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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Liane erinnerte sich nie recht genau, wie sie vom Hotel fort und zum Schiff gekommen waren. Es kam ihr nachher alles wie ein Traum vor, wo manche Bilder zum Greifen deutlich hervortreten, anderes im Nebel verschwimmt und das Wunderbarste selbstverständlich scheint.

Sie saß auf Deck, und Axel saß neben ihr. Sie sprachen gar nicht, und es war seliger als alle Worte, so zusammen zu schweigen.

Sie fuhren am festunggekrönten Felsen vorbei; dunkel hob er sich ab vom lichtdurchflossenen Mondscheinhimmel. Axel wies hinauf: »Erinnerst du dich, Liane?« Sie nickte. »Ja, dort oben erzählte ich dir die Geschichte von Sulihah.«

»Und nun bist du meine Sulihah,« flüsterte er.

In der Dunkelheit des Verdecks war er ganz dicht an sie herangerückt. Von der Schulter bis zur Fußspitze fühlte sie seine Nähe an sich entlang. Er hatte ihre herabhängende Hand ergriffen. Das Pulsieren seines jungen, ungestümen Blutes teilte sich ihr mit, und es überkam sie ein seltsam willenloses Gefühl, das von beängstigender Süße war.

Dann legte das Schiff an. Die Gesellschaft, die sich auf dem Dampfer verstreut hatte, versammelte sich wieder. Vercoeur und die kleine Pigeonnier tauchten aus einer dunklen Ecke des Verdecks auf. Stratten und Wawerling stiegen mit Holst und der Marquesa verschlafen gähnend aus der Kajüte empor. Als sie sich nun alle auf dem Quai rasch voneinander verabschiedeten, klang es aus mancher Stimme wie Befriedigung, das auch dieses Vergnügen überstanden war. Holst aber fand auch für diese im modernen diplomatischen Leben häufig wiederkehrende Stimmung den richtigen Ausdruck im Weisheitsschatz der Alten. Die Tageseindrücke zusammenfassend sagte er: » Forsan et haec olim meminisse juvabit.« Liane konnte nicht sprechen. Vermochte kaum zu stehen. Ein Zittern in den Knieen. Die Glieder wie zerschlagen. Sie war froh, daß keiner den anderen viel beobachtete, weil jeder es eilig hatte, nach Hause zu kommen.

Nun waren alle fortgefahren. Und jetzt erst gewahrten Axel und Liane, daß der Linteloesche Wagen, der sie abholen sollte, nicht da war. Suchend schauten sie umher. Da kam der Diener angelaufen. »Die Pferde sind auf dem Weg hierher gestürzt,« rief er atemlos, »das eine ist offenbar schlimm verletzt – der Kutscher spannt sie aus, ich bin rasch hergelaufen, um es der gnädigen Frau zu sagen.«

»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen,« sagte Axel, »denn Fiaker gibt es hier um diese Stunde nicht.«

Liane nickte.

»Dies ist der Schlüssel zum Torweg,« sagte der Diener. »Wenn der Herr Graf ihn in die Nische legen wollten, finden wir ihn nachher, wenn wir mit den Pferden kommen.«

Ganz leer waren die Straßen. In keinem der kleinen niederen Häuschen brannte ein Licht. Nur sie beide und der Mondschein wachten auf der Welt. Sie fühlte, wie sein Arm sich um sie legte und er sie im Schatten der Häuser ganz dicht an sich zog. Und sie ließ es geschehen. Geschehen lassen – das schien tiefste Bestimmung. Wieder empfand sie seine Nähe, von den Schultern bis zu den Fußspitzen, aber jetzt so intensiv, daß es sie durchrieselte. Da hob er ihren Kopf, der an seiner Schulter lehnte, beugte sich über sie und küßte sie im Mondschein dieser wonnig warmen Sommernacht. Und auch das ließ sie geschehen. Willenlos. – Kaum wagend, es ganz zu glauben, und doch schon mit unterdrücktem Jubel in der Stimme, frug er bebend: »Liane, Liane, ist's denn wahr? ist's denn wahr? Liebst du mich?«

Und sie antwortete leise, wie träumend: »Ich weiß es nicht – aber – ich bin sehr müde und sehr allein – und ich sehne mich – ach, so sehr.«

Große Tränen standen jetzt in ihren Augen, und wie jemand, der eine langgetragene Last abwälzen möchte, seufzte sie kaum hörbar: »Ich kann nicht mehr weiter...«

Doch er hatte die Worte vernommen und dachte den Satz auf seine Art mit der Selbstverständlichkeit der Jugend zu Ende: Natürlich konnte die reizende kleine Liane nicht weiter... sich wehren... Keine Frau konnte das auf die Länge ... und wozu auch? Und er fand sie so entzückend, so viel geheimnisvoll lockender als vorhin die schöne Amerikanerin und all die jüngeren Frauen – und er würde ihr das so sehr zu zeigen wissen!

Von all der Müdigkeit, die in ihrer Stimme lag, merkte er nichts. Wie sollte seine Jugend wissen, daß dies »ich kann nicht mehr weiter« ein ganzes Lebensergebnis war? Er ließ sich nur von dem eigenen Ungestüm leiten, das in diesem Augenblick ganz unüberlegt und echt in ihm war und ihn selbst unwiderstehlich machte. Und er küßte sie immer wieder in dem Zauber der Vollmondnacht.

Inmitten all dieser neuen auf sie einstürmenden und in ihr selbst erwachenden Gefühle ward sie aber von der Angst vor dem Unbekannten erfaßt, das ein jeder Mensch für den andern ist. Suchend schaute sie nun ihn an, der, die Vergangenheit verwischend, bis in alle Zukunft Gegenwart für sie sein sollte, und, wie man das Schicksal nach seinen Rätseln frägt, frug sie: »Axel, bist du wirklich so lieb, wie du scheinst?«

Doch er, jetzt schon ganz übermütig und mit dem Ton selbstvertrauender Jugend, für die Liebe ein Sieg ist, antwortete: »Versuch es doch, Liane, versuch es!« – Sie aber wäre am liebsten nur so mit ihm weiter gegangen, bis in alle Ewigkeit hinein ...

Doch da waren sie schon die Anhöhe hinauf. Gleich mußten sie am Hause sein. Und beide überkam es wie eine Angst, sich nur jetzt nicht trennen zu müssen. Das war nicht möglich! Sie dachten es beide, und er sprach es aus. »Liane,« sagte er schmeichelnd, »in solcher Nacht geht man doch nicht schlafen, nicht wahr? Und es wäre so schön, noch ein bißchen zusammenzubleiben. Geh noch mit mir durch den Garten. Ich habe den Schlüssel zur kleinen Gartentür bei mir.«

Sie zuckte zusammen, denn ihr war diese ganze Nacht wie ein Traum, und die Berührung mit der Wirklichkeit schmerzte sie. Aber sie ging neben ihm wie unter einem Banne, und mit jeder Sekunde wuchs die Gewalt, die er über sie gewann: sie konnte gar nicht anders als tun, was er wollte. Und er fuhr fort: »Es ist ja wie Schicksal, daß die Pferde gestürzt sind und die Leute unten bleiben mußten. Niemand sieht uns.« Da fiel ihr ein, daß die Jungfer beurlaubt war – auch das wie vom Schicksal bestimmt.

Einen Augenblick sträubte sich gewohnheitsmäßiger Stolz in ihr. Es schien so unfaßbar, daß sie etwas tun könnte, was niemand wissen durfte. Aber der Stolz war nur eine schwache Schranke gegen die viel stärkeren Mächte, die sie beherrschten. »Schenk mir noch eine einzige kleine Stunde. Wem raubst du sie denn? Komm, ach komm!« hörte sie ihn bitten. Und sie wußte nicht, wie es geschah, aber sie nickte ganz leicht mit dem Kopfe, und ihre Augen antworteten: Ja!

In ihm war jauchzender Jubel. Kein Wissen, daß er eine Wüstenwanderin gerufen, die mit ausgestreckten Händen, wie zu endlicher Oase, kam und die daran zugrunde gehen mußte, wenn sie, statt all dessen, was ihre Herzenssehnsucht in ihm sah, nur eines der täuschenden Gaukelbilder fand, die, Fata Morgana gleich, längs öden Lebenswegs erstehen.

Er eilte ihr durch den nächtlichen Garten voraus, um die Pforte zu öffnen und Zwan, falls er aufgeblieben sein sollte, zu entfernen.

Wie eine Nachtwandlerin folgte sie ihm langsam nach. Wußte nicht, was sie tat, schritt dahin, wie Knospen sich öffnen und Blüten duften – Geschick erfüllend. Was sie mußte, war zugleich eigener Wille geworden. Wie träumend brach sie einen Zweig weißer Rosen ab, wie träumend murmelte sie dabei: »Ich wollte ja nicht, ich wollte ja nicht – aber ich will – ich will.« Und ging weiter, mit den dunkeln Worten auf den Lippen und den leuchtenden Blumen in der Hand, als trage sie das Symbol eines geheimen Kultes und wiederhole die Erkennungsformel seiner Geweihten.

Wartend stand Axel an der angelehnten Gartentür. Als er Liane von der anderen Seite auf dem Kiesweg kommen hörte, öffnete er das Gatter, ließ es leise hinter ihr zufallen und zog sie dann hastig durch den mondbeschienenen Hof in das Haus. – Er versuchte zu sprechen und vermochte es nicht; seine Kehle war wie ausgetrocknet, so daß er schluckte und schluckte und doch nur einen leisen, heiseren Laut hervorbrachte. Sie gewahrte seine echte Bewegtheit und war ihm dankbarer dafür als für alle Worte. Seine Hände zitterten – da wußte sie nur noch, wie sehr sie ihn liebte. Er tat ihr beinah leid: sie wollte ihm helfen, ihm sagen, daß sie gern gekommen sei. Aber als sie nun zu sprechen versuchte, merkte sie, daß auch ihre Stimme bebte und versagte und daß ihr Herz so stark pochte, daß ihr der Atem stockte. Da nahm sie die weißen Rosen, die sie im Garten gepflückt, und reichte sie ihm wortlos hin.

Und er schloß sie in die Arme, trug sie auf den Divan, kniete vor ihr und küßte sie, wie kein Mensch sie je geküßt. Nun hatte er sich wiedergefunden, da sie sich verloren, – und seine schmeichlerische Stimme sagte ihr tausend süße kleine Worte, wie sie sie nie vernommen und die sie umfingen gleich den Maschen eines silbrigen Netzes. Sie schloß die Augen und fühlte, wie sie ganz sacht hinabglitt in eine endlose Tiefe, weit, weit fort aus der Welt.

Sie wußte nicht mehr, wo sie war. Seltsame Bilder zogen an ihren geschlossenen Augen vorüber. Sie lag in einer lila Lotosblume, die auf goldenem Wasser trieb. Hoch über ihr im Abendhimmel schaukelte ein Blütenzweig, und Tausende der kleinen weißen Blättchen flatterten auf sie nieder und umrieselten sie, liebkosten sie wie mit zärtlichen Lippen, mehr.

194 immer mehr, bis sie ganz bedeckt war. Aber plötzlich wandelten sich all die sanften weißen Blättchen zu Purpur. Von allen Seiten züngelten kleine eilige Flammen zu ihr empor. Feuergarben schossen empor, überströmten sie mit Millionen Funken. Es brannte die Welt, der Himmel stand in Flammen – sie selbst loderte in unbekannter Glut – wollte fliehen, mußte doch bleiben – vermochte nicht sich zu rühren. Glühende Ketten hielten sie. Eine blutrote Sonne kreiste dicht über ihr – senkte sich versengend immer tiefer in sie. Doch da, als die Spannung schmerzhaft unerträglich geworden, tönte von ferne, näher und näher kommend, das Sausen riesiger Schwingen durch die wabernden Lüfte – unter mächtigem Flügelschlag erlosch zuckend, das wilde Feuergewoge, erlosch die glühende Sonne. – Von weitgespannten, weichen Fittichen fühlte sie sich emporgehoben, weit fortgetragen aus dem Funkenregen in einen stillen blaßlila Himmel hinein. Tief unten lag ein Meer; das sang sich nach dem Sturm selbst zur Ruhe – es rauschte – leise, träge. Die Welt war voller Rosenduft – und durch Lianens ganzes Wesen zog eine traumhafte Seligkeit – wie die Erfüllung unendlicher Sehnsucht.

Als sie die Augen wieder öffnete, begegneten sich ihre Blicke.

Was wird sie nun sagen? hatte Axel, eingedenk ähnlicher früherer Situationen, sich beinah ängstlich gefragt. Das Nachher war manchmal so unerquicklich. Da gab es Frauen, die verzweifelt taten, andere, die die Hände vor das Gesicht hielten und sagten: »Was mußt du von mir denken!« Bedauernswerte, die in den Zwischenakten der Liebe auch noch Ehrenerklärungen zu hören verlangten. – All das schien glücklicherweise nicht Lianens Art zu sein. Sie sagte gar nichts, schaute ihn nur lächelnd an. Und dann schloß sie die Augen wieder und lächelte weiter.

Denn sie gehörte nicht zu denen, die sprechen, wo Schweigen die Eingabe tiefster Herzensweisheit oder das Ergebnis höchster Kunst ist. – Es kam ihr auch gar nicht in den Sinn, daß er anders empfinden könne als sie selbst. Beobachten, nachdenken mußten ihm so fern liegen wie ihr, und hätte er sie gefragt: »Was mußt du von mir denken?« so hätte sie sicher geantwortet: »Weiß ich denn noch, was denken ist? Ich liebe dich ja.«

Da empfand er eine große Dankbarkeit, nicht so sehr, daß sie sich ihm geschenkt, als dafür, wie sie jetzt war. So gelassen, beinah strahlend. Sie nahm es alles lächelnd – ja... beinah... selbstverständlich. – Sollte sie? ... Doch der häßliche Gedanke huschte nur wie ein Nachtfalter an ihm vorüber. – – – – –

Das erste Morgenlicht begann zu dämmern. Ein fahler Schein zuerst, der in schwefelgelbe Töne überging, in die sich dann leuchtendes Rosa mischte. Die Helligkeit wuchs, die ersten Vogelstimmen piepten in den Wipfeln der Bäume. Bald würde draußen der Gärtner zu arbeiten beginnen. Es war Zeit – Liane mußte gehen.

An der Tür blieb sie noch einmal stehen und schaute sich zärtlich im Zimmer um, als wolle sie sich ganz genau einprägen, wie es alles gewesen. Und als sie so auf der Türschwelle stand, sank er vor ihr auf die Kniee, beugte sich nieder und streichelte ihre kleinen grauen Schuhe: »Dank euch, ihr lieben Schuhchen, daß ihr gekommen seid!« Nun war sie fort. Im Garten verschwunden. Er stand an der Pforte, ängstlich lauschend, ob sie rasch und unbemerkt nach Hause kommen würde. Er befand sich in einem Zustand gemischter Gefühle, über die er da im ersten Augenblick noch keine ganz klare Einsicht besaß. Es war Erstaunen dabei. Wenn ihm dies noch vor wenigen Tagen vorausgesagt worden wäre – er hätte es kaum geglaubt. Er war auch stolz. Sie, die nie Eroberte ... ! Und doch war auch schon der Schatten einer leisen Enttäuschung da. Sie war nicht mehr ganz sie.

Liane aber schritt durch den erwachenden Garten und dachte an keine Angst; denn hatte der Stolz sie vorhin auch nicht zu bewahren vermocht, so war er doch jetzt ein Halt, daß sie erhobenen Hauptes ging, wo andere schleichen. Sie wollte auch gar nicht nach Hause und schlafen, sie wollte wachend ihrem großen Glücke nachträumen – mochten doch schlafen, die zu vergessen hatten! Ihr war, als sei sie zum erstenmal im Leben wirklich erwacht! –

Bei einigen Blumen blieb sie stehen, streichelte leise mit seinen Fingerspitzen die bunten Blüten, schaute mit zärtlichem Verstehen in ihre tiefen, geheimnisvollen Kelche, wo wonnetrunkene Käfer ruhten. – Liebesnächte waren auch hier gefeiert worden. Die verschwiegenen Blumen, die trunkenen Käfer, die zwitschernden Vögel – sie alle hätte Liane an sich pressen mögen, denn sie sah die Natur mit neuen Augen und fühlte sich im Einklang mit ihr, selbst ein Teilchen der sommerlichen Wunderwelt, wo Millionen Lippen sich öffneten, wo alles Liebe war. Sie hob den Kopf, schaute hinauf und immer weiter hinein in den Frühhimmel, und ihre Lippen bewegten sich – sie wußte selbst nicht: waren es Worte, war es ein Kuß, den sie formten und hinaufsandten dem lichten Tag entgegen.

Während der Morgen weiter schritt, dachte sie so unausgesetzt an ihn, daß es ihr unabweisliches Bedürfnis ward, die Gedanken irgendwie in eine Handlung umzusetzen, die sich auf ihn bezog; ihm einen Gruß zu senden, wenn es auch erst ein paar Stunden her war, daß sie ihn verlassen hatte. Sie wünschte sich, ihm irgend etwas schenken zu können, denn sie hatte die Empfindung, unermeßlich reich zu sein und noch millionenmal mehr Liebe zu besitzen, als sie ihm schon gegeben hatte. Es war ihr, als quelle dies Gefühl unaufhaltsam aus den Tiefen ihres Herzens und erfülle die ganze Welt, als verbinde es sie beide so, daß keine Entfernung, keine Trennung je mehr zwischen ihnen bestehen könne.

Da legte sie die kleinen grauen Schuhe, die er gestreichelt hatte, in ein Kästchen – die wollte sie ihm schicken. Zierlich und zart waren sie und doch Symbole der mächtigsten Raumüberwinderin, der Liebe! – Weiße Rosen entblätterte sie darüber, bis daß die Schuhchen ganz davon bedeckt waren. Ehe sie dann den kleinen Kasten schloß und zu ihm sandte, vergrub sie noch einmal die Hände in den duftenden weißen Blütenblättchen, als solle jedes einzelne ein bißchen von ihr annehmen und zu ihm tragen. Dabei durchschauerte sie ein seltsam süßes Gefühl, als seien die atlasglatten Blättchen, die über ihre Finger rieselten, zu lauter Liebkosungen seiner zärtlichen Lippen geworden. Wahrlich, keine Entfernung mehr bestand zwischen ihnen! – Durch die Liebe glaubte sie plötzlich ungeahnte Zusammenhänge zu gewahren: Menschenlippen und Blumenblätter, Menschentränen und Tauestropfen, waren sie nicht ein und dasselbe? –

Am Nachmittag dieses Tages wurde Axel von einer großen Ungeduld ergriffen. Er konnte es nicht mehr ohne Liane aushalten. Er mußte sie sehen.

Und wieder, wie schon einmal, ließ sie ihn in ihr Wohnzimmer bitten.

Als er eintrat, sah er sie auf dem Sofa liegen, und kaum hatte der Diener die Türe geschlossen, da kniete er auch schon neben ihr und hatte ihre herabhängende Hand ergriffen und seinen Kopf an sie gelehnt. Und im selben Augenblick fiel ihm das visionhafte Bild ein, das er gesehen, damals, wo er zum erstenmal in diesem Raume gestanden hatte. Die Vorahnung des Heute war es gewesen. Dies die Möglichkeit, auf die sie und das Zimmer gewartet hatten.

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