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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Sie war böse über diesen Brief. Axel merkte es gleich, als er zu dem Frühstück kam. Und wie er vorausgesehen, war keine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen.

Der schönen Mrs. Clarence Lebensgeister waren an diesem Tage wie Fohlen, die auf weiten Wiesen tollen. Sie hatte etwas Aufwirbelndes an sich und zwang alle Herrn in ihre Gefolgschaft. Man merkte, wie sehr sie gewohnt war, von Satelliten nicht nur umschwärmt zu werden, sondern für jeden das richtige Feld zu bestimmen, wo er sich in ihrem Dienste betätigen sollte. In der Art, wie sie die Menschen zu verteilen wußte und für etwaige Notfälle stets Reserven behielt, lag etwas Feldherrnhaftes. »Überschäumend und dabei innerlich ganz kühl und überlegt« – sagte, sie beobachtend, Wawerling zum Doyen. Unter den Anwesenden erregte zwar der türkische Gesandte, Aschir Pascha, als erster Osmane, den sie kennen lernte, die Neugier der schönen Amerikanerin, aber er wandte sich bald Mrs. Anderson zu und vertiefte sich mit ihr in ein Gespräch über die Lebensbedingungen der türkischen Frauen. So verteilte denn Muriel ihr frohes Lachen und strahlendes Blicken, ihre ausgelassenen Fragen und etwas peremptorischen Verabredungen gleichmäßig auf alle übrigen. Axel gegenüber mochte der Ton der Fremden ein klein wenig verschieden klingen – er glaubte es zu fühlen –, aber es war eine ganz leise Schwingung, nur gerade so bemessen, daß die anderen, falls sie etwas davon merkten, sich angefeuert fühlten und jeder sich trotzdem sagen konnte: das Rennen beginnt eben erst, auch ich habe Chancen.

Stramm, Javorina, Belany waren gestartet. Bei den letzteren, die bisweilen die diplomatischen Babies genannt wurden, war hauptsächlich Jugendübermut im Spiel. Das wäre ja eine famose Hetz, wenn einer von ihnen beiden diesen Hauptpreis erränge! Und sie hätten es sich gegenseitig gegönnt. Legationsrat von Stramm dagegen hatte erst ernstlich nachgesonnen, ob es ratsam sei, der auch auf ihn wirkenden Anziehungskraft der Fremden nachzugeben. Und er war in nächtlicher Überlegung zum Schluß gekommen, daß hier einmal persönliches Wohlgefallen und Karriererücksichten den gleichen, recht angenehmen Weg wiesen. Schön, steinreich – Ausländerin zwar – aber aus einem Lande stammend, für das daheim, besonders an höchsten Stellen, ostentative Freundschaft bestand – was konnte man mehr verlangen? – Dazu dies blühend frische Aussehen, das zu Hoffnung auf gesunde Nachkommenschaft berechtigte – ein Punkt, auf den Stramm aus patriotisch-bevölkerungspolitischen wie aus Familiengründen gleich großen Wert legte. Freilich waren da gewisse Hemmungslosigkeiten, die nicht ganz zur künftigen Mustergattin eines strebsam korrekten Beamten paßten. Aber Stramm, dem es überhaupt nicht an Selbstvertrauen gebrach, schmeichelte sich, eine junge Frau so lenken zu können, wie es seiner höheren männlichen Einsicht entsprach, und sie zum Dienste seines Emporkommens zu formen. Er hatte ja auch seinerseits wahrlich einiges zu bieten. Tüchtigkeit, unerschütterliche Grundsätze, an denen ein noch ungefestigtes Weib Halt finden konnte. Und in der Karriere gute Aussichten, die sich, abgesehen von der Verwandtschaft mit einem der höheren Chefs daheim, auf wirkliche Leistungen gründeten. Er war ja, wie er zu betonen liebte, kein gewöhnlicher Salondiplomat! Hatte sogar ein halbes Jahr in einer Bank gearbeitet. Sprach mit Vorliebe von wirtschaftlichen Aufgaben. Erschließung neuer Märkte für die heimische Industrie. Bei allem Festhalten an alter Tradition, Glauben und Gesinnung also doch durch und durch »moderner Mensch«. Eine, wie ihm schien, für eine Amerikanerin sicher besonders lockende Mischung. – Wawerling sagte von ihm: »Er erinnert mich immer an Annoncen, die man gelegentlich liest: alte Ritterburg, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet, steht zum Verkauf.«

Und so war es. Muriel Clarence brauchte sich nur als Käuferin zu melden. Aber einstweilen lebte sie offenbar lieber noch als Touristin. Und eben jetzt widmete sie einige Augenblicke ihrem Gastgeber und ließ sich die alten Schlachtenbilder des Speisesaales erklären, die seinem Geschmack und früheren Berufe Rechnung trugen.

Nach dem Essen ging man in den Garten, über den die plötzlich eingetretene Hitze ihren einschläfernden Bann breitete. Mrs. Clarence aber war solchen Einflüssen überlegen. Voller Vitalität und Energie gruppierte sie die Gäste, um photographische Aufnahmen von ihnen zu machen. »Wie eine Karte von Europa werden Sie alle zusammen sein,« sagte sie. »Das gibt für meine Freunde in Clarenceville den amüsantesten geographischen Anschauungsunterricht.«

Es dünkte Axel, als würden die Gäste nie gehen. Aber endlich waren sie fort. Nur Stramm blieb noch im Gespräch mit Linteloe in der offenen Türe des Saales stehen, die zum Garten führte.

Liane war wieder hinausgetreten in den Schatten der blühenden alten Linde, und vor ihr im leuchtenden Sonnenschein lag ein Beet weißer Rosen. Axel folgte ihr, und sofort begann sie ihm ob des Briefes Vorwürfe zu machen. Sie zwang sich, hart mit ihm zu sprechen, wie es in den wonnig warmen Sonnentag gar nicht hineinpaßte. So viel Schärfe, dachten die Lindenblüten, und wir duften doch so süß!

Er antwortete nicht viel; hörte scheinbar demütig zu; und verstand es dabei doch, sie durch seine Art zu sein und zu blicken ins Unrecht zu setzen. Und Liane, die anderen Männern gegenüber so spöttisch abweisend zu sein wußte, fühlte, wie sie vor ihm hilflos wurde, weil sie etwas anderes in ihm sah als in allen übrigen, etwas, das wie ein Stückchen ihrer selbst war, und dem sie nicht lange weh zu tun vermochte. – Dann war er gegangen. Aber seine beste Hilfstruppe ließ er ja stets bei ihr zurück – die Erinnerung an gemeinsame frühe Jugend. Die arbeitete beständig in ihr für ihn.

Sie schaute ihm nach, wie er durch den Garten zur schmalen Seitentüre ging, die in die andere Gesandtschaft führte. Und sie entsann sich, daß als Kinder »Mann und Frau« immer ihr Lieblingsspiel gewesen war. Zankten sie sich dabei, so pflegte Miß Johnson zu sagen: »Du solltest nachgeben und deinem kleinen Vetter den Gefallen tun, du bist doch die ältere.«

Ach, dies schreckliche »älter sein«! Damals sollte sie deshalb dem kleinen Vetter immer nachgeben – heute mußte sie auch wieder die Vernünftigere sein und ihm Nein zu sagen wissen. Und sie fühlte sich nicht alt, nicht vernünftig. Die Worte seines Briefes wurden schon wahr: sie fühlte sich jung werden in der Glückssehnsucht, die er geweckt.

»Der kleine Vetter!« sagte sie leise vor sich hin. Und dachte, ihm nachschauend, welch großer Vetter er geworden, mit schlanken und zugleich kräftigen Gliedern und mit diesen zärtlichen Augen, die sich ins Herz hineinschmeichelten und bisweilen etwas herrisch und spöttisch sein konnten, – so recht einer, dem viele viel zu Gefallen tun, was Miß Johnson vielleicht zu viel gedünkt hätte! – Und Liane gewahrte mit Schrecken, wie all die Eiswände, die so lange ihr Schutz gewesen, vor ihm zerschmolzen, wie es in ihr weich und warm und sehnsüchtig wurde, so daß sie sich scheute, ins eigene Herz zu schauen.

Während sie noch sinnend im Garten stand, waren Linteloe und Stramm aus der Saaltüre getreten und näher zu ihr herangekommen.

»Es ist schade,« hörte sie Stramm sagen, »daß wir nicht jetzt mit einem alles schlagenden Angebot einer unserer großen Firmen hervortreten können, denn die anderen scheinen am toten Punkt angelangt zu sein.«

»Da sich nun aber keine unserer Firmen für die Sache zu erwärmen scheint,« antwortete Linteloe, »so habe ich in meiner Berichterstattung hauptsächlich hervorgehoben, daß aus der Konkurrenz der vier Bewerber sicher eine gegenseitige Gereiztheit unter ihnen zurückbleiben wird, die zu fördern wir allen Grund haben. Eine keimende Animosität zwischen anderen zu kultivieren, ist nämlich ein so erstrebenswertes und nutzbringendes Ziel, daß man dafür sogar einen momentanen Vorteil der heimischen Industrie preisgeben könnte. Es ist, um mich eines Beispiels aus meinem früheren Beruf zu bedienen, als entsage man freiwillig einem kleinen taktischen Erfolg, dem strategischen Gesamtplan zum Nutzen.«

Stramm nickte beifällig. »Diese Auffassung entspricht unsern allerbesten Traditionen, und ich glaube zu wissen, daß sie an maßgebenden Stellen geteilt wird. Immerhin meine ich, Herr Minister sollten es sich überlegen, ob nicht doch eine unserer Holzhäuserfirmen zu einem Angebot anzuregen wäre. Ein Erfolg im jetzigen Augenblick könnte für den Herrn Minister eventuell von großen persönlichen Folgen sein.« Und sich an Liane wendend fuhr er fort mit der wichtig-geheimnisvollen Miene, die er gern annahm, wenn er auf die besonderen Informationen anspielte, die ihm durch seinen einflußreichen Verwandten an der heimischen Zentrale zu Gebote standen: »Ich habe nämlich aus guter Quelle gehört, daß man nicht mehr mit Aderhold zufrieden ist; er soll es in seiner Berichterstattung aus Tokio völlig versehen und sich ganz von den Anschauungen entfernen, die man bei uns im Ministerium über Japan hat, – es wird ihm darum allgemein nicht mehr viel Zeit gegeben – höchstens bis zum Herbst hält er sich noch – dann ...« Und Herr von Stramm machte eine Gebärde, die bedeuten konnte, daß der arme Aderhold dann mit einem Besen in unbekannte Tiefen fortgefegt werden würde.

Aber Lianen dünkte das dem Botschafter in Tokio prophezeite Geschick nichts sonderlich Bemerkenswertes, denn sie hatte gerade darüber nachgedacht, wie rasch doch jener große Besen kommt, der die Menschen nicht nur von der diplomatischen, sondern von der Lebensbühne überhaupt wegfegt und allem ein Ende macht, ob es nun Leid oder Freud gewesen. Und sie antwortete lässig: »Mag sein, Herr von Stramm. Aber Sie hören es im diplomatischen Wäldchen ja immer knistern und knacken und lieben es, von diesem oder jenem alten Baum zu sagen, er sei morsch und werde als nächster fallen.«

»Gnädigste Frau scheinen nicht viel von meinen Informationen zu halten,« sagte Stramm etwas pikiert. »Nun, ich kann nur – natürlich ganz vertraulich – wiederholen, daß die eventuelle Neubesetzung Tokios bereits im stillen erwogen wird. Im übrigen werde ich mir gestatten, kommenden Herbst an dieses Gespräch zu erinnern.«

Linteloe hatte mit sichtlicher Spannung zugehört. Nachdem dann Stramm gegangen war, sagte er erregt: »Das wäre ja großartig, wenn sich das erreichen ließe! Und daß Stramm die Sache überhaupt so erwähnt hat, beweist mir, daß ich tatsächlich in Frage komme. Auf alle Fälle könnte es nichts schaden, wenn du gegen Stramm etwas verbindlicher wärst, Maximiliane: ein Wort von ihm an seinen Onkel im rechten Augenblick kann vielleicht entscheidend sein.« – Doch sie anschauend gewahrte er, daß sie ganz traumverloren dastand und kaum zuzuhören schien, und er rief gereizt: »Aber du kümmerst dich natürlich nicht um meine Interessen! Hast wohl den Kopf zu voll von dieser Geschichte mit deinem Vetter!«

Sie zuckte zusammen wie unter einem Hieb, und ihre Herzschläge jagten plötzlich wie die Hufe durchgehender Pferde. »Was willst du damit sagen?« frug sie kaum hörbar.

»Ach, vor mir brauchst du nicht so geheimnisvoll zu tun,« erwiderte er voller Überlegenheit, aus der auch etwas wie ärgerliche Mißgunst klang. »Das kann ja jedes Kind sehen, daß du und die alte Pemberton es drauf anlegt, Kronar und die schöne Clarence zusammenzubringen. Kuppelei steckt nun mal allen Weibern im Blut.« – Dann setzte er hinzu, indem seine Blicke geringschätzig über Liane glitten, wie sie so durchsichtig zart inmitten der weißen Rosen stand: »Na, der Kronar kann sich übrigens gratulieren, wenn's gelingt. Steinreich, kerngesund, bildschön – Donnerwetter ja, das ist freilich eine Frau, wie ein Diplomat sie brauchen kann!«

Unwillkürlich zog Liane das Spitzentuch, das sie trug, fester um sich, als wolle sie sich schützen vor dem Schimpf, den dieser höhnisch vergleichende Blick ihr antat. Und im selben Augenblick mußte sie an Axels Augen denken, wie sie oft so schmeichlerisch liebkosend auf ihr ruhten, bis sie tief im Innersten ihres Wesens ein Erschauern weckten. Und gerade heute, da sie sich brechenden Herzens von dem Glücke abgewandt hatte, das jene Augen verhießen, heute, wo sie, wund und wehe von dem Kampf gegen sich selbst, ein so großes Verlangen nach verstehender Zärtlichkeit und tröstenden Armen empfand, die sie und all ihre unerfüllte Sehnsucht zur Ruhe gewiegt hätten, – da mußte sie statt dessen auch noch so gekränkt werden! – Eine große Bitterkeit erfüllte sie.

Linteloe aber, der sich eine neue Zigarre angezündet hatte, fuhr fort: »Diplomaten sollten eigentlich nur Amerikanerinnen heiraten. Die nützen heutzutage für die Karriere, packen das Leben frisch und lustig an und wissen nichts von all euren nordischen Träumereien und nebelgrauen Theorien.«

Etwas wie Zorn lohte in Liane auf. Mit erhobenem Kopf und hochgezogenen Augenbrauen antwortete sie herb: »Ich hindere dich nicht, es mit einer zu versuchen. Vor Jahren bat ich dich: laß uns auseinander gehen. Heute wie damals wäre es mir eine Erlösung.«

Er lachte. »Ganz wie ich sagte: Die mißverstandene nordische Frau! Nora, oder wie sie sonst alle heißen mögen! Kein Wort darf man mehr sagen, sonst bekommt man gleich die ganze neue Leier zu hören: ich will mein eigenes Leben leben, Freiheit, Frauenrechte und so weiter.«

Liane war dichter an ihn herangetreten. »Ich beschwöre dich,« sagte sie leis und eindringlich, »laß heute nur das Spaßen. Mir ist's so bitterer Ernst. All die Jahre tragen wir nun schon an unserem Irrtum, und ich fühle ganz deutlich, daß noch Schlimmeres daraus entstehen wird. Ach, laß uns auseinandergehen. Es muß doch möglich sein!«

Er nahm die Zigarre aus dem Mund, sah Liane erstaunt an und antwortete dann barsch: »Auf den Unsinn hab' ich dir, denk' ich, vor Jahren endgültig geantwortet; ich spüre gar keine Lust, mich lächerlich zu machen und mir die Karriere zu ruinieren mit so einer albernen Scheidungsgeschichte. Und nach dem, was Stramm vorhin sagte, weniger denn je.« Ruhiger werdend und in seinen behäbig polternden Ton übergehend, setzte er hinzu: »Im übrigen weiß ich wirklich nicht, worüber du dich eigentlich beklagst. Für gewöhnlich genieren wir uns doch nicht sehr – und das ist mehr, als man von vielen Ehen sagen kann.«

Die Zigarre im Munde und die Hände in den Taschen schritt er breit und wuchtig ins Haus zurück.


Es war ein paar Stunden später.

Liane saß noch immer auf der Bank unter der blühenden alten Linde, wo sie sich zusammengekauert hatte wie ein mißhandeltes Tier, das sich fürchtet. Sie wußte nicht, warum sie da geblieben. Aber es war ja ganz einerlei, wo sie blieb.

Nachdem Linteloe gegangen, hatte sie zuerst ein solches Gefühl verzweifelnder Hoffnungslosigkeit erfaßt, daß ihr war, als müsse sie gleich hin zu Axel stürzen und ihm schluchzend sagen: Tröste mich und hab mich lieb! Tröste mich, weil ich gar so verlassen bin! Hab mich lieb, weil ich nie geliebt wurde! Und wenn es auch nur eine Stunde ist, so schenk meinem Leben doch diese eine Stunde der Seligkeit!

Aber leise und langsam kamen dann andere Gedanken.

Erinnerungen stiegen auf an Frauen, die sie früher gekannt. Und die schattenhaften Gestalten jener Verhärmten hoben die Hände abwehrend gegen sie, bewegten die bleichen Lippen beschwörend. Und sie hörte sie warnen: »Halt ein, halt ein, du Fata Morgana Erschauende! Erkennst du denn gar nicht den Beginn des alten Stückes, das du uns voll Mitleid und Staunen ob unserer Verblendung spielen sahst? Ganz wie einst wir glaubst heut du, der Vorhang ginge auf zur Uraufführung von nie noch Gewesenem, einzig für dich geschaffenem Wundersamen, – und es ist doch nur die Wiederholung eines der kläglichsten Schauspiele der kleinen Gesellschaftsbühne, bei der du in der schmerzlichsten Rolle auftreten würdest. Erkennst du sie wirklich nicht wieder, die Tragödie der Frau, für die die Liebe in zu später Stunde gekommen, die glaubt sich dem, den sie liebt, nie genügend schenken zu können, weil aller Seligkeit des Gebens doch die Bitternis anhaftet, sich nicht am Morgen des Lebens gegeben zu haben, – die Tragödie der Frau, die in seinen Zügen angstvoll forscht, ob auch er dies »zu spät« empfindet, und die dann um ihn kämpft und ringt – mit anderen und mit den eigenen Jahren – und schließlich doch immer unterliegen muß.«

Liane schauderte zurück. Nein! besser als das war es immerhin, des Lebens Leere die paar Jahre, in denen sie überhaupt noch empfunden wurde, weiter zu ertragen. Bald mußte ja der Augenblick nahen, da all das gleichgültig ließ; und noch ein bißchen später kam dann die Zeit, wo sich die Blicke zu trüben beginnen, wo graue Nebel aufsteigen aus den Gärten eigener kleiner Vergangenheit, so daß die Erinnerung sich kaum mehr zurecht findet in dem, was doch einst selbst erlebte Gegenwart gewesen. Ach, alles würde ja so schnell vorüber sein! –

Während Liane in Gedanken versunken saß, war des Nachmittags Glut in linden, lauen Abend übergegangen. Der alte Gärtner hatte mit dem langen Schlauch den durstigen Rasen besprengt. Nun mischte sich der Geruch der nassen Erde mit dem Duft der Rosen und Linden. Jenseits der Flüsse in weiten Fernen versank die glühende Sonnenkugel inmitten violetter Nebelschleier.

Es war die Stunde, wo die Sehnsucht über die Erde schreitet, sich gern zu einsamen Menschen neigt, die unter blühenden Linden träumen, und ihnen leise allerhand süße Dinge zuraunt. Und die Sehnsucht spricht dann oftmals mit der Stimme ihrer Schwester, der Versuchung. – Ob sich Liane auch wehrte gegen das Verlangen nach Glück, indem sie sich die Vergänglichkeit alles Glückes vorhielt, hörte sie doch immer wieder ein leises, lockendes Flüstern: Glaub du nicht den Glauben der Mutlosen, es gibt doch ein Glück so groß, daß es, ein Leben ganz erfüllend, noch weit in die Zeiten ausstrahlt, – und unbewußt weißt du das auch schon längst; denn wenn dich manche Stätten besonders anzogen und du in ihnen einen unerklärlichen Zauberhauch verspürtest, so war es ja gerade, weil sie Glücksgärten der Vergangenheit sind, wo etwas von einstmaliger Seligkeit zurückgeblieben ist, das die zarten Fühlfäden deines suchenden Herzens erkannten!– –

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