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Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Elisabeth von Heyking: Liebe, Diplomatie und Holzhäuser - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleLiebe, Diplomatie und Holzhäuser
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun7.-11. Auflage
year1920
firstpub1919
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080501
projectid727b40b3
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Es folgten nun in den verschiedenen Gesandtschaften allerhand Veranstaltungen zu Ehren der Fremden.

Dann war der Tag von Strattens und Wawerlings Jubiläum gekommen, an dem der traditionelle Ausflug gemacht werden sollte. Liane wäre jetzt froh gewesen, nicht mitfahren zu müssen, denn sie hätte sich am liebsten ganz abgeschlossen, um völlig dem Leid und der Sehnsucht nachzuhängen, die, statt der einstmaligen Leere, jetzt ihr Leben erfüllten. Sie würde es nicht vermögen, heute lustig zu scheinen. Aber wie sollte sie jetzt noch absagen? Sie selbst war es ja, die schon in Wawedine mit Mrs. Pemberton die ganze Partie verabredet und die anderen dazu aufgefordert hatte. Sie mußte hin. Aber das sollte das letztemal sein. Die Begegnungen mit Axel während der vergangenen Tage waren allzu schmerzlich gewesen. Er hatte eine Art, sie anzuschauen, die ihr jedesmal die Empfindung gab, als ginge sie an einem, der flehend die Hand ausstreckt, kalt und hart vorüber, und wenn er sie so vorwurfsvoll angesehen hatte, war ihr so wund und weh zumut geworden, daß sie am liebsten aufgeschluchzt hätte: Mach es mir nicht noch schwerer, denn ich leide ja so viel mehr als du, der du frei bist! – Sie fühlte, daß sie das alles nicht länger ertragen konnte. Diese eine Landpartie noch, sagte sie sich, und dann sollte es ganz still werden. Im dunkeln Zimmer wollte sie liegen und weinen, weinen. Sie mochte an keine Zukunft denken, denn es war ihr, als sei dies der letzte aller Tage, – und doch mußte sie weiter sinnen: Wenn sie Axel bäte, Urlaub zu nehmen? Das wäre eine Lösung! – Ja, das mußte er tun. Dann blieb er den ganzen Sommer über fort und ließ sich versetzen. Kam möglicherweise gar nicht mehr wieder. Vielleicht war es heute wirklich das letztemal im Leben, daß sie ihn sah? – Dieser plötzlich entstandene Gedanke tat ihr so weh, daß es wie ein physischer Schmerz war und sie unwillkürlich die Hand aufs Herz preßte. Aber mußte sie denn nicht wünschen, daß er ging und nie wiederkehrte? lag darin nicht ihre einzige Rettung? – Doch sie vermochte nicht, es zu wünschen, verlor sich im Chaos eigener Widersprüche, sehnte sich nach irgendeiner Hilfe, die von außen zu ihr käme.

Und plötzlich stand sie blassen Gesichts und mit Augen, um die qualvoll durchwachte Stunden blaue Schatten gelegt hatten, im Zimmer ihres Mannes. Sie wußte selbst nicht recht, wie sie dazu gekommen. In der Angst, die sie vor diesem Nachmittag empfand, und von dem Wunsch nach Schutz und Rettung getrieben, mußte sie wohl, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu ihm geflohen sein, in der dunkeln Empfindung, daß er derjenige sei, der ihr helfen sollte.

Aber sie blieb erstaunt in der Türe stehen: Friedrich, der Kammerdiener, packte eben einen kleinen Koffer, und Herr von Linteloe stand daneben. »Ja, natürlich, packen Sie den Smoking, einen leichten Flanellanzug und die neuen seidenen Pyjamas ein – und vergessen Sie nicht wieder die Hälfte«, hörte sie ihn polternd sagen. Nun wandte er sich zu ihr: »Was willst denn du hier, Maximiliane?«

Sie fühlte sich schon zurückgeschreckt, aber sie nahm sich zusammen. Der Gedanke schwebte ihr vor, ein Mensch müsse zum andern kommen und sagen können: Bruder, ich bin verirrt, hilf du mir und führe mich. – Sie wollte in diesem Augenblick vergessen, daß gerade die sich die allernächsten sein sollten, selten so zueinander kommen können, weil zwischen ihnen nicht erbarmende Liebe besteht, sondern, hinter der Maske flüchtiger Gier, der Haß der Geschlechter sich lauernd birgt. Sie wollte sich nur erinnern, daß sie beide einst den Weg gemeinsam angetreten hatten – mit gutem Willen doch mindestens. Vielleicht würde er ihre Not jetzt doch ein bißchen heraushören. Und sie sagte sanft und leise: »Ich komme wegen der Flußfahrt von heute nachmittag. Ich wollte dich sehr bitten, nicht wahr, du kommst doch mit mir? Es wäre mir so sehr lieb.«

»Aber was sind denn das nur für Kindereien. Maximiliane,« antwortete er ärgerlich. »Ich hab' doch schon neulich, als die Sache in Wawedine verabredet wurde, gesagt, daß ich mir aus solchen Geschichten nichts mache. Aber ich hindere dich ja an nichts, und wenn es dich amüsiert, so fahr meinethalben, so viel du willst, – du bist doch alt genug, um ohne mich zu einem Ausflug zu gehen.«

Aber sie wollte den Versuch, ihn umzustimmen, noch nicht aufgeben, denn sie empfand eine wachsende Bangigkeit bei dem Gedanken an dieses Alleinsein, das ihm, durch langjährige gleichgültige Gewöhnung, so natürlich für sie erschien. Und sie legte zaghaft die Hand auf seinen Arm und begann von neuem: »Ich wäre dir so sehr dankbar, wenn du mir den Gefallen tätest und mich gerade heute nicht allein ließest. Mir ... mir ist so beklommen ... und wegen der Fremden ... und auch weil es doch Strattens und Wawerlings Jubiläumsfest ist ... muß ich doch wohl hin.«

»Ja, das ist immer so,« antwortete Linteloe ungeduldig. »Zuerst arrangierst du Sachen, nachher hast du keine Lust darauf. Dafür kann ich nichts. Und was ist das überhaupt für ein Unsinn, ein Fest zu geben, weil Leute das Unglück haben, siebzehn Jahre in diesem gottvergessenen Nest gelassen zu werden, – ich würd' es mir an Strattens und Wawerlings Stelle verbitten.« Und sich selbst in Erregung hineinredend, um eine gewisse Verlegenheit zu verbergen, fuhr er fort: »Außerdem wollte ich dir gerade sagen, daß ich verreisen muß. Ich hab' ein Telegramm bekommen wegen einem Paar Jucker, die ich mir anschauen will – ich fahr' jetzt mit dem Mittagszug und werd' wohl frühestens übermorgen zurückkommen, also laß mich, bitte, mit Friedrich fertig packen. – Und was deine Landpartie betrifft,« setzte er hinzu, »so hast du ja deinen Vetter, der dich begleiten kann.«

Sie schloß die Türe, und es lag etwas schicksalhaft Endgültiges in der kleinen Handlung. Sie war alt genug, um allein zu fahren, und sie hatte ja den Vetter – das war alle Hilfe, die sie gefunden!

Und dann glitt ein seltsames Lächeln über ihr Gesicht: Das wiederholte sich so in regelmäßigen Intervallen, daß Herr von Linteloe Pferde zu besichtigen oder sonst irgendein dringendes Geschäft in der benachbarten Hauptstadt zu erledigen hatte. Vorher sprach er immer besonders laut und erregt, sah unternehmend und pfiffig aus und reiste dann jedesmal sehr eilig ab. Nachher, wenn er von diesen Ausflügen zurückkam, war er in mehr elegischer Stimmung und fand an der von seiner Regierung befolgten Politik, wie auch an den Leistungen des Kochs und des gleichmütigen Friedrich, mehr noch als sonst zu bemängeln. Liane hatte das alles längst beobachtet, und wäre es ihr entgangen, so hätte es immer Leute gegeben, die nicht eher geruht, bis sie, die schön und noch jung war, es gewußt. Sie hatte es indessen immer geflissentlich übersehen: Wie sie beide nun seit Jahren standen, fühlte sie sich auch gar nicht berechtigt, Aussetzungen zu machen. – Aber heute dünkte es sie, als sei alles auf der Welt doch recht sonderbar eingerichtet, und in ihr Zimmer zurückschreitend lachte sie plötzlich laut auf – hart und freudlos.


Herr von Linteloe war abgereist. An Lianens Tür hatte er ein eiliges »Adieu, adieu« gerufen und war dann, zur Belustigung des nachschauenden Friedrich, wie ein Schüler die Treppe hinabgelaufen.

Während der heißesten Tagesstunden hatte Liane hinter herabgelassenen Gardinen in dem dunkeln Zimmer gelegen. Es war schwül. An den Fensterscheiben surrte eine große Brummfliege. Liane schlief nicht, aber sie war auch nicht wach. Es war ein seltsam hindämmernder Zustand. »Ich warte,« sagte sie einmal halblaut. Aber worauf denn nur? – Andere, die warteten auf das Glück, auf irgendein großes Lebenswunder; sie wohl nur noch darauf, daß alles vorbei sei. Und es würde ja alles bald vorüber sein, dieser Tag und alle folgenden – und würden nichts enthalten haben, was zu leben wert gewesen. Eine grenzenlose Verzweiflung überkam sie. Ein physischer Schmerz am Herzen.

Dann trat die Jungfer ein, zog die Gardinen auseinander, legte ein leichtes weißes Kleid zurecht und sagte, daß es Zeit zum Ankleiden sei.

Als Liane fertig war und sich im Spiegel betrachtete, fand sie sich hübsch, trotz Blässe und traurig müden Augen, und sie freute sich darüber, denn es war ja das letztemal, daß er sie sehen sollte, – das stand noch immer ganz fest bei ihr.

Hitze und Weinen hatten sie völlig ermattet. Es war ihr, als seien all jene Kräfte von ihr gewichen, die die Fähigkeit des Wünschens verleihen. Sie hatte die Empfindung, etwas ganz Zartes, Durchsichtiges geworden zu sein, einem kleinen Licht zu gleichen, das der leiseste Lufthauch zu löschen vermag. Wehrlos fühlte sie sich, tat sich selbst bitter leid. Sagte zum eigenen Spiegelbild: Dich hat das Schicksal um alles betrogen.

Die Jungfer bat, den Abend ausgehen zu dürfen, ihr Bräutigam komme von auswärts. Diese Vorstellung brachte Liane beinah um alle Fassung. Hastig gewährte sie den Urlaub: »Gewiß, gewiß, ich brauche Sie erst wieder morgen vormittag ... ach ... und ... seien Sie recht glücklich.«

Dann fuhr sie fort, und die Bewegung des Wagens tat ihr wohl; sie war wie ein weiches Wiegen, das, den Kummer einschläfernd, über ihn hinwegtäuschte.

Als sie unten am Quai, wo die Flußdampfer anlegten, aus dem Wagen stieg, hatte sich ein Teil der Gesellschaft schon versammelt. Man begrüßte sie von allen Seiten und frug: »Nun – und Herr von Linteloe?«

Es kostete sie Mühe, aus den düstern Tiefen eigenen Empfindens aufzutauchen. »Mein Mann«, antwortete sie, »läßt sich sehr entschuldigen. Er hat in Pferdekaufangelegenheiten vorhin ganz plötzlich verreisen müssen.«

Über manche Gesichter glitt ein verständnisvolles, alsobald unterdrücktes Lächeln.

»Da erlauben Sie, daß ich Sie tröste l« rief van Stratten. »Das ist althergebrachtes Recht des Doyens und heutigen Jubilars.« Und er reichte ihr den Arm, um sie über die Bretterbrücke auf das Dampfschiff zu geleiten.

»Und ebenso des Vizedoyens und Mitjubilars,« fiel ihm Wawerling ins Wort und bot Liane von der anderen Seite den Arm.

Nun kamen Pembertons mit ihren beiden Gästen an. Mrs. Clarence sah heute besonders schön aus, und sie mußte wissen, daß ihre Jugend den grellsten Sonnenschein nicht zu scheuen brauchte, denn sie blieb mitten auf dem Quai in dem blendenden Lichte stehen, daß ihr kastanienrotes Haar wie blankes Kupfer aufleuchtete. Dabei lachte sie laut und hell und zeigte ihre schimmernden scharfen Zähnchen, die wie weiße Kerne in einer rosa Frucht glänzten. Der urwüchsige Zauber unverwüstlicher Lebenskraft ging von ihr aus.

Liane sah sie vom Deck aus so stehen, und im selben Augenblick erinnerte sie sich des eigenen Bildes, wie es sie vorhin aus dem Spiegel wehmütig angeschaut hatte, einem kleinen Lichte gleich, das so leicht auszulöschen wäre.

Wieder fuhr ein Wagen vor, dem Madame Pigeonnier mit ihrem Mann und Vercoeur entstieg. Beide Herrn trugen dieselben Panamahüte und hohen Hemdkragen, hatten die hellen Flanellbeinkleider aufgekrempelt, daß man die gleichen gelben Schuhe gewahrte, und ihre bunten Socken und auffallenden Krawatten und Westen stammten offenbar von den nämlichen Fabrikanten.

Die beiden Jubilare, die auf dem Verdeck etwas abseits standen, schauten von oben der Ankunft des Trios zu. »Warum hat eigentlich Madame Pigeonnier einen Flirt mit Vercoeur?« sagte Stratten sinnend.

»Weil sie mit Pigeonnier keinen haben kann, da sie mit ihm verheiratet ist,« antwortete Wawerling. »Einen anderen Grund habe ich nie entdecken können.«

»Wenn sie sich nur nicht mal irrt und Pigeonnier für Vercoeur hält!«

»Das Verhältnis Madame Pigeonniers zu Vercoeur gleicht dem Ausflug, den wir heute unternehmen,« sagte Wawerling. »Wir fahren nach dem linken Flußufer, weil wir am rechten wohnen; wohnten wir dagegen drüben am linken, so kämen wir nachmittags hierher an das rechte gefahren – mehr Sinn hat beides nicht. Aber es ist nun einmal in der menschlichen Natur der Hang tief eingewurzelt, über irgendeinen Fluß zu schauen und sich einzubilden, daß es am jenseitigen Ufer besser sein müsse, nur weil es eben das jenseitige ist.«

Alle waren nun allmählich versammelt. Der Kapitän des kleinen Flußdampfers stand schon oben auf der Brücke.

»Fahren wir nun endlich?« frug die Marquesa de los Toros, sich erschöpft fächelnd.

»Ja gleich. Aber Kronar fehlt ja noch, wo bleibt er denn?«

Liane wußte längst, daß er fehlte. Zuerst hatte sie sich damit beruhigt, daß er ja sicher noch kommen werde; dann aber, als die letzten Minuten verrannen, ohne ihn zu bringen, hatte sie, in uneingestandener Verletztheit ob seines Säumens, sich einzureden versucht, daß es ja das beste für sie wäre, wenn er fort bliebe. Aber jetzt, als der erste Pfiff des Dampfers ertönte und sie sich sagte, daß er nicht mehr kommen könne, daß sie ihn also heute gar nicht mehr sehen werde, sondern diesen ganzen langen Abend unter all den gleichgültigen Menschen verbringen müsse, da überkam sie plötzlich dieselbe große Verzweiflung wie vorhin in ihrem Zimmer: daß, gleich dieser Fahrt, das ganze Leben verrinnen und nichts enthalten werde, was zu leben wert gewesen. Sie fühlte wieder denselben physischen Schmerz am Herzen und wußte nun, daß, was sie sich auch vorzutäuschen versucht hatte, sie ja einzig und allein gekommen war, um die paar Stunden zu sein, wo er war. Wußte auch, daß sie nie anders können würde, als immer und immer wieder zu kommen, wohin er wolle, nur um bei ihm zu sein.

»Oh,« sagte Mrs. Clarence, »ich weiß, wo Graf Kronar ist. Er begegnete uns auf dem Weg hierher, da fiel mir ein, daß ich meinen Kodak vergessen habe, und er ist zurückgefahren, ihn zu holen.«

»Ah, da ist er!« riefen einige Herrn, die, an der Reeling lehnend, den Quai überschauen konnten. »Eilen Sie sich, Kronar, eilen Sie sich!«

Mrs. Clarence beugte sich auch vor, daß die Sonne wieder ihr flammendes Haar beschien: » Hurry up, count, I want my kodak.«

Liane war bei Mrs. Clarences ersten Worten ganz blaß geworden, aber jetzt, als sie hörte, daß er da sei, und er auch schon auf Deck kam, war ihr, als stocke ihr der Atem. Es war eine so überwältigende Seligkeit, ihn wieder zu sehen und zu wissen, daß sie wenigstens die nächsten Stunden in seiner Nähe sein werde, – was auch nachher kommen mochte. – Aber sie empfand gleich einen Unterschied an ihm. Sonst galt ihr sein erster Gruß – und war es auch nur ein suchender Blick. Heut dagegen ging er gleich auf Mrs. Clarence zu.

»Ich hätte es Ihnen nie verziehen, wenn Sie mit meinem Kodak zu spät gekommen wären,« sagte die Amerikanerin kokett lachend, und er antwortete, ebenfalls lachend: »Da würde ich Ihnen nachgeschwommen sein und nicht nur über diesen Fluß, sondern sogar über den Atlantischen Ozean.«

Der Dampfer glitt durch das träge warme Wasser, und wie er weiter hinauskam auf den Fluß, schien die Stadt aus den blauen Fluten emporzuwachsen und die Anhöhe hinan zu klimmen. Die Luft flimmerte, und die große Helligkeit löste die Umrisse auf, daß die Häuser wie einzelne weiße Flecken schienen. Der Turm der Kathedrale stieg auf wie ein blendender Strich, nur das alte Gemäuer der Festung bewahrte auch im vollen Sonnenlicht etwas schwermütig Düsteres, als sei es müde von allzuviel Erlebtem.

Den anderen war es ein altgewohnter Anblick, und die meisten hatten wohl den Sinn für seine Schönheit längst verloren, aber Mrs. Clarence war voller Wißbegier. Sie versuchte, sich die Belagerungen und Kämpfe, die um die alte Feste stattgefunden, ausführlich von Favorina und Belany erklären zu lassen. Die beiden Babies fühlten sich auf diesem historischen Gebiete zwar nicht sonderlich zu Hause, die Fragende aber fanden sie um so anziehender. Stramm dagegen benutzte die Gelegenheit, mit seinen wie immer gründlichen Kenntnissen einzuspringen. Belehrung zu erteilen war ihm angeboren, auch wo er als Kurmacher auftrat. Schließlich faßte Mrs. Clarence aus Clarenceville, Dakota, die verschiedenen Auskünfte in die Worte zusammen: »Ja, ich sehe, es ist dies also auch einer der Plätze Ihres Weltteils, wo die Menschen sich totschlagen lassen mußten, ohne recht zu wissen, weshalb. Diejenigen, die das heutzutage nicht mehr mögen, kommen über das große Wasser zu uns. Da sind solche Dinge gottlob unmöglich.«

Stramm fand dies keine passende Bemerkung im Munde der Frau, die er im Geiste schon als die seine sah. Er sagte: »Ich könnte mir vorstellen, daß gerade die Amerikaner mal in Kämpfe gerieten, von denen sie erst recht nicht wüßten, weshalb noch wozu.«

Axel widmete sich während der Überfahrt ganz Mrs. Clarence. Liane saß den beiden auf dem Verdeck gegenüber, und während sie ihnen zuschaute, sagte sie sich, daß diese zwei Menschen schön zusammen aussähen. Ein neues bitteres Gefühl stieg in ihr auf.

Es bot auch nur einen schwachen Trost, den Doyen zum Vizedoyen leise sagen zu hören: »Sehen Sie, das ist nun ein echtes Produkt des Landes, wo die Frauen am besten verstehen, mit den Männern zu flirten, und ihrer in Wirklichkeit am wenigsten bedürfen.«

»Ja, ja,« antwortete Wawerling, »sie scheint zu den Frauen zu gehören, die, wo sie auch hinkommen, wie plötzlich auftretende Kinderkrankheiten wirken: ein jeder, der nur einigermaßen im richtigen Alter steht, verliebt sich in sie, so wie man in gewissen Jahren sicher die Masern erwischt.« Fernen Erinnerungen nachsinnend setzte er dann hinzu: »Beides schien damals gleich schlimm und ernst; aber nachher – wer von uns dächte nicht mit wehmütiger Rührung an die Zeiten zurück, wo man sich selbst so interessant vorkam, weil man Masern oder eine unglückliche Liebe hatte.«

»Ach ja, Jugend, Jugend!« seufzte Stratten. »Jetzt schaut man zu, und sehen Sie, die Kinderkrankheit grassiert ganz wie damals. Die Babies Javorina und Belany haben schon gehörig Feuer gefangen, und den schönen Kronar« – er blickte zu Axel, der sich die Mysterien des neuesten amerikanischen Kodaks von Mrs. Clarence erklären ließ – »den schönen Kronar scheint Jungamerika auch schon ganz in seine Interessensphäre gezogen zu haben. Und die Tante sekundiert getreulich.«

Liane horchte auf, und Linteloes Worte fielen ihr ein. Konnte doch etwas Wahres daran sein? – Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie bei dem Gedanken. Und dann wieder sagte sie sich: Ich müßte das doch als ein Glück und eine Rettung ansehen. Denn ich hatte mir ja vorgenommen, ihn zu bitten, zu verreisen und sich versetzen zu lassen. Und dies – dies würde eine weitere Reise bedeuten als irgendeine räumliche. Eine wirkliche Trennung wäre es. – Allein sie fühlte, daß sie Entfernung vielleicht ertragen konnte, – aber dies mit erleben, mit ansehen zu müssen? – Nein, nie! – Und sie hätte zum Schicksal schreien mögen: nicht auch das noch! –

Der Dampfer war am jenseitigen Ufer angelangt und hielt nun vor der kleinen Grenzstadt der Nachbarmonarchie. Über den schmalen Landungssteg drängten sich die ländlichen Passagiere, allerhand Leute in bunten, malerischen Trachten. Mrs. Clarence besah das alles voller Neugier. »Ist es nicht zu komisch,« sagte sie zu Nicodemus Pemberton, »man fährt über ein Flüßchen, das viel schmäler als der Mississippi ist, und dann heißt es mit einemmal: nun sind wir ganz wo anders! – Für uns Reisende ist es ja nett, all diese drolligen kleinen Staaten kennen zu lernen, mit ihren malerischen Eigentümlichkeiten und vielen amüsanten Rivalitäten, aber manchmal möchte man ihnen doch zurufen: Wie unpraktisch! begrabt doch eure Streitigkeiten und tut euch zusammen!« – Doch der Onkel antwortete: »Uns können sie recht sein, wie sie sind. Gerade diese Rivalitäten werden unsere Geschäfte fördern.«

Vom Landungssteg ging es eine steile Böschung hinauf. Axel stand da und half den Damen. Als nun Liane über die Planke schritt und er ihr die Hand entgegenstreckte, schaute er sie forschend an, und da erschien sie ihm mit einemmal so zart und traurig, daß sie ihm leid tat. Eine Ahnung mochte in ihm aufsteigen, wie sehr viel zu ernst sie das Spiel nahm, das er Liebe nannte und in das sich oft so viel Grausamkeit mischt. Einen Augenblick erfaßte es ihn wie Angst vor den Verantwortungen unbekannter Zukunft; erdachte daran, inne zu halten, sah sogar die Möglichkeit aufdämmern, durch einen nachdrücklicher betriebenen Flirt mit der entgegenkommenden Amerikanerin die eigenen Gefühle in andere Bahnen zu lenken. Aber es war nur eine sekundenlange Regung. Er war nicht der Mensch langer Seelenkämpfe. Alsobald beherrschte ihn schon wieder ein Bedürfnis nach Machtbewußtsein, ein Siegeshunger, ein beinah grausames Verlangen nach ihr – und dazu kam ein bißchen ganz junge, ungekünstelte Verliebtheit, die noch das Beste in der komplexen Mischung seiner Gefühle war.

Man schlenderte durch die stillen Gassen des kleinen Städtchens. Es war dunstig und warm. In den Gärten vor den einstöckigen Häuschen blühten verstaubte hochstämmige Rosen und vermischten ihren Duft mit dem herben Geruch der Thuja. An den offenen Haustüren lehnten müßige Leute, die nach des Tages Hitze still und voller Behagen in den goldenen Abendhimmel hinausstarrten.

» Bene vixit, qui bene latuit,« murmelte Holst im Vorübergehen.

»Was für ein komischer kleiner Platz,« sagte Mrs. Clarence geringschätzig.

»Nun, im fernen Westen haben Sie doch erst recht komische kleine Plätze,« sagte Stramm im Ton beleidigten Europäertums.

»O ja,« antwortete sie lachend, »sehr komische, unfertige, häßliche Orte. Doch mit einem großen Unterschied: auch die kleinste Stadt bei uns in Amerika sieht erwartungsvoll aus, als könne sie in der Zukunft eine der allergrößten werden. Seitdem ich aber in Europa bin, fällt es mir auf, daß Städte und Menschen oft etwas Resigniertes an sich haben, als wüßten sie im voraus genau, was aus ihnen höchstens mal werden kann, und als sei das alles nicht sonderlich lohnend.«

Liane nickte vor sich hin. Lohnend? War ihr eigenes Leben das je gewesen? – Und wieder hatte sie die Empfindung, daß sie nur darauf warte, daß alles zu Ende sei.

Von der Hauptstraße aus traten sie in den kleinen Stadtpark. Die Linden dufteten süß, auf den Rasenplätzen wucherten Gänseblümchen, wilde Federnelken und blaue Glockenblumen zwischen den kleinen Herzchen des Zittergrases. Es war eigentlich ein banaler Ort, und doch lag ein gewisser wehmütiger Reiz darüber, den Liane empfand. Sie gedachte der Generationen von Menschen, die hier gewandelt waren, deren Leben wahrscheinlich nie spannend, sondern recht alltäglich kleinbürgerlich gewesen, und die doch in diesem Garten ihr bescheidenes Maß an poetischen Stunden gefunden haben mochten.

»Woran denkst du?« frug Axel, der sie so träumerisch sah.

»An die Leute, die hier gegangen,« antwortete sie. »Kleine rührende Liebesgeschichten in engen hausbackenen Umgebungen glaub' ich an mir vorüberziehen zu sehen.«

Und weil seine Gedanken auf dieselben Dinge gerichtet waren, verstand er sie und nickte: »Ja, man könnte auch hier glücklich sein.« Wie er aber die Worte gesprochen hatte, erstaunte er über sich selbst. Das glich ihm doch so wenig, was er da eben gesagt, – glaubte er es eigentlich wirklich?

Mrs. Clarences Interesse an dem Park erwachte erst, als die Gesellschaft an ein Rundell kam, wo, inmitten einer Gruppe Zierpflanzen, die Büste des Landesherrn stand. Von hohem Sockel schaute der weiße Marmorkopf herab auf die scharfen blaugrauen Spitzen der Agaven und die gelben, roten und purpurschwarzen Blätter der Coleus – so buntscheckig wie das Reich selbst, über das der Monarch herrschte. Dieser Punkt mußte natürlich photographiert werden, um in der Sammlung zu prangen, die einst Clarenceville bewundern sollte. Kritischen Blicks betrachtete die Amerikanerin den Souverän inmitten seines vielfarbigen Blattpflanzenbeetes. »Für Dekorationszwecke ist das monarchische System doch eine großartige Institution,« sagte sie, »und sollten etwa je all die Herrscher abgeschafft werden, so verlöre Europa doch eine seiner amüsantesten Attraktionen.«

Bei Stramm, der in der Beurteilung der Amerikanerin beständig zwischen physischem Wohlgefallen und geistiger Mißbilligung auf und ab schwankte, nahm bei diesen Worten das Mißfallen bedenklich zu. Frauen waren ja Wesen, die immer erst vom Mann die richtigen Lebensdirektiven erhielten; aber es würde schwerhalten, dieser republikanischen Rekrutin beizubringen, vor welchen Begriffen unbedingt geistig Front zu machen war.

»Jetzt wollen wir aber ins Hotel zum Essen,« meinte der Doyen, und die Marquesa, die alle Bewegung als möglichst zu vermeidendes Übel betrachtete, stimmte so eifrig bei, als ihre indolente Art es überhaupt zuließ.

Goldener Abendglanz lag noch über der Welt, aber im Hotelgarten waren die Bogenlampen schon angezündet, und Motten und Nachtfalter umkreisten die großen hellen Kugeln. In dem kleinen Kiosk begannen die Zigeuner ihre Geigen zu stimmen. Der Wirt kam eilfertig den Gästen vom jenseitigen Ufer entgegen und geleitete sie unter den jungen Bäumen an den Reihen kleiner Tische entlang, wo die städtischen Stammgäste bereits saßen. Sie alle blickten den Neuangekommenen mit unverhohlener Neugier nach, und die Frauen pufften sich untereinander mit den Ellbogen, um gebührende Aufmerksamkeit auf die vorbeiziehenden Hüte der Damen zu lenken.

Mit gerechtem Stolz wies der Wirt auf die lange Tafel, die für die neuen Gäste gedeckt worden war. Zwischen flachen Blumensträußen in Papiermanschetten, Öl- und Essighaltern und allerlei Flaschen stand da auch ein zinnerner Landsknecht mit einer Fahne in der Hand, auf der die Worte »Guten Appetit« zu lesen waren. Porzellanene Salzfässer ohne Löffelchen, kleine Bündel Zahnstocher, die mit Bändchen in den Landesfarben der verschiedenen Exzellenzengäste zusammengebunden waren, vervollständigten die sinnige Dekoration. In der eigenen Heimat hätte wohl keiner von ihnen ähnliche Lokale aufgesucht, aber hier unterbrach es die Gleichförmigkeit des Daseins – war eben jenseitiges Ufer.

Nachdem man sich gesetzt und die stets müde Marquesa ermattet auf einen der graden Holzstühle gesunken war, hob sie die langstielige Lorgnette an die Augen, musterte ungeniert die Leute an den kleinen Tischen, ließ dann das Glas wieder sinken und faßte ihre Eindrücke, enttäuscht seufzend, in die Worte zusammen: »Als Galerie ist das wenig.«

»Wie meinen Sie das?« frug Mrs. Clarence.

»Ja, sehen Sie,« antwortete die Spanierin, »das bißchen wirkliche Interesse unseres Lebens besteht doch oft nur in dem, das die Galerie daran nimmt.«

»Wenn wir hier von Zuschauern umgeben essen,« sagte Wawerling, »muß ich immer daran denken, daß früher die Leute von weither kamen, um die Könige von Frankreich speisen zu sehen.«

»Wir sind überhaupt Reste aus jenen Zeiten,« seufzte Stratten.

»Und vielleicht werden wir auch noch mal, ganz wie jene, davongefegt,« sagte Wawerling im voraus resigniert.

»Wir müssen eben trachten, uns den modernen Forderungen anzupassen; dann werden wir auch ferner unentbehrlich bleiben,« entgegnete Stramm, der in den Augen der schönen Amerikanerin keineswegs als leicht abkömmliches Requisit einer entschwindenden Periode gelten wollte.

Doch sie sagte leichthin: »Nun, sollte es wirklich je so kommen, daß Sie auf dieser Seite keine Verwendung mehr fänden, so lad' ich Sie alle schon jetzt zu mir nach Clarenceville ein. Dort ist alles absolut neu und nur fürs Nützliche. Es wär' ein großer Kontrast.«

Stramm runzelte die Stirn. War sie überhaupt erziehbar? –

Liane saß zwischen den beiden Jubilaren, die sich wie immer um sie bemühten. Aber sie vermochte kaum, ihnen mit Aufmerksamkeit zuzuhören. Immer wieder glitten ihre Blicke über die flachen Blumensträuße und den zinnernen Landsknecht hinüber zu dem Tischende, wo die Jugend eine lustige Ecke bildete und die irrepressible Amerikanerin das Feuer ihrer Konversation und ihrer Blicke mehr und mehr auf Axel richtete. Sie sah, wie er darauf einging und Mrs. Clarences Entgegenkommen halb belustigt, halb bewunderungsvoll erwiderte. Ahnte nicht, daß er sie selbst dabei genau im Auge behielt, beobachtend, welche Wirkung sein verändertes Gebaren auf sie ausübte. Bemerkte statt dessen, wie wohlgefällig Mrs. Pemberton auf der Nichte Fortschritte schaute.

Allmählich aber litt Liane so sehr, daß sie nicht mehr hinsehen konnte. Ihre Blicke irrten umher, blieben schließlich an einem der benachbarten Tische haften. Zwei alte Leute sahen auf der einen Seite. Der Mann las durch eine große Brille in der Zeitung, die Frau war über einen Strickstrumpf gebeugt. Ihnen gegenüber saß ein junges Paar, das scheinbar zusammen eine illustrierte Zeitschrift betrachtete; unter dem Tisch aber drückten sich die beiden verstohlen die Hände. Liane konnte es von ihrem Platz aus grade sehen. Und wie sie es sah, stiegen Tränen brennend in ihre Augen. Arme alltägliche Menschen waren es ja, und in wenig Jahren würden sie sorgendurchfurcht und gebückt sein wie die beiden Alten, aber diese eine Abendstunde gehörte doch ihrer Jugend und Liebe – die konnte ihnen nie wieder geraubt werden. » Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?« summte der Doyen den Geigen nach. »Finden Sie nicht, Frau von Linteloe, daß diese Kapelle besonders gut spielt?«

Doch nun klopfte Holst an sein Glas, um die Gesundheit der Jubilars auszubringen. » Eheu fugaces labuntur anni,« begann er, pries die liebenswerten Eigenschaften der beiden, durch die sie während siebzehn Jahren die Herzen der vielen Kommenden und Gehenden gewonnen und sich bei allen Anwesenden ein monumentum aere perennius errichtet hätten. Er wünschte ihnen Glück ad multos annos und schloß: » Nunc est bibendum

Die Gläser klirrten aneinander.

»Aber jetzt wollen wir tanzen, bis das Schiff abfährt!» rief Mrs. Clarence. »Sagen Sie den Leuten, daß sie uns spielen sollen!«

Die Marquesa und der Doyen hoben die Tafel auf. Vom Garten wanderte man in den zu ebener Erde gelegenen Hotelsaal, wo auf den schokoladenbraun tapezierten Wänden loyale Buntdruckporträts fürstlicher Personen hingen und die winterlichen Feste der städtischen Honoratiorenkreise abgehalten wurden.

Die Zigeuner saßen auf einem kleinen Podium. Nun stimmten sie den ersten Walzer an.

Schon wirbelten Vercoeur und Madame Pigeonnier durch den Saal, und die Marquesa, die Tanzen nicht zu den Bewegungen rechnete, glitt wie eine majestätische Galeone stolzer Armada mit dem Doyen davon. Liane lehnte an der Wand; sie sah, wie Axel, in der Türe stehend, noch mit ein paar anderen Herren sprach und dann die brennende Zigarette in den Garten warf. Jetzt muß er gleich kommen mich zu holen, dachte sie. Aber statt seiner stand der Vizedoyen vor ihr und verbeugte sich: »Gnädigste Frau, darf ich bitten?«

Ehe sie sich mit ihm unter die Tanzenden mischte, sah sie noch, wie Axel, ohne nach ihrem Platz zu schauen, geraden Weges auf Mrs. Clarence zugeschritten war und diese nun mit ihm durch den Saal flog. – Als Liane längst wieder neben Wawerling stand, tanzten die beiden noch immer, und sie konnte die Blicke nicht von ihnen wenden. Wieder sagte sie sich, wie schön sie zusammen aussähen, und dann kam es ihr vor, als müsse Mrs. Clarence wissen, daß sie das fand, und als spiele deshalb dies spöttisch-siegreiche Lächeln um ihre Lippen. Mrs. Clarence dachte aber eigentlich gar nichts, sie lächelte nur, weil ihr das gut stand und weil ihre stets überströmenden Lebensgeister im Tanz eine befriedigende Betätigung fanden. Axel dagegen beobachtete Liane, und jedesmal, wenn er mit seiner strahlenden Tänzerin an ihr vorbeikam, fühlte er die schmerzliche Frage ihrer Augen und tat, als bemerke er sie gar nicht. Und dabei erschien sie ihm immer reizvoller, je mehr er gewahrte, wie sehr er die Macht besah, ihr wehe zu tun.

Wie unerträglich schwül ist es doch hier, dachte Liane; und sie mußte, ohne selbst davon zu wissen, es wohl auch ausgesprochen haben, denn Holst, der neben ihr stand, bot ihr den Arm und sagte mit einem Blick auf die Tanzenden: »Zwar ist es dulce desipere in Ioco, aber es war doch draußen viel angenehmer. Wollen Sie ein bißchen ins Freie gehen?«

Sie traten hinaus, blieben aber vor den weitgeöffneten Flügeltüren des Saales stehen, denn Liane fühlte, daß sie weiter hineinsehen mußte. Schwermütig klangen die Geigen der Zigeuner hinaus in die Nacht, und es war Liane, als wiederholten sie immer und immer wieder dasselbe: »Wozu der Gram? Alles vergeht. Bald reißt die Saite, tönt nimmermehr.«

Trauriger als Schmerz dünkte sie der Geigen Trost.

Doch nun entstand eine Bewegung in dem Saale. Belany war in die Mitte des Raumes getreten und rief laut: »Damentour, i bitt' schön! Damentour l«

Liane sah, wie aus einer Gruppe an der jenseitigen Wand Mrs. Clarence heraustrat; sie sah sie hochaufgerichtet und mit siegessicherm Lächeln durch den Saal schreiten, und sie wußte instinktiv, daß der, den sie holen wollte, nur Axel sein konnte. Da erwachte ein unbekanntes Gefühl in ihr. Ein Erbrest aus Urtagen mußte es sein, wo Kampf um alles, was des Besitzes wert schien, brutal und offen, als des Daseins Hauptzweck, von Jedem gegen Alle geführt wurde: sie vergaß völlig, wer und wo sie war, sie wußte nur das eine, daß sie nicht ertragen könne, nicht ertragen wolle, diese Frau noch einmal in seinen Armen zu sehen. Eine rasende Begierde zu leben flammte in ihr auf. Sie wollte nicht nur warten, bis alles zu Ende sei! – Und ehe noch Mrs. Clarence den Saal durchschritten hatte, stand sie selbst vor Axel, hielt ihm eine Rose hin und sagte: »Laß uns tanzen, Axel!«

Sie hatte die dunkle Empfindung, daß da in diesem Augenblick, wo sich alles nur um Tanz und Blumen zu drehen schien, eine große tragische Entscheidung gefallen war, – und dann wieder, daß es eigentlich gar keine Entscheidung mehr sei, sondern nur Erfüllung von längst Bestimmtem.

Er hatte den Arm um sie gelegt, und sie glitten durch den Saal. Sie tanzten und tanzten, als sei dieser eine Tanz ein ganzes Leben, das sie in rasender Eile auskosten wollten. Und die Zigeuner fühlten, daß das zweie seien, für die es sich zu spielen lohne, bei denen es sich nicht um eine gesellschaftliche Vergnügung handelte, sondern wo die tiefsten menschlichen Gefühle, von Qual bis zu Wonne, den Reigen führten. Da ließen sie ihre Geigen allzumal singen: »Tanzt, tanzt und vergeßt qualvollen Lebens drückende Last. Alles vergeht, alles ist wechselnder Täuschung Schein. Tanzt, tanzt und vergeßt!«

Aus dem Chor der Instrumente erhob sich die Stimme einer einzelnen Geige. Immer weicher, sanfter und eindringlicher ward ihre Sprache. »Es schwindet die Zeit, und am Abend der Tage sitzt ihr als Bettler am Rande des Weges, denket dann weinend heutiger Stunde, wo der Becher sich schäumend euch bot. Keinen Tropfen verschmähten Trankes bringt euer Sehnen je dann zurück.«

Liane wußte von nichts mehr um sich herum, hatte alles andere vergessen, fühlte nur etwas Berauschendes, durch das es klang: »Wo alles Täuschung, nennet ihr Leben, was doch vielleicht nur ein Traum, scheltet träumen, was schöner als leben. Tanzt, tanzet und träumt!«

Weit weg in Traumesreich war Liane. Und die ganz schmeichelnde Stimme sang: »Wer wollt' es sagen, daß geöffnete Augen Leben bedeuten; starren doch auch die Toten ins Leere. Aber wenn süßeste Wonne sie hält, schließen die Menschen die Augen. Alles ist täuschender Schein.«

Wie süßes Locken, wie fernes Brausen, wie der Liebesruf aller Wesen fielen die Geigen nun allzumal ein: »Scheuet euch nicht, glücklich zu sein! Gleitet dahin in das Reich selig geschlossener Augen!«

Sie hatte längst die Augen geschlossen und glitt in seinem Arm weiter und weiter durch den Saal, der sie Weltenraum dünkte. Und plötzlich fühlte sie: die Bogen der Geiger strichen ja über Saiten, die auf ihrem eigenen Herzen gespannt waren! im eigensten Innern hörte sie die Wundermelodie, fühlte das Schwingen und Zittern, vernahm ein Schluchzen und Jauchzen. Wie ist dies Lied nur in mich hineingekommen, dachte sie; bin ich denn nicht eine stumme Harfe? –

Nun hielten Axel und Liane im Tanzen inne. Durch die weit geöffneten Türen wehte ihnen die laue Abendluft süßen Lindengeruch entgegen. Wie in einem den Tanz fortsetzenden Traumesrhythmus schritten die beiden hinaus in den Garten.

Still war es draußen, heimlich und dunkel. Gedämpft nur klangen der Geigen Stimmen bis zu ihnen: »Gleitet dahin, gleitet dahin in das Reich selig geschlossener Augen.«

Doch da tönte eine andere Stimme feierlich in den Chor: von nahem Glockenturm dröhnten schwere Schläge durch die Nacht.

Liane horchte auf. »Weißt du, was da schlägt, Axel?«

»Der neue Tag, glaub' ich.«

»Ja – aber weißt du, welcher Tag es ist? – Sommeranfang ist's, Axel, Sommer!« Und mit leiser Stimme, die zurückbebte vor einem großen Mysterium, und aus der es doch klang wie verhaltener Jubel, wiederholte sie: »Sommer ist's, Sommer!«

Während die beiden draußen also dem Sommer entgegenschritten, lehnten Stratten und Wawerling nebeneinander in einer der offenen Flügeltüren. Sie schauten den Tanzenden zu, sahen, wie die Herren jetzt Mrs. Clarence umdrängten, hatten aber auch beobachtet, wie Liane ihr in der Damentour bei Axel zuvorgekommen war.

»Diese Überflutung des europäischen Marktes mit amerikanischer Ware ist im Grunde recht bedauerlich,« meinte Wawerling.

»Man sollte sich dagegen verbünden,« sagte Stratten. »Im übrigen scheint mir, als habe sich Frau von Linteloe vorhin ganz erfolgreich dagegen gewehrt.«

»Ich fürchte, sie ist überhaupt keine Frau, die sich wehrt,« entgegnete Wawerling. »Seit Linteloes hier sind, hab' ich sie beobachtet – was soll man in meinem Alter sonst tun? Sie tat mir immer so leid, und ich wünschte ihr – ich weiß selbst nicht recht, was; aber seit einiger Zeit, da tut sie mir nicht nur leid – da hab' ich manchmal Angst um sie.«

»Dann wünscht' ich allerdings, Jungamerika wäre lieber jenseits des Ozeans geblieben,« sagte der Doyen inbrünstig.

»Ach lieber Freund,« erwiderte Wawerling, »hier wird Jungamerika wohl nur den letzten äußeren Anstoß bilden. C'était écrit, gilt da. Und das einzig Verwunderliche ist wohl nur, daß es nicht längst schon so gekommen ist. – Aber jetzt«, setzte er hinzu, »ist's hohe Zeit, daß wir zum Aufbruch mahnen, wenn wir das letzte Schiff noch erreichen wollen. Rufen Sie dort unsere beiden aus dem Mondschein in die Wirklichkeit zurück! – Ja, ja, 's ist hart, alter Freund, nur noch Zuschauer zu sein, wo süßer Klang und süßer Duft, die beiden uralten Kuppler, am Werke sind.«

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