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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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So pünktlich auch Axel am nächsten Nachmittag kam, um Liane abzuholen, fand er doch Stramm sowie Zavorina und Belany schon vor, und es glückte ihm nicht, noch ein Wort mit ihr allein zu sprechen. – Sie sah blasser aus als sonst und hatte den etwas ängstlich verwirrten Ausdruck von jemand, der plötzlich aus Träumen aufgeschreckt worden ist. Aber gerade so dünkte sie ihm reizender denn je, weil er fühlte, daß dieser neue Ausdruck das Werk seiner eigenen gestrigen Worte war, und ihm dies Bewußtsein ein wonniges Gefühl von Macht verlieh. Zugleich erschien sie ihm auch rührend in ihrer Befangenheit, und er hätte ihr gern zugeflüstert: warum ängstigst du dich, wo ich dich doch so lieb habe?

Aber es war, als vermeide Liane, ihm Gelegenheit zu geben, mit ihr zu reden. Auf dem langen Weg zum Kloster Wawedine befand sich immer einer der anderen an ihrer Seite, und die Konversation war sehr lebhaft, denn einige Herren hatten die neu angekommenen Amerikanerinnen schon am Vormittag in der Straße kennen gelernt, als Mrs. Pemberton ihren Gästen die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt zeigte, und sie sprachen nun enthusiastisch über die Schönheit von Mrs. Clarence. Der kleine Belany besonders, der nie zuvor eine Amerikanerin gekannt hatte, redete sehr erfahren von »typischer Neuyorkerin«, und Stramm hob hervor, daß Mrs. Clarence nicht nur schön, sondern, wie er genau wisse, durch die Erbschaft ihres Mannes auch fabelhaft reich sei, und zwar sei dies Vermögen ganz korrekt im Eisenbahnbau erworben worden, während der Ursprung manch anderer transatlantischer Millionen vor dem peinlich genauen Maßstab germanischer Feinfühligkeit doch nicht mit Ehren bestehen könne.

Man merkte den jungen Leuten die Freude darüber an, daß endlich durch ein äußeres Ereignis etwas Bewegung in das gleichförmige Einerlei des Lebens kam. Und den anderen, älteren Diplomaten, die die Reiter auf dem Wege einholten und dann draußen beim Feste trafen, ging es ebenso. Von augenblicklichen Eindrücken sich berufsmäßig nährende Menschen, freuten sie sich, daß ihr Bedürfnis nach sensationellen Neuigkeiten durch die Ankunft der interessanten Fremden eine kleine Befriedigung fand, die doch andererseits auf einem Gebiete lag, das jede Notwendigkeit einer Berichterstattung auszuschließen schien.

Der Weg ward voller und voller. Reiter, städtische Fiaker und herrschaftliche Fuhrwerke drängten sich. Auf all den Seitenpfaden, die, von Dörfern und einzelnen Gehöften kommend, sich durch das Gelände schlängelten, sah man Scharen von Landleuten der breiten Straße zuströmen. Hochgewachsene Männer in rauhen braunen Filzanzügen, bestickten Strümpfen und schwarzen Pelzmützen schritten weitaus. Frauen in bunten gefältelten Röcken, die seitwärts emporgerafft das kunstvoll verzierte Hemd darunter sehen ließen, eilten hurtig zum Feste. Spielleute zogen des Weges, den Brummbaß auf dem Rücken, und Zigeuner mit harten Zügen und lauernden Blicken, die einen Tanzbär führten. Weiße Ochsen mit spitzen, weit geschweiften Hörnern zogen lange Reihen bekränzter Leiterwagen, gefüllt mit Bäuerinnen in grell farbigen Nationaltrachten. Zwischen dem jungen Grün der zu beiden Seiten des Weges wogenden Maisfelder glichen diese Frauen in ihren leuchtenden Kleidern seltsam gefärbten Riesenblumen. Und auch darin den Blumen ähnelnd, schienen sie, wenigstens an diesem einen Festtag, nichts mehr von des Alltags Sorgen zu wissen. Mit der etwas feierlichen Freudigkeit von Menschen, denen nichts zu tun ein bemerkenswertes Ereignis ist, schauten sie hinaus in den flimmernden Sonnentag.

Weiter führte der ansteigende Weg durch ein Gehölz alter Eichen, unter deren frischen, noch rötlichen Blättern die Blüten gleich goldenen Quästchen hingen. Die Kühle des Waldes war wohltuend nach der Hitze der Straße. Die Reiter ließen ihre Pferde im Schritt gehen. Dicht hinter Liane reitend sah Axel, wie die Schatten des Geästes über ihre Gestalt spielten, wie die durchbrechenden Sonnenstrahlen plötzlich glänzende Lichttupfen auf ihr Haar setzten. Und die Welt dünkte ihn ein guter Aufenthaltsort!

Nun waren sie an ein ländliches Gasthaus mit breiter, offener Veranda gekommen. Auf einem freien Platz davor standen Bänke und Tische unter hohen alten Bäumen, und dieser Platz ging über in eine große abgemähte Wiese, auf der sich, im vollen grellen Sonnenschein, der weltliche Teil des Festes abspielte. Hunderte von Landleuten, Frauen in den besonderen Trachten verschiedener Dörfer, Männer, die noch ganz bäurisch, und andere, die schon halb städtisch gekleidet waren, wogten auf und ab, standen in Gruppen vor den kleinen Garküchen, wo gebratene Spanferkel feilgeboten wurden, feilschten mit den Hausierern, die allerhand billigen Schmuck, Wohlgerüche und bunte Tücher anpriesen.

Seitwärts davon aber führte der Weg weiter in eine düstere Schlucht, an deren Ende man das Kloster Wawedine gewahrte; dort ruhte der Heilige, dessen Namenstag gefeiert wurde. Aus tiefem Schatten alter Bäume leuchtete das Gebäude gespenstisch auf mit seinen weißen Umfriedungsmauern und dem frisch gekalkten Turm seiner Kapelle. Und von dem Festplatz bewegte sich durch die Schlucht ein ununterbrochener Strom fröhlicher, vielfarbiger Gestalten hin zu dem Wallfahrtsorte. Von der Eingangspforte führten ein paar Stufen hinab in die Kapelle. Wie nun die vielen bunten Gestalten so nacheinander durch diese Tür hinunterschritten und im Dunkel verschwanden, war es, als würden all die leuchtenden Farben der Erde von unterirdischer Finsternis angezogen und verschlungen.


Die Reiter waren bei dem kleinen Gasthaus abgestiegen, und Axel dachte, daß er nun in dem Gewühl der Menge ganz bestimmt die Möglichkeit finden würde, mit Liane allein zu reden. Sein ganzes Wesen strebte danach. Aber sie waren sogleich von Bekannten umringt, und während sie noch alle im Schatten der Bäume standen, kam auch schon Linteloe mit kunstvoller Volte vorgefahren, stolz, der strahlend schönen jungen Frau, die neben ihm auf dem hohen Sitze thronte, sein mustergültiges Kutschieren zu zeigen, stolz auch vor den anderen, als erster mit der Fremden zu paradieren.

Nun mußte man die Neuangekommene begrüßen, die schon im voraus so viel Interesse erregt hatte. Die jungen Herrn besonders drängten herbei, aber sogar die indolente Marquesa de los Toros öffnete ihre schönen schläfrigen Augen, um die Tochter jenes einst gegnerischen und sieghaften Landes genauer zu betrachten.

Und diese junge Frau, die sich von Herrn von Linteloes hohem Wagen leicht herabschwang, hatte wirklich etwas Sieghaftes und dabei der eigenen Kräfte doch kaum Bewußtes, weil sie ihr zu selbstverständlich sein mochten. Nicht nur persönliche Jugend, sondern die unverbrauchte Neuheit eines ganzen Kontinents schien sie zu verkörpern, und Vorräte ungenutzter Fähigkeiten schlummerten wohl noch in ihr wie in ihrem großen Heimatsweltteil. An einen Frühmorgen auf weiter westlicher Prärie dachte man bei ihrem Anblick, an das Wehen frischen Windes, der um Sonnenaufgang einen Hauch von fernen schneebedeckten Bergen auf seinen Schwingen trägt. Es war in ihr das Lachende, Fröhliche derer, denen noch jeder Weg offen steht. – Weil aber dies alles einen so völligen Gegensatz zu ihr selbst bildete, empfand Liane unter allen Anwesenden Mrs. Clarences Eigenart mit einer beinah schmerzhaften Deutlichkeit. Den anderen war die Amerikanerin eine junge Frau, deren leuchtende Schönheit noch gehoben ward durch märchenhaften Reichtum und völlige sorglose Selbständigkeit; Liane aber sah in ihr die Verkörperung der Freiheit, des Höchsten, wonach die Sehnsucht von Völkern und Einzelnen strebt, und Muriel Clarence dünkte sie vor allem neidenswert, weil sie die Reihe goldener Jugendjahre, die vor ihr lagen, noch ganz, wie sie wollte, verschenken durfte. Ihr gegenüber fühlte sich Liane plötzlich bettelarm. Unwillkürlich sah sie sich um, als suche sie dasjenige, was bei der Verteilung der Welt denn ihr als Anteil gegeben worden – – und wie sie so suchend schaute, erblickte sie, zwischen den vielen gleichgültigen, ein paar wohlbekannte Augen, die ihr all die letzten Wochen geschienen hatten. Diese Augen hielten die ihren fest gebannt, als wollten sie sie zwingen etwas zu hören, das nicht länger ungesagt bleiben konnte; deutlicher als mit Worten sprachen die Augen zu ihr: »Wir sind es, die dir gehören, ganz, ganz!« – Es war ein Blick, unter dem sie zusammenzuckte, wie bei einer Berührung. Sie mußte sich abwenden, als sei ein allzu blendendes Licht vor ihr aufgeglüht. Aber dabei flammte es, halb Wonne, halb Schmerz, in ihrem eigenen Herzen auf: »Dann bin ich ja reich, reich!«

Als nun an Axel die Reihe kam, der schönen Fremden vorgestellt zu werden, bemerkte Liane denn auch, daß er dabei nichts von dem Eifer der anderen an den Tag legte und von der Neuerscheinung am kleinen gesellschaftlichen Firmament keineswegs hingerissen wie jene schien. Sie empfand darüber eine ganz unwillkürliche Genugtuung. – Axel aber hätte gar nicht anders gekonnt. Dadurch, daß er Mrs. Clarence zuerst in Gesellschaft Linteloes anfahren sah, verband er sie in seiner Vorstellung ganz unbewußt mit diesem, was ihr in seinen Augen keineswegs dienen konnte. Vor allem aber empfand er grade jetzt keinerlei Neigung, in einer Schar von Satelliten um diesen strahlenden Stern anbetend zu kreisen, weil er sich augenblicklich ganz von der völlig entgegengesetzten Eigenart Lianens angezogen fühlte und sich mit viel zu viel Wohlgefallen in die Rolle des Gebenden hineingedacht hatte, von dem sie Licht und Wärme empfangen sollte.

Aber nicht nur Liane bemerkte die kühle Gleichgültigkeit Axels gegen die schöne Fremde. Dieser selbst, die des Unbeachtetseins ungewohnt, fiel sein Mangel an Beflissenheit auf. Das reizte sie sofort, wie jedes Widerstreben bei Sport und Jagd. Sie wollte nun grade mit ihm ins Gespräch kommen. Aber er stand schon wieder an seinem vorherigen Platze – bei einer sehr zarten, blassen Frau, die sie eben als Frau von Linteloe kennen gelernt hatte.

Bald kamen nun auch Pembertons mit ihrem anderen Gaste angefahren. Darling, die um ihrer selbst willen nicht mehr viel Beachtung zu finden pflegte, sonnte sich im Bewußtsein, durch die strahlend schöne Nichte und die berühmte Freundin selbst an Bedeutung gewonnen zu haben. Geschäftig stellte sie nun vor: »Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota« – und erläuternd setzte sie leise hinzu: »Die bekannte Mrs. Clarence, Witwe des großen Eisenbahnkönigs – Hochzeitsreise – Brückeneinsturz – größtes Eisenbahnunglück der Staaten.« Oder auch: »Mrs. Frank Anderson aus Neuyork« – »Sie wissen doch, die berühmte Mrs. Anderson, Philanthropin – Schriftstellerin – führende Frau der Staaten.«

Aber neben Mrs. Clarence fand die ältere Reisende weniger Beachtung, nur auf Liane schien gerade sie einen besonderen Eindruck zu machen. Das stille, ernste Gesicht Mrs. Andersons war ihr wohltuend; es sah aus, als habe sie die Antwort auf manche Frage gefunden. Lianen selbst aber starrten heute überall ungelöste Fragen entgegen, gleich rätselhaft grinsenden Gesichtern, vor denen sie sich fürchtete. Am vorhergehenden Abend hatte sie, nach Axels Worten, nur den einen Wunsch gekannt, allein, ganz allein zu sein; dann aber war die Nacht so unerträglich gewesen – mit all der in den dunklen Einsamkeiten aufsteigenden Sehnsucht, mit ihren Zweifeln und ihrem Verzweifeln –, daß ihr jetzt all die gleichgültigen Gesichter und die oft vernommenen Redensarten eine Beruhigung gewährten. Sie empfand die ihr aus dem täglichen Lebenseinerlei gewohnten Menschen wie einen Schutz: so lang die da waren, konnte sicher nichts Absonderliches geschehen, vor allem konnte sie selbst nicht ergriffen werden von dem atemberaubenden Etwas, dessen Nahen sie fühlte, nicht wissend: war es in ihr, oder war es eine von außen auf sie eindringende Macht.

So hielt sie sich geflissentlich im Kreise der anderen, ob sie gleich merkte, daß Axel sich mit ihr abzusondern strebte. Und die anderen blieben vorläufig alle am Eingang der Festwiese, denn der Despot hatte ja sein Erscheinen zugesagt, und er mußte bald eintreffen. Jeder wollte zu seiner Begrüßung bereit stehen.

Abgesehen von dem üblichen Wunsch, wo sich »der Hof« zeigte, dabei zu sein, um seinen Glanz zu empfangen und ihm solchen durch die eigene Gegenwart auch wiederum zu verleihen, leitete die Herren diesmal noch ein besonderes, rein geschäftliches Interesse: Vielleicht würde man bei dieser Gelegenheit über die alle beschäftigende Holzhäuserangelegenheit, die seit Tagen still zu stehen schien, doch etwas Neues erfahren! – Die Beteiligten verhielten sich den anderen gegenüber freilich völlig zurückhaltend, aber es fiel auf, daß Holst, Känzli und Pemberton, die man bisher als Gegner gekannt, heut einträchtig beieinanderstanden. »Ich vermute, Holsts Regierung fängt an, dem Plan der Konkurrenzausstellung geneigter zu werden,« sagte Wawerling zum Doyen, »aber was wird dann wohl Mirojedsky tun?«

»Nun, der sucht doch natürlich Stimmung gegen die Absicht des Fürsten zu machen,« antwortete van Stratten.

Wirklich unterhielt sich Mirojedsky hauptsächlich mit den verschiedenen einheimischen Notabeln, Literaten, Beamten, Abgeordneten und Offizieren, die wegen des erwarteten Besuches des Herrschers ebenfalls zu dem Volksfest erschienen waren. Mit melodischer Stimme bediente er sich dabei ihrer eigenen, ihm geläufigen Sprache, die die anderen Fremden nicht verstanden. Er liebte es, auf diese Weise und mit einer halb gönnerhaften Miene die Stammverwandtschaft zu markieren.

Doch nun ward auf dem Wege eine rasch heransprengende Reiterschar sichtbar, und man erkannte den Despoten mit seinem militärischen Gefolge. Vor dem Gasthaus stiegen die Herren ab, und Hans Hadubrand begann sofort in seiner wohlerzogenen Art, die mehr Pflichttreue als eigentliche gesellschaftliche Gewandtheit verriet, die Anwesenden zu begrüßen. Rechts und links richtete er an die zunächst stehenden Einheimischen ein paar Worte in der ihm noch etwas ungeläufigen Landessprache. So gelangte er zu den fremden Diplomaten. Er suchte offenbar seine Huld ganz gleichmäßig zwischen ihnen zu verteilen; aber während er Mirojedsky gegenüber befangener noch als sonst war und daher auch steifer wirkte, hatte er im Gespräch mit Holst, Känzli und Pemberton etwas natürlich Harmloses, als wisse er sich bei ihnen auf sichererem Boden.

Dann wandte er sich den Damen zu und redete Liane an. Aber er konnte nicht so lang mit ihr sprechen, wie er vielleicht gewollt, denn neben ihr stand Mrs. Pemberton, der man die Ungeduld anmerkte, ihre beiden Gäste vorstellen zu können. »Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota – Witwe des bekannten Eisenbahnkönigs – Brückeneinsturz – größte Eisenbahnkatastrophe der Staaten –« hörte man sie murmeln, und dann wieder: »Mrs. Frank Anderson aus Neuyork, Schriftstellerin – Philanthropin – führende Frau der Staaten –«.– Der Besuch so bemerkenswerter Ausländerinnen war ja aber auch tatsächlich ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit des Landesherrschers beanspruchen durfte! – Sich erinnernd, daß ihm die Herzogin Mutter einmal geschrieben hatte, nichts zu versäumen, was den Fremdenverkehr in sein noch wenig bereistes Land lenken könnte, nahm Hans Hadubrand die Absätze zusammen, was er ganz unbewußt tat, wenn er an seine Mutter dachte, und versicherte dabei die beiden Damen, wie sehr er sich freue, sie in seinem Staate zu begrüßen und ihnen gleich dies charakteristische Volksfest zeigen zu können.

»Wir wollen mit dem Besuch der Kapelle beginnen,« sagte der Fürst. Von den Übrigen gefolgt, schritt er nun, zwischen Liane und Mrs. Anderson, durch die Schlucht dem Kloster Wawedine zu.

Überall auf dem Wege wurde er von der Bevölkerung mit einer gewissen gleichstellenden Freundlichkeit begrüßt, und Axel, der sich Lianens halber möglichst nahe hielt, dachte unwillkürlich: Ob Haha in diesen Kundgebungen nicht doch etwas von jener in Gnadenhausen-Rattenburg noch üblichen Untertänigkeit vermißt? –

Schwarz gekleidete Priester mit wallenden Bärten und langem Haupthaar, das unter den steifen, schwarzen Mützen herabfloß, harrten des Despoten am Eingang des Wallfahrtsortes und empfingen ihn mit eintönig psalmodierendem Gesang. So geleiteten sie ihn hinab zur tief gelegenen Grabkapelle. Dort unten schien es zuerst ganz dunkel. Nur ein paar brennende Kerzen bildeten schmale Lichttupfen in der weihrauchschweren Luft. Bald aber erkannten die Eintretenden, daß der ganze Raum angefüllt war mit den Scharen fröhlicher Bäuerinnen, die in langem Strome von der Festwiese zum Kloster gepilgert waren. Hier im Heiligtums still und ernst geworden, neigten sie sich alle, von mystischen Schauern erfaßt, vor einem niedrigen Schreine: andächtig preßten sie die roten Lippen auf das darin stehende goldene Heiligenbild, uralte Gebete murmelnd und in den Herzen junge Wünsche hegend, die doch auch uralt waren. Und man wußte nicht: trugen die festlich gekleideten Frauen ihre Pfauenfedern, Blumen, Münzketten und gestickten Schürzen zu Ehren des toten Heiligen, der da in der düsteren Kapelle begraben lag, oder hatten sie sich also geschmückt, einem lebendigen Liebsten zu gefallen, der draußen auf der sonnigen Wiese ihrer harrte, um, beim wiegenden Rhythmus eintöniger Musik, mit ihnen in die lange Kette der Tanzenden zu treten.

Als nun aber der Despot mit den ihn Begleitenden im Eingang der Kapelle erschien, nahm der oberste Priester das Heiligenbild von dem niederen Schreine auf und trug es dem Herrscher feierlich entgegen. Urosch der Fünfundzwanzigste neigte sich andächtig darüber und berührte mit den Lippen den goldenen Rahmen, wie es vor ihm all die Pilger getan. In Axel aber stieg bei diesem Anblick die Erinnerung an die kalte, nüchterne Hofkirche von Gnadenhausen auf, in deren reformierter Schmucklosigkeit die schwarz gekleidete Herzogin Mutter, mit Schnebbe und Witwenschleier, umgeben von ihren Söhnen, den dogmatischen Ausführungen des Oberhofpredigers zu lauschen pflegte – und er frug sich: was würde die Gemeinde dort von diesem inbrünstigen Bilderküssen ihres einstmaligen Prinzen Hans Hadubrand wohl denken? –

Doch kaum hatte der Despot diese zeremonielle Handlung vollzogen, als mit selbstbewußter Gebärde Mirojedsky, der Gesandte der großen Schutzmacht, vortrat, um nun seinerseits das Heiligenbild unter wiederholter Bekreuzigung zu küssen. Den Priestern aber war dabei anzumerken, daß sie sich vor ihm als dem eigentlichen Vertreter ihres Glaubens verbeugten.

Vor dem Kloster hatte sich inzwischen die festliche Menge gestaut, von Priestern zurückgehalten, um die Grabkapelle während des fürstlichen Besuchs nicht noch mehr überfüllen zu lassen. Nun trat der Herrscher mit seiner Begleitung aus dem Heiligtume und wand sich beinah mühsam durch das Gedränge. Während der Despot langsam zur Wiese zurückschritt und den Damen noch allerlei Erläuterungen über das Kloster und seinen Schutzpatron gab, schob sich plötzlich ein alter Landmann in rauhem Filzrock und bestickten Strümpfen hastig durch die Menschenreihen bis dicht zum Fürsten. Die Pelzmütze ziehend pflanzte er sich vor ihm auf und sagte: »Es ist uns bekannt geworden, daß du auf den Staatsdomänen willst gute Häuser für die Arbeiter bauen lassen. Ich habe Söhne und Enkel unter ihnen, und ich bin aus meinem Dorf gekommen, dir dafür zu danken, denn an so etwas hat wahrlich keiner deiner Vorgänger je gedacht!« Dabei streckte er dem Fürsten die magere gebräunte Hand entgegen.

Über Hans Hadubrands jugendliches Gesicht wallte, unter der durchsichtig weißen Haut, eine Blutwelle auf, seine hellen Augen strahlten, er schien freudig bewegt wie ein belobter Schüler, und kräftig schüttelte er die dargebotene Hand des alten Bauern.

Da flötete plötzlich Mirojedsky, der sich dicht herangeschoben hatte, in seinen süßesten Tönen: » Pater patriae, würde unser Kollege, Baron Holst, sicher sagen – und wahrlich, es ist ein ungemein rührender Anblick.« Dann, sich direkt an den Fürsten wendend, setzte er melodischer denn je hinzu: »Wie sehr werden diese wackeren Leute sich aber erst freuen, wenn sie hören, daß die Anfertigung dieser Holzhäuser Werkstätten des großen stamm- und glaubensverwandten Volkes übertragen worden ist – daß sie also sozusagen von Brüdern hergestellt worden sind.«

Eine tiefere Farbe noch als bisher schoß bei diesen Worten über Hans Hadubrands Gesicht, die blauen Adern an den Schläfen traten hervor, die Stirn faltete sich, und in den Augen lohte es auf. Es war ersichtlich, daß er einen Augenblick ob der beabsichtigten Überrumpelung schwer mit sich ringen mußte, aber dann, sich bezwingend, antwortete er in höflich gemessenem Tone: »Sie können versichert sein, Exzellenz, daß, falls die Zeysigoffschen Produkte bei der beabsichtigten Konkurrenzausstellung als Sieger hervorgehen, auch ich nicht verfehlen werde, Ihnen dazu zu gratulieren.«

Bravo Haha, du hast offenbar nicht umsonst in Bonn gelernt, Hiebe zu parieren, dachte Axel, der die Worte gehört hatte.

Aber nicht nur er, auch einige der anderen Diplomaten vernahmen sie, und alsobald waren sie auch den noch weiter zurückstehenden bekannt. Man sah die Herren, je nach politischer Gruppierung, leise miteinander tuscheln, und der Doyen murmelte zu Wawerling: »Also trotz Mirojedskys Einsprache besteht er auf seiner Ausstellungsidee? Sehr riskant, sehr riskant!« – Jene Einheimischen aber, mit denen Mirojedsky vor des Fürsten Ankunft so eifrig gesprochen hatte, blickten jetzt sichtlich verdrossen auf ihren Herrscher.

Die beiden Amerikanerinnen, die von alledem nur verstanden hatten, daß von einer beabsichtigten Wohlfahrtseinrichtung die Rede sei, halfen nun aber durch ihre Ahnungslosigkeit über die gedrückt gewordene Stimmung hinweg. Mrs. Clarence strahlte den Fürsten an mit ihren glänzenden Augen, ihrem flimmernden Haar und lachendem Munde. »Oh,« rief sie, »das ist hübsch von Ihnen, Hoheit, daß Sie für Ihre Arbeiter sorgen wollen. Ich hab' es nämlich auch gern, daß es meinen drüben auf meinen Eisenbahnen gut gehe.«

Und Mrs. Anderson sagte ernster: »Ja, Muriel hat Recht, das ist in der Tat hübsch von einem, der noch so jung ist. Der Liebe für die Allgemeinheit wenden sich viele ja erst in späteren Jahren aus irgendeiner schmerzlichen Erfahrung zu. So ist sie oft ein Ersatz für die Liebe zu einem Einzelnen, auf die man verzichten mußte.«

Hans Hadubrand zuckte zusammen und antwortete: »Das, Mrs. Anderson, ist ein Entsagen, zu dem man in meiner Lebenslage ja meist gezwungen wird.«

»Oh, da ist aber was Amüsantes! Das wollen wir uns näher ansehen!« rief nun Mrs. Clarence mit heller, fröhlicher Stimme dazwischen. Man merkte ihr an, daß sie gewohnt war, stets unbekümmert zu tun und zu sagen, was ihr gerade in den Sinn kam. An den kleinen Buden und den wahrsagenden Zigeunerinnen vorbei eilte sie zum Tanzplatz, gefolgt von den anderen.

In der blendenden Sonne wogte da rhythmisch die lange Kette der sich bei den Händen haltenden Tänzer auf und nieder, drängte zusammen, schwoll weit auseinander. Wer neu hinzu kam und an dem Ringelreigen des Nationaltanzes teilnehmen wollte, öffnete die Kette, wo es ihm beliebte, und fügte sich ein. Dazu spielte die Musik eine uralte einförmige Melodie.

»Was sind das alles für famos schöne Männer! Die sehen ja selbst aus wie die verkleideten Prinzen Shakespearescher Stücke, deren Länder auf keiner Karte stehen!« sagte Mrs. Clarence, die Tänzer beifällig musternd. »Ich möchte auch mit tanzen, das geht doch sicher?«

»Gewiß geht das,« antwortete Hans Hadubrand belustigt und setzte dann hinzu: »Ich für meine Person muß es sogar.« Denn er entsann sich, daß die Herzogin Mutter ihm noch kürzlich geschrieben hatte, er solle jede Gelegenheit wahrnehmen, sich möglichst national zu geben, um alle etwa noch für Tscheslav Obradowitsch vorhandenen Sympathien zu entkräften und die Liebe des Volkes auf seine eigene Person zu lenken. – Und so trat er mit der schönen Fremden in die Kette ein, zwischen zwei junge Bauern. Javorina und Belany sowie einige andere folgten diesem Beispiel eilfertig. Bald weit ausladend, bald sich dicht aneinander schiebend, wogten die Tanzenden nun weiter.

»Mit seinen sogenannten Untertanen auf der Wiese herumhüpfen – so hätte ich mir das Leben eines Despoten nun gar nicht vorgestellt!« sagte Mrs. Clarence. »Ist das bei allen Herrschern üblich?«

»O nein!« antwortete Hans Hadubrand lachend, »das tun sicher die wenigsten. Auch ich hab' es nie getan, ehe ich hierher kam. Bei mir zu Hause wäre man sicher höchst erstaunt, den Landesfürsten so zu sehen. Dort geht es überhaupt ganz anders zu – Graf Kronar könnte Ihnen davon erzählen.«

»Ja richtig ! wo steckt denn nur dieser Graf Kronar?« sagte Mrs. Clarence, mit einem leichten Ton von Ungeduld. Denn die an Huldigungen aller Männer als an etwas Selbstverständliches Gewöhnte hatte nicht vergessen, daß bei ihrem Eintreffen auf dem Fest Axel sich nicht wie die übrigen zu ihr gedrängt hatte. Durch dies ganz Absichtslose war er ihr, abgesehen vom jungen Landesherrscher, als einziger unter allen aufgefallen. Nun blickte sie, nach ihm suchend, die Kette der Tänzer entlang.

Aber Axel hatte sich nicht dem Reigen angeschlossen. Als Hans Hadubrand in seiner Rolle Urosch des Fünfundzwanzigsten mit der schönen Muriel unter die Tanzenden getreten war, hatte er die lang ersehnte Gelegenheit wahrgenommen, sich Liane zu nähern, die bei Mrs. Anderson geblieben war. Und alsobald fühlte sich Liane von seiner Gegenwart umfangen, fühlte wieder das atemberaubende Etwas, das zu ihr drängte, fühlte den Blick, mit dem er ihr sagte: »Ich gehöre dir ganz, ganz.« Aber der Blick war jetzt brennend, ungeduldig und beinah grausam geworden. Er schien nicht nur zu geben, sondern auch zu fordern – und wenn er sie vorhin wie mit Reichtum überschüttet hatte, so war ihr jetzt, als würde sie gezwungen, ihr Letztes zu geben. Denn der Blick sagte: »Wie ich dir, so sollst du mir gehören, ganz, ganz!« – – Wie aus weiter Ferne drangen daneben die Geräusche des Festes zu ihr, und die Stimmen der Bekannten klangen wie durch Nebel.

»Wie leben denn die Menschen hier, wenn sie nicht gerade auf Wiesen tanzen?« hörte sie Mrs. Anderson fragen.

»Oh, denkbar einfach,« antwortete der Doyen. »Jeder bebaut sein Äckerchen, das Ihnen in Amerika wie ein Taschentuch groß vorkäme, zieht ein paar Schweine und pflanzt ein Dutzend Pflaumenbäume. Und sind die Jahre nicht gar zu schlecht, und werden wegen sogenannter Fortschritte nicht allzuviel Steuern erhoben, so fühlen sich die Leute dabei ganz zufrieden.«

»Ja, der erste Schritt auf dem Wege zum Fortschritt ist eben meist: aus zufriedenen Menschen erst mal unzufriedene zu machen,« sagte Wawerling. »Was nachher kommt, ist zweifelhafter.«

»Und doch muß es wohl so sein,« meinte Mrs. Anderson.

»Na, mir scheint, es wäre viel besser, die Leute hier zu lassen, wie sie nun mal sind,« warf Mirojedsky giftig ein.

»Und was weiß man von den hiesigen Frauen?« frug Mrs. Anderson.

»Ach, denen geht es schrecklich!« rief die kleine Madame Pigeonnier, die, zwischen ihrem Mann und Vercoeur in einer blaßblau und mauve Schöpfung aus der rue de la Paix einherging. »Sie haben kein Vergnügen, keine Freiheit und müssen ihr Leben lang diese komischen Trachten tragen, die doch höchstens mal für einen kostümierten Ball passen!«

»Die hiesigen Landfrauen dürften allerdings wenig Beifall bei Ihnen finden, Mrs. Anderson,« sagte Stramm gemessen, »denn jede frauenrechtlerische Bestrebung liegt ihnen fern. Sie kennen nur den häuslichen Beruf, und ihre Stellung ist wohl am deutlichsten dadurch gekennzeichnet, daß sie bei Tisch den Männern aufwarten und sich zum Essen nicht neben sie setzen dürfen.«

Mrs. Anderson lächelte: »Nun, dieser letzte Punkt ließe sich ja vielleicht abändern, aber im übrigen irren Sie, wenn Sie glauben, daß ich eine solche Frauenexistenz nicht hoch schätzte. Ich glaube im Gegenteil, daß es der Mehrzahl der Frauen stets Endziel bleiben wird, für einen Mann zu leben. Das weiß niemand besser, als wer für die Frauen zu sorgen sucht, die einen selbständigen Beruf ergreifen mußten. Hinter wie mancher solcher Bestrebung steckt doch ein Mann, dem zu Liebe oder zum Trotze sie gewählt wurde. Cherzez l'homme heißt es oft bei Frauenvokationen!«

»Und das sagen Sie?« frug Madame Pigeonnier erstaunt. »Sie, Mrs. Anderson, eine der berühmtesten Frauen, auf die wir uns immer den Männern gegenüber berufen, um zu beweisen, daß wir doch auch etwas leisten können?«

Mrs. Anderson sah mit belustigter Nachsicht auf die kleine Pigeonnier, der Vercoeur eben sogar helfen mußte, den blaßblauen, mit Veilchen bestickten Chiffonschirm aufzuspannen, da sie dies offenbar nicht allein zu leisten vermochte. Und sie antwortete: »Was heißt Ruhm für eine Frau? Wenn die Berühmteste ehrlich ist, wird sie Ihnen sagen, daß sie ihn gern hingäbe für eine Frühlingsstunde, da sie jung war und glaubte geliebt zu werden. Ruhm – das ist ein Ersatz für jene, die das entweder nie besessen oder es verloren haben.«

Sprechend waren sie weiter geschritten und hatten das dichteste Gewühl verlassen. Nun vernahmen sie plötzlich eine seltsam wehmütige Weise. Sie gingen den Tönen nach und gewahrten einen blinden Sänger, der am Wegesrande saß. Langes weißes Haar umrahmte des Alten braunes, gefurchtes Gesicht mit den toten Augen. Doppelt traurig tönte seine Weise inmitten der vielen frohen Klänge des Festes, und nach jeder Strophe strich er mit dem Bogen über die eine Saite seines Instrumentes, dieselbe einförmige Kadenz wiederholend.

»Können Sie verstehen, was er singt?« wandte sich Mrs. Anderson an Mirojedsky.

»O ja,« antwortete er. »Es ist das alte Volkslied von der schönen Maid von Kassowo, deren Geliebter vom Kampf nicht heimkehrte. Da zog sie aus, ihn zu suchen, und fand ihn tot auf dem Schlachtfeld liegend. Von da an irrte sie ruhelos durchs Land, und ihr Schmerz war so heiß und so brennend ihr Weh, daß die grünen Pinien, die sie streifte, verdorrten.«

»Das ist ein schönes Gleichnis,« sagte Mrs. Anderson, »und richtig beobachtet: denn der Wahn, als sei nun alles vernichtet, ist wohl die erste Folge eines jeden überwältigend großen Schmerzes – aber von da müssen wir uns durch ihn noch einen weiten Weg führen lassen, denn jeder Schmerz will etwas von dem, den er trifft. Wie manche Tiere blind geboren werden, so haben auch wir geschlossene Augen, bis Liebe und Schmerz uns zu Sehenden machen.«

Van Stratten nickte verständnisvoll. »Ja, ja,« sagte er sinnend, »Liebe und Schmerz sind Zwillinge, die Hand in Hand über die Erde schreiten. Jedem Menschen begegnen sie wohl einmal im Leben, und Sie mögen Recht haben, Mrs. Anderson, daß sie für jeden eine bestimmte Botschaft haben.«

»Liebe und Schmerz sind die größten Pfadfinder,« sagte Wawerling, »zu denen darf niemand Nein sagen.«

Die Worte drangen zu Liane. Sie blieb unwillkürlich stehen, und gebieterisch Antwort heischend erhob sich die Frage vor ihr: Liebe und Schmerz, was weißt du Blinde von ihnen?

Wie sie nun, während die anderen weiterschritten, noch so sann und traumverloren auf den fahrenden Sänger starrte, klang Axels Stimme plötzlich sanft und schmeichlerisch neben ihr: »Hörtest du es, Liane? Zur Liebe sollen wir nicht Nein sagen – ach Liane, ich liebe dich, ich liebe dich so sehr! Und glaub mir's nur: eigentlich liebst du mich auch, du willst es nur nicht sehen – und wir könnten doch so glücklich sein, so glücklich.«

»O Axel,« rief sie schmerzlich erschrocken, »warum mußtest du das sagen! Es war ja alles so schön, wie es war.«

Sie schaute sich ängstlich suchend nach den anderen um, aber die waren ihren Blicken entschwunden, durch neue bunte Gruppen von Landbewohnern verdeckt. Und mit leiser, bebender Stimme, in der sich die Worte überstürzten, fuhr Axel fort: »Du fragst, warum ich es gesagt habe, Liane? Ja, da frag mich lieber, warum ich es nicht schon längst gesagt habe. Ich konnte gar nicht mehr anders. Seit Wochen denk' und fühl' ich ja nur dies eine, eine – und eigentlich ist es ja alles noch viel, viel älter, und ich habe es gedacht und gefühlt seit damals, wo wir zusammen Kinder waren.«

Er war in diesem Augenblick selbst ganz überzeugt davon. Alles Dazwischenliegende war vergessen. In ihr aber stieg die Erinnerung auf an vergangene Tage mit ihren Spielen und all ihrer unbewußten Seligkeit, und die Erinnerung warb für ihn und nicht nur für ihn, sondern für die Jugend selbst und ihren süßtörichten Glauben an eines jeden Recht auf Glück. – Ihre Kniee zitterten, und sie fand nichts zu antworten, überwältigt von dem Wunderbaren, das da so plötzlich in ihr Leben getreten war. Immer noch sprach er leise und flehend zu ihr, und sie erschauerte, denn es war ihr, als seien all diese süßen Worte schimmernde Perlen, die sich von einer Schnur gelöst und ihr vom Nacken am Rücken entlang rieselten.

»Wir könnten so glücklich sein,« wiederholte er.

Und sie war nie glücklich gewesen.

Aber während sie noch so stand, zitternd und einer Antwort unfähig, kam die lange Kette der Tanzenden wie eine Menschenwoge von ferne herangerollt. Denn lang schon waren ja Hans Hadubrands Blicke, nach Liane suchend, unruhig umhergeirrt. Ein unbestimmtes Gefühl erfüllte ihn, daß er sie vor irgend etwas schützen müsse. Nun, als er sie von weitem bei dem blinden Sänger allein mit Axel erspähte, entsann er sich im selben Augenblick, wie er sie oben auf der Festung mit ihm getroffen, – und ohne alles Überlegen, nur einem unabweislichen Müssen folgend, gab er dem hin und her flutenden Reigen einen plötzlichen gewaltigen Impuls – und die ganze Kette quer über den Platz mit sich ziehend kam er zu ihr heran gebraust.

All die bäuerischen Tänzer folgten willig, lachend und scherzend über ihres Fürsten scheinbaren Jugendübermut. Unter allen ahnte vielleicht nur Mrs. Clarence seinen wahren Beweggrund. Ihr war seine Zerstreutheit aufgefallen, und auch sein suchendes Spähen nach verschiedenen Richtungen war ihr nicht entgangen. Und mit der Erfahrenheit, die viel bewundert zu werden verleiht, hatte sie auch schon erraten, wer es war, der nicht nur den Landesfürsten so sehr beschäftigte, daß er ihr selbst nur mit halbem Ohre lauschte, sondern auch den Grafen Kronar gefangen hielt, daß er sich um sie überhaupt nicht kümmerte. Ja wirklich, die beiden Männer, die Mrs. Clarence hier bemerkenswert dünkten, die wurden also von derselben blassen, schmächtigen Frau in Banden gehalten! Einer Frau, die noch obendrein einen eigenen Mann besaß! Die sittliche Entrüstung einer frei verfügbaren Witwe regte sich in Mrs. Clarence, mehr vielleicht noch das Erstaunen einer, die bisher nur allzusehr begehrt worden. – So kam sie, mit der ganzen Kette von dem Fürsten geführt, hingerast, wo Liane und Axel standen.

»Kommen Sie, Frau von Linteloe, kommen Sie!« rief Hans Hadubrand und streckte aus der Kette heraus die Hand Lianen entgegen. Und ebenso griff die schöne Amerikanerin nach Axels Arm: »Kommen Sie, kommen Sie doch, Graf Kronar!« Ehe beide recht wußten, was geschehen, befanden sie sich im Reigen, wurden von der Menschenwoge im Takt mit fortgerissen.

Weiter und weiter durch die gaffende Menge zog die Kette ihre langen Schlangenlinien, von Urosch dem Fünfundzwanzigsten angeführt. Ein anderer Reigen fürwahr als die Polonäsen, neu erstandenen Menuetts und Gavotten, deren Pas Hans Hadubrand bei den Hofbällen daheim, unter den kritisch musternden Blicken der gestrengen Herzogin Mutter, mit zierlicher Feierlichkeit einst ausgeführt! – Er schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Und die Bauern in Pelzmützen und Filzröcken, die Bäuerinnen mit den Pfauenfedern und Münzketten kreischten vor Vergnügen, jubelten diesem fremden jungen Herrscher zu, der sich so ganz national zu geben wußte! –

Endlich, nach einer Zeit, die Liane eine Ewigkeit gedünkt, war die eintönige Tanzmusik verstummt. Aber der Rhythmus dröhnte in ihrem Kopfe weiter, daß ihr schwindelte. Im selben Augenblick waren all die anderen wieder da. Nun lachte man und neckte den Fürsten über seinen lang ausgedehnten Ringelreigen. Nur Mirojedsky stand abseits und murmelte etwas von »Popularitätshascherei«. – Von Axel blieb Liane getrennt durch die Hinzutretenden. Die waren, wie sie immer waren. Ganz unbefangen. Als sei gar nichts geschehen. Und Liane fühlte doch, daß ihre ganze Welt sich verändert hatte. »Ihr Schmerz so heiß, so brennend ihr Weh, daß die grünen Pinien verdorrten« – so tönte es in ihr selbst.

Die Sonne senkte sich. Jemand sagte, es sei Zeit, an den Heimweg zu denken. Aber der Fürst mußte das Zeichen zum Aufbruch geben. Beinah widerstrebend tat er es erst, als er die deutlich wartende Haltung der Diplomaten bemerkte. Er war nun wieder ganz gemessen, peinlich höflich in seinen Verabschiedungen, drückte allen die Hoffnung aus, sie demnächst auf dem Hofball an seinem Geburtstag wiederzusehen, lud auch die beiden Amerikanerinnen dazu ein. Dann war er, von seinen Adjutanten gefolgt, in einer rasch entschwindenden Staubwolke davongeritten.

Ehe nun die Übrigen ihre Pferde und Wagen bestiegen, war noch allerhand zu verabreden, denn alle wollten Mrs. Anderson und Mrs. Clarence irgendwie feiern. Wie geistesabwesend stimmte Liane allem zu. Frühstücke und Diners wurden rasch arrangiert und von Mrs. Pemberton geschäftig notiert. Und natürlich durfte das siebzehnjährige Jubiläum von Stratten und Wawerling, das in ein paar Tagen war, nicht vergessen werden. Zu dessen Feier mußte wie immer ein Ausflug gemacht werden! Am besten über den Fluß zur kleinen Grenzstadt, dort essen und tanzen und dann bei Mondschein zurück!

Alle hatten beigestimmt. Nur Linteloe erklärte, er werde wahrscheinlich verhindert sein. Er schien überhaupt nicht sehr guter Laune. Mrs. Clarence hatte sich zwar von ihm nach Wawedine fahren lassen, aber während des Festes hatte sie sich gar nicht um ihn gekümmert, und wenn sie zwar den Heimweg wieder auf seinem hohen Wagen zurücklegte, so fand er doch, daß sie den törichten jungen Leuten, die den Wagen reitend eskortierten, zu viel Beachtung schenke. Linteloe hatte das demütigende Gefühl, daß diese begehrenswerte junge Frau, deren lebenswarme Schönheit allerhand Empfindungen in ihm weckte, ihn offenbar nur als nützlichen und anspruchslosen Freund in die zahlreichen Kategorien ihrer Bewunderer einrangiert habe.

Ein großes Gedränge war auf dem Weg. Die vielen Gefährte hatten den Staub aufgewirbelt, so daß er die ganze Luft erfüllte. Die Abendsonne stand tief und schien den Reitern ins Gesicht. Niemand fand mehr etwas zu sagen. Alle waren müde und erhitzt.

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