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Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
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senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Er mochte vierzig Jahre zählen und sah aus wie ein Weltmann, der sich in seinen Mußestunden mit gelehrten Studien beschäftigte. Sein elegantes Kostüm von schwarzer Seide zeigte goldene Knöpfe, und kostbare Edelsteine an Jabot und Schuhschnallen. Sein behaglich volles Gesicht war von gesunder Röte angehaucht; unter der hohen Stirn blickten scharfe Augen hervor; in ihrem Hintergrunde schien etwas wie leichter Spott zu lauern.

Langsam, wie um Emma Zeit zur Beobachtung zu lassen, kam er näher. Am Tisch angelangt, verbeugte er sich tief vor ihr, wie vor einer Herzogin.

»Ich bitte um Verzeihung, Miß Lyon, daß ich Unangemeldet eingetreten bin!« sagte er mit der ruhigen Stimme eines Mannes, der gewohnt ist, öffentlich zu sprechen. »Ich wollte mich beeilen, der Schönheit und Grazie meine Huldigungen zu Füßen zu legen!«

Emma sah ihn spöttisch an.

»Sie sind sehr höflich, Herr! Wozu aber die Phrasen? Sie wissen ja, in diesem Hause sind alle Rechte auf Seiten des Mannes, auf Seiten der Frau alle Pflichten. Sie haben mit mir zu speisen gewünscht. Nehmen Sie also Platz und speisen Sie!«

Sie deutete auf das Gedeck ihr gegenüber. Wie betroffen von ihrem Ton sah er ihr aufmerksam in die Augen. Und während des Folgenden ließ er den Blick nicht von ihr, diesen eindringlichen Blick, der ihre geheimsten Gedanken zu erforschen schien.

»Mit Ihrer Erlaubnis setze ich mich zu Ihnen!« sagte er. »Obwohl ich nicht nur des Essens wegen gekommen bin!«

Verächtlich warf sie den Kopf zurück.

»Ihre sonstigen Absichten kümmern mich nicht! Sollten sie über das Menü hinausgehen, so werden Sie sich getäuscht finden!«

Ihre Hand fuhr unwillkürlich nach der Schere unter dem Kleide.

»Sie scheinen erregt, Miß Lyon. Ich versichere Sie, ohne Grund. Ich bin Physiognomiker genug, um zu erkennen, daß ich es mit einer Dame zu tun habe, die durch widrige Umstände in eine falsche Lage gekommen ist. Fahren Sie nicht auf! Ich bin nicht neugierig und will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen. Was ich von Ihnen wünsche, hat Zeit, bis wir gegessen haben. Denken wir also vorläufig an nichts anderes, als an dies duftende Huhn und an diesen perlenden Wein!«

Er legte Emma vor und schenkte ihr ein. Und während sie aßen, plauderte er. Er kannte Paris, Deutschland, die Schweiz; in Italien, Spanien und Konstantinopel war er gewesen und hatte Nordamerika vor dem Ausbruch des Krieges bereist. Berühmte Menschen und seltene Pflanzen, fremdländische Tiere und merkwürdige Gesteinsarten, Theater, Kunstsammlungen, Kirchen, die Paläste der Vornehmen, die Gebräuche der Völker – alles schien er gesehen und erforscht zu haben. Und er sprach darüber in einem leichten Ton, der fern von allem Lehrhaften doch immer das Wichtige hervorzuheben wußte; mit einer Stimme, die weich und voll klang wie Gesang.

Es war Emma, als striche diese Stimme wie eine kühle Hand ihr schmeichelnd über Schläfen, Wangen und Nacken. Sie wollte dem wohligen Gefühl nicht nachgeben, aber es war stärker als sie.

Und zum erstenmal seit Monaten saß sie wieder an einem sauber gedeckten Tisch. Aß von einem kostbaren Gedeck sorgfältig bereitete Speisen, trank belebenden Wein aus silbernem Becher.

Ach, für ein niederes, von groben Trieben bewegtes Leben war sie nicht geschaffen. Mit allen Kräften ihrer Seele verlangte sie nach Schönheit und Fülle. Nie war ihr das so klar geworden, wie jetzt, da sie auf der tiefsten Stufe der Schmach und Armut stand ...

Auch über diese peinvolle Empfindung half ihr die Zauberstimme des Mannes hinweg. Nun war nichts mehr in ihr, als unbefangene Lust am Augenblicke.

– – – – – – – –

Sie aßen nicht mehr, aber er plauderte fort, und sie horchte auf die süße Musik der Worte eines feingebildeten Mannes. Sie saß zu ihm vorgebeugt und hatte die Arme lässig über das Tischtuch gelegt, so daß ihre Hände die seinen fast berührten, Er warf einen Blick auf die Standuhr am Kamm und legte wie spielend seine Hände auf die ihren, mit seinen langen, kühlen Fingern ihre Gelenke umfassend. Sie achtete nicht darauf. Ohne Argwohn ließ sie ihn gewähren, horchte in wohliger Ermattung auf die weiche, einlullende Stimme.

Er sprach von diesen Händen, die er hielt, und beschrieb ihre Schönheit. Weich und geschmeidig spannte sich die Haut über dem schmalen Handrücken, ohne Falte, ohne Runzel. Rosig schimmerten die feinen Spitzen der Finger, über die in zarter Rundung die mattblinkenden Nägel ein wenig hervorragten. Auf den Knöcheln zeichneten sich leichte Grübchen, in denen die Haut wie Seide glänzte. Und an den zierlichen Bau des Gelenks schloß sich schlank und bleich der Arm. Sanft anschwellend verlor er sich in der Dämmerung des weiten Ärmels.

Meisterwerke nannte er diese Hände, wie die Natur sie nur ganz selten einmal schuf. Auch Emmas Gesicht war vollkommen. Ebenso ihre Gestalt. Alles war ohne Fehl; das Ganze wie in einem Guß aus einer Zauberform hervorgegangen.

Er machte eine Pause und sah Emma forschend an. Als warte er auf etwas.

Sie lächelte über seine Worte wie über eine Schmeichelei, an die sie nicht glaubte.

»Sie sehen Wunder, Herr! Mein Gesicht und meine Hände mögen vielleicht Ihrer Schilderung entsprechen. Wie aber können Sie beurteilen, ob ich sonst ...?«

»Ich weiß es! Ich habe Sie gesehen!« Und ihr Erstaunen bemerkend erklärte er: »Auf diesem Teppich stand das Bad; genau in der Mitte des Zimmers. In dem Spiegel dort betrachteten Sie sich; er hängt genau in der Mitte der Wand. Sollte es für einen Mann, der hinter diesem Spiegel steht und gute Augen hat, unmöglich sein, Ihre Schönheit zu prüfen?«

Das Blut schoß ihr ins Gesicht. Verwirrt sprang sie auf.

»Aber... der Spiegel ist doch in die Wand eingelassen...«

Auch er stand auf.

»Betrachten Sie ihn genau! Sehen Sie das dicke Schnitzwerk des Rahmens? In den erhöhten Rosetten...«

»Öffnungen! Dort sind Öffnungen!«

»Und in der Wand hinter dem Spiegel ist eine Tür!«

Sie fuhr zurück und wurde plötzlich ganz blaß. Und in ihren Augen flammte etwas auf.

»Infam! Das ist infam!«

»Wozu die starken Ausdrücke, Miß Lyon? In diesem Hause! Und ist es nicht taktvoller, heimlich zu sehen und schweigend fortzugehen, wenn man das Gewünschte nicht gefunden hat, als dem Opfer einer peinlichen Untersuchung die beleidigende Zurückweisung ins Gesicht zu schleudern? Und so habe ich schon oft hinter diesem Spiegel gestanden, den ich selbst Mrs. Gibson geschenkt habe. Und bin jedesmal schweigend fortgegangen. Heute aber, zum erstenmal, bin ich geblieben. In dem Wunsche, Sie kennen zu lernen und mit Ihnen zu einer Einigung zu kommen.«

Mit einem seltsamen Lächeln verbeugte er sich vor ihr. Aber er näherte sich ihr nicht; durch die Breite des Spiegels blieb er von ihr getrennt.

Trotzdem wich sie zurück, bis sie den Tisch zwischen sich und ihn gebracht hatte. Entschlossen starrte sie ihn an, während ihre Hand suchend unter das Kleid glitt.

»Eine Einigung? Niemals! Niemals werde ich wieder in die Schmach willigen!«

Wieder lächelte er.

»Erregen Sie sich nicht, Miß Lyon!« sagte er ruhig. »Ich gebe Ihnen das Wort eines Ehrenmannes, daß Sie keinen Grund zur Furcht haben! Im Gegenteil, durch Ihren Vorsatz kommen Sie meinen eigenen Wünschen entgegen. Legen Sie also die Schere fort, mit der Sie sich auch gegen Ihren Willen verletzen könnten!«

Verwirrt zog sie die Hand aus dem Kleide.

»Sie wissen?«

»Ich stand schon hinter dem Spiegel, als Sie Mrs. Gibson bedrohten!«

»Und da beschlossen Sie, durch List zu erreichen, was Ihnen mit Gewalt zu gefährlich schien!«

»Noch immer mißtrauisch? Hätte mich ein wenig Opium, in Ihren Wein gemischt, nicht schnell und einfach ans Ziel gebracht, wenn ich dieses Ziel erreichen wollte? – Kommen Sie, Miß Lyon! Kehren wir zu unserem Wein zurück und plaudern wir weiter!« Er füllte die Gläser, und das seine erhebend, sagte er mit heiterem Blick: »Auf eine lange und nutzbringende Bekanntschaft!«

»Ich verstehe nicht ...«

»Plaudern wir!« wich er aus. »Und erlauben Sie, daß ich Ihre schöne Hand wieder ein wenig in die meine nehme. Ihnen schadet es nicht und mir macht es Vergnügen!«

– – – – – – – –

»Was, meinen Sie, würden unsere Ladys und Lords darum geben, wenn sie ihren Kindern ein wenig Schönheit erwerben könnten? Gerade bei uns in England hat man von jeher die Rasse zu verbessern gesucht. Bei Pferden und Hunden ist es auch schon ein wenig gelungen; nur bei den Menschen will sich kein Fortschritt einstellen!«-

Sie war nun wieder ganz ruhig.

»Tiere müssen stillhalten, wenn man sie veredelt!« sagte sie belustigt. »Der Mensch aber will nur tun, was ihm Vergnügen macht!«

Er nickte.

»Ein kurzsichtiges Geschlecht! Trotzdem wünscht jeder Vater seine Kinder schöner, besser und klüger, als er selbst ist. Glauben Sie also nicht, daß ein Arzt, der seinen Klienten eine vervollkommnete Nachkommenschaft gewährleisten könnte, ungeheuren Zulauf haben und in kurzer Zeit ein reicher Mann werden würde?«

»Sie sprechen von Doktor Graham?« fragte Emma lachend zurück. »Er soll ein solches Mittel entdeckt haben. Er ist, glaube ich, ein Freund oder Schüler von Mesmer und hat eine Theorie aufgestellt, die mit dem Magnetismus zusammenhängt.«

Wieder nickte er.

»Richtig! Die Megalanthropogenesie! Ein schreckliches Wort, nicht wahr? Es ist nach dem Griechischen gebildet und bedeutet soviel wie Erzeugung großer Menschen. Groß in körperlichem, geistigem und seelischem Sinne. Kennen Sie den Doktor Graham?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe nur von ihm gehört. Er hält Sitzungen: in Old-Bayley ab und zeigt an einer lebensgroßen Wachsfigur alle Einrichtungen des menschlichen Körpers; vom Umlauf des Blutes bis zu den geheimsten Verrichtungen. Diese Figur, die ›Göttin Hygiea‹, soll auf einem Bette liegen, das er das ›Bett des Apollo‹ nennt. Natürlich ist das alles nur Charlatanerie!«

Etwas zuckte über sein Gesicht.

»Charlatanerie? Trotzdem aber drängt sich die vornehme Gesellschaft Londons zu seinen Vorlesungen, und seine ärztliche Praxis nimmt täglich zu!«

Sie zuckte lustig die Achseln.

»Rang und Reichtum scheinen auch nicht vor Dummheit zu schützen!«

Um seinen Mund flog ein Schmunzeln und im Hintergrunde seiner Augen tauchte lachender Spott auf.

»Vielleicht haben Sie recht, Miß Lyon. Vielleicht ist Doktor Graham wirklich nur ein Charlatan, der aus jener Dummheit goldene Pfunde schlägt. Aber wie ich ihn kenne, wird er das nie eingestehen!«

Emma sah ihn groß an.

»Sie kennen ihn?«

Er blies sich ein Stäubchen vorn Ärmel.

»Ich kenne ihn. Dieser Doktor Graham bin ich selbst!«

Emma stand schnell auf.

»Sie?« stammelte sie verwirrt. »Verzeihen Sie ... wenn ich gewußt hätte ...«

Er drückte sie auf ihren Stuhl zurück.

»Wir sind unter uns, und schon im alten Rom lächelten die Auguren einander zu, wenn sie unbeobachtet waren. Lachen wir also! Ihr Puls macht, wie ich eben festgestellt habe, achtundsechzig Schläge in der Minute, geht also ganz ruhig, so daß Sie mich ohne Erregung anhören werden. Vielleicht erraten Sie nun, warum ich Mrs. Gibson diesen Spiegel geschenkt habe und warum ich mit Ihnen zu speisen wünschte, ohne über das Menü hinauszugehen. Meine jetzige Göttin Hygiea ist aus Wachs, dennoch bringt sie hübsche Summen ein. Wenn sie aber aus Fleisch und Blut wäre, wenn sie durch ihre Schönheit Diana, Venus und Hebe in den Schatten stellte – glauben Sie nicht, daß aus dem goldenen Regen der Danae dann ein Wolkenbruch werden würde? Lange habe ich vergebens nach diesem Ideal gesucht. Heute aber...« Komischfeierlich beugte er vor ihr das Knie. »Miß Lyon, wollen Sie meine Hygiea sein?«

Sie starrte ihn einen Augenblick an, als verstehe sie ihn nicht. Dann schlug sie plötzlich die Hände vors Gesicht und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus.

Von allem Schweren schien ihr dies das Schwerste. Wie eine jener Unglücklichen einer barbarischen Zeit kam sie sich vor, die nackt an den Pranger gestellt wurden. Beladen mit Schmach blieb ihnen nichts als sterben.

– – – – – – – –

Nach einer Weile zog Doktor Graham ihr sanft die Hände vom Gesicht.

»Überlegen wir, ob wir nicht zu einer ruhigen Auffassung gelangen!« sagte er mit seiner warmen Stimme, die wie mit weichen Händen ihre schmerzenden Nerven streichelte. »Sie empfinden meinen Antrag als eine Schmach? Angenommen also, Sie verwerfen ihn. Was geschieht dann? Sie bleiben hier, in diesem Hause, aus dem es keine Rückkehr in ein ehrenhaftes Leben gibt. Nichts gehört Ihnen, nichts. Nicht einmal das Hemd, das Sie tragen. Alles gehört Mrs. Gibson, deren Sklavin Sie sind und die Sie ausbeutet. Und je größer Ihr Bedürfnis nach Schönheit und Glanz ist, um so mehr werden Sie in Abhängigkeit von ihr geraten. Zuletzt können Sie nicht mehr los. Und wem werden Sie gehören? Vor wem werden Sie sich entkleiden? Der erste beste, der von der Straße heraufkommt und seine zwanzig Schillinge zahlt, ist Ihr Herr. Matrosen, Trunkenbolde ...«

»Hören Sie auf, hören Sie auf!« schrie sie und schloß die Augen vor dem Bilde, das aus seinen Worten heraufstieg.

»Ich male also nicht weiter aus. Nur noch eins! Jetzt sind Sie jung, schön und gut. Was werden Sie nach einem Jahre sein? – Nehmen Sie dagegen mein Angebot an ... Sie werden die Göttin Hygiea des Doktor Graham sein. Das heißt, Sie werden täglich eine Stunde lang Ihre Schönheit in den Dienst der Wissenschaft stellen! ... Ich würde Ihre Scheu begreifen, wenn Sie häßlich wären. Scham, sagt die Philosophie, ist das Bewußtsein körperlicher Mängel. Sie aber sind vollkommen schön. Und Sie werden Ihre natürliche Gestalt den Augen vorurteilsloser, gebildeter Menschen zeigen. Von einem Schleier bedeckt, durch eine Schranke vor jeder Berührung geschützt. Tun die Tänzerinnen des Theaters etwas anderes, und macht ihnen jemand einen Vorwurf daraus? Mnesarete stieg bei einem Fest der Venus zu Athen nackt aus dem Meere, die Göttin der Schönheit verkörpernd, und zeigte sich so dem ganzen Volke. Als sie wegen Gottlosigkeit vor Gericht geschleppt wurde, zerriß ihr der Verteidiger Hyperion das Gewand, so daß sie hüllenlos vor ihren Richtern stand. Und die Greise des Areopags sanken begeistert vor ihr in die Knie und sprachen sie frei. Weil sie in der Schönheit eine Offenbarung des Göttlichen erblickten, vor der die gemeine Begierde verstummen mußte. Männer von lauterer Gesinnung waren sie, die wußten, daß die Reinheit des Ideals das Irdische zur höchsten Würde verklärt. Vor einem solchen Areopag der edelsten Bildung werden auch Sie erscheinen und. dieselbe Erfahrung machen wie Mnesarete. Wo also ist die Schmach, vor der Sie zurückbeben? In dem Freudenhause der Mrs. Gibson oder in dem Tempel des Doktor Graham, in dem man Ihnen einen Altar errichtet, wie einem Götterbild? Die Antwort überlasse ich Ihnen selbst!«

Er stand auf und verneigte sich lächelnd vor ihr. Worte dieser Art hatte sie noch niemals gehört. Wie Herolde verkündeten sie die unverletzliche Majestät der Schönheit. Etwas Großes, Erhabenes schien aus ihnen zu sprechen; wie losgelöst von dem Staube des Irdischen erblickte sie sich selbst in dem verklärenden Lichte einer reinen Idee. Etwas wie Andacht ergriff sie vor der Vollkommenheit ihres Leibes, vor dem strahlenden Gefäß, in das die Natur ihre höchste Offenbarung gegossen. Ein Heiliges war es, schön zu sein.

Trotzdem sträubte sich noch etwas in ihr gegen die Zurschaustellung. Wenn Overton sie so sah ...

»Wenn ich das Gesicht verhüllen dürfte ...«

Doktor Graham überlegte einen Augenblick.

»Zugestanden!« sagte er dann. »Ich brauche es nicht für meine Erklärungen. Auch dürfen Sie schweigen, damit man Sie nicht an der Stimme erkennt. Falls Sie sich vor den Bemerkungen des Publikums scheuen, werde ich Sie in magnetischen Schlaf versenken. Auch wäre es vielleicht gut, wenn Sie Ihren Namen veränderten. Schon um Ihrer Mutter willen. Wie wäre es zum Beispiel mit Hart? Miß Emma Hart, die Göttin der Gesundheit ... es klingt! Nun? Was beschließen Sie?«

Sie wurde sehr blaß und sah ängstlich an ihm vorüber.

»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung!« bat sie.

»Bis morgen früh? Gut! Ich würde Sie vorläufig auf drei Monate verpflichten, für eine tägliche Sitzung von einer Stunde. Als Honorar erhalten Sie für jede Sitzung fünf Pfund bei völlig freier Station. Nach Ablauf dieser drei Monate verfügen Sie also über ein Kapital von vierhundertfünfzig Pfund und sind wieder unumschränkte Herrin Ihrer Entschlüsse. Der Vertrag wird durch einen Notar beglaubigt und jede Sicherheit für Sie bieten. Das Honorar für die ersten fünfzehn Sitzungen erlaube ich mir Ihnen schon jetzt einzuhändigen. Lehnen Sie meinen Vorschlag ab, so senden Sie es mir bis morgen mittag zurück; andernfalls setzte ich Ihre Einwilligung voraus und hole Sie von hier ab. Ich bin jedoch überzeugt, daß Sie Geist genug besitzen, anzunehmen. Auf morgen also, Miß Hart, auf morgen!«

Er zählte fünfundsiebzig Pfund vor ihr auf den Tisch und ergriff ihre Hand, um sie lächelnd an seine Lippen zu ziehen. Dann ging er rückwärts schreitend zur Tür.

Schweigend sah Emma ihm nach. Aber als er die Türklinke berührte, fuhr sie auf und streckte ihre Hände nach ihm aus.

»Noch eine ganze, lange Nacht in diesem Hause? Nehmen Sie mich hin! Nehmen Sie mich hin!«

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