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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Keiner fehlte am nächsten Nachmittag in der häßlichen grauen Bahnhofshalle, durch die der Wind eisig pfiff. Alle standen sie da, die lieben Kollegen und die Damen und jüngeren Herrn des diplomatischen Korps. Auch Lazarewitsch, Wukowitsch und andere von der Regierung waren erschienen. Und der Fürst hatte einen Adjutanten mit einem Strauß für Liane gesandt. Er selbst war am Vormittag bei ihr vorgefahren. Unangesagt, ganz plötzlich. »Ich höre zwar durch den Hofmarschall,« hatte Hans Hadubrand gesagt, »daß Herr von Linteloe jetzt nur zu kurzer Meldung nach Hause berufen ist und schon in einigen Tagen zurückkommt zur Überreichung seines Abberufungsschreibens, – aber es schien mir fraglich, ob Sie ihn dann würden hierherbegleiten können, denn Sie werden daheim ja viel für Ihren neuen Posten vorzubereiten haben. Drum bin ich gekommen – sehen mußte ich Sie doch auf alle Fälle noch einmal.« – Wie gut er es doch alles erriet! dachte sie. Denn das stand ganz fest in ihrem Innern, daß sie von der Stadt an den zwei Flüssen heute für immer ging. Ein paar Banalitäten über Japan hatte der Fürst dann noch mit ihr und Linteloe im Ton eines artigen Knaben gesprochen. Beim Abschied hatte er ihr fest die Hand gedrückt und mit seinen klaren, guten Augen tief in die ihren geblickt: »Ihr Hiersein hat für mich viel bedeutet... Sie wissen's ja... und ich werde jetzt noch mehr allein sein ... Aber trotzdem ... über diese Versetzung freue ich mich für Sie... grade für Sie ... mehr als ich sagen kann.« – Dann war er fort gewesen.

Da alter Landesetikette gemäß, die Intrigen und Beeinflussungen vorbeugen sollte, der Despot eigentlich nicht in die Häuser fremder Vertreter gehen durfte, fühlte sich Linteloe sehr geschmeichelt durch diesen Besuch. »Ich bin jetzt eben Botschafter,« sagte er, »das hebt alle derartigen Vorschriften auf.« Doch auch Liane erschien ihm in einem neuen Lichte: den Hindermeyer hatte sie zu kaptivieren verstanden und sich, wie er jetzt sah, mit dem Despoten offenbar besonders gut gestanden. Vielleicht war sie doch nicht nur eine unbrauchbare, weltfremde Träumerin. Und er setzte gönnerhaft hinzu: »Hier hast du recht gut abgeschnitten, Maxichen. Hoffentlich gelingt es dir bei den japanischen Majestäten ebenso.«

Jetzt auf dem Bahnhof war er voll der neuen Würde, wirkte pomphaft, überlebensgroß. »Ist das Reisenecessaire der Botschafterin auch schon im Coupé?« frug er mehrmals laut den langmütigen Friedrich. Es war solch eine Genugtuung, den Titel vor den anderen auszusprechen. Denn er war ja der erste, der je direkt von diesem Posten aus Botschafter geworden. Das verlieh dem Ganzen ein besonderes Gepräge, auch in den Augen der anderen. Sie fühlten sich mit geschmeichelt – und doch auch verstimmt. » Fortunae filius!« begrüßte Holst den scheidenden Kollegen und seufzte dann resigniert: » Non cuivis homini contingit adire Corinthum.« Aber die Befriedigung überwog doch bei ihm, denn diese Versetzung enthob ihn mancher Sorge, und er war plötzlich merkbar freundlicher gegen Axel. Und ganz wie er dachte Mrs. Pemberton und gratulierte voller Aufrichtigkeit. Das war wirklich eine brillante Lösung: der Weg frei für Muriel – falls sie nämlich wirklich wollte; was bei einer so Verwöhnten ja nie sicher vorauszusagen war.

Mrs. Anderson stand einen Augenblick etwas abseits mit Liane. Sie umschlang sie und flüsterte hastig: »Sie müssen sich frei machen, mein armes Kind ... und dann kommen Sie zu mir, arbeiten Sie... Anders werden Sie es nicht ertragen.« – Aber Liane starrte sie nur wie all die anderen an, mit Augen, die nichts sahen, und auf ihren Lippen war ein verzerrtes Lächeln, wie festgefroren.

»Sie ist so stolz, als Botschafterin fortzukommen, daß sie uns alle kaum noch bemerkt,« sagte die kleine Pigeonnier pikiert zu Vercoeur. Der nickte und antwortete: »Ja, armer Kronar, den wird sie rasch vergessen haben.«

Nun drängten alle zu Liane heran. Zärtliche Umarmungen der Damen. Handküsse der Herren. Auch er darunter. Ganz wie all die übrigen.

Die beiden Inseparables sahen zu, hatten wohl, wie manche andere Augen auch, grade auf diesen einen Abschied gewartet. »Wissen Sie noch, Wawerling,« sagte van Stratten mit leisem, halb wehmütigem Spotte, »wie wir beide manchmal so besorgt um diese hübsche Frau waren? und tragische Ausgänge befürchteten? – Na, das war nicht nötig, und ich glaube, wir können beruhigt heimgehen. Das Stück ist aus. Banal, banal.«

Der Vizedoyen zuckte die Achseln: »In unserer Gesellschaft endigen solche Dinge doch meist so – banal, banal. Aber ich erinnere mich, wie sie einmal sagte, Tragik wäre versöhnender.« –

Jetzt waren die Abreisenden eingestiegen. Standen am Coupéfenster. Noch ein paar Worte hin und her. Rufen. Tücherwinken. Schon rollte der Zug lärmend, fauchend aus der Halle.

An dem Weg ging es entlang, wo Liane vor genau vierundzwanzig Stunden geritten war. Alles noch so nahe. Zum Greifen nahe. Und doch schon so fern – wie längst Verstorbene.

Über die große Brücke fuhr nun der Zug. Einen Blick noch zurück auf die Stadt, auf die hellen Häuser, die die Anhöhe hinaufklommen. Droben die Festung. Ein Erinnern. – Sulihah, arme Sulihah! Dann drehten die Räder sich rascher und rascher. Am jenseitigen Ufer entschwand der Zug. –

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