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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Am nächsten Morgen brachte das Regierungsblatt an erster Stelle die Nachricht, daß eine hochherzige Fremde, Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota, U.S.A., dem Lande die für die Arbeiter benötigten Holzhäuser geschenkt habe. Weiter hieß es: »Wir sprechen an dieser Stelle der edlen Frau den tiefgefühlten Dank nicht nur der Regierung, sondern des gesamten Volkes aus. Seine Hoheit der Despot Urosch XXV. wird sich heute zum gleichen Zweck persönlich auf die amerikanische Gesandtschaft begeben.« Und dann fügte das Blatt hinzu, mit der glücklichen Unverfrorenheit aller offiziellen Blätter und ihrem seltsamen Glauben an Blindheit, Taubheit und Gedächtnisschwäche der Welt, da wo ihnen diese Eigenschaften wünschenswert scheinen: »Wir möchten hierbei bemerken, daß alle anders lautenden Nachrichten über die Lieferung besagter Holzhäuser, die während der letzten Tage in der Hauptstadt kursiert haben, auf völlig freier Erfindung beruhen.«

Oki Abunai versuchte zwar sofort bei Lazarewitsch Vorstellungen zu erheben, aber sie konnten naturgemäß nur matt sein. Mirojedsky begnügte sich damit, in schmelzendster Stimme giftige Bemerkungen zu machen über »diese Bettler, die sich von Parvenüs beschenken ließen«. Und damit war er einmal in seinem Leben, ohne es zu wissen, in vollem Einklang mit Hans Hadubrands innerster, aber wohl verschwiegener Meinung.

Von allen Beteiligten am schmerzlichsten getroffen war Holst. Da er Axel gegenüber noch eine gewisse kühle Zurückhaltung beobachtete, war es Agathokles Troll, dem er in der Kanzlei seinen Kummer anvertraute. »Ja, lieber Hofrat,« sagte er seufzend, » oleum et operam perdidi, aber es ist nun mal so, bonus vii semper tiro. Jetzt heißt es eben factum illud, fieri infectum non potest. Und es muß still getragen werden, denn levius fit patentia quicquid corrigere est nefas. Aber gealtert bin ich an dieser Sache, lieber Hofrat, und muß leider gestehen: non sum qualis eram, sondern fühle gar sehr: quid valeant humeri, quid ferre recusent. Und dieser Mißerfolg wird mich bis zum Ende wurmen, so sehr, daß ich beim Sterben mehr mortem donatam quam vitam eraptam empfinden werde. Nur der Gedanke gewährt mir einigen Trost, daß man auch von mir einst sagen wird: magnis tamen excidit ausis

Agathokles Troll, der, in die Reisedecke gewickelt, auf dem Piedestal erhitzter Backsteine thronte, hörte geduldig zu, ohne allzuviel zu verstehen, denn sein Latein war, trotz des in dieser Hinsicht so auffrischenden Verkehrs mit Holst, stark eingerostet. Aber das begriff er wohl, daß der dickleibige Aktenstoß, der die Aufschrift »Holzhäuser« trug, sich raschem Ende näherte. Die Ankunft des amerikanischen Geschenks würde man, wehen Herzens, noch nach Hause melden müssen, vielleicht die Genugtuung erleben, daß an diesem, wie an vielen Geschenken des privaten und Staatenlebens, nachträglich Aussetzungen gemacht wurden, – und dann konnte man das große Aktenbündel abschließen und es, zu hoffentlich endgültiger Ruhe, in einen Schrank der Katakomben für tote Akten betten. – Agathokles Troll empfand bei diesem Gedanken tiefe Genugtuung.

Neben Holsts offensichtlicher Trauer erschienen seine beiden Mitbewerber beinah vergnügt. Für Pemberton bedeutete die Lösung der Frage ja tatsächlich einen amerikanischen Sieg – wenn auch in anderer Form, als er ihn sich ursprünglich gedacht – und Känzli trug die Enttäuschung fest und unerschütterlich, wie seine heimatlichen Berge einen gelegentlichen Schneefall.

Für die Unbeteiligten gar war es alles, seitdem die Katastrophengefahr ja endgültig vorüber, nur belustigendes Schauspiel und abwechslungsreicher Berichtstoff.

Aschir Pascha führte Mrs. Anderson durch die erregte Stadt. An die Zeiten zurückdenkend, wo von droben auf der Festung türkische Statthalter das Land beherrscht hatten, sagte er: »Das ist nun eines der Völker, die stets nach mehr Freiheit, nach Gebietserweiterungen und sogenannter Erlösung unterjochter Stammesgenossen schreien, – und was wir hier sehen und erleben, ist ein kleines Beispiel dessen, was sie aus dem machen, das sie bereits besitzen. Mich erinnern solche Völker immer an die Menschen, die schon mit diesem Leben nichts Rechtes anzufangen wissen und dabei durchaus auf ein ewiges prätendieren.«

Der Fürst, mit Lazarewitsch und großem Gefolge von seinem Dankesbesuch bei Mrs. Clarence zurückfahrend, begegnete ihnen. Er wurde von der wogenden Menge umjubelt. Die Popularität der schönen Fremden hatte sich plötzlich auf ihn erstreckt. Die gestern noch ausgestoßenen Beschimpfungen vergessen. Jetzt schallende Hochrufe ihm nach. Und laute Wünsche: er solle die reiche Frau zur Fürstin nehmen! – Ein neuer Götze war gefunden, der, für den Augenblick wenigstens, sogar Mütterchen Rußland verdrängte.

Und Hans Hadubrand, korrekt für die Ovationen dankend, ward trauernd inne, daß er tiefen Ekel und Widerwillen vor denen empfand, die zu beglücken er gekommen. – Zwischen sich und den Massen, da hatte er ja keine Distanz gewollt. Denen war sein ganzes Herz entgegengeflogen. Für Jeden unter ihnen wollte er da sein, zu jeder Stunde, in jeder Not. Und nun war die Distanz doch da. Unüberbrückbar. Riesengroß. Durch das unabänderliche Wesen der Masse selbst bedingt. – Volk? – Ein vieltausendköpfiges Ungetüm, und jedes dieser Tausende von Gehirnen immer nur eingerichtet, um stets von neuem durch eine Lüge betrogen, durch einen Wahn betört zu werden. Ohren, die nie den Klang der Wahrheit unterschieden; Augen, die nie die Wirklichkeit zu sehen vermochten; Mäuler, die aus gleicher Verblendung jauchzten oder schmähten. – Arme! Arme! – und auch – ewige Selbstfopper! – ewige Narren! –


Liane hatte Axel seit seiner Rückkehr kaum gesehen und noch gar nicht allein gesprochen. Die Chrysanthemen brachte er nicht. Hatte sie wohl vergessen. Eine Geringfügigkeit, aber dennoch – wie sehr schmerzte es sie! – Daß Mrs. Clarence ihn auf dem Ausflug ganz auffallend ausgezeichnet hatte, hörte sie aus den Bemerkungen der anderen wohl heraus. Nun ja, sie drängte sich ihm eben auf! – Und begreiflich war es schließlich, wenn die Avancen dieser so plötzlich zum Volksidol Gewordenen, von allen Umworbenen, ihm schmeichelten. Etwas anderes konnte, wollte sie nicht glauben. Nicht gewahren, was Hellsichtigeren, wie Mrs. Anderson, doch längst offenkundig: daß das Machtgefühl über sie, das er Liebe genannt hatte, ihn nicht mehr reizte, weil allzu sehr erprobt. Für ihn suchte und fand Liane stets Entschuldigungen, verklärte ihn unwillkürlich immer wieder vor sich selbst. Und dabei half ihr, ohne daß sie es wußte, das Wertvollste ihres eigenen Wesens, ein bißchen ungenutzte Mütterlichkeit, die, ihr selbst unbekannt, in ihrem Herzen herangereift war und es jetzt so stimmte, daß, wenn Axel die Saite des Schmerzes berührte, die des Verzeihens alsobald miterklang. – Ihm gegenüber konnte sie gar nicht anders. Da war nichts in ihr als Liebe und Süße.

Aber vielleicht grade weil sie für Axel so sehr all' ihrer Milde bedurfte, ward sie allem anderen gegenüber jetzt um so schroffer. Widerwillen, Ekel erfüllten sie, wenn sie an all das dachte, was sich während dieser Tage hier abgespielt hatte. Sie überbot noch Mirojedsky an bitter höhnischen Worten über den Tanz ums goldene Kalb, den die ganze Stadt, ja auch die Fremden, um diese Frau aufführten. Und gegen die Frau selbst, da erwuchsen in ihrem Innern dem Haß und Neid so verwandte Gefühle, daß sie manchmal darob schauderte. Wo geriet sie nur hin? – Sie fühlte sich gegen diese Eine auf Erden zu Dingen fähig, die sie sich nie zugetraut.

»Man wird noch böse, böse,« sagte sie finster zu Mrs. Anderson, die oft zu ihr kam. Sie hatte sich nie deutlich mit ihr ausgesprochen und fühlte doch, daß die ältere Frau alles wußte und verstand. Und Mrs. Anderson antwortete: »Böse kann nur werden, wer noch etwas für sich will. Er ist es dadurch eigentlich schon.«

»Aber wenn alles Wollen nur ein Liebenwollen ist, kann das denn böse sein?« frug Liane.

»In jede Liebe zu einem Einzelnen mischt sich doch auch Eigenliebe,« antwortete Mrs. Anderson. »Liebten wir wirklich, so müßten wir, den wir lieben, lächelnd in den Sarg betten können, wo er allem Erdenleid entrückt wäre. Und ebenso müßten wir ihn lächelnd in den Armen einer anderen sehen können, wenn das ihm Glück bedeutete.«

»Aber das wäre dann doch nimmermehr Liebe!« rief Liane.

»Das wäre Liebe, die sich zu reiner Güte gewandelt hat,« sagte Mrs. Anderson, »und das ist das Höchste, was wir Menschen zu erreichen vermögen.«

Doch zu schwer dünkte Liane noch diese Lehre. Es war ihr, als ob Hoffnungslosigkeit wie ein graues Ungetüm an ihr heraufkröche und sie mit schweren Tatzen niederdrückte. Das konnte doch nicht von ihr gefordert werden? Ach, wie viel leichter: nicht leben, als leben in solchem Verzicht. – Dann, nachdem Mrs. Anderson gegangen, ergriff sie eine plötzliche Unrast. Sie wollte sich zu Ruhe zwingen. Aber sie konnte nicht still sitzen. Und was nutzte auch das tägliche, stündliche Warten zu Hause? Das Beben bei jedem Geräusch im Flur? Das Lauschen, ob die eine geliebte Stimme ertönte? – Er kam ja doch nicht. – Und so lief sie hinaus in die herbstliche Welt! –

Nebel umfing sie. Von den beiden Flüssen sich erhebend kroch er durch die Straßen. Sie stieg hinauf zur alten Festung.

Oben war es weltentrückter noch als sonst. Die Ebene, die Stadt, die ganze übrige Welt lag geborgen unter einer dichten Schicht weißlichen Dunstes. Einsam war es wie über den Wolken.

Doch auch Hans Hadubrand, von Mulicke gefolgt, hatte es dort hinaufgetrieben. Er und Liane waren sich seit seinem Geburtstag nicht mehr begegnet. Es war nur einige Monate her, aber als sie sich nun plötzlich gegenüberstanden, dünkte es sie doch beide, als kehrten sie nach weiter, weiter Reise hierher zurück. Unwillkürlich hatten ihre Blicke etwas Fragendes: wie war der Weg während dieser verflossenen Monde? – Und konnten es sich doch beide so ungefähr von einander vorstellen. Sie, weil seine Erlebnisse dieser Zeit ja offenkundig vor aller Augen lagen; er, weil ihm, was sie betraf, eine schmerzende Hellsicht eigen war. Er hatte während des Sommers oftmals ihr Bild heraufbeschworen, wie sie an seinem Geburtstag gestrahlt, wünschend, daß ihr beschieden sein möge, lang so zu bleiben. Aber er fürchtete für sie, weil er den kannte, den sie zum Gefährten erkoren hatte.– Und nun sah er sie wieder. Und da war etwas Wehes. Aber nicht mehr das Weh um Unerlebtes, das er einst an ihr gekannt. Ein anderer Zug heute. Konnte es Angst sein? Angst vor nahendem Erleben? –

Sie gingen in den einstmaligen Laufgräben auf und nieder. Es war kalt. Der Nebel stieg, sandte schon Schwaden hinauf zum alten Festungsgemäuer. Die Umrisse der Dinge verschwammen. Sie sprachen über die letzten Ereignisse. »Es waren häßliche Tage und schwere für Eure Hoheit,« sagte sie. Und er antwortete: »Häßlich, ja, da haben Sie wahrlich Recht; und schwer hauptsächlich deshalb, weil man so ganz allein, so verkannt ist, niemandem sagen kann, was man eigentlich gewollt.«

»Ich weih es auch ohne Worte, daß Hoheit nur Gutes gewollt.«

»Ja Sie, Sie!« Wie ein Stöhnen klang es durch den Nebel, so viel Sehnsucht und Trauer lag in seiner Stimme. Und er fühlte in diesem Augenblick wieder: das war die Eine, die alles in ihm so sehr verstanden und erraten hätte, daß aussprechen wirklich kaum nötig gewesen wäre. Doch in rasch verändertem Tone sagte er dann: »Meine Mutter kommt nächstens her. Ich glaube – sie will mich verheiraten.«

»Dann wird ja das Alleinsein aufhören,« sagte Liane mit herzlicher Wärme.

»Klingt es nicht eigentlich komisch, wenn man von einem Mann sagt: er wird verheiratet?« frug Hans Hadubrand.

Sie lächelte. »Was soll da komisch sein? Wir sagen doch: er wird geboren, er wird begraben. Was dazwischen liegt, geschieht auch nicht viel freier. Wir alle leben wohl das Leben, das wir leben mußten.«

»Mußte man denn wirklich?« frug er leise mit seltsamer Betonung. Er wußte selbst nicht, wie ihm die Worte über die Lippen gekommen. Der Nebel dämpfte ihren Schall, verschlang sie, als ob sie nie gesprochen worden.

Aber Liane hatte sie vernommen und schien sich nicht zu wundern. Sie dünkten sie klanggewordenes eigenes Grübeln. Alles schien möglich in der Gelöstheit von allem, in dem schwebenden Grau ungreifbarer und doch undurchdringlicher Scheidewände, hinter denen gewohnte Begriffe, Menschen und Hemmungen versanken. Und wie im Traume, wo alles aussprechbar, antwortete sie: »Ich glaube, es war so: man wollte nicht, aber man mußte – und da man mußte, wollte man auch.« – – – Und da entsann sie sich plötzlich, wie sie, mit diesen selben Worten auf den Lippen und weißen Rosen in der Hand, durch nächtlichen Garten zu Axel geschritten war. – War es der Richtige, zu dem sie damals gegangen? Sie hatte sich das noch nie gefragt. Warum nur jetzt? Kam es vom Nebel, der, alles ausschaltend, sonnenscheuen Gedanken eine Einsamkeit schuf, wo sie haltlos wie graue Gespenster auftauchen durften? –

Und auch auf des Fürsten Lippen drängte sich wieder eine Frage an die schattenhafte Frau, die neben ihm schritt: Hat das Wollen, das ein Müssen war, denn wenigstens Glück gebracht? – Doch diesmal sprach er die Frage nicht aus. Fürchtete die Antwort.

Sie gingen voneinander.

In der Stadt kam es über Liane wie ein Erwachen. Heller war es hier. Die Laternen leuchteten jetzt durch den Nebel. Wieder erfaßte sie Unruhe, als versäume sie irgend etwas. Sie eilte heim. Rannte beinah. Und wirklich, als sie schon dicht an ihrer Haustür war, trat Axel aus ihr heraus auf die Straße. Beinah hätte sie ihn verfehlt! Aber nun sah sie ihn doch noch. Und er hatte also zu ihr kommen wollen? Dann war ja alles gut! Plötzliche Freude erfüllte sie. Jedes andere Gefühl war vergessen. – Und hastig, noch halb außer Atem, begann sie, als müsse sie sich entschuldigen: »Ich war etwas ausgegangen, Axel – wenn ich nur gewußt hätte, dann wär' ich zu Hause geblieben – oben auf der Festung bin ich gewesen – und dann traf ich den Fürsten – das hat mich aufgehalten.«

»So, so, den Fürsten,« sagte er etwas spöttisch.

»Aber du wolltest zu mir,« fuhr sie fort, »willst du nicht hereinkommen?«

»Nein, unmöglich,« sagte er rasch, »es ist spät geworden ... und ... ich habe noch eine Verabredung ... Ich kam ... man sieht sich jetzt so selten –«

»Das ist freilich wahr, Axel,« unterbrach sie ihn, »aber ich bin immer da für dich, wann du willst! Daran kannst du doch nicht zweifeln?«

Er antwortete nicht auf ihre Zwischenfrage. Als habe er sie gar nicht gehört, fuhr er fort mit beginnender Ungeduld: »Also ich kam, um zu fragen, ob wir vielleicht morgen nachmittag noch mal zusammen ausreiten wollen. Es wird ja schon kalt, man muß die paar Tage noch wahrnehmen. Paßt es dir?«

»O Axel, wie sollte es mir denn nicht passen!« »Na, dann auf Wiedersehen morgen ... ich muß mich eilen.« Flüchtig beugte er sich über ihre Hand und war in der Dunkelheit verschwunden. –

Aber in ihr ließ er helle Freude zurück. Oder redete sie es sich nur ein? –

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