Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Vollrat Schumacher >

Liebe und Leben der Lady Hamilton

Heinrich Vollrat Schumacher: Liebe und Leben der Lady Hamilton - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/vollrat/hamilton/hamilton.xml
typefiction
authorHeinrich Vollrat Schumacher
titleLiebe und Leben der Lady Hamilton
publisherVerlag von Rich. Bong in Berlin
printrun150. bis 179. Tausend
year1910
correctorw.klumatt-online.de
senderwww.gaga.net
created20120512
projectid0da9e423
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

Er erhob sich halb und blinzelte zu ihr herüber, als erkenne er sie nicht.

»Sie wünschen?«

Mit aller Kraft kämpfte sie ihre Erregung nieder.

»Mylord kennen mich nicht?«

Langsam stand er auf und kam zu ihr.

»Miß Lyon?«

»Miß Lyon, Mylord! Ich komme, um ...«

Sie unterbrechend deutete er auf das Ruhebett.

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen? Oder ... fürchten Sie sich vor mir?«

Voll Verachtung den Kopf zurückwerfend, setzte sie sich. Dann sah sie ihm gerade in die Augen.

»Ich bin also bei Ihnen, Mylord! Und Sie ... Sie glauben nun wohl, daß Sie Ihr Spiel gewonnen haben, nicht wahr?«

»Welches Spiel?«

»Ein gemeines Spiel. Das Spiel Davids mit Bathseba.«

»Ich erinnere mich nicht!« sagte er achselzuckend, während er sich ihr gegenüber in einem Sessel niederließ. »Es ist so lange her, daß ich zur Schule ging.«

»David verliebte sich in Bathseba. Bathseba aber war das Weib des Uria, und Uria war wachsam. Um Bathseba zu besitzen, mußte David also den Uria aus dem Wege schaffen ...«

»Tat er's?«

»Er tat's! Er schickte ihn in den Krieg und ließ ihn töten. Dann machte er Bathseba zu seinem Weibe.«

Wieder sah sie ihn scharf an. Seine Lider sanken ein wenig tiefer über die Augäpfel, sonst zeigte er keine Erregung.

»Nun, und?« fragte er. »Ich verstehe nicht, warum Sie mir die alte Geschichte erzählen?«

Auf einem Tischchen in der Nähe sah Emma einen Dolch, der zum Aufschneiden der danebenliegenden Bücher zu dienen schien. Tändelnd nahm sie ihn auf und drehte ihn zwischen den Fingern.

»Die alte Geschichte soll sich seitdem öfters wiederholt haben und sogar heute noch Nachahmer finden. Ein Lord, zum Beispiel, Kapitän eines Kriegsschiffes, verliebt sich in ein armes Mädchen: ... kann das nicht vorkommen?«

Er nickte ruhig.

»Gewiß, das kann vorkommen!«

»Sie aber hat einen Freund, der sie beschützt...«

In seinen Augen blitzte es auf.

»Einen Freund?« fragte er schnell, das Wort betonend. »Ist er ihr nicht mehr?«

»Er ist ihr nicht mehr! – Wie schafft nun der Lord diesen unbequemen Freund fort?«

Langsam stand er auf.

»Sie glauben also, Miß Lyon, ich habe Tom Kidd pressen lassen, um ihn von Ihnen zu trennen und mich Ihrer zu bemächtigen?«

Auch sie erhob sich. Auge in Auge standen sie einander gegenüber. Wie zwei Fechter, bereit, übereinander herzufallen.

»So glaube ich!« stieß Emma scharf heraus. »Sie bestachen Mrs. Gibson, daß sie mich aufnahm. Unter ihrem Beistand hofften Sie, an mich herankommen zu können. Da aber merkten Sie, daß Tom Ihnen hinderlich war. Darum beseitigten Sie ihn.«

Er lächelte leicht und zwischen seinen Lippen erschienen seine großen, festen Zähne.

»Es war vielleicht nicht ganz so, Miß Lyon. Tugg hatte mir vielleicht schon vorher von einem Menschen erzählt, der den Krüppel spielte, um sich der Pflicht gegen den König zu entziehen. Aber gleichviel! Angenommen, alles wäre so gewesen, wie Sie glauben – was nun?«

Sein Hohn reizte ihren Zorn.

»Ich weiß, daß ein armes Mädchen nichts gegen einen Lord vermag!« stieß sie mit bebenden Lippen, heraus. »Dennoch bin ich nicht ganz machtlos! David konnte Uria töten, aber er konnte Bathseba nicht verführen, wenn Bathseba sich von ihm nicht verführen lassen wollte!«

Herausfordernd starrte sie ihn an, das Heft der Waffe fest umklammernd. Dunkle Röte stieg in Sir Johns Gesicht und zwischen seinen Augenbrauen erschien eine tiefe Falte. Plötzlich warf er sich auf Emma, entriß ihr den Dolch und schleuderte ihn in einen Winkel.

»Fort mit dem Spielzeug!« schrie er sie an. »Wir sind hier nicht im Theater!« Heftig ging er ein paarmal auf und ab. »Lassen Sie uns vernünftig reden! ... Sie wünschen, daß ich Ihren Freund freigebe. Meinetwegen. Was kümmert mich dieser Mensch! Aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich in Sie verliebt bin, daß ich Sie besitzen will. Willigen Sie ein, und Tom Kidd kann gehen, wohin er mag. Einen Paß werde ich ihm ausstellen, der ihn vor der Presse schützt. Alle Ihre Wünsche werde ich, erfüllen. Ich werde Urlaub nehmen, mit Ihnen reisen, wohin Sie Lust haben. Nachher sind Sie wieder frei. Als Entschädigung erhalten Sie hundert Pfund, die ich Ihnen sicherstelle!«

Sie hatte zugehört, ohne ihn zu unterbrechen.

»Sie wollen mich für eine gewisse Zeit kaufen!« sagte sie nun mit kalter Verachtung. »Es ist also ein Geschäft, das Sie mir anbieten ...«

»Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt! Ich bin Seemann und nicht gewohnt, nach feinen Worten zu suchen.«

»Seemann?« wiederholte sie mit schneidendem Hohn. »Aber Sir John Willet Payne ist, soviel ich weiß, auch Edelmann. An diesen wollte ich mich wenden, als ich herkam. An den Mann von adeliger Gesinnung. Statt seiner aber fand ich einen feilschenden Krämer. Glauben Sie wirklich, Mylord, daß Sie Schätze genug besitzen, um meine Ehre dafür einzuhandeln? Eher will ich mich dem gemeinsten Ihrer Matrosen hingeben als Ihnen, der Sie den Rock des Königs beschmutzen!«

Flammenden Auges hatte sie ihm die Beschimpfung ins Gesicht geschleudert. Nun wollte sie an ihm vorüber zur Tür gehen. Aber er ließ sie nicht vorbei. Mit einem gezwungenen Gelächter breitete er die Arme gegen sie aus, sie an sich zu reißen.

Sie wich vor ihm zurück. Und da er ihr folgte, schlug sie ihm mit ihrer ganzen Kraft ins Gesicht.

Einen wilden Schrei ausstoßend stürzte er sich auf sie.

Aber in diesem Augenblicke erhob sich auf dem Deck über ihnen ein wirrer Tumult. Stimmen riefen durcheinander, polternde Schritte liefen hin und her. Gleich darauf knallte ein Schuß. Ein Offizier erschien in der Kajütentür und rief Sir John etwas zu, das Emma nicht verstand.

Der Kapitän stürzte nach oben. Mit lauter Stimme erteilte er Befehle.

– – – – – – – –

Als Emma auf Deck kam, sah sie ein Boot, das eben vom Schiffe abstieß. In ihm Tugg und sechs Matrosen. Mit aller Kraft legten sie sich in die Riemen.

Weit vor ihnen schwamm Tom. Seinen Kopf kaum, über den Wasserspiegel erhebend strebte er in langen, ruhigen Stößen dem Lande zu.

Ein Volkshaufen lief dort zusammen, der den Flüchtling durch Zurufe anspornte und das verfolgende Boot mit Schmähungen überschüttete. Wenn Tom ans Ufer gelangte, ehe das Boot ihn erreichte, war er gerettet. Er verschwand dann in der Menge, die sich seinen Verfolgern entgegenstellen würde wie eine lebende Mauer.

Emma erriet, was Tom in den Fluß getrieben. Wenn er sich befreite, verlor Sir John alle Macht. Mochte er selbst auch untergehen, wenn nur sie gerettet wurde. So hatte er gedacht.

Ein heißes Gefühl für ihn quoll in ihr auf, während sie, an die Brüstung des Schiffes gedrückt, auf den dahingleitenden Kopf starrte, dem das Boot mit jedem Ruderschlage näher kam.

Plötzlich schrie sie laut auf. Tom war am Ufer und richtete sich auf. Hundert hilfsbereite Hände streckten sich ihm entgegen. Aber das Boot schoß heran, das von Tugg geschwungene Ruder sauste herab und warf Tom ins Wasser zurück. Die Matrosen zerrten ihn ins Boot und kehrten unter den Verwünschungen der Menge zum »Theseus« zurück.

Sir John lächelte finster, als Tom gebunden zu seinen Füßen lag.

»Strafwimpel auf!« befahl er mit harter Stimme. »Den Deserteur ans Gitter! Bootsmann Tugg, die Neunschwänzige!«

Von den Leuten am Ufer mit einem gellenden Wutschrei begrüßt, flatterte der Wimpel am Hauptmast empor. Matrosen rissen Tom die Kleider herab und banden ihn an das Gitter. In weitem Halbkreise stand die Mannschaft, auf dem Oberdeck Soldaten in Parade.

– – – – – – – –

Emma war wie betäubt. Sie sah nur Tom. Aus weitgeöffneten Augen starrte sie hin.

Das helle Licht der Sonne fiel auf die schlanke, ebenmäßige Gestalt. Trotzig stand der Kopf auf dem straffen Bau des Halses; hoch wölbte sich die breite Brust; machtvoll quollen unter dem Druck der Fesseln die Muskeln der Arme hervor.

Soweit der Ausschnitt des Schifferhemdes gereicht hatte, war alles tief gebräunt, Matt glänzte es wie Bronze. Rücken und Leib aber waren zart, wie die Brust eines jungen Mädchens; weiß, wie das Gefieder eines Schwans.

Schön war dieses feste, blühende Fleisch. Seltsam mußte es sein, wenn rotes Blut über den weißen, leuchtenden Marmor rann ...

– – – – – – – –

Bootsmann Tugg trat mit der Neunschwänzigen vor. Breitbeinig stellte er sich vor Sir John in Positur und salutierte.

Der Kapitän grüßte.

»Der Bursche da hat Euch gestern seine Handschrift gezeigt, Bootsmann. Zeigt ihm nun die Eure und setzt sie in Respekt!«

Tugg grinste.

»Es war nicht den Federkiel wert, was das Jüngelchen mir aufschrieb! Denke, ihm einen roten Brief aufzusetzen und mit des Königs Petschaft zu siegeln!« Zärtlich ließ er die scharfkantigen Lederstreifen durch seine Finger gleiten. »Wieviel Zeilen befehlen Euere Herrlichkeit?«

»Ein Dutzend längs, ein Dutzend quer!«

»Zusammen also zwei Dutzend. Möge Gott Eurer Lordschaft die Gnade lohnen, die Ihr der verletzten Ehre Eueres Bootsmannes erweist! – Geschützmeister, zählt! Keinen Streich zu wenig, keinen zu viel!«

Wieder salutierte er, und Sir John dankte. Dann warf Tugg den Rock ab und löste sich die Halsbinde. Den Oberkörper weit zurückgebogen, stand er nun hinter Tom, mit der Rechten den Griff der Neunschwänzigen umklammernd, mit der Linken die zusammengefaßten Enden straffend. Einen Augenblick blieb er so; unbeweglich, mit schillerndem Auge. Wie ein Raubtier im Ansprung.

Plötzlich stürzte er sich nach vorn und schlug zu.

Pfeifend, klatschend sauste die Geißel nieder. Hoch schnellte Tom empor. Seine Hände und Füße rissen an den haltenden Tauen. Dann sank er zurück. Ein Beben rann durch seinen Körper. Aber kein Laut kam über seine Lippen.

Durch den Halbkreis lief ein Murmeln der Anerkennung.

»Eins!« zählte die heisere Stimme des Geschützmeisters.

»Der Bursche scheint nicht übel!« sagte Sir John, mit einem Lächeln seine starken Zähne zeigend. »Er heult und winselt nicht, wie die anderen, wenn das Kätzchen sie zum erstenmal streichelt. – Weiter, Tugg!«

Nach dem ersten Dutzend machte Tugg eine Pause. Keuchend wischte er sich den Schweiß von der Stirn, während er an Tom herantrat, seine Arbeit mit prüfenden Blicken zu betrachten. Vom Nacken abwärts zogen sich über Toms Rücken zahllose, schmale Streifen, in denen das Blut stand.

Auch Sir John kam näher. Schrecklich war sein Anblick. Den Kopf weit vorstreckend, die Nüstern blähend starrte er aus flammenden Augen auf das zuckende Fleisch. Seine massigen Kinnbacken gingen knirschend hin und her, als mahlten sie Steine.

»Schlechte Arbeit, Bootsmann!« stieß er wütend hervor. »Soll ich Euch für eine Woche den Branntwein entziehen? Wedelt kräftiger! Und quer! Ich will seine Stimme hören,!«

Die Drohung schien Tuggs ganze Kraft zu entflammen. Wie rasend schwang er die Geißel. Unter dem queren Hieb zerplatzte das mürbe Fleisch in unzählige kleine Vierecke. Aus ihnen spritzte das Blut empor wie aus jäh geöffneten Quellen.

»Dreizehn!« sagte der Geschützmeister.

Eine unheimliche Stille folgte. Regungslos hing Tom in den Tauen. Dann ...

Inmitten dieses furchtbaren Schweigens kam aus dem zerrissenen Körper plötzlich ein leiser, weher Ton. Wie das Schluchzen eines kleinen Kindes ...

Bleich, atemlos stürzte Emma vor.

»Gnade, Mylord!« schrie sie, vor Sir John in die Knie sinkend. »Gnade!«

Ein Feuerstrahl fuhr aus seinen Augen über sie hin.

»Willst du nun?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Willst du nun?«

Wortlos verbarg sie ihr Gesicht in den Händen

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.