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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Mit ganz verstörtem Ausdruck stürzte Liane Axel in die Arme, und es fuhr ihm durch den Sinn, wie sehr sie sich in der kurzen Zeit, seit sie vorhin neben ihm geritten war, verändert hatte: sie sah ja beinah alt aus!

»Axel! was sagst du dazu? ist es nicht entsetzlich?«

»Ja, Liane, was soll ich sagen,« antwortete er, indem er sie mit zärtlicher Sorgfalt und doch schon zurückhaltender Förmlichkeit zu einem Sessel geleitete und selbst einige Schritte von ihr stehen blieb. »Es ist so hart für mich, dich zu verlieren, und ich kann den Begriff noch gar nicht fassen, hier ohne dich zurückzubleiben. Aber ...«

»Es ist eben unmöglich!« rief sie, ihn unterbrechend.

»Aber«, fuhr er unbeirrt fort, »mein Egoismus darf nicht mitreden. Ich muß hierbei nur an dich denken, und da kann ich doch eigentlich nicht anders als dir gratulieren.«

Sie sah ihn ungläubig an: »Gratulieren? Du mir? O Axel, wie kannst du so reden! Seit ich diese Nachricht gehört habe, ist mir, als sei ich verurteilt worden, in wenigen Tagen zu sterben – denn ohne dich sein, das wäre Tod – und ich will nicht sterben, Axel, ich will nicht ohne dich sein – o hilf mir, hilf mir, eine Rettung zu finden!«

»Ja, meine arme Liane, es ist doch auch für mich schrecklich traurig! Und es trifft mich so völlig unvorbereitet. Denn, ehrlich gestanden, ich hatte eigentlich nie daran geglaubt, daß gerade dein Mann ... Aber, nicht wahr, solch plötzliche Wechsel, das ist doch nun einmal das Wesen unserer Karriere. – Es hätte ja auch sein können, daß ich versetzt worden wäre – ich habe sogar in letzterer Zeit manchmal daran gedacht – denn man hatte mir ja versprochen, daß ich nicht lang hier gelassen werden würde. Na, und das wäre doch noch viel härter für dich gewesen, hier allein zurückbleiben zu müssen, wo wir zusammengewesen sind.«

»Ich hätte es einfach nicht ertragen,« sagte sie.

»Durch diese ... unerwartet brillante Beförderung deines Mannes kommt ihr dagegen an einen interessanten, wichtigen Posten, wo ihr politisch en vue sein werdet. Das wird dich zerstreuen. Und da man deinem Mann ja, wie es scheint, sehr wohl will, so ist Tokio womöglich nur ein Übergang für ihn, und er erhält bald etwas noch Glänzenderes – vielleicht gar Washington.«

Wie vermochte er nur in diesem Augenblick an solche Dinge zu denken? frug sie sich. Und warum sprach er so viel von ihrem Mann? –

Er aber fuhr fort im Ton eines Menschen, der eine geschäftliche Bilanz zieht: »Auf alle Fälle wirst du in Tokio einen großen und eleganten Kreis haben, wo du ganz anders als hier zur Geltung kommst. Denn in diesem elenden Nest – ja, was hat denn da eine Frau wie du überhaupt vom Leben?«

»Dich,« rief sie, »dich habe ich gehabt – und das wäre mir genug wo immer auf Erden!«

»Liebe Liane, die Erinnerung an deine Liebe wird auch mir diese Stadt und diese ganze Zeit mit Schönheit verklären.«

Sie sah ihn an mit schmerzlichem Erstaunen. Das war alles so gar nicht das, was sie zu hören gekommen! Sie war zu ihm geflüchtet wie ein armes verwundetes Tier, das sich fürchtet und der menschlichen Nähe bedarf, – und nun fühlte sie, daß sie gar nicht bis an ihn herankam, daß auch jetzt etwas zwischen ihnen stand. Konnte es wirklich sein, daß er den Glanz der neuen Stellung für sie so hoch einschätzte? Er sprach ja beinah wie Linteloe selbst! – Aber er liebte sie ja, da mußte er doch ebenso wie sie empfinden, und es mußte ihr gelingen, dies seltsam Trennende, was sich zwischen ihnen erhob, zu durchbrechen. Sie stand auf, trat dicht an ihn, und ihn umschlingend flüsterte sie mit flehenden Tönen: »Axel, ich bin so unglücklich, so unglücklich! Du darfst mich nicht allein lassen. Ich kann mein früheres Leben nicht mehr ertragen – ich weiß ja jetzt erst, wie entsetzlich es war.«

Er streichelte beschwichtigend ihr Haar: »Wir müssen uns fügen, Liane – da gibt es nichts anderes.«

»O doch, Axel, doch, es muß anderes geben! Wir müssen einen Ausweg finden können, wenn wir nur recht wollen!« Und immer erregter werdend fuhr sie fort: »Jede Stunde habe ich dich mehr geliebt und immer gedacht: noch mehr kann man nicht lieben! Aber wie unzertrennlich ich an dir hänge, das weiß ich doch erst, seitdem die Möglichkeit, dich zu verlieren, vor mir steht. Schau, ich bin zu allem bereit. Ich will hingehen und mir meine Freiheit erbetteln oder erkämpfen und dann ganz zu dir kommen – sag nur, daß ich darf!«

»Aber Liane,« antwortete er müde und als lohne es nicht, darüber zu diskutieren, »das wäre ja rein unmöglich. Wie sollte dein Mann dazu kommen, in eine Scheidung zu willigen, gerade jetzt, wo er die höchste Stufe unserer Karriere erreicht hat und mehr denn je deiner gesellschaftlichen Hilfe bedarf?«

Sie aber rief: »Wie kannst du glauben, daß mich gesellschaftliche Erwägungen halten werden, wo meine ganze Seele nach dir schreit! Und bin ich wirklich ein Etwas, das wider seinen Willen einem anderen gehört, so muß ich mir eben meine Freiheit zurückrauben.«

In seiner schon ganz resignierten Stimmung begann er ihre Schrankenlosigkeit als unharmonisch zu empfinden. Er hätte gern wehmütig zärtliche Betrachtungen über die Flüchtigkeit der Dinge mit ihr ausgetauscht, wie sie gutem Geschmack und eigener Blasiertheit in dieser Lage entsprachen. Nichts aber war ihm ferner, als mit großen Entschlüssen in sein Leben einzugreifen, weil eine ephemere Beziehung, durch die Gewalt äußerer Umstände, etwas früher abschloß, als vorauszusehen gewesen.

Sie aber fuhr in steigender Bewegung fort: »Ich kann dich nicht lassen. Seit Wochen fühle ich nur den einen Wunsch in mir wachsen, ganz offen und ehrlich bei dir sein zu können und nicht mehr vor der Welt verleugnen zu müssen, was mir als Höchstes gilt. Aber wenn das unmöglich ist – ach, ich bin ja so klein und demütig, wo es sich um dich handelt – dann will ich bei dir bleiben, ohne daß ein Mensch es weiß. Für die Welt werde ich tot sein und nur leben in den Stunden unserer Liebe.«

»Liane, ich werde nie vergessen, daß du dazu bereit warst. Aber wenn ich einginge auf das, was du mir heute in der ersten Verwirrung vorschlägst, so würden wir es binnen kurzem bitterlich bereuen, und du hättest das Recht, es mir vorzuwerfen.«

»Nie, nie würde ich das bereuen und nur wünschen, daß ich den Mut gehabt hätte, früher diesem Doppelleben ein Ende zu machen, das wie eine Entwürdigung auf mir lastet und uns heute in diesen Konflikt gebracht hat.«

Er sah sofort die Möglichkeit, die sie ihm ahnungslos bot, und sagte in verletztem Tone: »Es tut mir weh, daß du unsere Beziehungen als eine Entwürdigung empfindest. Da hatte ich noch mehr Recht, als ich dachte, dir zur Ernennung deines Mannes zu gratulieren, – in Tokio wirst du von diesem Doppelleben befreit sein.«

Sie war in einen Sessel gesunken und blickte verstört zu ihm auf: »O Axel, verzeih mir! was habe ich denn in dieser schrecklichen Angst gesprochen, daß du mich so mißverstehen konntest? Ich wollte dir ja nur sagen, daß ich mit dir gehen will, wohin es immer auch sei – und als was du nur willst.«

Nun lenkte er wieder ein. Sie tat ihm ja leid in dieser so unverhüllt gezeigten Fassungslosigkeit, und wenn er sich auch immer klarer ward, daß er selbst nicht mehr viel für sie empfand, so war es doch wunderbar mit anzusehen, wie völlig sie von ihm abhing und wie ihr ganzes Wesen auf ein Wort, eine Berührung von ihm antwortend vibrierte. So sagte er denn, weicher als bisher und indem er sich zu ihr setzte: »Das sind schöne Träume deines Herzens, liebste Liane, und deine Worte werden in meinem Gedächtnis bleiben. Aber meine Rolle ist, dich zu schützen und zu verhindern, daß du irgend etwas aus Liebe zu mir tust, wodurch du in den Augen unserer Gesellschaft sinken müßtest.«

»Ach Axel, denk nicht an all das! Das ist ja jetzt alles so gleichgültig! Sag nur das eine, daß du mich brauchst, wie ich dich – das wird mir über alles hinweghelfen.«

Er sah, daß ein Ende gemacht werden mußte, und stählte sich zu den letzten unwiderruflichen Worten, die ihr unverständiges Gebaren, ihre Schrankenlosigkeit leider nötig machten. Er sprach hart und scharf: »Wenn ich das sagte, was du jetzt hören willst, so würden wir vielleicht eine kurze Zeit des Rausches durchleben; dann aber würde unfehlbar der Augenblick kommen, wo gerade deine Liebe und dein Feingefühl leiden müßten. Denn wenn du es auch möglicherweise innerlich überwändest, daß dein eigener Ruf zerstört wäre, so –« seine Betonung wurde schneidend – »könntest du es dir später doch nie verzeihen, daß alle Aussichten meines Lebens und meiner Karriere durch deine Schuld vernichtet wären.«

Wie Hammerschläge auf einen Sarg fielen seine Worte in die Stille des Zimmers, das so ganz andere vernommen hatte. Er empfand das Unschöne, bedauerte sich selbst und verargte es ihr, daß sie ihn dazu gezwungen, so zu sprechen.

Nun schwiegen sie beide und saßen sich stumm gegenüber, als hielten sie zusammen Wache bei einem Toten.

Nur Lianens Lippen bewegten sich unmerklich. Unhörbar begann sie sein Wort zu wiederholen: »vernichtet – vernichtet«. Als sei es eine uralte Totenklage in vergessener Sprache, deren Sinn sie suche.

Und mit einemmal begann sie zu verstehen. Nicht nur diese Worte, sondern die eigentliche Bedeutung alles anderen, das er vorher gesagt. Und nicht nur, was er gesagt, nein, auch alles, was er nicht gesagt, verstand sie. Sein ganzes Wesen lag offen vor ihr. – Da entsann sie sich plötzlich einer Jahrmarktsbude, in der sie vor Jahren einmal gewesen und wo, durch rasch wechselnde Bilder einer Laterna magika, in wenig Sekunden die Verwandlung eines jungen lebensvollen Gesichtes zu einem Totenkopf gezeigt wurde. »Ach wie bald, ach wie bald schwindet Schönheit und Gestalt,« knarrte es dazu auf einer Drehorgel, und das hexenartige alte Weib, das die Bilder zeigte, hatte, als der Totenkopf von der Leinwand herabgrinste, unheimlich kichernd gesagt: »Det, meine Herrschaften, is nu det Bleibende, un viel Staat is da dermit nich zu machen,« – Ganz dieselbe Verwandlung hatte sie jetzt an sich vorüberziehen sehen, und mit dem, was sie nun anglotzte, war wahrlich auch kein Staat zu machen. Das war so häßlich, so grauenvoll, daß sie sich angstvoll abwenden wollte, – und doch mußte sie hinstarren, wie gebannt: denn es war ja das Dauernde, das, was übrig blieb, nachdem alles, was sie hinzugedichtet hatte, abgefallen war.

Wohin war der Axel entschwunden, den sie geliebt? hatte er sich da vor ihr so völlig verwandelt? oder war das, was sie nun sah, der eigentliche, wirkliche Axel, den sie nie vorher gekannt?

Im Fluge der Gedanken durchlebte sie die Geschichte der letzten Monate und verstand es nun alles: die Tragödie der Frau, zu der die Liebe in zu später Stunde gekommen und die, wie immer sie die Frage lösen mag, doch schließlich die Verlierende und Verlassene sein muß, – die hatte sie in diesen letzten Monaten ahnungslos selbst gespielt, hatte des alten jammerreichen Stückes bekannte Situationen gar nicht wieder erkannt, hatte es für etwas nie Dagewesenes gehalten, nur weil es sie selbst betraf. Von Tag zu Tag war sie durch die eigenen Gefühle weiter fortgerissen worden; versunken in ihres Lebens späten Traum, staunend vor der Revelation, die sie sich selbst bot, hatte sie nicht bemerkt, wie er inzwischen anders geworden. Oder, wenn sie es bemerkt, es nie doch richtig gedeutet. Heut endlich begriff sie: es mochte ihn anfänglich gereizt haben, zu erfahren, wie sie, die kalt Genannte, wohl sein könne, wenn sie liebte – ganz wie er einst das Puppenherz schlagen sehen wollte; nachdem es ihm aber mehr noch gelungen, als er je für möglich gehalten, da hatte er sich innerlich zurückgezogen wie von etwas, das zur Machtprobe gedient und der Neugier keinerlei Überraschung mehr bieten kann. Nur eine Etappenstation hatte sie für ihn bedeutet, von der er wohl vorausgewußt, daß er nicht lang bei ihr verweilen würde. Frug sie sich dagegen, was er denn ihr gewesen, so fand sie nur die eine Antwort: alles, alles! – Nie hatte sie überlegt, wie das Leben einst ohne ihn sein würde – da konnte eben nichts mehr sein, da hörte alles auf.

Und wie sehr hatte sie ihm dies Empfinden gezeigt! Nichts hatte sie zurückbehalten, war sich bei allem Geben noch arm erschienen, daß sie ihm nicht noch mehr geben konnte.

Eine Blutwelle brennender Scham durchströmte sie, die Hitze stieg ihr bis zu den Schläfen, und ihre Adern begannen plötzlich unerträglich zu pochen. Oh, die Schande, die Schande! – Und was sie nie getan, wenn sie ihm ihre schrankenlose Liebe noch so sehr bewiesen, weil sie da stets gedacht, daß er gar nicht anders empfinden könne als sie selbst, – das tat sie jetzt, schlug die Hände vor das Gesicht, Erinnerungsbilder zu bannen: was mußte er von ihr denken? was hatte er wohl schon seit Wochen gedacht? –

Denn er war ja gar nicht der Axel, den sie geliebt, den sie als einen Teil ihres eigenen Ichs empfunden. Der Axel war mehr als verloren – der war überhaupt nie gewesen. Ein Phantom hatte sie mit dem Reichtum ihrer Herzensphantasie geschmückt, einem Fremden sich geschenkt. – Wie fremd, wie fern er ihr war, das hatte sich ihr erst jetzt eben in dieser einen furchtbaren Stunde offenbart. Als ein Unbekannter stand er plötzlich vor ihr.

Was sie ihm vorhin vorgeschlagen, war ja vielleicht unmöglich – er mochte Recht haben und klarer sehen als sie –, das würde sie dann verstehen lernen müssen und sich fügen. Aber es war ja kein Ton echten Schmerzes von seinen Lippen gekommen! Wie bei der Probe eines Stückes, wo nur markiert wird, war es gewesen, kein Ausdruck, keine Wärme – Worte nur Worte, die sie angeweht mit kaltem erstarrenden Hauch.

Eisig durchrieselte es sie jetzt. Von dem Nacken abwärts durchdrang sie die Kälte bis in die Fingerspitzen. Sie sah regungslos, ins Leere starrend; fröstelnd zusammen gekauert, als erdrücke sie eine ungeheure Schneelast. – Und Schnee, lauter Schnee glaubte sie zu sehen, rings um sich her und weiter, jenseits des Fensters, die ganze Welt erfüllend, ein Grabtuch allem, das einst gelebt. Und dort draußen in dem dämmerigen Weiß... lag da nicht etwas Dunkles, eine Gestalt, halb schon bedeckt und versunken? – Seltsam vertraut erschien ihr die verschwimmende Vision... wo hatte sie das Bild schon gesehen? oder... war das sie selbst, die sie dort liegen sah? – Da entsann sie sich, daß das ja ein Gemälde Wereschtschagins war, das sie vor Jahren gesehen und das jetzt, in der Todeseinsamkeit dieser Stunde, plötzlich hier vor ihr erstand und sie eigenes Erlebnis dünkte. Denn so wie heute ihr, so mußte einst dem vom Schnee verwehten Soldaten auf dem Schipkapaß ums Herz gewesen sein. So ganz verlassen. Sie glaubte es zu fühlen: dies Sinken, Sinken, immer tiefer hinab in das weiche Weiß, dessen Kälte alles tötete. – Und es war ja gut, daß es so war, denn von der verschneiten Einöde, zu der des Lebens Irrweg sie geführt, da gab es kein Zurück, kein Vorwärts, da gab es nur noch ein Untergehen.

Aber... sie war ja gar nicht der Soldat auf dem Schipkapatz... sie war ja Liane – Liane? ... wer war denn das ...? Liane? Das war eine Unglückselige, die eben einen Mann, der sie nicht mehr liebte, angebettelt hatte – angebettelt, sie weiter zu lieben! – Liane ... das war eine, der wahrlich wohl gewesen wäre, tief unter dem Schnee zu liegen.

Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Oh, daß sie doch nie mehr aufzuschauen brauchte! –

Doch durch die geschlossenen Lider ward ihr plötzlich Axels Nähe bewußt, und sie erinnerte sich, wo sie war ... bei ihm ... in dem Zimmer ...

Sie schnellte empor. Fort, nur fort! – Nur hier nicht weiter denken, dazu blieb ja noch so viel Zeit! Nur fort, ehe die Kräfte sie verließen! Fort und ihm verbergen, so viel noch zu verbergen war. – Der Stolz hatte sie damals nicht bewahrt, als sie zum erstenmal hierher gekommen, eine morsche Schranke nur war er gewesen zwischen ihr und den stärkeren Mächten, die sie gezogen hatten – aber jetzt rief sie ihn an, durch diese Stunde mußte er ihr helfen.

Hochaufgerichtet stand sie vor ihm. Er hatte sich auch erhoben und fühlte sich erleichtert, als er in die erzwungene Starrheit ihrer Züge blickte. Gottlob, sie hatte sich beruhigt, – das hätte sonst sehr unbequem werden können, dachte er.

Und sie sagte: »Ich glaube, du hast Recht, Axel. Es hatte mich nur alles im ersten Augenblick so sehr verwirrt. Aber ich sehe es jetzt ein... ich bin wohl immer eine große Träumerin gewesen. – Doch nun will ich lieber rasch hinüber gehen ... grad heute könnten noch Besucher kommen... um zu gratulieren.« Sie zwang sich, ihm die Hand zu reichen: »Ich weiß noch nicht genau, wann wir reisen... es soll sehr eilig sein... na... irgendwo wirst du uns ja noch Adieu sagen.«

Er beugte sich nieder, doch sie hatte ihm ihre Hand so rasch entzogen, daß er kaum ihre Fingerspitzen küssen konnte. Er wollte eigentlich mehr in diesem Augenblick, denn ihre Selbstbeherrschung dünkte seinem Selbstgefühl jetzt doch etwas zu stark. Nun, sie war ja immer anders, als man erwarten konnte, ohne Maß und Gleichgewicht, und hatte offenbar alles, was sie vorher gesagt, gar nicht gemeint. Nerven und Pose, wie moderne Frauen nun mal sind!

Er aber blieb in der Rolle: »Liebste Liane, was ich dir jetzt auch sagen könnte, wäre banal im Vergleich zu allem, was ich empfinde.«

Oh, der Schnee! wie er sie wieder umrieselte, daß sie vor Frost erzitterte!

Nun standen sie an bei Stubentür. Ein großer Jammer stieg in ihr auf ob all dessen, was diese Stunde getötet, und das Bewußtsein endgültiger Vernichtung wollte sie übermannen. Aber es gelang ihr, das Stöhnen, das sie schon in der Kehle fühlte, niederzuringen. Nur noch ein paar Sekunden länger Haltung bewahren! Nur diesem Fremden nicht noch mehr preisgeben!

Auf der Schwelle fiel ihr ein, wie er, als sie zum erstenmal von ihm gegangen, hier vor ihr niedergesunken war und ihre kleinen grauen Schuhe gestreichelt – und wie sie sich noch einmal zärtlich umgeschaut hatte, um sich genau einzuprägen, wie es alles gewesen, und es nie zu vergessen.

Ach, daß es ein Vergessenkönnen gäbe! –


Die kleine Tür zwischen den beiden Grundstücken fiel hinter ihr zu. Achtlos, ohne sich umzuschauen, ob irgend jemand sie sehe, und selbst nichts sehend, schritt sie in den Garten.

Da stand plötzlich eine große dunkle Gestalt vor ihr. Sie wäre beinah dagegen angerannt. Sie prallte zurück – es war Linteloe.

Nie vorher war er ihr begegnet, so wenig Vorsicht sie auch stets geübt. Aber heute, beim letztenmal, da mußte er sie sehen! – Es erschien ihr beinah komisch, und sie empfand plötzlich eine nervöse Lust, zu lachen. Endlos zu lachen. Aber sie fühlte zugleich, daß dies Lachen alsobald in ein Weinen übergehen würde, das nichts auf Erden je mehr stillen könnte. Zitternd vor Erregung kämpfte sie das Lachen nieder, zitternd vor Erbitterung, daß dieser andere Fremdling ihres Lebens sich ihr hier in diesem Augenblick in den Weg stellte.

»Aber Maximiliane,« polterte Linteloe los, »wo warst du denn? Überall such' ich dich – es ist doch wahrhaftig viel zu besprechen – und du bist nirgends im Haus zu finden. Ja, wo warst du denn? wo kommst du her?«

Sie schwieg einen Augenblick. Eine der Verzweiflung entspringende, unbekümmerte Verwegenheit flammte in ihr auf und die Sehnsucht, endlich nicht mehr lügen zu müssen. – Ach welche Seligkeit wäre es doch gewesen, hätte sie jetzt alles von sich abwälzen und hinausschreien dürfen: »Ich komme von dem Einzigen, den ich je geliebt, und ich beschwöre dich, dem ich ja gar nichts bin, gib mich frei, schenk mir die paar Jahre, daß ich mein bißchen Leben mit ihm leben kann!« – Ja, wie gern hätte sie das gesagt. Aber der Einzige, den sie je geliebt, der liebte sie ja gar nicht mehr, der war ihr ein Fremder geworden, von dem sie nicht wußte: hatte er sie überhaupt je geliebt? – Die ganze Schmach der letzten Stunde stand vor ihr, daß ihr die Wangen vor Schande brannten, aber zugleich auch die Öde und Vereinsamung der früheren Jahre, die lange Kette der Kränkungen, die sie endlich zu jenem Einzigen getrieben hatten. Alles durchlebte sie noch einmal, in eine Sekunde zusammengedrängt. Und wie eine schauerliche und doch lockende Vision, wie ein unheimliches Bild, das von Blitzlicht grell beleuchtet wird und dann wieder in Nacht versinkt, so erhob sich mit einem Schlage die Möglichkeit vor ihr, sich an beiden zu rächen, – sie brauchte jetzt nur ein einziges unvorsichtiges Wort zu sagen. – Aber es war nur die Vision eines Augenblicks, eine Phantasie der dem Wahnsinn nahen, zermarterten Nerven. Frei sein! dachte sie – frei von beiden – das mußte sie erlangen – aber nicht so, nicht so.

Und sorgfältig die Worte wägend vor dem Mann, der sie frug und der doch gesehen haben mußte, von wo sie kam, antwortete sie tonlos: »Ich war einen Augenblick bei Axel, um ...«

Er fiel ihr rasch ins Wort: »Ach so! Du hast deinem Vetter« – er betonte die verwandtschaftliche Bezeichnung – »wohl gleich meine Ernennung mitteilen wollen.«

»Ja,« sagte sie, »das habe ich getan.«

»Er fand's wohl auch famos?«

»Er gratulierte mir sehr.«

»Na, das will ich meinen! Aber daß du dazu bei diesem Schneewetter 'rausläufst, ist doch mal wieder zu verrückt.«

Sie gewahrte jetzt erst, daß große Flocken fielen. Es mußte schon eine geraume Weile so geschneit haben, denn über den Garten lag bereits eine dicke weiße Schicht gebreitet.

»Komm nur schnell nach Haus,« fuhr Linteloe polternd fort. »Es gibt so viel zu ordnen vor unserer Abreise.«

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