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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Der Wagen rollte weiter unter alten Kastanienbäumen, die die Straße hier säumten. Man sah jetzt einige Spaziergänger, die das warme Frühlingsweiter herausgelockt hatte. Unter den Männern gab es viel schöne Gestalten und kühn geschnittene Gesichter, bei den Frauen dagegen war wenig Anmut zu finden. Sie hatten etwas Abgearbeitetes, aber sie blickten geduldig und friedlich drein, wie Wesen, denen es selbstverständlich erscheint, daß sie des Lebens Bürde tragen. Sie kritisch musternd dachte Axel: Dieses Volk steht offenbar noch dem Zustand jener Lebewesen nahe, wo das Männchen stets schöner als das Weibchen ist.

Bald wies dann Holst auf ein langes Gitter, hinter dem man Gartenanlagen sah. »Dort stand der Konak des früheren einheimischen Herrschers,« sagte er, »aber sein Anblick weckte die Erinnerung an so viele Untaten, die da geschahen, daß er abgerissen wurde. Der jetzige Fürst wohnt in dem Palais daneben.«

Es war ein moderner, allzu fensterreicher Bau, der dicht an der Straße lag, wo die klingelnde Straßenbahn surrte. Karyatiden, die nichts Sonderliches zu tragen hatten, zierten die Front, und eine Fülle unmotivierter Renaissance-Stuckornamente waren vom Baumeister, wo immer möglich, angeklebt worden.

»Mietsagenturen würden dies als ›Herrschaftliches Haus‹ ankündigen,« sagte Axel.

Wachen standen vor dem Palais, und in der Eingangshalle wurden die Fremden von einer Schar Adjutanten empfangen. Lauter gutgewachsene, brünette Männer waren es, die in ihren schmucken Uniformen besonders vorteilhaft wirkten. Aber etwas verschlagen Finsteres lag im Ausdruck ihrer schönen, scharfen Züge, und Axel, der gern klassifizierte, reihte sie im stillen ein als höher entwickelte Verwandte der in dem Gange des Ministeriums schleichenden Gestalten, elegantere Abarten der gleichen Stammform. Man schritt nun eine breite Treppe hinan und dann weiter durch verschiedene Säle. Und sicher konnte nie ein Zweifel darüber bestehen, wie die einzelnen Räume benannt wurden: der rote Saal war scharlachrot, der gelbe eidottergelb. Vorhänge und Möbel hatte der Tapezier verschwenderisch mit Quasten und Fransen geziert. Dann folgte ein Gemach, bei dem ihm vorgeschwebt haben mochte, nach all dieser westlichen Pracht eine seine Anspielung auf die geographische Lage des Landes zu bringen. Hier hing eine Moscheenlampe, die, mit roten und blauen Birnen verziert, für elektrisches Licht eingerichtet war. Zwischen divanartigen Sitzen standen Wandschirme aus modernem Muscharabi, eingelegte Tischchen und ein kupfernes Kohlenbecken. Es war offenbar »das türkische Zimmer«.

Armer Hans Hadubrand, wo bist du hingeraten! dachte Axel, und in seiner Erinnerung stieg dabei Schloß Rattenburg auf, waldumgürtet in tiefer grüner Stille über dem Residenzstädtchen Gnadenhausen liegend. Er glaubte die uralten dicken Mauern wiederzusehen, die gewölbten Räume, in denen sich seit Jahrhunderten Hausgerät angesammelt hatte, wo jedes Stück seine überlieferte Geschichte besaß. Und wie gestern über die Kindheitsgefährtin, so sann Axel nun über den einstmaligen Studiengenossen nach: Wie mochte der wohl in seiner jetzigen Umgebung geworden sein?

In diesem Augenblick aber wurden auch schon die in den nächsten Raum führenden Flügeltüren von Lakaien aufgerissen, und einer der Adjutanten verkündete: »Seine Hoheit.«

Der Eintretende, der ein paar Jahre jünger als Axel sein mochte, paßte, äußerlich wenigstens, in dies Land hochgewachsener Männer. Er trug dieselbe Uniform wie seine Adjutanten, und auch ihn kleidete sie gut. Im Gegensatz aber zu den Offizieren seiner Umgebung war sein Haar goldig blond und seine Haut von jener hellen nordischen Durchsichtigkeit, deren wechselnde Färbung jede innere Bewegung erkennen läßt. Im Gegensatz zu jenen zeigte aber überhaupt sein ganzes Wesen eine gewisse Durchsichtigkeit, eine Gradheit, die nichts zu verbergen brauchte, weil hinter ihr nur angeborene Treuherzigkeit lag. Seine Augen waren blau und klar, aber bisweilen schien es, als spiegle sich darin ein halb trauriges, halb verlegenes Erstaunen. Unwillkürlich mußte Axel wieder an die unheimlichen Gestalten denken, die er im düsteren Erdgeschoß des Ministeriums gesehen: das waren Untertanen, von deren lichtscheuem Treiben ihr Fürst sicher nichts wußte, – oder sollte etwa gerade das Wissen von ihnen und von noch so manchem anderen seinen Augen diesen neuen Ausdruck traurigen Erstaunens verliehen haben? –

Mit einem Anflug von Befangenheit, die er aber hinter würdigem Ernst zu verbergen suchte, kam der Fürst auf den Gesandten zu und reichte ihm die Hand, weniger wie ein Despot als wie ein sehr wohl erzogener Knabe. Dabei sagte er: »Exzellenz, Sie waren mir stets willkommen, sind es aber doppelt, wo Sie mir einen ehemaligen Studiengenossen bringen.«

Er muß das memoriert haben, dachte Axel; so gewählt sprach er früher doch gar nicht.

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, lieber Graf Kronar,« wandte sich der Herrscher nun an ihn, »und ich hoffe, daß ich Sie hiermit auf eine ganze Reihe von Jahren in meinem Lande willkommen heißen darf.«

Er schien befangener noch als dem Gesandten gegenüber, und Axel dachte: Die Rolle ist ihm mir gegenüber noch nicht ganz geläufig, er erinnert sich wohl auch, daß wir uns früher duzten und ich ihn bei seinem Spitznamen ›Haha‹ nannte.

Der Despot lud die Herren ein, auf den Divans Platz zu nehmen, die aber nichts von schwellenden orientalischen Polstern an sich hatten, sondern sich als asketisch hart erwiesen. Lakaien servierten türkischen Kaffee und Rosenkonfitüren, und Axel, dem diese Art Imbiß noch neu war, kopierte genau seinen Chef, der mit einem der auf dem Brett liegenden goldenen Löffel etwas von der klebrigen roten Süßigkeit in den Mund tat und den Löffel darauf in ein Glas Wasser steckte.

»Das ist so Landessitte,« sagte der Fürst halblaut zu Axel, »in Bonn war der Stoff freilich anders!« Doch dann, als ob er sich bei der Versäumnis einer wichtigen Aufgabe ertappt hätte, wandte er sich wieder mit dem Ausdruck eines wohlerzogenen Knaben zu dem Gesandten und frug ihn, was für Nachrichten er über das Befinden seines Souveräns und dessen Angehörigen habe; er erkundigte sich nach allen Einzelnen mit Namensnennung, offenbar froh, einen Faden gefunden zu haben, an dem sich ein Weilchen spinnen ließ. Axel aber dachte: Ach, Haha, was liegt dir wohl am Befinden unseres Herrscherhauses!

Nachdem der Despot Urosch der Fünfundzwanzigste auf solche Weise hinlänglich erfüllt hatte, was ihm als Pflicht gegenüber dem diplomatischen Vertreter einer befreundeten Macht vorschweben mochte, lenkte er das Gespräch auf die Bonner Tage und auf diesen oder jenen damaligen Korpsbruder, und dann sagte er ziemlich unvermittelt: »Ach, Graf Kronar, drüben in meinem Arbeitszimmer habe ich übrigens noch all die Bilder von damals. Vielleicht würde es Sie interessieren, sie zu sehen? – Seine Exzellenz wird uns sicher einen Augenblick entschuldigen, meine Herren werden ihm Gesellschaft leisten.«

Die Adjutanten und Holst verneigten sich, während der Despot, von Axel gefolgt, in ein nach rückwärts gelegenes Zimmer schritt.

Hier war nichts mehr von der Tapezierherrlichkeit der Empfangsräume zu merken. Ansichten von Rattenburg erblickte Axel, Bilder von Hans Hadubrands gestrenger Mutter und seinen übrigen Verwandten. Ein Gewehrschrank stand da voll Jagdbüchsen, Taschen und Hirschfängern, und an der einen Wand hingen Schläger, Stürmer, Fechthandschuhe samt den Photographien der einstmaligen Korpsbrüder, einzeln und in Gruppen. – Ja, hier gab es offenbar keinen Despoten Urosch den Fünfundzwanzigsten, hier gab es nur einen Hans Hadubrand, umgeben von dem, was er aus vertrauter Vergangenheit in die fremde Gegenwart hatte hinüberretten können.

Und das Vertrauteste mochte wohl der Jäger sein, der im Zimmer stand und dessen sich Axel sofort aus Bonn und Rattenburg entsann, wenngleich er freilich inzwischen viel grauer geworden war und ganz neue Sorgenfalten über sein gutes ehrliches Gesicht liefen.

»Ja, das ist mein alter Mulicke,« sagte der Fürst, wie in Antwort auf Axels fragenden Blick, »er hat durchaus mit mir kommen wollen, um mich zu beschützen. Nicht wahr, Mulicke?«

»Nu ja,« antwortete der Jäger, »ich werd' den Sohn meines hochseligen Herrn in so 'ner unsicheren Gegend doch nicht allein lassen – und es ist doch nu mal ein Land, wo sie die Menschen 'runterknallen, wie wir die Rebhühner.«

»In der ersten Zeit hielt er für alle Eventualitäten stets einen Koffer fertig gepackt, und noch jetzt schläft er alle Nacht vor meiner Tür,« erzählte Hans Hadubrand. »Na, du kannst uns jetzt allein lassen, Mulicke.«

Nachdem der Jäger gegangen, wies Hans Hadubrand auf das Zimmer mit den vielen Andenken und sagte zu Axel: »Dies ist mein eigentliches Reich, und ich hätte dich viel lieber gebeten, hier gemütlich eine Tasse Tee bei mir zu trinken, und zwar ohne deinen Chef und ohne meine Adjutanten. Aber der Etikette nach geht es nun einmal nicht, daß ich einen fremden Gesandtschaftssekretär allein empfange. Du mußt mir's auch nicht übel nehmen, wenn ich dich vorhin vor den anderen nicht duzte und wenn ich dich in Zukunft nicht so häufig sehe, wie ich gern möchte: Aber weißt du, jeder, der auf einem Thron sitzt – wenn es auch nur ein Thrönchen und vielleicht ein wackliges ist –, wird ja mit so viel Neugier, Eifersucht und Argwohn beobachtet.«

»Ja, ja,« sagte Axel, halb belustigt den einstmaligen Kameraden so wiederzufinden, »das ist nun mal die Kehrseite der Größe.«

»Na überhaupt,« fuhr der Fürst fort, »wenn ich so vergleiche, was für ein argloser Mensch ich noch vor zwei Jahren war, und was ich jetzt alles zu bedenken habe. Du glaubst ja nicht, Kronar, wie viel Rücksichten ich nehmen muß.«

»Kurzum: garnicht, Despot,« sagte Axel lachend.

»Ach was Despot!« wiederholte Hans Hadubrand mit einem Ausdruck, als ob das Wort eine Welt von Enttäuschung berge. »Meine Mutter wollte, daß ich bei meiner Thronbesteigung gerade diesen Titel annähme, weil er an ganz alte Überlieferungen des Landes anknüpft, – aber mir scheint er jetzt die reine Ironie, denn ich komme mir oft als der abhängigste Mensch hier vor.«

»Na,« sagte Axel, »Landesvater sein ist immerhin etwas, und als solcher hast du doch gewisse Aufgaben.«

»Ja, Kronar, genau so sprach meine Mutter auch, und sie sagte, es sei Pflicht, einen so außergewöhnlichen Ruf anzunehmen. Es hatte ja auch wirklich etwas Schicksalhaftes, und das Romantische, Abenteuerliche dabei, das lockte mich sogar sehr.«

»Das hätte ich von dir gar nicht vermutet,« sagte Axel, »so wie ich dich in Bonn und Rattenburg gekannt habe.«

»Ach, was hast du dort überhaupt viel von mir kennen können!« sagte der Fürst. »Da stand ich ja beständig unter dem einen oder dem anderen Zwang. Aber dabei lebte eben doch in mir der verborgene Wunsch, auch mal was zu leisten, zu zeigen, was ich könne.«

»Ja, ich verstehe,« sagte Axel, mit leisem Spotte, »das höhere Sichausleben – der Wunsch, der Welt, oder wenigstens einem Stückchen Welt, den eigenen Stempel aufzudrücken – wovon man so träumt als Primaner, wenn man die Reden der großen Männer liest.«

Der Fürst fuhr indessen ernsthaft fort: »Ich bin ja mit so viel Absichten und Plänen hergekommen – alles hier wollte ich reinigen und heben und bessern. Aber ich kann ja nicht, wie ich will – ich vermag ja nicht mal so manches zu verhindern, was ich nach meiner ganzen Erziehung und Auffassung doch verhindern müßte. Die Leute hier wollen mich eben hauptsächlich nur als eine Art Aushängeschild haben.«

»Du hast aber doch schon schöne Erfolge,« entgegnete Axel. »Es wurde mir von deinen Bestrebungen erzählt, die Lage der Arbeiter zu bessern.«

»Ja, das versuche ich allerdings,« sagte der Fürst, und es leuchtete dabei in seinen klaren Augen, »denn weißt du, mich ergreift oft ein so tiefes Mitleid mit diesem armen Volk, das mich gerufen hat. Aber manchmal frag' ich mich freilich, ob ich eigentlich der Rechte für den Platz bin – ich komme mir bisweilen doch etwas vor wie ein an falscher Stelle gepflanzter Baum, der nun da ausharren muß.«

Die Worte klangen Axel so bekannt: Wo hatte er ähnliche denn kürzlich gehört? Aber er konnte dem nicht nachsinnen, sondern erwiderte nur: »Du mußt gegen solche Grübeleien ankämpfen. Haha, schienst doch früher so leicht zufrieden und froh. Make the best of it, heißt es wohl in jedem Leben – und was sollen wir gewöhnliche Sterbliche denn sagen, wenn du klagen willst.«

»Ach, Kronar,« antwortete der Fürst, »ihr habt es eigentlich viel besser als ich, und du speziell hast es wohl immer besser gehabt – ich glaub', du bist mir sogar früher manchmal recht neidenswert erschienen. – In Bonn standest du dem ganzen Korpszwang, als Ausländer und Konkneipant, doch viel freier gegenüber als ich – konntest vor allem immer mal weg, wenn du wolltest – na, und hier ist's nun wieder dasselbe. Ja, ja, Kronar,« fuhr er lachend fort, »dein ganzes Leben besteht aus Wegkönnen, und meines aus Stehenbleibenmüssen! – – Aber ich weiß gar nicht, wie ich auf all das gekommen bin. Eigentlich wollte ich dir unter vier Augen nur nochmals sagen, wie froh ich bin, daß du da bist; es gibt mir geradezu ein heimatliches Gefühl, einen hier zu wissen, den ich von früher her kenne. Und ich hoffe, du lebst dich einigermaßen ein und findest es weniger schrecklich, als die meisten deiner Kollegen es wohl tun – wenngleich sie es vor mir freilich sorgfältig verbergen. Einen großen Vorzug hast du ja vor ihnen und auch vor mir: Ich höre, du hast Verwandte hier wiedergefunden?«

»Du meinst Linteloes?« antwortete Axel. »Ja, Liane ist zwar nur eine ganz weitläufige Cousine von mir, aber wir kennen uns von kleinauf.«

»Da hast du Glück und bist mal wieder zu beneiden,« sagte Hans Hadubrand. »Frau von Linteloe ist ... ja, wie soll ich es nur ausdrücken ... sie ist eben ganz was anderes als die übrigen ... sie gehört eigentlich garnicht hierher.« – –

Als Holst und Axel später wieder im Wagen saßen und nach Hause fuhren, frug der Gesandte begierig: »Hat der Despot vorhin, als Sie allein waren, etwa die Holzhäuserfrage Ihnen gegenüber berührt?«

»O nein!« antwortete Axel, »und ich glaube auch, er ist viel zu korrekt, um mit einem bloßen Gesandtschaftssekretär geschäftliche Angelegenheiten zu erörtern. Er scheint überhaupt die Grenzen, die seiner Betätigung gezogen sind, sehr genau zu kennen.«

»Das ist sicher weise von ihm,« sagte Holst, »denn wenn er je sehr hervorträte und nachher irgend etwas schief ginge, würden ihm die Leute hier und vor allem Mirojedsky nur zu gern die Schuld an allem beimessen.« – Auf sein Lieblingsprojekt zurückkommend, setzte er dann beinahe eigensinnig hinzu: »Wir sollten aber doch trachten, den glücklichen Zufall Ihrer Intimität zugunsten unserer heimischen Industrie auszunutzen.«


Die nächsten Tage vergingen Axel rasch. Viel dienstliche Tätigkeit hatte er allerdings nicht, denn obschon Baron Holst ihn gern als lieben jungen Kollaborator zu bezeichnen pflegte, so fand er doch alle Geschäfte der Gesandtschaft viel zu wichtig, um sie seiner Mitarbeiterschaft anzuvertrauen. Er fühlte sich nur dann glücklich, wenn er unter lauten Klagen ob seiner Überarbeitung alles selbst tun konnte.

Dagegen führte er seinen neuen Sekretär der Reihe nach zu den Herren des diplomatischen Korps, um ihn vorzustellen. Hierbei fand Axel einige Bekannte von früheren Posten wieder, denn die Zigeuner der vornehmen Welt ziehen auf gleichen Straßen, treffen sich immer mal wieder und verfehlen nie bei diesen Gelegenheiten zu erklären, daß solche Wiedersehen das Reizendste an der Karriere seien.

Besonders liebenswürdig wurde Axel von dem Gesandten Mirojedsky empfangen. Weil Axel aus Petersburg kam, begrüßte ihn dieser wie einen alten Bekannten, obschon sie sich nie früher getroffen hatten.

Mirojedsky hatte eine unendlich sanfte, weiche Stimme, die bestimmt schien, lauter schöne, traurige Dinge zu sagen, und er ließ sie diese Bestimmung erfüllen. Es war ein Genuß, ihm zuzuhören. Und er selbst empfand diesen Genuß offenbar am meisten. Mit gesenkten Lidern, wie um sich nicht zerstreuen zu lassen, sprach er und lauschte den eigenen Worten, als seien sie Musik. So war er sich immer auch Publikum, und das Leben mochte ihm nie langweilig erscheinen, denn er hatte stets einen Hörer wenigstens, vor dem sich das Agieren lohnte. Es lag dies alles aber bei ihm im Unterbewußtsein. Er erschien sich selbst als durchaus echt.

Axels Audienz beim Landesherrscher war ihm offenbar bekannt, denn er frug sehr bald: »Nun, und wie fanden Sie Seine Hoheit nach all den Jahren?«

»O, sehr wohl, wie mir schien,« antwortete Axel, dem sein Chef große Vorsicht anempfohlen hatte. »Ich fand ihn eigentlich ganz unverändert.«

»Ach, wie Recht Sie doch damit haben,« sagte Mirojedsky, als habe ihm Axel etwas ganz Bedeutendes mitgeteilt. »Ja, er ist jung, noch sehr jung! Mais cela passera,« und er seufzte schmerzlich, so daß es unentschieden blieb, was für Urosch das Bedauerliche sei: seine Jugend oder daß er sie so bald verlieren würde. – Und dann setzte Mirojedsky in seiner melodischen Stimme hinzu: »Ja, wirklich, außerordentlich richtig beobachtet: ein Schwärmer – ein junger deutscher Schwärmer!«

Als die Herren sich verabschiedet hatten und wieder in der Straße waren, sagte Holst: »So macht es le cher collègue Mirojedsky immer: er wartet garnicht erst ab, ob man ihm das sagen wird, was er zu hören wünscht, sondern sagt es lieber gleich selbst und tut dann, als habe man es gesagt. Ich möchte darauf wetten, daß er jetzt einen Bericht nach Hause schreibt, in dem Ihre angeblichen Äußerungen über den Despoten all das enthalten werden, was er möchte, daß dort über diesen geglaubt werde.«

»Ja, hat denn der arme Hans Hadubrand die persönliche Feindschaft dieses gefährlichen Herrn erregt?« frug Axel.

»Das wäre zu viel gesagt,« antwortete Holst. »Aber manche Geschäfte ließen sich früher unter einheimischen Dynastien vielleicht doch besser machen, und auf alle Fälle mag Mirojedsky es zweckmäßig finden, die Meinungen dort vorbereitet zu halten, falls ihm hier mal eine große Änderung nötig erscheinen sollte. Hans Hadubrand ist hier wie manche Warensendungen doch gewissermaßen nur ›zur Ansicht‹ da.«

Während Holst so vormittags mit Axel die Herren besuchte, brachte er ihn an den Nachmittagen zu den Empfängen der Damen.

»Es gibt hier sieben verheiratete Gesandte,« hatte Baron Holst erklärend erzählt, an dem Tage, da er diese Tournee mit Axel begann. »Jede der sieben Gesandtinnen hat an einem der sieben Nachmittage der Woche ihren Jour und ist gleichsam die über diesen einen bestimmten Tag präsidierende Gottheit; er gehört ihr ganz, und wenn sich etwa je ein achter Gesandter verheiraten sollte, so würde das zu unabsehbaren Verwicklungen führen, denn dann müßten zwei Damen sich in einen Nachmittag teilen, was beinahe einer Minderbewertung ihrer beiderseitigen Länder gleichkäme.«

So lernte denn Axel die sieben Göttinnen der Tage kennen und die geringeren Gottheiten, die sich bei ihnen versammelten. Es war ein kleiner Kreis, der sich alltäglich traf und der, wie es auch in größeren Städten und weiteren Kreisen zuweilen der Fall ist, sich schließlich wenig mehr zu sagen hatte. Das Pingpongspiel war bei diesen Zusammenkünften eine willkommene Verminderung der gesellschaftlichen Vergnügungsarbeit, denn man konnte dann schweigsam zusehen, wie die Bälle über den grünen Tisch hin und her flogen, und fiel einer zu Boden, so war ein neuer viel rascher bei der Hand als ein frisches Gesprächsthema. Jetzt im Frühjahr aber wartete man nur darauf, daß nach der langen Schnee- und Regenzeit der allgemeine Tennisplatz in Ordnung gebracht würde; dann traf man sich draußen zu einer anderen Form des dem Hofrat Agathokles Troll so unverständlich erscheinenden Kugelkultus. Viele fingen auch schon an, von Erholungsreisen zu sprechen; wer Urlaub bekommen konnte, ging im Sommer fort.

»Heute ist Mrs. Pembertons Jour,« sagte Holst zu Axel am Nachmittag des siebenten Tages. »Und nachdem ich Sie in die europäischen Gesandtschaften gebracht, dürfen wir das große Amerika nicht vernachlässigen. Es ist diejenige Gesandtschaft, zu deren Jour ich ohnedies meistens gehe, obschon ich sonst kein Gesellschaftsmensch bin, aber ich muß Mr. Nicodemus Pemberton im Auge behalten wegen der Holzhäuserlieferung, um die er ja mit echt amerikanischer Skrupellosigkeit kämpft.«

»Nun, so gehen wir denn, den Feind in seiner eigenen Höhle aufzusuchen,« sagte Axel lachend.

Als sie in den Flur der amerikanischen Gesandtschaft traten, hörten sie durch die geöffneten Türen des Speisezimmers schon das regelmäßige Klick-klack der hölzernen Raketts, mit denen die leichten Pingpongbälle über den weit ausgezogenen Eßtisch hin und her geschlagen wurden. Die durch Sport der Konversation immer unkundiger werdende Jugend schlug auch heute wieder die Bälle und damit die Stunden tot. Ein paar Damen saßen zuschauend an den Wänden. Liane war unter ihnen und hatte ihren Stuhl neben Madame Oki Abunai gerückt, die Frau des seit kurzem eingetroffenen japanischen Geschäftsträgers. Axel zog es zu Liane, und er versuchte, sich an sie heranzuschlängeln, aber vorerst ließ ihn seine Wirtin nicht los. Mrs. Pemberton war eine sehr schön gewesene Frau, die aber vom ununterbrochenen Kampf, noch immer schön zu scheinen, ganz ermüdet aussah. Ihre Blicke glitten mit einem so sichtbaren Wohlgefallen über Axel, daß er es bemerken mußte; gleichzeitig aber nahm er wahr, daß Mrs. Pemberton, um ihn zu begrüßen, aus einem Kreis von Damen aufgesprungen war, die um den Empfangssalon herum saßen und zwischen denen die Konversation offenbar im Einschlummern gewesen, bis daß eben jetzt Mrs. Pembertons kleiner Hund, der einem weißen Muff glich, in die Mitte des Kreises gesprungen war. Bellend stand er nun da und rollte erstaunt die großen schwarzen Augen von einer Dame zur anderen, denn sie alle beugten sich gleichzeitig zu ihm, erleichtert, ein neues Gesprächsthema gefunden zu haben. Die Wirtin nötigte Axel, sich in den Kreis zu setzen, und nun suchte er die Konversation aufrecht zu erhalten, die der kleine weiße Hund so glücklich in der Damen Runde angeregt hatte.

Baron Holst war währenddem in das anstoßende Rauchzimmer getreten und warf gleich einen forschenden Blick auf Nicodemus Pemberton, um aus dessen Miene zu erraten, ob ihm dieser etwa inzwischen bei der viel umstrittenen Lieferung von Holzhäusern um einen Schritt zuvorgekommen sei. Aber Nicodemus Pemberton stand neben dem wettergebräunten Alpensohn, Herrn Känzli, und beide Gesandte sahen entschieden mißmutig aus, worüber Holst sich freute, denn der Konkurrenten Verdrießlichkeit konnte, seiner Ansicht nach, ja nur ein Steigen seiner eigenen Aussichten bedeuten.

Außer diesen beiden saßen im Rauchzimmer van Stratten und Wawerling, wie immer zusammen, und der Marquis de los Toros hatte sich ihnen zugesellt. Der schweigsam beobachtende Oki Abunai, der jeder Begrüßung einen in seinem Lande als besonders höflich geltenden einatmenden Zischlaut, eine Art gedehntes »ü-hss« vorausschickte, der wohllautend sprechende Mirojedsky, die frisch ins diplomatische Leben verschlagenen Leutnants Belany und Javorina und der vom Urlaub zurückgekehrte überzeugungsstarke Herr van Stramm standen herum.

Man sprach, wie so oft, über den augenblicklichen gemeinsamen Aufenthaltsort, und alle hatten etwas zu klagen.

»Die fürchterliche Kälte im Winter und jetzt die scharfen Winde bekommen meiner Frau sehr schlecht,« sagte der Spanier.

»Der Schmutz in den Straßen ist so widerlich,« bemerkte ein junger Holländer, Mynheer van Bergheem. »Finden Sie nicht auch, Herr Oki Abunai?«

»Ü-hss, sicherlich, aber wir sind in allen Ländern auf Erden ja nur Vorübergehende, da kommt es wenig auf die Straße an,« antwortete der Japaner.

»Diese endlose Ebene, auf die man immer schauen muß, ist für uns Schweizer etwas zu Ungewohntes,« meinte Herr Känzli.

»Ich leide auch unter der Ebene,« bestätigte Mirojedsky, »aber nicht, weil sie mir ungewohnt ist, sondern weil sie mir allzu heimatlich erscheint. Ich weiß überhaupt nicht, was mehr Heimweh weckt, das völlig Fremde oder das, was durch seine Ähnlichkeit mahnt und erinnert.«

»Vor allem fehlt es halt an Zerstreuungen,« seufzte der kleine Belany.

»Aber es bleibt uns unsere interessante und befriedigende Tätigkeit,« entgegnete ihm Stramm mit der Stimme, in der man ein Hoch auf ein Staatsoberhaupt ausbringt.

»Da haben Sie Recht,« sagte Holst, » nos patriam fugimus, nos dulcia linquimus arva, aber die Tätigkeit muß uns alles ersetzen.«

»Ja, sehen Sie, gerade mit der Tätigkeit, finde ich, hapert es recht oft,« sagte der Doyen. »Eigentlich ist unser Leben ein großes Einerlei, das sich auf wechselnden Schauplätzen abspielt, ein bißchen Ehrgeiz, ein bißchen Verliebtheit, sehr viel Mühe und Aufregung um Kleinlichkeiten, die in nichts zerfließen, und – sehr viel Langweile.«

»Man kann die Posten einteilen in solche, wo man selbst schmutzige Arbeit zu tun hat, und in solche, wo man zuschaut, wie andere sie verrichten,« sagte Mirojedsky träumerisch und in die Weite starrend, als sähe er etwas unendlich Trauriges in der Ferne. Einige der anderen blickten sich hierbei mit verständnisvollem Lächeln an, denn zu welcher der beiden Kategorien dieser Posten gerade für Mirojedsky gehörte, war ja niemandem ein Geheimnis.

»Die wachsende handelspolitische Bedeutung der Karriere ist aber doch eine große Befriedigung,« warf Stramm ein, der zu betonen liebte, daß er kein Salondiplomat sei, sondern mit den Zeiten fortschreite und daher auch ein volles halbes Jahr an einer Bank gearbeitet habe. »Wir leben ja gottlob nicht mehr in Zeiten, wo Diplomaten nur Berichterstatter gesellschaftlicher Vorgänge und höfischer Beziehungen waren, heute sind wir vor allem die Wächter unserer kommerziellen Interessen, die Förderer alles dessen, was den Armen daheim Brot verschaffen kann.«

Es klang, als rede er in einem Kolonialverein.

»Brav gesprochen!« rief Holst. »Ja, ja, wir alle sind Vertreter großer realer Interessen.«

»Wir Amerikaner geben uns überhaupt nur mit praktischen Fragen ab,« sagte Pemberton. »Heute heißt es, sich, womöglich friedlich, die Türen der Welt eröffnen, aber auch eine hinreichend große Macht hinter sich haben, daß niemand auf den Gedanken kommen kann, die Türen vor uns verschließen zu wollen.«

»Man kann auch gute Geschäfte machen, ohne große äußere Machtmittel,« bemerkte Känzli, »vielleicht sogar die besten; denn manche Lieferungen dürften gerade am ehesten solchen Ländern zugewandt werden, von denen keinerlei politische Pression zu befürchten ist.«

»Ja, ja! die ganze moderne Leier von den neuen Absatzgebieten und den wirtschaftlichen Wettbewerben und der Erschließung kaufkräftiger Märkte!« sagte Wawerling in seiner müden Art. »Eigentlich verstehen das unternehmungslustige Kaufleute alles viel besser als wir!«

»Aber, Exzellenz, wenn man Nationalökonomie studiert hat und sich noch eine Weile dem Bankwesen widmet, sind die paar technischen Fragen doch leicht zu meistern,« stellte Stramm mit dem in Betreff eigener Fähigkeiten so glücklichen Optimismus derer fest, die es nicht gesinnungstüchtig finden, überhaupt an Schwierigkeiten zu glauben.

Wawerling fuhr unbehindert fort: »Mir fällt bei alledem immer ein Diplomat ein, den ich vor vielen Jahren mal in einem asiatischen Reiche traf. Er hatte ein Gefühl glücklicher Wichtigkeit, denn das Land, das er vertrat, fing damals gerade an, zu den industriellen zu gehören; es wurde da irgend etwas fabriziert, was mit Wolle und Anilinfarbe zu tun hatte, Decken oder Handtücher, ich weiß nicht mehr genau was für eine horrible Chose – und der Gesandte gab sich so viel Mühe, diese Ware anzupreisen und einzuführen, als sei er der reine commis voyageur. – Aber sicher deckte der Absatz nie die Kosten auch nur der Gesandtschaft.«

Mrs. Pemberton trat nun eilig in das Rauchzimmer und rief: »Will denn niemand kommen und der Meisterpartie zwischen Pigeonnier und Vercoeur zuschauen?«

Einige der Herren folgten ihrer Wirtin in das Pingpongzimmer, und Axel benutzte die Bewegung, um zu Liane zu gelangen. »Endlich,« sagte er, sie begrüßend, »ich konnte gar nicht früher loskommen!«

Madame Oki Abunai war aufgestanden, und Axel nahm ihren Stuhl neben Liane ein, so daß sie von den übrigen etwas getrennt in einer Fensternische saßen.

»Was fandest du mit der hübschen kleinen Japanerin denn zu sprechen?« frug er.

»Madame Oki Abunai und ich sprachen sehr wenig,« antwortete Liane, »aber das Schöne war, daß wir uns dabei doch sehr gut verstanden. Ihr sind nämlich im Grunde auch alle Gelegenheiten langweilig, wo sie längere Zeit mit ihren europäischen Mitmenschen zusammensein muß, aber sie ist mir bei weitem überlegen in der Selbstbeherrschung, mit der sie ihre eigentlichen Gefühle verbirgt, denn das ist ja vor allem eine asiatische Tugend, und wenn wir so nebeneinander sitzen, suche ich immer etwas darin von ihr zu lernen.«

Mrs. Pemberton, die zu den Wirtinnen gehörte, die ihre Gäste gern möglichst durcheinander schütteln, kam nun an die Fensternische. »Aber Graf,« sagte sie neckisch, »Sie verstecken sich ja, und von hier aus können Sie und Frau voll Linteloe die Meisterpartie zwischen Pigeonnier und Vercoeur gar nicht sehen!«

Und sie rauschte weiter zu den anderen.

»Ich fürchte, wir werden nicht in Ruhe gelassen, bis wir uns die Partie wirklich ansehen,« seufzte Liane aufstehend. »Die Holzhäuserlieferung und das Pingpongtournier zwischen Pigeonnier und Vercoeur sind nun einmal die beiden Tagesfragen.«

»Ich habe Pigeonnier früher mal getroffen,« sagte Axel. »Damals machte er der sehr hübschen Frau eines Kollegen die Kur.«

»So? Na, jetzt ist er es, der mit einer sehr hübschen Frau verheiratet ist, und ein anderer Kollege macht der die Kur,« antwortete Liane. »Siehst du, dort stehen sich die beiden Herren gegenüber, Mann und Freund so ähnlich, wie zwei Menschen es nur sein können, die dieselben Schneider, Schuster, Hemden- und Krawattenfabrikanten beschäftigen; sie kämpfen um weiße Pingpongbälle, und Mme. Pigeonnier, dort am Netz, zählt die Schläge und freut sich, wenn Vercoeur auch hierin gewinnt.«

Der Doyen und Wawerling traten nun zu Liane und Axel, schauten, soweit es im Gedränge möglich war, auch nach dem Pingpongtisch und der niedlichen Mme. Pigeonnier, und van Stratten sagte, scheinbar in Gedanken verloren, wie es seine Art war, vor sich hin: »Hübsche Frauen müßten eigentlich immer gleich in doppelter Auflage existieren; damit wäre all die Tragik vermieden, die dadurch entsteht, daß zum mindesten stets zwei Männer dieselbe haben möchten.«

Liane griff das Wort auf: »Wo sehen Sie denn Tragik, Graf van Stratten? Die Banalität all solcher Dinge finde ich das Abschreckendste daran. Tragik – das wäre versöhnender.«

»In die Tragik, gnädigste Frau, kommt man oft rascher hinein, als man glaubt,« antwortete Wawerling.

Klick klack, klick klack schlugen die Holzraketts gegen die weißen Bälle.

»Vercoeur gewinnt!« »Vercoeur hat gewonnen!« rief man nun von allen Seiten.

Während sich alle Welt mehr und mehr zum Pingpong drängte, hatte Nicodemus Pemberton Baron Holst im Rauchzimmer zurückgehalten, wo Herr Oki Abunai noch immer still und unbemerkt in einer Ecke saß.

»Wissen Sie das Neueste?« sagte der Yankee. »Jetzt bewirbt sich auch Rußland um die Holzhäuserlieferung.«

»Nicht möglich!« rief Holst bestürzt.

»Doch, doch, Sie können sich drauf verlassen,« antwortete Pemberton. »Känzli hat auch gehört, daß Mirojedsky in dieser Sache beim Minister gewesen ist. Er hat drauf gedrungen, daß einer Petersburger Firma Zeysigoff unbedingt der Vorzug gegeben werden müsse, und zwar soll er dabei den gewissen überhebenden Ton angeschlagen haben, den er hier so gern gebraucht.«

»Ja wohl,« sagte Holst beinahe giftig, »als Vertreter der angeblich wohlwollenden Schutzmacht! Und man kann sich ja denken, welche Überredungsmittel dabei außerdem angewandt werden. Na, aber diese Forderung soll er doch nicht so ohne weiteres durchsetzen!«

»Ganz meine Ansicht,« sagte Pemberton; und als echter Amerikaner sofort das Bedürfnis der Trustbildung empfindend, setzte er hinzu: »Eventuell müßten unsere drei Gruppen eine Koalition gegen die Zeysigoffsche Firma bilden.«

»Eventuell ... vielleicht ...,« sagte Holst zögernd und zuerst noch ganz überrascht von diesem unerwarteten Gedanken, an den er sich erst gewöhnen mußte. Aber gegenüber der neuen Konkurrenz fühlten sich die bisherigen Rivalen doch schon beinahe solidarisch.

Mrs. Pemberton ließ aber auch diese beiden nicht in Ruhe. »O Baron Holst,« rief sie in das Rauchzimmer hinein, »kommen Sie doch, Vercoeur zu gratulieren. Er hat gewonnen!«

Aber Holst war nicht in der Stimmung, irgendeinem Lebenssieger zu gratulieren. Er stürmte nach Haus, hielt Agathokles Troll fest, der eben die Kanzlei verlassen wollte, und setzte über die neue Konkurrenz ein langes Telegramm auf, das der schwergeprüfte Hofrat sofort chiffrieren mußte.

Nachdem alle Gäste gegangen waren und sich Mrs. Pemberton mit ihrem Manne allein befand, rief sie begeistert aus: »Nicodemus dear, dieser Graf Kronar ist ein reizender Junge! Den europäischen Frauen sind wir Amerikanerinnen ja zweifellos überlegen, aber in den europäischen Männern steckt doch so ein gewisses besonderes Etwas – womit ich dir natürlich nicht zunahe treten will, Nicodemus dear

Und als Ergebnis längeren Nachdenkens, wobei sich ihre Blicke in eine Ferne richteten, in der sie eine Vision von Kirchen, Orgeln, Glocken und Hochzeitsdéjeuners mit gräflicher Verwandtschaft erblicken mochten, setzte sie dann sinnend hinzu: »Ich glaube, ich drahte noch heute an Muriel Clarence, sie solle ihre europäische Tour gleich mit einem Besuch hier bei uns beginnen. Meinst du nicht auch, Nicodemus dear

»Ja, ja, tu das, Darling,« antwortete zerstreut Nicodemus Pemberton, dessen Streben im Augenblick mehr auf die Eroberung des industriellen als des matrimonialen europäischen Marktes gerichtet war.

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