Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elisabeth von Heyking >

Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
Schließen

Navigation:

Als Axel am nächsten Tage kam, um Liane abzuholen, fand er sie schon im Hofe bei ihrem Pferde stehend, dem sie Zucker auf der flachen Hand hinhielt. Die Strahlen der kühlen Herbstsonne drangen grade einen Augenblick durch die Wolken, umspielten sie, setzten helle Lichter auf das seidige Haar des Pferdes und die kleine rote Jacke, die sie in der Kälte gern beim Reiten trug. Es war ein Bild, recht angetan, einen Maler eleganter Frauenporträts zu entzücken. Und Liane, die, wie jede Frau, fühlte, wenn sie hübsch aussah, freute sich, daß sie Axel grade heute diesen ersten Eindruck gleichsam als Bewillkommnungsgabe bieten konnte. Sie wollte ihm ja so gern gefallen! – Als sie begrüßend zu ihm aufschaute, lag denn auch eine so völlige Hingabe in ihrem Blick, daß ein Fremder die Geschichte ihres Herzens darin gelesen hätte. Er aber schien das nicht zu beachten.

»Mrs. Clarence hat mir vorhin geschrieben, ob ich heute mit ihr ausreiten wolle,« sagte er. »Ich habe geantwortet, daß wir uns schon verabredet hätten, aber ich sei sicher, daß es dich freuen würde, wenn sie mit uns käme, und wir würden sie abholen.«

»Oh, wie furchtbar schade,« sagte Liane, »es wäre so schön gewesen, endlich mal mit dir allein zu sein.«

»Ja gewiß,« erwiderte er, und seine Stimme hatte wieder den ungeduldigen Klang, »aber das konnte ich ihr doch nicht gut antworten. Es ist ja an sich besser, uns öffentlich nicht viel allein zu zeigen. Und – etwas Rücksicht muß ich auch auf Mrs. Clarence nehmen, denn ohne ihr unerwartetes Lösen der Holzhäuserfrage hätt' ich rechte Unannehmlichkeiten haben können – Holst war so ärgerlich, daß ich die japanische Intrige nicht bemerkt hatte.«

»Ja glaubst du denn, daß sie es etwa für dich getan hat?« frug Liane erstaunt. Er antwortete nicht, sondern zuckte nur die Schultern. Ihre Freude war verweht.

Mrs. Clarence kam den beiden schon in der Straße entgegengeritten. Sie war enttäuscht gewesen, daß Axel sich schon mit Liane verabredet hatte. Auf dem Ausflug war es netter gewesen, da hatte sie ihn für sich gehabt. Das mußte wieder so werden. Wozu brauchten denn ältere Cousinen jüngere Vettern so zu beschlagnahmen? – Jetzt ging von der Amerikanerin eine beinah aggressive Frische aus. Bei jedem Sport, den sie betrieb, schien es immer, als sei das gerade die Beschäftigung, die besonders für sie erfunden worden sei.

»Falls bei Ihnen drüben je ein weibliches rough riders Korps organisiert wird, sollte Ihnen die Führung übertragen werden,« sagte Axel mit bewunderndem Blick. Und sie antwortete lachend: »Dann machte ich für Sie eine Ausnahme und nähme Sie mir zum Adjutanten.«

Sie ritten den Hügel hinab durch die breite Avenue. Die niedern Häuschen, zu beiden Seiten der Straße, schienen sich fröstelnd zu ducken, um dem scharfen Wind keine Angriffsflächen zu bieten. »Mit ihrem hellen Anstrich sehen sie doch wirklich aus wie die armen Lourençaos, die im Winter noch Sommerkleider tragen,« sagte Axel.

Die Höfe und Gärtchen, die noch vor kurzem, vom Laub der alten Nußbäume beschattet, groß erschienen waren und als enthielten sie geheimnisvoll lauschige Plätzchen, zeigten jetzt, in dieser blätterlosen Zeit, ihre letzten kahlen Winkel und Ecken, ihre ganze Dürftigkeit.

»Im Winter erst sieht man die Welt, wie sie wirklich ist,« sagte Mrs. Clarence, und Axel antwortete: »Sie liegt dann vor uns wie ein Mensch, den man bis in seine letzten Möglichkeiten kennt.«

Der Wind wehte plötzlich stärker über den Fluß von der weiten Ebene her, und Liane empfand, daß es viel kälter war, als sie in dem geschützten Hof vermutet.

Die Reiter hatten die Stadt hinter sich gelassen und trabten nun durch die lange Allee, über der die unzähligen kahlen Äste der alten Silberpappeln sich wölbten und ineinander schlangen, gleich dem unausgefüllten tausendteiligen Eisengerüst eines modernen Riesenbaues. – Liane blickte hinauf in das lange Gewölbe der Zweige, an denen die letzten leuchtend gelben Blätter zitterten. Und sie entsann sich der vielen Frühlingsritte, die sie hier mit Axel unternommen, als diese selben Blätter grün gewesen. Wie ein Schauer überkam sie das Bewußtsein des schnellen Vergehens der Dinge. Wann ist etwas, wann ist es vorbei? dachte sie. Wir wähnen etwas fest in der Hand zu halten, öffnen sie und gewahren: sie ist leer. Als habe das Schicksal, wie ein Taschenkünstler, sein Spiel mit uns getrieben. Vielleicht glauben wir auch manchmal noch glücklich zu sein und sind es doch längst nicht mehr. Andere mögen es sogar schon wissen, nur uns selbst ist es noch nicht ins Bewußtsein getreten.

Ein scharfer Windstoß pfiff plötzlich durch die kalte Luft. Das dürre Schilf am Ufersaum senkte sich in langer Wellenlinie. In den Baumeswipfeln knackten dürre Äste. Die Sonne gab den Kampf gegen die grauen Wolken auf und verschwand. Ein fahles Licht breitete sich über die Erde.

»Es wird ein früher, schlimmer Winter werden,« sagte Axel in dem mißmutigen Ton, den er jetzt oft anschlug. »Man sollte eigentlich irgendwohin in den Süden – nach Nizza oder Kairo.«

Liane fröstelte bei den Worten, sie wußte selbst nicht warum. Mrs. Clarence aber antwortete: »Ich denke sehr stark daran, bald in den Süden zu reisen.« Und dann setzte sie hinzu: »Sie sollten Urlaub nehmen, Graf Kronar, und auch hinkommen – mir ist nämlich aufgefallen, daß Sie, seit wir von unserm Ausflug zurück sind, wieder anfangen, recht morose zu werden.«

Im stärkeren Wehen des Windes konnte Liane nicht hören, was Axel erwiderte; sie gewahrte nur, daß er wieder den spöttischen, etwas gelangweilten Ausdruck hatte, den sie immer häufiger an ihm wahrnahm und der sie jedesmal mit unbestimmter Angst erfüllte. Und Mrs. Clarence hatte es also auch bemerkt, daß er sich veränderte! – Aber was war es nur, das diesen bittern Zug oft plötzlich auf seine Lippen rief? – Sie versuchte dann immer ihm etwas ganz Besonderes zuliebe zu tun – und hatte nun doch schon oft erfahren, daß er dadurch nur noch ungeduldiger und mißmutiger wurde. – – Doch ihr stets nach Entschuldigungen für ihn suchendes Herz fand auch dafür eine Erklärung. War es nicht möglich, daß er, wie sie selbst, an der Halbheit ihres Lebens litt? Ach, wenn er heute vielleicht empfand, daß was im geheimen ihr beider wahres Leben war, es auch frei und offen werden sollte – oh, dann mußte ein Ausweg, eine Befreiung zu finden sein!

Sie waren jetzt weit draußen und ritten auf holprigem Landweg durch ein langgestrecktes, tiefes Tal. Neben ihnen erhob sich der hohe Eisenbahndamm. Feuchtigkeit stieg aus den Wiesengründen und hing wie gefrorene Schleier in der Luft. Alles war farblos. Um die entblätterten Hecken längs des Bahndammes schlangen sich die dürren Ranken der wilden Klematis, an denen die vertrockneten Blütendolden wie graue Netze hingen. Die Kälte nahm mit jedem Augenblick zu.

»Es sollte mich nicht wundern, wenn wir einen Schneesturm bekämen,« sagte Axel, zum gleichmäßig grauen, niedrig herabhängenden Himmel schauend.

»Aber dann wollen wir doch lieber gleich nach Hause!« rief Mrs. Clarence.

Sie kehrten um, und die Pferde, die schon auf dem Ausritt durch die Kälte schärfer als sonst gegangen waren, legten sich nun in die Zügel und drängten zum Stalle.

Liane ritt ganz dicht an den Telegraphenstangen, die dem Bahndamm folgten, und sie vernahm, wie oben im Winde ein Schwingen und Vibrieren den Drähten entlang lief, daß sie summten und surrten. »Wenn ich so die Drähte klingen höre,« sagte sie, »glaube ich immer, sie möchten uns etwas erzählen. Und ist es nicht seltsam zu denken, daß sie vielleicht gerade in diesem Augenblick eine Nachricht tragen, die möglicherweise einen von uns betrifft, – und wir stehen hier drunter und ahnen es nicht!«

»Was sollte uns denn heute gerade geschehen?« erwiderte Axel. »Ich habe im Gegenteil die Empfindung, als ob überhaupt nichts mehr in der Welt passiere.«

Lianens Art, leblosen Dingen Gedanken und Gefühle anzudichten, war ihm immer fremd gewesen. Heute machte sie ihn nervös. Mrs. Clarence, die die beiden beobachtete, dachte: Es fehlt nur der Name; im übrigen ist es doch genau wie in so mancher richtigen Ehe: was der eine sagt, ärgert bestimmt den anderen. Sie fühlte sich selbst auch irritiert und beschloß: Man muß wirklich suchen, ihn aus diesem aufgezwungenen Dienst zu befreien; froh scheint er ihn doch wahrhaftig nicht zu machen!

Zu immer stärker werdenden Böen erhob sich der Wind. Aus dem fernsten Ende des Tales hörte man ihn, leise zuerst, dann lauter und lauter heranrauschen. Nun umsauste er die drei Menschen, die sich unwillkürlich bückten, und trieb dürre Zweige und tote Blätter in einer großen Staubwolke vor sich her. Und auf den Flügeln des eisigen Windes ward, außer dem Summen der Telegraphendrähte, noch ein anderer Ton zu ihnen getragen: das ferne Rollen eines Eisenbahnzuges, das in wenig Sekunden zu lautem Poltern und Fauchen anschwoll.

»Der Nachmittagsexpreß,« sagte Axel, sich umschauend.

Im selben Augenblick donnerte der Zug auch schon an ihnen vorbei. Lianens Pferd, das dem Damm zunächst war, machte einen erschreckten Seitensprung und jagte dann in wilden Sätzen davon. Sie versuchte es zu halten, aber es hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und fühlte ihre schwachen Versuche gar nicht. Sie aber, die sonst ängstlich zu Pferde war, empfand heute keinen Schrecken bei der wilden Jagd; es war ihren allzu gespannten Nerven beinah eine Erleichterung, so durch den Raum zu fliegen, daß sie kaum noch wußte: war es das Pferd, das sie davontrug, war es der immer stärker werdende Sturm, der sie vor sich herfegte. – Allmählich aber ließ das Tempo etwas nach, sie fühlte, wie des Pferdes Maul weicher wurde und es wieder dem Zügel gehorchte. Zitternd stand es endlich still.

Axel und Mrs. Clarence waren weit zurückgeblieben. Als sie nun nachkamen, rief die Amerikanerin: »Na, das war aber mal ein Ritt! Sie eilten ja, als wollten Sie den Expreß einholen. Sie sind diesen Ort sicher auch recht müde und führen lieber heute als morgen mit jenem Zuge nach Hause? Und Sie gehen ja auch wohl bald auf Urlaub?«

»Ich sehne mich nicht fort,« antwortete Liane mit Anstrengung, »denn ich bin hier glücklich gewesen, und mehr als das kann man nirgends sein.« Ein heftigerer Windstoß fegte über sie hin und brachte die ersten Schneeflocken.

»Wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen,« sagte Axel.

Schweigend ritten sie nun in dem fahlen Lichte, sich bückend unter dem Sturme. Es war, als seien sie alle drei plötzlich von einer seltsamen Hast und Angst befallen. Rascher und rascher wurde der Gang ihrer Pferde, als triebe auch sie geheime Schicksalsmacht. – Eilt, eilt! brauste es oben in den Lüften und stieß die Reiter vorwärts, wie raschelnde Blätter und dürre Halme. – Warum nur die Eile? – Man wartet, wartet! man hastet, hastet! wer weiß je, weshalb? – – Eilt, eilt! sauste der Wind und packte sie von neuem und schleuderte sie weiter im Wirbel des aufgewühlten Staubes. – War da etwas, wovor sie flohen? Oder winkte ihnen ein Ziel? – Das wußten die Staubkörnchen nicht, und auch die Menschen wußten es nicht. – – Eilt, eilt! heulte der Sturm.

Erst als sie wieder in der Stadt im Schutz der Häuser angelangt waren, fielen die Pferde in ruhigere Gangart. Hier fühlte man den Wind viel weniger als draußen; den ersten Schneeflocken waren keine weiteren gefolgt: es schien, als wolle das Unwetter vorüberziehen. Sie sahen sich nun verwundert an, wie Leute, die zusammen im Dunkeln denselben Schauer vor einer unheimlichen Nähe empfunden haben und sich dessen schämen, wenn sie bei plötzlicher Helligkeit gewahren, daß, wo sie Grausiges vermuteten, in Wirklichkeit gar nichts ist.

Mrs. Clarence lachte zuerst. »Wovor haben wir eigentlich Reißaus genommen?« frug sie.

»Vielleicht vor dem Schatten kommender Dinge!« antwortete Axel ebenfalls lachend. »Meine Cousine wollte ja sogar die Telegraphendrähte davon singen hören!«

Liane durchschauerten die gleichgültig hingeworfenen Worte, und das seltsam beklemmende Gefühl einer rätselhaft spukartigen Gegenwart, das die beiden anderen lachend abgeschüttelt hatten, legte von neuem seinen Albdruck auf sie.

Als sie sich der Gesandtschaft näherten, überwand sich Liane so weit, zu Mrs. Clarence zu sagen: »Ich hoffe, Sie kommen herein und wärmen sich bei einer Tasse Tee?« Doch die Amerikanerin antwortete, daß Mrs. Pemberton sie erwarte.

»Dann werde ich Sie natürlich noch bis dorthin geleiten,« sagte Axel.

»Aber ich kann doch sehr gut allein nach Hause reiten!«

»Nein, das geht wirklich nicht,« entgegnete Axel mit lustigem Augenzwinkern, »bedenken Sie nur: eine künftige Herrscherin!«

Sie schaute ihn blinzelnd von der Seite an und frug dann, indem sie den Kopf herausfordernd hob: »Künftige Herrscherin ... von wem?«

»Doch vermutlich dieses ganzen Ländchens,« erwiderte Axel. »Unter den Einheimischen soll seit Ihrer Holzhäuserschenkung viel davon geredet werden. Nun, und was den Fürsten betrifft ...«

Sie unterbrach ihn lachend: »Oh, der Fürst ist als Mensch sehr nett. Aber an seiner Seite hier Despotin spielen? Nein, Graf Kronar, das lockte mich denn doch gar nicht auf die Länge. Wer mein Mann sein wollte, der müßte mit mir gehen und meine Angelegenheiten drüben führen – dem Wert nach bedeuten sie, sollt' ich glauben, mehr als dies ganze Fürstentum; und die Sicherheit der Stellung wär' jedenfalls größer als die eines hiesigen Herrschers von Mirojedskys Gnaden.«

Sie waren vor der Gesandtschaft angelangte Axel wollte Liane aus dem Sattel heben, doch der am Tore wartende Stallknecht hielt schon ihr Pferd, und sie hatte sich bereits allein herabgleiten lassen. »Laß Mrs. Clarence nicht warten,« sagte sie hastig zu Axel. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« tönte es von den Davonreitenden zurück.


Liane schritt rasch ins Haus. Sie hatte noch immer dies unerklärliche Gefühl, als müsse sie fliehen vor etwas Drohendem, das sie nicht sehen konnte und doch in ihrer unmittelbaren Nähe fühlte. Im Vorzimmer kam ihr Friedrich entgegen: »Der Herr Minister hat schon mehrmals nach der gnädigen Frau gefragt und läßt bitten, gleich zu ihm zu kommen.«

Sie sah ihn erstaunt an: es klang so unwahrscheinlich.–

Als sie in das Arbeitszimmer ihres Mannes trat, schritt dieser, breiter, mächtiger, wichtiger noch als sonst, auf sie zu. »Liebe Maximiliane,« sagte er feierlich, »ich gratuliere dir – ich bin zum Botschafter in Tokio ernannt.«

Sie sah ihn starr an und verstand zuerst nicht recht. »Was bist du?« frug sie.

Und er wiederholte: »Ja, ich begreife dein Erstaunen, aber es ist wirklich so – ich bin zum Botschafter in Tokio ernannt.«

Ihr war, als sause der Sturm, den sie draußen gelassen, jetzt plötzlich hier im Zimmer um sie her, und sie griff unwillkürlich nach einer Stuhllehne, denn sie fühlte, wie sie schwankte. Es brauste ihr in den Ohren: deshalb die Eile, deshalb die Eile! – Und Windeskobolde kicherten laut: wir wußten es längst!

»Nun, du stehst ja da und findest kein Wort,« sagte Herr von Linteloe. »Du glaubst es wohl am Ende nicht?« Er nahm ein Blatt vom Schreibtisch und hielt es ihr hin: »Da lies! Es ist die Dechiffrierung des Telegramms – es kam vorhin an, während du aus warst.«

Und die hämischen Luftgeister höhnten ihr in die Ohren: Ja, weises Menschlein, jetzt kannst du es auch lesen; wir aber erhorchten es längst draußen an den klingenden Drähten, wo du ahnungslos entlang rittst! –

Herr von Linteloe war so ganz selbstgefälliger Wichtigtuerei voll, daß er es nicht weiter beachtete, wie verstört Liane noch immer dastand. Die Hände auf dem Rücken ging er mit wuchtigen Schritten auf und ab. »Ja, ja,« sagte er, »das haben wir fein gedeichselt! Und wacker geholfen hast du dabei, Maxichen, – hätte es dir gar nicht zugetraut. – Hindermeyer war ja ganz vernarrt in dich, und dem haben wir's sicher mit zu verdanken. Jetzt siehst du wohl ein, wie weise es war, daß ich dich damals nicht zu der dummen Chrysanthemumpartie fahren ließ?« – Er schmunzelte pfiffig. »Und das Schönste ist: wie wird sich mancher ärgern, der schon dachte, ich sei kalt gestellt und solle hier verschimmeln. Nee, nee, Kinderchen! Das wahre Leben geht überhaupt erst los! Jetzt kommt meine Zeit.« – Er war völlig selbstzufrieden. Da durfte nun auch etwas Gutes für Liane abfallen, und er wandte sich gönnerhaft zu ihr: »Für dich, Maxichen, freut's mich erst recht. Ich hab' ja oft gemerkt, daß du hier zu allem die Nase rümpftest – na, im Grunde hattest du ja Recht damit, denn was hat eine Frau wie du hier überhaupt vom Leben? Aber jetzt! jetzt kommst du gerade auf den Platz, wo du hingehörst.« – Und dann, nach einem Augenblick des Sinnens, fuhr er fort: »Ich sehe übrigens Tokio nur als einen Übergang an. Wir müssen unser Augenmerk von jetzt ab auf Washington richten. – Wird sich vielleicht gerade von Tokio aus gut fingern lassen.« –

In seinem Auf- und Abschreiten war er nun wieder an die Tür gekommen, neben der Liane noch immer regungslos stand. Er pflanzte sich vor sie hin und betrachtete ihre schmale, biegsame Gestalt in dem enganliegenden Reitkleid, ihr Haar, das vom Winde etwas zerzaust war, und ihr fein geschnittenes Gesicht, das sich, nach der Kälte draußen, jetzt im warmen Zimmer zu röten begann. Sein Blick war zuerst achtlos zerstreut über sie hingeglitten, dann aber wurde er aufmerksam, blieb prüfend haften. Zum erstenmal seit Jahren achtete er auf ihr Äußeres und bemerkte erstaunt, wie hübsch sie war. Und es fiel ihm ein, daß sie zwanzig Jahre jünger als er und eigentlich seine Frau sei. Da streckte er plötzlich die breiten, etwas haarigen Hände nach ihr aus und, wie man einen lang beiseite geworfenen Gegenstand wieder aufnimmt, weil sich unerwarteterweise eine Verwendung für ihn gefunden, so ergriff er die Frau, zog sie an sich und hatte sie schmatzend geküßt, ehe sie noch wußte, was geschah! – Oh, es war doch eine famose Welt! –

»Laß mich, laß mich!« schrie Liane und wand sich ihm aus den Händen.

»Na, hab dich doch nur nicht gleich so, als ob ich ein wildfremder Mensch wäre,« polterte er in seiner gewohnten Art, aber es klang weniger rauh als sonst, denn er war eben doch vor einer Stunde Botschafter geworden und fühlte sich infolgedessen so sieghaft, daß ihn heute nichts auf lange verstimmen konnte. »Du hast mir ja noch gar nicht gesagt, daß du dich freust, Maxichen! Da, komm her und gratuliere mir, Frau Botschafterin!« Er sagte es mit dem Ton, in dem man zu einem Hunde spricht, der apportieren soll.

Sie starrte ihn entsetzt an, nur nach der einen Möglichkeit spähend, an ihm vorbei und an die Türe zu gelangen. Im selben Augenblick wurde geklopft, und der Kanzleidiener trat ein. Er brachte eine Depesche. Linteloe riß sie auf: »Ach, die ist eigentlich an dich.« Und er las lachend vor: »Der schönsten Frau und Botschafterin möchte als Erster aufrichtig gratulieren der getreue Hindermeyer. – Ja, Maxichen, ich kann nur wiederholen: das hast du fein gemacht.«

Der Kanzleidiener, der wartend stehen geblieben war, meldete nun: »Ich habe die Herren von der Kanzlei geholt, sie sind unten. Auch Herr Legationsrat von Stramm ist da.«

»Bitten Sie die Herrn heraufzukommen,« sagte Linteloe und wandte sich dann mit der Amtsmiene an Liane: »Bitte, laß uns jetzt. Ich habe Telegramme zu schreiben und will Stramm zum Hofmarschall schicken, um dem Fürsten Mitteilung zu machen. Nachher wollen wir unsere Dispositionen treffen. Ich soll mich nämlich sofort zu Hause melden, da werden wir am besten schon morgen mit dem Nachmittagsexpreß fahren. Zur Abschiedsaudienz muß ich natürlich noch mal hierher zurück ... und um alles, aufzulösen ... Packer bestell' ich gleich telegraphisch bei Knauer ... na, das besprechen wir alles ...«

Liane rannte in ihr Zimmer, stürzte keuchend an den Schreibtisch und schrieb, ohne sich auch nur zu setzen, mit zitternder Hand auf einen Zettel: »L. ist nach Tokio ernannt – ich komme sogleich zu Dir – muß Dich sofort sprechen.« Sie klingelte, steckte den Zettel in ein Kuvert und gab es dem eintretenden Diener: »Bringen Sie das sofort hinüber zu Herrn Grafen Kronar, aber schnell, schnell! und kommen Sie gleich zurück und sagen Sie mir, ob der Herr Graf wieder zu Hause ist.«

Dann schloß sie sich ein, erfüllt von dem ganz neuen Entsetzen, daß ihr Mann ihr nachkommen könnte, und wartete bebend.

Nach wenigen Minuten war der Diener zurück.

»Nun?« frug sie atemlos.

»Der Herr Graf ist zu Hause, ich habe ihm den Brief selbst gegeben.«

Sie lief an ihm vorbei, die Treppe hinunter und durch den Garten nach Axels Haus. – Der Diener schaute ihr kopfschüttelnd nach: »Na, wenn das alles nicht noch mal schlecht endet ...«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.