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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Nach des Fürsten Geburtstag begann der alljährliche Sommerauszug.

Als erste hatte die schöne Mrs. Clarence am Morgen nach dem Hofball die Stadt an den zwei Strömen verlassen. Aber die große Brücke entführte sie der Zug den Blicken ihrer vielen Bewunderer. An anderen Ufern würde sie die ihr gewohnte Rolle der Eroberin weiter spielen.

Und auch andere Akteure verließen mählich die Residenz. Die turbulente Omladina war vertagt worden, und die Abgeordneten ländlicher Bezirke saßen wieder in ihren heimischen Dörfern und entlegenen Höfen, zwischen Feldern, wo der Mais emporschoß, Melonen anschwollen und die vielen, vielen Pflaumen reiften.

Nun konnte auch die Regierung feiern. Die Familien Wukowitsch und Lazarewitsch hatten noch rasch die Verlobung Ljubitzas und Miloschs bekannt gegeben, dann waren die beiden Väter, wie die übrigen Minister, in ausländische Bäder gereist, um Karlsbader Sprudel oder andre Quellen zu gebrauchen, die der erregten Galle wohltun. Die Familien all dieser Herrn blieben unterdessen daheim, versteckt hinter den geschlossenen Fensterläden ihrer Stadtwohnungen, oder sie zogen hinaus in die Weinberge, wo einige von ihnen kleine Sommerhäuser besaßen. – Die Geschäfte wurden währenddessen von den Unterstaatssekretären geführt. Gar zu gern hätten sie emsig schürend gewirkt, aber es war ihnen aufs strengste eingeschärft worden, alle etwa auftauchenden Fragen dilatorisch zu behandeln. Die unheimlichen Gestalten, die sonst, als Erscheinungen aus einer Welt dunkler Umtriebe, durch die Gänge der Ministerien zu schleichen pflegten, waren zeitweilig verschwunden, untergetaucht in unbekannte Tiefen, wo sie, leise wühlend, künftige Gelegenheiten vorbereiteten.

Urosch der Fünfundzwanzigste hätte gern auch einige Wochen wirklicher Ferien gehabt, um, fern von seinem ihm so fremden und unverständlichen Reiche, wieder einmal als Hans Hadubrand, in den lieben alten Wäldern Rattenburgs und den wohlbekannten Feldern um Gnadenhausen, Rehböcke und Rebhühner zu schießen. Aber auf eine briefliche Andeutung dieses Wunsches hatte die Herzogin Mutter geantwortet, Reisefürsten gebe es mehr als genug aus der Welt, Urosch habe vor allem im eigenen Lande zu bleiben, er möge sich in einen der dortigen schwer zugänglichen Gebirgsbadeorte begeben, um die Aufmerksamkeit des großen Publikums auf diese Schwefelquellen und die durch ihre rationellere Ausbeutung möglichen Einnahmen zu lenken. Hans Hadubrand hatte beim Lesen des mütterlichen Briefes unwillkürlich die Hacken zusammengenommen, und dann war Urosch der Fünfundzwanzigste auf schwierigen Saumpfaden nach Andronikowice gezogen. Dort ließ er, in primitivsten Holzwannen, die erfreulich gesunden jungen Glieder von den bläulichen Fluten der heißen kohlensauren Schwefelquelle umsprudeln.

So war es denn ganz still geworden in der Hauptstadt, über der die schwüle Hitze brütete.

Auch die Diplomaten, die niemand mehr vor sich hatten, bei dem sie etwas erreichen oder über den sie etwas berichten konnten, waren einer nach dem anderen abgereist. Pigeonniers und Vercoeur brachen, als erste nach den Amerikanern, auf und sandten den Zurückbleibenden Postkartengrüße aus Trouville, wo die beiden Herrn, in identischen modernsten Badekostümen, vor den vergleichenden Blicken Madame Pigeonniers in den Wellen plätscherten. Währenddessen erstieg Känzli die steilsten heimatlichen Bergspitzen, die so viel leichter zu erreichen waren als der kleinste diplomatisch-industrielle Erfolg, und die Inseparables trachteten danach, etwas fliehende Jugend in Gastein zu erhaschen. Die Marquesa de los Toros war, stöhnend ob der Anstrengung, in kurzen Etappen nach San Sebastian gefahren. »Mein Mann will durchaus, daß wir uns dort bei Hof in Erinnerung bringen,« hatte sie vor der Abreise Madame Aschir-Pascha anvertraut, »aber es wird recht ermüdend werden – man ist dort so sportiv geworden. Ich beneide Sie um das stille Leben, das Sie diesen Sommer führen dürfen!« – Madame Aschir, die ihres Mannes Urlaub in der strengen Haremsabgeschlossenheit seines Hauses am Bosporus verbringen sollte, hatte dem neidend zugehört, worüber die andere klagte. Sehen und gesehen werden schwebte ihr als unerreichbares Lebensziel vor; sie war aber viel zu orientalisch-zurückhaltend, um Klagen ob der Beschränkungen ihres Loses verlauten zu lassen. Und diesmal würde sie ja eine große Zerstreuung selbst mit sich bringen, denn Mrs. Anderson hatte sich entschlossen, ihre türkischen Freunde zu begleiten, um an Ort und Stelle Studien über die Lebensbedingungen mohammedanischer Frauen zu treiben.

Erstaunen erregte in der kleinen diplomatischen Gesellschaft Oki Abunais Reiseziel: er erklärte, mit seiner schmächtigen Frau auch nach Andronikowice zu wollen. »Sie müssen despotentoll sein, liebster Abunai!« neckte man ihn, aber er erwiderte, grade dieser gebirgige Badeort würde ihn sicher an die Schwefelbäder seiner fernen Heimat erinnern. »Ob er etwa mit Urosch dem Fünfundzwanzigsten dort eine Allianz abschließen will?« frug man lachend untereinander; denn tätigkeitsdurstigen Geschäftsträgern sei nie recht zu trauen – und nun gar einem japanischen! –

Alle Abreisenden wurden von den lieben Kollegen an den Bahnhof begleitet, denn das gehörte so zur Sitte, und es brachte auch etwas Abwechslung in die immer monotoner werdenden Sommertage. Die häßliche graue Bahnhofshalle wurde dann jedesmal für einige Minuten von den lichten Kleidern und hellen Hüten der Damen erfüllt. Man schaute neugierig in die Eisenbahnzüge, die vom großen orientalischen Reiche kamen. Bisweilen enthielten sie Bekannte, mit denen man sich rasch begrüßte, bisweilen auch ließen geöffnete Waggontüren schönäugige fremde Frauen erblicken, die den Schleier hier schon weniger streng trugen als daheim. Aus ihren Abteilen strömte ein seltsam beklemmender Duft, wunderliche Traumbilder suggerierend: Rosenöl, Weihrauch, Jasmin und alle geheimnisvollen Narden des Orients mischten sich da mit dem Geruch türkischen Kaffees, blonden Tabaks und alter seidig-glatter Gebetsteppiche. – Ein Durcheinander von Stimmen ging hin und her. In den verschiedensten Sprachen tönten all die kleinen törichten Redensarten, die bei solchen Abreisen üblich sind. – Hatte sich dann der Zug fauchend in Bewegung gesetzt, langsam der großen, zwei Länder verbindenden Brücke zurollend, so winkten ihm die Zurückbleibenden nach und sagten sich tröstend: »Nächstens ist an uns die Reihe.«

Nur Linteloe wollte, wie alle Jahre, erst im Dezember Urlaub nehmen. Denn dann war er sicher, »zu Hause von den richtigen Leuten gesehen zu werden«, machte in der heimatlichen Residenz die Neujahrsgratulation, die Cour und die Hofbälle in militärischer Uniform mit und ließ sich von den allerhöchsten Gnaden-Sonnen und Sönnchen bestrahlen. Liane mußte ihn natürlich begleiten, denn eine Ehe, gegen die sich äußerlich nichts einwenden ließ, gehörte für einen Mann, der Karriere machen wollte, zu den allererforderlichsten Requisiten. Er erhob da auch nie Einsprache gegen die Höhe der Schneiderrechnungen seiner Frau: Courschleppen, Hofballkleider, das waren Geschäftsspesen, Ausgaben, die in seinem Dienst gemacht wurden und seinem Ansehen zugute kamen. – Die Sommer verbrachte er dafür nominell auf seinem Posten, in Wirklichkeit aber mehr in der großen Stadt der Nachbarmonarchie, wohin er seine Inkognitoausflüge möglichst häufte. Wie Liane während seiner vielen Abwesenheiten die Zeit verbringen mochte, hatte ihm nie Gedanken gemacht.

Früher hatte es ihr gegraut vor derartigen Sommern, bei denen sie nie gewußt, was beklemmender war: die Länge, die die Tage morgens früh zu haben schienen, oder ihr rasches, inhaltloses Vergehen, dessen man abends inne wurde. Aber das war jetzt ja alles verändert. Jede Sekunde war lebenswert geworden. Sie freute sich über die Abreisen der anderen und die zunehmende Stille, in der die ganze Welt einzuschlafen schien und wo nur sie und Axel miteinander wachen würden. Das Dasein war ihr zu jener verschwiegenen Glücksinsel geworden, von der Axel einst gesprochen, und sie sehnte sich, in dieses Wunderreichs geheimste Winkel und Wonnemöglichkeiten ganz zu versinken. Sie ließ sich dabei völlig von instinktiven Gefühlen leiten, lebte und liebte und dachte so wenig über die Dauer solchen Glückes nach, wie Neugeborene über des Lebens Länge grübeln. –

Als letzter der Gesandten reiste Holst ab. Beinah widerwillig. » Deus nobis haec otia fecit,« sagte er zwar, aber ohne Dankbarkeit für diese von Gott geschaffene Muße. Ja, wenn der große Holzhäuserwettstreit vor diesem Urlaub beendet worden und er als Erringer, wenigstens eines Teiles des Auftrags, hätte abreisen können – das wäre eine andere Heimkehr geworden! Belobt und dankbar verehrt von der heimischen Industrie, würde er dann die wohlverdienten Erholungswochen zu Hause verbracht haben. Aber so! – Zu ärgerlich war diese Verschiebung. Freilich ging es den übrigen Bewerbern nicht besser, und Holst seufzte denn auch: » Solamen miseris socios habuisse malorum«, aber er empfand diesen Trost als gering.

Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die zurückbleibenden Mitglieder der Gesandtschaft, als der Zug, der den Chef entführte, endlich über die Brücke davonrollte. Nun würde man ein paar Monate Ruhe haben, dachten sowohl der Hofrat wie seine zwei Gehilfen. Denn in Agathokles Troll hatte sich während der letzten Zeit die gute Meinung noch verstärkt, daß Axel keiner derjenigen Geschäftsträger sein werde, die die Akten vermehren und danach trachten, sich durch Berichterstattung hervorzutun. Und die beiden jungen Hilfsschreiber waren in ihren ersten Eindrücken ebenfalls bestärkt worden. Hatten so mancherlei beobachtet: Wie zierlich waren doch die Fußspuren, die sich bisweilen auf dem Weg zu Graf Kronars Häuschen fanden! Er war wirklich einer wie der Maat von der »Königin Hella«! –

Ja, manchesmal liefen die kleinen Füße auf verstohlenem Pfad, manchesmal öffnete sich die kleine Tür zwischen den beiden Gärten. Und konnte sie ihn nicht sehen, so wurden Briefe zu ihm hinübergetragen. Sie zauberte sich seine Nähe vor, indem sie ihm schrieb, glaubte immer so viel Neues zu haben, das sie ihm sagen müsse. Und es war doch immer dasselbe. Liebe, Liebe, die die ganze Welt plötzlich mit neuen Augen sieht, die wähnt, Seligkeit auf Erden gefunden zu haben:

»Alles um mich her ist verwandelt! Kaum kann ich glauben, daß es dieselbe Stadt geblieben, in der ich Jahre verlebt, ehe Du kamst. Du hast alles verklärt, und überall ist jetzt Schönheit, die mir bisher verborgen, denn Du hast meinen Ohren befohlen: ›hört!‹ und zu meinen Augen hast Du gesprochen: ›seht‹ – Klang und Licht sind um mich geworden, die Öde hast Du gefüllt und meine Armut in Reichtum gewandelt.

»Mit den unsichtbaren Fühlfäden der Sehnsucht, die von jedem Menschen ausgehen und mit denen wir nach Verwandtem tasten, habe ich unbewußt wohl immer schon zu Dir gestrebt. Wie die Bäume tief im Erdreich ihre Wurzeln nach der Richtung strecken, wo sie guten Boden spüren, so habe ich Dich geahnt und gesucht. Seit ich Dich gefunden, kenne ich mich erst selbst und fühle mich werden zu dem, das verborgen in mir lag. Du gabst mir alles, denn Du gabst mir das Leben, erst durch Dich kenne ich es. Du bist der Erste, der Einzige, der mich geliebt. Du hast mich geschaffen: denn wer liebt, ist ein Schöpfer – sieh, ich bin Dein Werk. – – Doppeltes Wesen hast Du mir, Deinem Geschöpfe, verliehen, denn oft braust und sprudelt es in mir von wonniger Lebenslust, daß ich Dir zujauchzen möchte: ›halte mich stolz in die Höhe und laß die Sonne mich strahlend bescheinen, denn ich bin ein topazener Becher voll schäumenden Trankes der Liebe!‹ Manchmal aber ist mir bang um all mein Glück, dann möchte ich zu Dir flehen: ›halte mich zärtlich und sanft im schmelzenden Scheine des Mondes, denn ich bin ein opalener Kelch, drin tausend Tränen ruhen.‹ – Ehe ich Dich kannte, wußte ich nichts von dieser überquellenden Lebensfreude, ehe ich Dich kannte, besaß ich nichts, das zu verlieren ich bangen konnte.« –

Sie hätte ihm Stunde auf Stunde weiter schreiben mögen. War ja so sicher, daß er sehnsüchtig danach verlange, daß auf alles, was sie empfand, auch die Antwort in ihm töne.

Der wirkliche Axel empfand es seinerseits als höchst reizvoll, diesen Sommer, der sonst recht öd und langweilig geworden wäre, in Gesellschaft einer so anmutigen Frau zu verleben, die ihn anbetete. Denn die Tatsache, daß er Liane leidenschaftlich begehrt und alles daran gesetzt hatte, sie zu erringen, verblaßte ganz allmählich in seinem Bewußtsein vor der so viel greifbareren ihrer grenzenlosen Hingebung.

Ein süß bezauberndes Erlebnis auf der Lebensreise, eine seltsam interessante Erfahrung war diese ihre Liebe zu ihm! – Beglückend schmeichelhaft, von einer so reizenden, eleganten und sicher oft heiß umworbenen Frau dies Absolute des Gefühls zu empfangen. Diese Schrankenlosigkeit hätte er ihr eigentlich nicht zugetraut. Es war eine Offenbarung. Eine Erweiterung der Sammlung menschlicher Dokumente, die sich allmählich im Leben bildet. Man lernte doch nie aus! – Aber ... wie mochte ihr Leben denn vor ihm gewesen sein?

Er begann über sie nachzusinnen.

So kam es wohl, daß bisweilen, wenn sie am verzücktesten war, er immer noch fern, unerreichbar blieb. Ihr und sein eigener Beobachter. Wie bisher stets, so auch hier. Denn so oft und gern er auch schon in dem Stücke mitgespielt, das ihn am reizvollsten dünkte, wenn es ein feines prickelndes Salonstück blieb, so hatte er sich doch nie ganz in der Rolle vergessen. War immer er selbst geblieben. Und vielleicht war es gerade dieses Selbstsein, was manche Frauen gereizt und angezogen hatte.

Ein bißchen exaltiert dünkte ihn Liane wohl bisweilen. Solche Grade des Gefühls, für einen anderen empfunden, hätte er wahrscheinlich überspannt und abgeschmackt genannt. Aber er selbst war ja ihr Gegenstand, unwillkürlich beeinflußte das im Urteil. Und man sah sich durch ihre Augen wirklich selbst auch anders. Alles wurde durch sie wie auf Flügeln zu einer höheren Ebene getragen. Karriere ward zu innerer Berufung; was sonst Prosa, plötzlich Poesie. Nur bisweilen – ein bißchen ermüdend diese Höhenluft.

Liane ahnte nichts von seinen Betrachtungen. War zu allem Beobachten selbst zu völlig hingerissen. Und wie sie sich gab, empfand sie als so natürlich, daß sie überhaupt nicht darüber nachdachte. Ihre eigene Atmosphäre atmete sie endlich. Erlebte Vollendung. Liebte in ihm ein Bild, das in ihrem Innern entstanden, die eigene Schöpfung, an der ihre Sehnsucht seit Jahren gearbeitet hatte. Konnte ihm darum auch mit Recht sagen, daß sie ihn immer geliebt habe.


Wegen der in der Stadt zurückgebliebenen Geschäftsträger und Sekretäre hatte Liane wie allsommerlich ihren wöchentlichen Empfangsnachmittag beibehalten, bot so den Verwaisten einen Versammlungsort. Im Garten wurde Tennis und Krocket gespielt. In der Halle stand der Tisch mit Tee und kühlen Getränken. Herr von Linteloe erschien jetzt nie bei diesen Gelegenheiten. Er hatte beständig Vorwände zu allerhand Fahrten und hielt sich hauptsächlich in der Nachbarmonarchie inkognito auf, da er ja die Gesandtschaft von Stramm wohl verwaltet wußte. Liane kannte oft nicht einmal seine Adresse. Er sagte, für etwaige Notfälle wisse man sie in der Kanzlei. – Wenn Liane nun so allein ihre Gäste empfing, nur Axel zur Seite, verträumte sie sich bisweilen völlig in die Vorstellung, daß sie wirklich ganz zueinander gehörten. Verabschiedete er sich dann aber höflich korrekt vor den Augen der anderen und verließ sie mit ihnen, so kam es jedesmal wie ein schmerzliches Erwachen über sie. Ach, wenn sich doch all das, woran sie nicht denken mochte, abschütteln ließe, und daß sie beide zusammen fortkönnten, weit, weit fort! Sie empfand ein solches Verlangen danach – und überhaupt nach ihm, obschon er doch eben erst gegangen – daß sie es ihm sagen, ihm gleich schreiben mußte:

»Oftmals muß ich jetzt traumhaft schöner Gegenden gedenken, in denen ich früher geweilt. Aber allein. Meiner Vereinsamung wurde ich dort damals im tiefsten Innern bewußt durch die grenzenlose Sehnsucht, die grade all die Schönheit um mich her in mir erweckte. Denn Schönheit ist höchste Erfüllung, und wir gewahren sie zwar allein, aber zugleich fühlen wir uns arm vor ihr. Schönheit und Liebe gehören zusammen: die schönsten Punkte der Erde sollten wir nur sehen mit dem Einen, dem Liebsten.

»Und so wünsche ich jetzt oft, ich könnte mit Dir, als eine durch Dich Reiche, wiederkehren zu jenen herrlichsten Stätten der Erde, daß äußere Schönheit unser Glück noch steigere. Denn unsere Liebe erscheint mir wie ein köstliches Gemälde, würdig, in kunstvollem Schreine eingerahmt zu werden; sie ist gleich jenen schönen Venezianerinnen, die Brustolon wert schienen, daß er die Füße der Sessel schnitzte, auf denen sie ruhten; sie ist wie ein süßer Zaubertrank in einem Pokale, um den Gestalten von Benvenutos Hand sich im Reigen schlingen. Unsere Liebe ist auch wie eine neu gekrönte Königin, vor der Priester einen Goldteppich ausbreiten, daß sie darüber zum Allerheiligsten schreite – sie ist das Allerheiligste selbst, gefaßt in einen Strahlenkranz funkelnder Steine, das Allerheiligste, vor dem wir uns geblendet neigen.

»Vergessend möchte ich mein ganzes Leben hinter mir lassen und von starken Schwingen getragen hinausziehen mit Dir in die Weite. All die Stätten wollten wir aufsuchen, um die der Zauber liegt, den große Liebe hinterläßt.

»In den Bogengängen des Markusplatzes möchte ich mit Dir spät am Abend wandeln, wenn es ringsum still geworden ist und nur all die süßen Worte leise widerzuklingen scheinen, die dort seit Jahrhunderten geflüstert worden sind in seligem Vergessen, daß die Zeiger oben auf dem Zifferblatt der großen Uhr währenddessen unaufhörlich weiterrückten.

»Vor der Spitze des Serail möchte ich im flachen Kaik mit Dir in den Sonnenuntergang schauen. Hellgolden ist dort der ganze Himmel; wie ein blaßlila Traum steigen die Umrisse der Stadt aus den Fluten; kuppelgekrönt hebt sie sich ab von dem leuchtenden Äther, sehnsuchtsvoll streben die schlanken Minarette hinauf in flimmernde Höhen. Über den rasch dunkelnden Bosporus glitte dann unser Nachen, Geisterhänden gleich berührten uns die silbernen Fittiche der Möwen, die ruhelos über die grünen Wogen gleiten. Schon schlummern die weißen Paläste, doch in den grauen Holzhäusern glimmen hinter dem geheimnisvollen Gitterwerk der Fenster einzelne Lichtchen und glühen wie wartende Augen hinaus in die Nacht. Abendwind rauscht in den schwarzen Kronen der Pinien. Wir aber neigten uns näher hinab zum Spiegel des Wassers, und aus der Tiefe stiege zu uns ein uraltes Lied von der Meere überbrückenden Liebe Heros und Leanders.

»Viel weiter noch möcht' ich Dich führen, südliche See durchqueren, auf deren glattem Spiegel das Schiff bei nächtlicher Fahrt eine goldene Spur zeichnet. Zu dem Lande ziehen, wo die Dasein erzwingende Sonne ihre heißen Strahlen tief in den Schoß der Erde senkt und versteckteste Keime aus dem Schlummer weckt. Dort, wo Leben in immer neuer, bedrückender Fülle entstehen und vergehen, weniger Spur hinterlassend als unser Schiff auf dem Meer, dort ist das schönste Denkmal menschlicher Kunst ein Grab – das Grab, das Schah Zehan der Taj Mahal errichtete. In einer Mondnacht würden wir dorthin wallfahren, auf dem Weg, an dem die düstern Zypressen wie Reihen trauernder Wächter stehen. Langsam, voll Schauerns würden wir Hand in Hand schreiten und dann plötzlich das weiße Wunder vor uns aufsteigen sehen. Eine Schaumwelle, die im Kusse des Mondes zu Marmor erstarrte. Hätten wir nie davon gehört, noch je das Wort Taj vernommen, – wir wüßten doch gleich, daß dies Denkmal Liebe ist. Und Wahrheit der Spruch, der über dem Eingangstore steht: Wenn etwas auf Erden schön ist, so ist es dies, so ist es dies, so ist es dies!«

Axel mußte beim Lesen des Briefes lächeln. Sicher wäre es nett, mit Liane zu reisen – aber eben halt unmöglich. Denn dazu würde die Ahnungslosigkeit auch des ahnungslosesten Gatten doch nicht reichen. Höchstens war es denkbar, daß man sich vielleicht mal zufällig und sehr vorsichtig bei einem gemeinsamen Urlaub irgendwo träfe. Ja, die Schrankenlosigkeit, die sprach eben aus solchen gewagten Phantasien! – – Und welch seltsame Reiseziele Liane vorschwebten! Venedig, das ging noch, da konnte man morgens am Lido baden, und abends spielte Musik auf der Piazza, und man traf stets Bekannte. Aber Konstantinopel, eine Stadt ohne Theater und elektrisches Licht, wo man nachts in den löcherigen Straßen über kläffende Hunde stolpert und die einheimischen Frauen wie unförmige schwarze Bündel aussehen! Und gar Indien, wo man zu den wirklich guten Tigerjagden von den Maharadjas ja doch nicht eingeladen wird! – Nein, da wären ein paar Wochen in Paris oder Monte Carlo doch ganz anders lustig.

Im übrigen schmeichelte ihm der Brief, aber zugleich fühlte er sich etwas unbehaglich. Wie bisweilen schon, wenn Liane so recht in Schwung geriet. Bis zu Brustolonschen Sesseln und Cellinischen Pokalen vermochte er noch zu folgen, denn wie die meisten reichen jungen Diplomaten verfügte er über gewisse Kunst- und besonders Kunstgewerbekenntnisse und hatte die übliche Passion des Sammelns fragwürdiger Antiquitäten. Aber bei den weiteren Etappen, die das Cousinchen spielend überwand, verließ ihn der Atem. Als neu gekrönte Königin war ihm die Liebe bisher nie begegnet, und daß Liane ihr Verhältnis zu ihm gar als allerheiligst bezeichnete, erschien ihm ein neuer Beweis, welch glückliche Gabe Frauen doch besitzen, sich über die Natur der Pfade, die sie wandeln, hinwegzutäuschen.

Aber täuschten sie sich wirklich? oder taten sie nur so? – Man wurde nie recht klug daraus.

Und Axel sann weiter: Da war auch dieser seltsame Zug, daß man durchaus und bei jeder der Einzige, der Erwecker sein sollte. Darin, dachte er, gleichen sich offenbar alle Frauen. Die Marchesa von Via Larga legte großen Wert darauf, daß ich ihr das glaube, obschon ich einige meiner Vorgänger persönlich kannte; ja sogar Totette, genannt Toujoursprête, hat mir, während wir vom Moulin rouge durch das nächtliche Paris zu Maxime fuhren, im Fiaker zugeflüstert: » Chienchien chéri, t'es mon unique amour.« – Und nun – er stockte, denn es kam ihm doch etwas wie ein Sakrileg vor, ihren Namen diesen beiden anzureihen – aber es war doch so – ja, auch sie – die ja sonst himmelweit entfernt von jenen war – auch Liane liebte es, in zärtlichen Momenten oder wenn sie von der öde und Leere ihres Lebens erzählte, zu sagen, daß sie nie jemand vor ihm geliebt habe. – Warum nur? – Es klang doch so unwahrscheinlich. Man hatte ja, ehrlich gesagt, gar kein Recht, das zu erwarten. Erwartete es ja auch eigentlich nicht. Und die Leichtigkeit, mit der sich solche Dinge oftmals anbahnten, bewies ja, wie begründet es war, von gegenteiligen Voraussetzungen auszugehen. Gerade deshalb aber irritierte dies Betonen, dies Versichern. Erweckte den Verdacht: sollte man irgendwie düpiert werden?

Er lächelte jetzt stets mit höflich verschleiertem Zweifel bei solchen Gelegenheiten, vergessend, wie sehr er selbst vor wenigen Wochen Liane eine Unerweckte genannt, und daß ihn grade dies gereizt hatte. Angeborene Skepsis und anerzogenes Bestreben, nur ja weltmännisch erfahren zu sein, ließen ihn nicht an ihre absolute Wahrhaftigkeit glauben. So wenig sein Herz nachzufühlen vermochte, daß er, bei ähnlichen Worten anderer Frauen, vielleicht den letzten kläglichen Ausdruck jener großen Sehnsucht vernommen hatte, ein Leben gehabt zu haben, wo es wirklich nur einen Einzigen gegeben hätte.

Einmal war es Liane, da er so lächelte, als sähe sie auf seinen Lippen einen nie noch bemerkten, seltsam spöttischen Zug. Eine tödliche Angst ergriff sie, wie vor einem Erwachen, das zugleich Untergang sein müßte. Und sie rief: »O Axel, du kannst doch nicht etwa zweifeln? Wie solltest du nicht der Einzige sein? Es ist ja nicht möglich, daß man das zweimal erlebt – denn das Aufhören – ja, das könnte man ja gar nicht überleben.«

Es gelang ihm rasch, sie zu beruhigen. Was vermochte nicht ein bißchen Zärtlichkeit über sie! – Aber es blieb doch etwas in ihr zurück. Konnte es wirklich Dinge geben, wo sie sich nicht bis in die letzten Tiefen verstanden? –

Wenn solcher Gedanke aber einen Augenblick auftauchte, war es ihr nachher, als sei sie damit illoyal gegen ihn gewesen. Dann konnte sie sich nicht genugtun, um das wieder gut zu machen, überschüttete ihn mehr denn je mit allem, was ihre Zärtlichkeit ihr nur immer eingab.

In dieser Zeit sagte sie ihm einmal: »Ich möchte so gern, daß du mir bisweilen schriebst. Weißt du, ich dächte es mir so schön, wenn mir morgens beim Erwachen ein Brief von dir gebracht würde; noch halb im Schlummer ist ja das Denken an dich das erste, was mir das zurückkehrende Bewußtsein bringt, und bekäme ich da einen Brief von dir, so wäre es wie eine Antwort auf meine Gedanken. Ganz kühl käme er aus der frischen Morgenluft, und ich würde ihn an mich halten und küssen und wärmen – als wärst du es selbst – und dann würde ich ihn behutsam öffnen; zuerst überflöge ich die Seiten einmal ganz rasch, und dann würde ich sie langsam Wort für Wort lesen und immer wieder zu den Stellen zurückkehren, die die liebsten, süßesten wären. Nicht wahr, du schreibst mir manchmal?«

»Aber Liane, denk doch nur, wie unvorsichtig das wäre und wie viel Unheil oft aus solchen Korrespondenzen entstanden ist. Daß du mir schreibst, ist schon riskant genug; aber befinden sich deine Briefe erst mal bei mir – na, so ist da wenigstens niemand, der ein Recht hätte, hineinzuschauen, und du weißt: sie liegen wohlverschlossen in der alten Samttruhe. Es wäre aber viel gefährlicher, wenn Briefe von mir zu dir gingen und dann womöglich gefunden und gelesen würden.«

»Ja siehst du, Axel, an all so was denk' ich gar nicht, es fällt mir überhaupt nicht ein, und wenn es mir in den Sinn käme, würde ich mir sagen: mein Leben an sich ist eine kurze, völlig bedeutungslose Sache und hat nur Wert durch dich, und je mehr es von dir enthält, um so wertvoller ist es.«

»Ich hoffe, du wirst mir glauben, daß ich, wenn ich vorsichtig zu sein suche, ausschließlich an dich denke.«

»O ja, Liebster,« rief sie rasch, »ich weiß ja, wie du es meinst und wie du mich zu schützen suchst! Es ist nur manchmal eine so grenzenlose Sehnsucht in mir, mehr und mehr von dir zu haben, all die Fesseln abzuwerfen und immer bei dir zu sein. Nicht du bist ja mein Unrecht, nein! Mein ganzes übriges Leben, das ist meine Schande, und es ist mir wie eine Entweihung, daß ich das verstecken und verheimlichen soll, als schämte ich mich seiner, was gerade das Beste und Wahrste meines Daseins ist.« Es standen Tränen in ihren Augen. Beschwichtigend strich er über ihre Hand. Er fing an, diese Ausbrüche an ihr zu kennen, und es dauerte ihn, zu sehen, wie sie sich quälte im Konflikt eines von Natur wahren Menschen, der sich durch eigene Leidenschaft und äußere Umstände in Lüge und Halbheit hatte drängen lassen. Er sah keinen Ausweg dafür und fühlte sich etwas als Schuldigen – und es war ihm lästig, sich als Schuldigen fühlen zu müssen. Die Bilder anderer Frauen tauchten vor ihm auf; die waren doch auch zu Rücksichten gezwungen gewesen, aber sie nahmen das alles nicht so tragisch, sondern alle Vorsichten und kleinen Intrigen, um Verdacht irre zu leiten und Entdeckung zu verhindern, waren ihnen eigentlich nur Spaß und amüsantes Beiwerk. – Liane konnte ja oft sehr reizend und verführerisch sein, und sie liebte ihn, – sie liebte ihn – ach, beinah zu sehr; aber es gibt Frauen, die für den Mann bequem, und andere, die für ihn unbequem sind, und zu den bequemen – ja zu denen gehörte sie nun einmal nicht.

Während er so dachte, empfand sie, daß etwas Ungreifbares zwischen sie trat. Sie fühlte sich plötzlich müde und allein, und die Tränen, die ihr in den Augen gestanden, fielen nun wirklich langsam hernieder: große, schmerzende Tropfen.

Ach, bleibt im Leben doch immer alles nur Sehnsucht?

Sie nahm sich vor, nicht mehr zu schreiben. Vielleicht war es ihm lieber. Aber nur wenige Tage später schrieb sie dann doch eines Morgens in der Frühe:

»Heute Nacht, wie so oft, träumte ich von Dir, und aufwachend, noch im Dunkeln, wollt' ich Dir gleich sagen: ›Liebster, auch die geheimnisvollen Wege, die wir willenlos im Schlafe wandeln, führen mich doch immer zu Dir!‹ – Aber die tastende Hand fand Dich nicht. Greift ja immer nur in die Leere. – – Ach, daß uns nichts auf Erden trennte! Ach, daß wir das Leben zusammen begonnen hätten!« –

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