es nicht wahr?«

Unwillkürlich hob er die Hand, wie zum Schwur.

»Lüge ist es! Eine infame Verleumdung!«

Ein tiefer Atemzug befreite ihr die Brust. Sie glaubte ihm. Aber sie fragte weiter. Eine süße Lust war in ihr, es öfter zu hören.

Wie zweifelnd zuckte sie die Achseln.

»Nun ja, es ist Kavalierspflicht zu leugnen!«

»Miß Hart, Sie wagen viel!« brauste er auf und seine Augen blitzten sie drohend an. Dann schien er zu überlegen. »Wenn Sie mir versprechen würden, nicht davon zu reden ... es ist mir peinlich ...««

Sie lächelte.

»Ich gebe Ihnen mein Wort, Sir Greville!«

»Nun denn – mein Verkehr mit Lady Halifax rührt daher, daß ich mich um die Hand ihrer Schwester Henriette bewerbe. Ich hatte Lady Jane gebeten, deshalb bei ihrem Vater zu sondieren. Darum war ich jetzt bei Lord Halifax zu Besuch.«

Er bewarb sich um eine andere ...

Sie fühlte, daß sie blaß geworden war, und verbarg ihr Gesicht vor ihm im Dunkel des Wagens.

»Und was hat Lady Jane Ihnen geantwortet?« fragte sie nach einer Weile tonlos. »Hat sie Ihnen Hoffnung gemacht?«

Er lachte voll Bitterkeit.

»Hoffnung? Ich soll ein standesgemäßes Einkommen nachweisen. Standesgemäß! Lord Middleton ist reich und seine Töchter sind verwöhnt. Meine Stellung im Auswärtigen Amt aber ermöglicht mir kaum das mäßige Leben eines Junggesellen. Vermögen besitze ich als jüngerer Sohn nicht, eher Schulden. Mein Oheim, Sir William Hamilton, ist zwar sehr wohlhabend, aber verheiratet und noch jung genug, um auf Nachkommenschaft hoffen zu dürfen. So ist der Plan aussichtslos.«

»Und das betrübt Sie, nicht wahr?« fragte sie, gezwungen scherzend, während ihre Augen an seinen Lippen hingen. »Ist Henriette Middleton hübsch? Lieben Sie sie?«

Statt der Antwort zuckte er die Achseln.

Eine wohlige Ermattung kam über Emma. Ihr Herz war voll von einer stillen, warmen Freude. Immerfort hätte sie so durch die Nacht fahren mögen, ihm gegenüber, während der Regen mit leisem Pochen auf das Verdeck des Wagens tropfte.

Wie ein weiches, einlullendes Lied klang es ...

– – – – – – – –

Als der Wagen vor der Station hielt, schreckte sie auf. Wirklich, sie hatte geschlafen. Verlegen bat sie Greville um Entschuldigung. Er lächelte höflich, führte sie in das ländliche Gasthaus und bestellte Tee und einen Imbiß für beide. Während sie speisten, sollten die Pferde gewechselt und der verwundete Kutscher geholt werden. Emma wollte dann gleich weiterreisen, während Sir Greville noch bis zum Morgen bleiben mußte.

Bei dem kleinen Mahle, von Smith bedient, sprachen sie über gleichgültige Dinge. Wie Menschen, die einander zum ersten Male begegneten. Greville plauderte von seinem Amt, von seiner Liebhaberei für alte Bilder und Kristalle, für die er seine Sparpfennige ausgab und Schulden machte. Das stille Leben eines halben Gelehrten bereitete ihm Freude. Seine Wohnung am Portman Square war vollgepfropft mit Raritäten, die er eifrig zu vermehren suchte. Er besaß ein wunderbares Bild der Venus, dessen Herkunft unbekannt war, das er aber dem Correggio zuschrieb.

»Wenn es mir gelingt, den Beweis der Echtheit zu führen, und wenn meine Kristall-Sammlung vollzählig ist, werde ich durch den Verkauf in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangen!«

»Und dann werden Sie eine Frau heimführen, nicht wahr?«

Er zuckte die Achseln.

»In meiner Stellung muß man sehr reich sein, um heiraten zu können! So werde ich wohl Hagestolz bleiben müssen.«

Forschend sah sie ihn an. Eine Frage drängte sich ihr auf die Lippen.

»Das Leben eines Junggesellen ist ja auch bequem genug!« sagte sie leichthin, wie scherzend. »Es soll in London genug hübsche Mädchen geben, die Liebe gewähren, ohne nach Ehe zu verlangen!«

Mit einer Bewegung des Ekels schüttelte er den Kopf.

»Das ist nichts für mich! Diese Mädchen sind nicht treu, und ich bin eifersüchtig. Einmal allerdings war ich nahe daran, ein derartiges Verhältnis einzugehen.«

Mit einem seltsamen, spöttischen Bück sah er ihr in die Augen. Sie wußte, worauf er anspielte. Und er war da, wohin sie ihn hatte bringen wollen.

»Ein Verhältnis?« fragte sie lässig, ihre Spannung verbergend. »Ist es eine amüsante Geschichte? Darf man sie erfahren?«

Er nahm aus Smiths Hand ein Glas Tee.

»Es war im Drury-Lane-Theater, während einer Vorstellung von ›Romeo und Julia‹, als ich ein Mädchen sah, das mir begehrenswert erschien. Sie war jung, schön und schien ganz unverdorben. Sie hatte einen kleinen Unfall, bei dem ich ihr helfen konnte. Er verschaffte mir ihre Bekanntschaft. Sie war Verkäuferin in einem Juweliergeschäft auf dem Strand.«

Mühsam lächelte sie.

»Verkäuferin? Sagte sie es Ihnen? Oder sahen Sie es ihr an?«

»Ich erkundigte mich nach ihr, konnte aber die Bekanntschaft nicht fortsetzen, weil ich eine Reise nach Schottland machen mußte. Als ich zurückkam, war sie nicht mehr in ihrer Stellung. Sie hatte sich einer Mrs. Kelly angeschlossen. Einer jener unzweideutigen Damen, die von ihren Liebhabern leben!«

»Und Sie taten nichts zu der Rettung des Mädchens?«

»Was konnte ich tun? Sie war freiwillig zu Mrs. Kelly gegangen!«

»Konnte sie nicht getäuscht worden sein? Wenn sie ihren Schritt bereute? Sich nach Hilfe, Befreiung sehnte? Vielleicht war sie auch nur zu jener Mrs. Kelly gegangen, weil sie sich von Ihnen vergessen glaubte! Kannte sie Ihren Namen?«

Er streifte sie mit einem halb mitleidigen, halb verächtlichen Blick.

»Ist man verpflichtet, sich Damen dieser Art feierlich vorzustellen? Übrigens, bedauern Sie das Mädchen nicht zu sehr, Miß Hart! Sie hat sich schnell zu trösten gewußt. Sie ist jetzt die Braut eines reichen Mannes, den sie liebt!«

Er beugte sich vor, sie ansehend, als warte er auf weitere Fragen. Aber der Wirt kam herein, um zu melden, daß alles für die Weiterfahrt bereit war.

Greville stand auf und dankte Emma mit ein paar wohlgesetzten Worten für ihre Hilfe und liebenswürdige Gesellschaft. Dann bot er ihr den Arm, sie zum Wagen zu führen.

In sich zusammenschreckend fuhr sie auf und eilte an ihm vorüber ins Freie.

Dann saß sie im Wagen, In der dunklen, schweigenden Nacht …

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