Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Vollrat Schumacher >

Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/vollrat/hamilton/hamilton.xml
typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
correctorw.klumatt-online.de
senderwww.gaga.net
created20120512
projectid0da9e423
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Schlaflos brachte sie die Nacht zu.

Durfte sie der Fremden folgen und alles aufgeben, die Mutter und die Geborgenheit ihrer Stellung?

Wie ein Alp lag ihr die Frage auf der Brust.

Die leichten Atemzüge der Kinder drangen zu ihr herein, die nebenan in ihren Bettchen schliefen. Leise rauschten die Blätter der Bäume im Park. Sonst war alles still.

Ach, wie sie diese Stille haßte!

Eingeschlossen war sie hier wie in einem Gefängnis. Ohne Wechsel, ohne einen freien Atemzug rannen die Tage dahin. Herrschaft und Diener – alte Leute waren sie, die niemals einen Schritt schneller machten, niemals ein Wort lauter sprachen als das andere. Sie lachten nicht, sie erregten sich nicht. Sie waren gütig; aber von einer kühlen Güte, die kein wärmeres Gefühl aufkommen ließ. In ihrer Leidenschaftslosigkeit erschienen sie Emma wie Wesen aus einer Welt, in der nichts Menschliches war.

Auf den Spaziergängen mit den Kindern immer dieselben Wege, dieselben Ziele. Man bestieg den Hügel, um nach dem fernen Meere zu spähen, zu dem man niemals kam. Oder man erging sich im Park. Auf den mit weißem Sande bestreuten, sorgfältig geharkten Wegen, die man kaum zu betreten wagte. Zwischen den hohen Taxushecken, deren Dunkel auf der Brust lastete wie ein schwerer, schwarzer Stein. Vorüber an Gartenbeeten mit matten, bleichen Blumenwesen, die man nicht berühren durfte.

Blutlos war alles, schattenhaft, ohne Regung.

Ein jähes Angstgefühl, als müsse sie im nächsten Augenblicke sterben, überfiel Emma. Brennend heiß wurde ihr unter der leichten Decke. Taumelnd sprang sie aus dem Bette, lief zum Fenster und riß es auf.

Aber unter den dichten Bäumen des Parks brütete noch die Schwüle des vergangenen Abends. Ein glühender Dunst schlug Emma entgegen, daß sie glaubte, ersticken zu müssen.

Dennoch kehrte sie nicht ins Bett zurück. Am offenen Fenster stehend wartete sie auf den Tag.

Es war der Tag, an dem sie mit dem Gärtner auf den Wochenmarkt nach Hawarden durfte. Dort traf sie mit der Mutter zusammen, die Früchte und Geflügel von der Farm ihres Brotherrn verkaufte.

Zwei kurze Stunden gehörten dann ihnen. Sie sprachen miteinander, sahen sich in die Augen, drückten sich die Hände. Sie liebten sich und waren glücklich, daß sie einander hatten. Sie waren doch nicht ganz verloren in der kalten Welt und sie her ...

Sollte sie es der Mutter sagen? Der Mutter, der die Trennung das Herz zerreißen würde?

Ungeduldig sah sie dem ersten Sonnenstrahl entgegen. Aber als er dann kam, bebte sie vor der nahenden Entscheidung zurück.

Langsam kleidete sie sich an und übergab die Kinder einer alten Dienerin. Der Gärtner wartete bereits im Hof. Zögernd stieg Emma auf den Karren und setzte sich neben den wortkargen Alten

– – – – – – – –

Als sie sich dem Wirtshaus näherten, in dem der Gärtner ausspannte, trat Tom Kidd aus der Tür. Er erwartete Emma stets hier, wenn sie nach Hawarden kam.

Immer, soweit sie zurückzudenken vermochte, war er um sie gewesen. Während sie bei Mr. Bloss die Schafe geweidet hatte, war er auf der Nachbarfarm Hütejunge gewesen. Als sie in Mrs. Barker's Erziehungsanstalt war, hatte er eine Stellung als Pferdeknecht in der Posthalterei gegenüber angenommen. Nun, seit sie draußen am Deegolf Mr. Thomas' Enkelkinder wartete, hatte er sich an einen der Fischer verdingt, die auf den nahen Klippen ihr Gewerbe trieben.

Sie sah ihn öfters, wenn sie mit den Kindern den Hügel besuchte. Er stand dann in der Ferne und winkte ihr verstohlen zu. Sich ihr zu nähern, hatte sie ihm verboten, Sie fürchtete das Gerede der Leute.

In der Stadt aber waren sie unbeobachtet. Hier durfte er mit ihr sprechen. Und immer hatte er etwas, das er ihr zusteckte. Ein hübsches, kleines Schmuckstück. Ein seidenes Band. Ein paar bunte Federn. Stets aber behandelte er sie trotz ihrer Verwandtschaft mit der respektvollen Förmlichkeit, deren er sich ihr gegenüber befleißigte, seit sie bei Mrs. Barker gewesen war.

Er half Emma beim Absteigen und ging dann neben ihr her dem Marktplatz zu. Er hatte seine besten Kleider angelegt. Keck saß die bunte Fischermütze auf seinem dunkelgelockten Haar, und das schneeweiße, am Halse offene Hemd ließ die braune Wölbung der breiten Brust kraftvoll hervortreten. Mit seinen achtzehn Jahren war er ein hübscher, stämmiger Bursche, der es wohl mit jedem Gegner aufnahm.

»Hab' mich frei gemacht heute, Fräulein Emma!« sagte er mit seinem treuherzig pfiffigen Lächeln. »Ein schöner Tag für mich!«

Freundlich sah sie zu ihm auf.

»Was gibt's denn, Tom? Dein Geburtstag?«

»Mein Geburtstag wär' doch nichts Besonderes! Was Schöneres, Fräulein Emma, was viel Schöneres!«

Er klimperte in der Tasche seiner weiten Jacke mit einigen Geldstücken.

»Du willst zum Tanz gehen? Heut abend, unter dem Maienbaum?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das würde ich nur tun, wenn Eine mitginge, mit der allein sich's für mich zu tanzen lohnt! Nein, Fräulein Emma, das Geld hab' ich mir gespart für etwas ganz Großartiges, ganz Prachtvolles!«

Seine hellen, blauen Augen lachten. Langsam und feierlich holte er seine Hand hervor und hielt sie Emma geöffnet hin. Ein hübsches Sümmchen lag darauf, Gold und Silber gemischt

Erstaunt sah Emma hin.

»So viel? Wie kommst du dazu, Tom? Beim Fischen kannst du das doch nicht erspart haben!«

Er lachte, glücklich über ihre Freundlichkeit.

»Das ist wahr, Gold bleibt da nicht in den Maschen hängen! Aber auf ehrliche Weise verdient ist's doch! Ich soll zwar nicht darüber reden, aber Sie werden's ja nicht weiter erzählen!« Geheimnisvoll beugte er sich zu ihr vor. »Die reichen Kaufherren in Chester und Liverpool sehen's gern, wenn die Mynheers aus Holland und die Mosjös aus Frankreich mit ihren Briggs kommen, schwer von allerlei teurem Kram, der nicht mit König George's bleiernem Bilde Zollplombe. versiegelt ist ...«

»Schmuggel?« stieß sie erschreckt heraus. »Um Gottes willen, Tom, du bist doch nicht Schmuggler geworden?«

Er nickte, ein wenig selbstbewußt.

»Keine Angst, Fräulein Emma! Es ist nicht so gefährlich. Ein bißchen scharfer Auslug nach König George's Zollkuttern, eine dunkle Nacht und eine Mütze voll Wind – für einen Burschen mit gesunden Augen und Armen ist das kaum der Rede wert. Und dafür dann das hübsche Stück Geld und das Vergnügen noch obendrein! Denn ein Vergnügen ist's, kein Schafehüten und Pferdeputzen. Es geschieht doch was!«

Er schob die Mütze in den Nacken und dehnte die Brust. Mit seinen blitzenden Augen und seinen fest gegen den Boden gestemmten Beinen sah er aus wie ein Bild der Kraft.

Ein Gefühl des Neides stieg in Emma auf.

»Ja, du erlebst etwas!« sagte sie dumpf, mit verschattetem Gesicht. »Während ich –«

Zornig brach sie ab und ging weiter.

»Wissen Sie nun, Fräulein Emma, warum ich den heutigen Tag einen glücklichen nenne?« fuhr Tom neben ihr herschreitend fort. »Weil ich heute so viel beisammen habe, daß ich über Mrs. Barker mit Ihnen reden kann!«

Jäh erblassend fuhr sie zu ihm herum.

»Nenne den Namen nicht! Du weißt doch, daß ich ihn nicht mehr hören will!«

Sie waren an eine Ecke gekommen, wo die Straße auf den Marktplatz einbog. Von einer Mauer umgeben lag inmitten eines kleinen Parks ein stattliches Haus. Neben dem Türklopfer hing ein eisernes Schild: Mrs. Adelaide Barker, Erziehungsanstalt für Töchter höherer Stände.

Emma betrachtete das Haus mit düsteren Blicken.

»Nie werde ich vergessen, was mir dort geschah. Schon als ich eintrat, merkte ich, daß die Nachbarstöchter und Lordfräuleins mich verachteten. Ein Schimpf schien's ihnen, daß sie mit dem Kinde einer Magd dieselbe Luft atmen sollten. Aber waren sie hochmütig, so war ich stolz. Gelernt hab' ich, Tag und Nacht. Erheben wollte ich mich über sie, durch mein Wissen. Und ich merkte, daß es mir gelang. Sie sprachen nicht mit mir, aber ihre Augen verrieten ihren Neid. Ich freute mich darüber; gerade das wollte ich. Aber dann, als sie mich durch diese Tür dort hinausstießen ... als sie hinter mir herlachten ...«

Sie verstummte. Ihre Zähne knirschten aufeinander und ihre Hände ballten sich.

Ihr maßloser Zorn machte Tom bestürzt.

»Warum regen Sie sich noch immer darüber auf?« sagte er sanft, um sie zu beruhigen. »Ich verstehe das nicht! Wenn mich jemand nicht will, so gehe ich und suche mir einen anderen Platz!«

Mit einem bitteren Auflachen zuckte sie die Achseln.

»Ja, du!«

Er nickte ergeben.

»Ich weiß ja, Sie sind aus anderem Holz! Feiner und heißblütiger. Sie tragen es mit sich herum, bis Sie daran ersticken. Aber das sollen Sie nicht, Fräulein Emma! Darum hab' ich das Geld gespart. Damit Sie die Tür des verwünschten Hauses da aufmachen können und wieder hineingehen. Um sich mitten zwischen die aufgeblasenen Baronstöchter und Lordsdamen hinzusetzen: hier bin ich und hier bleibe ich! – So hab' ich mir's ausgedacht!«

Er nickte ihr zu mit strahlenden Augen und lachendem Munde und weidete sich an ihrem Erstaunen.

»Das wolltest du tun, Tom?« rief sie und faßte seine Hand, die sie heftig drückte. »Für mich hast du dich in Gefahren gestürzt, damit ich weiterlernen kann?«

Gerührt sah er auf die schlanken Finger, die in seiner derben, schwieligen Faust fast verschwanden.

»Von Gefahren ist da keine Rede, Fräulein Emma! Ein lustiger Zeitvertreib, ein Kinderspiel! Was meinen Sie, wollen wir gleich hingehen und die Sache in Ordnung bringen?«

Unwillkürlich machte sie einen Schritt zu dem Hause hin. Ihr Gesicht leuchtete. Dann aber hielt sie zögernd inne.

»Wieviel hast du gespart, Tom? Mrs. Barker ist teuer!«

Er lächelte beruhigend.

»Das Geld ist da! Die ersten zehn Pfund sind gestern abend voll geworden!«

Ein Ruck ging durch ihren Körper und ihre Hand glitt aus der seinen.

»Acht Pfund hat meine Mutter jeden Monat für mich bezahlt, die Kleider nicht gerechnet!«

Er sah sie betroffen an.

»Acht Pfund? Jeden Monat?« wiederholte er langsam. Dann suchte er ihr und wohl auch sich selbst Mut einzureden. »Die zehn Pfund heute sind nur der Anfang. Bis sie verbraucht sind, hab' ich neue verdient. Den Liverpoolern kann man gar nicht genug Geschwärztes liefern. Das Geld schwimmt mir nur so zu!«

»Und wenn dich ein Zollkutter fängt?«

Er lachte etwas gezwungen.

»König George ist ein guter, alter Herr und tut einem armen Kerl schon die Liebe, seine Kutter in anderes Fahrwasser zu schicken. Na, und wenn nicht – fangen läßt Tom Kidd sich nicht! Lieber wirft er den Kram der Mynheers und Mosjös über Bord und sich selbst hinterdrein!«

Er versuchte heiter und unbesorgt zu scheinen, aber es gelang ihm nur schlecht.

Emma schüttelte den Kopf.

»Du bist gut zu mir, Tom, und ich bin dir von Herzen dankbar. Aber wenn dir etwas zustieße, und ich müßte abermals den Schimpf auf mich nehmen ... Ich will auch keine Verantwortung haben für das, was du tust. Deshalb – ich bitte dich, Tom, laß mich meinen Weg selbst finden. Ich weiß, ich tue dir weh, und das ist mir leid. Aber ich kann nicht anders. Denk also nicht mehr an mich, Tom, und suche dir dein Glück anderswo!«

Sie streckte ihm die Hand hin, wie um Abschied zu nehmen. Er aber hielt sie fest, als ob er sie nicht mehr lassen wollte. Und während seine Augen angstvoll in ihrem Gesicht forschten, fiel er unwillkürlich wieder in den schlichten Ton der Kinderjahre.

»An was denkst du, Amy? Du hast etwas vor! Du willst etwas tun, was dir Pein macht. Sag' es mir, Amy! Laß mich dir helfen!«

Sie wich seinem Blick aus.

»Was ich tun werde, weiß ich selbst noch nicht. In mir ist alles wüst und wirr. Aber wie es bisher war, kann es nicht bleiben! Ich ginge daran zugrunde! Helfen kannst du mir nicht! Du nicht und niemand! – Und nun laß mich, Tom, geh nicht weiter mit! Ich muß mit der Mutter sprechen! Allein!«

Sie machte sich sanft von ihm los und wandte sich zum Gehen. Aber er blieb noch ein paar Schritte neben ihr.

»Wenn du weißt, was du tun willst, Amy, wirst du es mir dann sagen? Wirst du es mir sagen, ehe du es tust?«

Sie sah ihn nicht an.

»Vielleicht!« murmelte sie. »Vielleicht!«

Sie bog auf den Platz ein. Ihre schlanke, schöne Gestalt mischte sich in das Gewühl des Marktes.

Tom sah ihr nach, bis sie zwischen den Buden verschwunden war. Dann folgte er ihr langsam.

– – – – – – – –

Emma fand die Mutter auf Mr. Bloss' Marktstand, wie sie zwischen blitzenden Milchkannen, mit grünen Blättern ausgelegten Butterkörben und aufeinandergetürmten Geflügelkäfigen ihre Kunden bediente. Als sie Emma erblickte, leuchtete es in ihrem vergrämten Gesicht auf. Mit ausgestreckten Händen lief sie der Tochter entgegen, zog sie an ihre Brust, küßte ihr die Stirn.

Aber dann brach sie in Klagen aus. Mr. Bloss, der Pächter, wurde mit jedem Tage unangenehmer. Seit sie die Erbschaft verloren hatte, mäkelte er an allem herum, was sie tat. Nichts machte sie ihm recht. Eine Faulenzerin nannte er sie, die das Brot nicht verdiente, das er ihr aus Gnade und Barmherzigkeit zukommen ließ.

Schweigend hörte Emma zu. Sie sah, wie grau der Mutter Haar an den Schläfen wurde und wie tief die Falten waren, die Sorge und Mühsal ihr in Stirn und Wangen gegraben hatten.

Ein Ende dieser Not! Ein Ende!

In einer Pause, als Käufer sie nicht störten, sagte sie der Mutter alles.

»Wenn ich zu Miß Kelly gehe,« schloß sie erregt, »brauchst du dich nicht mehr um mich zu sorgen. Ja, ich hoffe, daß ich dir Geld schicken kann, um dich von Mr. Bloss loszumachen!«

Die Mutter war heftig erschrocken.

»Miß Kelly! Du kennst sie ja nicht! Wie kannst du ihr trauen!? Große Damen sind unberechenbar. Heute kleiden sie dich in Samt und Seide, morgen werfen sie dich auf die Straße, wenn ihnen eine andere besser gefällt!«

Emma lächelte.

»Dann gehe ich zu Mr. Romney! Er will mich malen. Für jede einzelne Sitzung gibt er mir mehr, als ich jetzt im ganzen Jahre verdiene. Alles an mir hat ihm gefallen. Ganz vernarrt ist er in mich. Berühmt will er mich machen! Berühmt, Mutter, berühmt!«

Sie strahlte. Aber die Sorge wich nicht vom Gesicht der Mutter.

»Berühmt – das ist es! Daran denkst du nur, seit du bei Mrs. Barker warst! Aber weißt du denn, was das ist: ein berühmtes Modell? Gewiß, die Menschen kennen dich. Alles, was an dir ist, wissen sie. Nackt und schamlos stehst du vor ihnen. Und wenn sie dir begegnen, zeigen sie mit Fingern auf dich: das ist Emma Lyon, die schönste Dirne in London!«

»Mutter!«

»Jawohl, Dirne! Ein Modell kann man kaufen. Jeder kann dich kaufen mit ein paar Pfand, die er dir zuwirft. Und das dauert so lange, wie du jung und schön bist. Nachher aber kümmert sich niemand mehr um dich. Auf der Straße liegst du, zerlumpt, ehrlos, ausgemergelt. Und ich, deine Mutter – o, mein Gott, dazu hätte ich dich geboren? Dazu dich unter Demütigungen, Mühsal und Sorge großgezogen?«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Schluchzen aus. Wie gebrochen saß sie auf einer Kiste im Hintergrunde der Bude, in ihrem Schmerze noch ängstlich bemüht, sich den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen.

Emma starrte finster vor sich nieder.

»Hör' auf mit Weinen, Mutter!« sagte sie endlich, mühsam die Worte hervorwürgend. »Wenn es dir so schwer wird, mich gehen zu lassen – nun denn, ich will versuchen, ob ich dies Leben noch länger ertrage!«

Sie wandte sich ab, um die Tränen zu verbergen, die ihr wider Willen in die Augen stiegen. Ihre Blicke schweiften achtlos über das Kommen und Gehen der Menschen, über das bunte Gewühl des Marktes.

Plötzlich fuhr sie zusammen. Was dort den engen Gang zwischen den Buden heraufkam ...

– – – – – – – –

In ihrer Erinnerung stieg der Tag herauf, an dem sie bei Mrs. Barker eingetreten war. Greifbar deutlich stand alles wieder vor ihr, was damals geschehen war. Und noch immer glaubte sie die Worte zu hören, die wie Dolchstiche in ihr Herz eingedrungen waren ...

Jane Middleton, die Schwester eines Lords, hatte Emma plötzlich angeredet.

»Miß Lyon, sagen Sie uns doch, wer ist Ihr hochgeehrter Herr Vater gewesen?«

Anna Gray, die Nichte eines Baronets, hatte die Melodie eines alten Volksliedes vor sich hingeträllert.

»Herr Lyon war ein Holzknecht,
Ein Holzknecht in Nordwales ...«

Darauf wieder Jane Middleton –

»Und, Miß Lyon, wer ist Ihre hochgeehrte Frau Mutter?«

Darauf Anna Gray –

»Frau Lyon ist 'ne Kuhmagd
Und duftet nach dem Stall ...«

Abermals Jane Middleton –

»Miß Lyon, in welchem stolzen Schlosse sind Sie geboren?«

Abermals Anna Gray –

Frau Lyons Schloß 'ne Hecke war,
Wo sie ihr schönes Kind gebar ...«

Und mit einer tiefen Verbeugung hatten sie Emma den übrigen Mädchen vorgestellt: »Meine Herrschaften, unsere neue Freundin und Hausgenossin Emma Lyon, das schöne Schäfermädchen von Hawarden, Tochter eines Holzknechts und einer Kuhmagd, unter einer Hecke geboren!«

Niemals, solange sie lebte, würde Emma diese Stunde vergessen!

– – – – – – – –

Und nun kamen sie den Gang herauf. Jane Middleton – klein, zierlich, mit scharfgeschnittenem Gesicht, in dem hochmütige Augen funkelten. Anna Gray – groß, weich, blond, mit dem runden Lockentopf einer Puppe. Janes Verlobter begleitete sie, Lord Halifax, ein langer, hagerer Mensch mit starren, nichtssagenden Zügen. Lachend und schwatzend kamen sie näher, des Volkes nicht achtend, das ihnen unterwürfig Platz machte.

Plötzlich sah Emma, wie Jane Middletons Augen auf ihr haften blieben. Wie einem Einfall nachgebend, blieb Jane vor der Bude von Emmas Mutter stehen.

»Da fällt mir ein, Anna, wir müssen Mrs. Barker etwas mitbringen! Wie wär's mit einem Truthahn? Haben Sie Geld bei sich, Augustus?«

Lord Halifax zuckte vornehm die Achseln.

»Niemals, meine teure Jane. Dazu ist der Haushofmeister da. Aber wir können trotzdem alles kaufen, was wir wollen.« Er sah Emmas Mutter mit schläfrigen Augen an. »Kennst du mich, gute Frau?«

Sie kam aus der Bude hervor und verbeugte sich tief, mit eilfertiger Demut.

»Wie sollte ich nicht, Euere Herrlichkeit? Mr. Bloss, mein Brotherr, ist Mylords Pächter!«

»Bloss? Pächter?« Er blies den Namen in die Luft, als hätte er ihn nie gehört. »Also, gute Frau, diese Damen ... Truthahn kaufen ... besten aussuchen ... Geld von Haushofmeister holen ... Truthahn sofort nehmen... hinter Damen und mir hertragen ... zu Mrs. Barker. Verstanden?«

»Vollkommen, Euere Lordschaft! Ich würde es mir ja auch zur Ehre schätzen, den Käfig mit dem Truthahn zu Mrs. Barker zu tragen, aber Euere Herrlichkeit wollen gnädigst verzeihen... es könnten Kunden kommen ... ich darf den Stand nicht verlassen. Wenn Mylord gestatten, rufe ich einen dieser Jungen da!«

Sie wollte einen der Knaben holen, die müßig umherlungerten. Aber Jane hielt sie zurück.

»Das ist wohl nicht nötig, liebe Frau. Das Mädchen da kann den Truthahn tragen!« Und ihre boshaften Augen auf Emma richtend, befahl sie: »Nimm den Käfig und folge uns!«

Emma zuckte wie unter einem Schlage auf und wurde totenblaß.

»Miß Middleton!« stieß sie heiser, atemlos heraus. »Wenn Sie mir das antun ... Miß Gray, ich bitte Sie, lassen Sie es nicht zu! Lassen Sie es nicht zu!«

Anna Gray wandte sich achselzuckend ab. Jane Middleton aber betrachtete mit geheucheltem Erstaunen Emma durch ihr Lorgnon.

»Was hat denn das Mädchen?« fragte sie. »Ist sie krank?«

Als die alte Frau die Namen hörte, begriff sie alles.

»Miß Middleton,« sagte sie sich aufrichtend mit zitternder Stimme, »Sie sollten Ihre ehemalige Schulkameradin nicht unnötig erniedrigen! Unverschuldetes Unglück muß auch bei den Reichen und Vornehmen Teilnahme finden!«

Der sanfte, würdige Ton jagte eine fliegende Röte über Janes Gesicht. Sie wollte scharf erwidern, als Lord Halifax ihr zuvorkam.

»Du bist unverschämt, Frau!« sagte er in seiner schleppenden Weise. »Mein Haushofmeister wird mit meinem Pächter sprechen, daß er seine Leute besser auswählt. Willst du nun den Käfig tragen oder nicht?«

Sie sank in ihre frühere Unterwürfigkeit zurück.

»Gewiß, Mylord! Es würde mich ja mein Brot kosten, wenn ich nicht zu Mylords Befehl wäre!« Und hastig den Käfig aufhebend wandte sie sich zu Emma. »Bleib hier, Kind, bis ich zurückkomme!«

Emma lachte rauh auf und nahm ihr den Käfig aus den Händen

»Aber Mutter, merkst du denn nicht, was Miß Middleton will? Emma Lyon, das schöne Schäfermädchen von Hawarden, Tochter eines Holzknechts und einer Kuhmagd, unter einer Hecke geboren, soll demütig hinter ihr hergehen und als niedere Magd vor ihren ehemaligen Mitschülerinnen erscheinen!« Und sich tief verneigend setzte sie mit schneidender Stimme hinzu: »Bitte, meine Damen, gehen Sie voran! Ich folge Ihnen!«

– – – – – – – –

Sie ging dann hinter ihnen her, den Käfig in den ausgestreckten Händen haltend. Steif aufgereckt, die Augen starr geradeaus gerichtet, die Lippen zusammengepreßt.

Auf dem Hof der Anstalt hieß Jane sie warten und ging mit Anna und Lord Halifax ins Haus. Von allen Seiten strömten Schülerinnen herbei; sie umringten Emma, staunten sie an, lachten schadenfroh, warfen ihr spottende Fragen zu.

Sie antwortete nicht. Keine Miene ihres bleichen Gesichts zuckte. Wie eine Diebin am Pranger stand sie an der Tür dieses Hauses, das einst das Ziel ihrer heißen Wünsche gewesen war.

Jane Middleton kam mit einer Magd zurück.

»Nimm deiner Kollegin den Truthahn ab«, Mary!« befahl sie und wandte sich zu Emma. »Und du, Mädchen, wie heißt du?«

Emma sah sie schweigend an. Auge in Auge standen sie einander gegenüber und sahen sich an. »Aber Miß Jane, Sie kennen sie doch!« rief Mary verwundert. »Das ist ja Emma Lyon! Unsere schöne Emma Lyon!«

Ein Chor von zwanzig lachenden, spottenden Stimmen wiederholte den Namen.

»Emma Lyon! Die schöne Emma Lyon!«

Jane Middleton griff in ihre Tasche.

»Mach' deine Hand auf, Emma Lyon. Ich will dir etwas schenken, damit du dir ein anständiges Kleid kaufen kannst!«

Mit derselben starren Ruhe streckte Emma ihre Hand aus. Jane Middleton legte einen Schilling hinein. Dann wies sie nach dem Hoftor.

»Du kannst gehen, Emma Lyon!«

Langsam ging Emma hinaus. In ihrer Hand brannte das Silberstück.

Auf der Straße blieb' sie stehen und starrte auf das Haus zurück. Ein Bibelwort fuhr ihr durch den Sinn.

... Und ich will deine Feinde zum Schemel deiner Füße machen ...

Wie eine Mauer, die den Himmel versperrte, erhob sich in ihr der Haß.

– – – – – – – –

Am Ende der Straße kam ihr Tom entgegen. Als sie ihn sah, ging ein hellerer Schein über ihr starres Gesicht.

»Vor einer Stunde botest du mir Geld an, damit ich wieder zu Mrs. Barker kommen könnte. Das ist unmöglich. Trotzdem aber – willst du mir das Geld leihen? Auch wenn du es niemals zurückerhältst?«

Er griff in die Tasche. Aber Emma hielt ihn zurück.

»Warte noch! Ich will nicht, daß du unwissend etwas tust, was dich nachher vielleicht reut. Eben bin ich aufs neue beleidigt und an den Pranger gestellt worden. Wie eine Diebin. Weil ich arm und niedrig geboren bin. Und weil die Reichen und Vornehmen straflos alles tun dürfen, was ihnen ihre Laune eingibt. Darum will auch ich reich und vornehm werden. Damit ich ihnen vergelten kann, was sie mir getan haben!«

Ein Blick wie eine Flamme flog aus ihren Augen.

»Was wollen Sie tun, Fräulein Emma?« fragte Tom erschreckt. »Wäre es nicht gut, wenn Sie vorher mit Ihrer Mutter berieten?«

Sie lachte bitter.

»Meine Mutter ist machtlos wie ich. Auch hat sie nun keine Gewalt mehr über mich. Es ist entschieden, ich gehe nach London. Entweder kehre ich zurück, reich und vornehm, eine Lady, wie Jane – oder ich gehe zugrunde! Willst du mir dein Geld leihen, Tom?«

Er sah es, ihr Entschluß stand unwiderruflich fest. Mit einem Seufzer gab er ihr das Geld. Sie verwahrte es sorgfältig.

»Ich werde es dir nie vergessen, Tom, daß du außer meiner Mutter der einzige Mensch bist, der mir Gutes erwiesen hat. Und nun laß uns scheiden. Zürne mir nicht und behalte mich ein wenig lieb!«

Sie sah in sein armes, zuckendes Gesicht und strich mit ihrer Hand einmal sanft, wie liebkosend darüber hin. Dann ging sie.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.