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Anton Wildgans: Liebe - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wildgans/liebe/liebe.xml
typedrama
authorAnton Wildgans
booktitleBürgerliche Dramen: In Ewigkeit Amen / Armut / Liebe
titleLiebe
publisherL. Staackmann Verlag
seriesGesammelte Werke
volumeDritter Band
year1930
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3ce4df31
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Actus quartus

Das Speisezimmer.

Einfach, in dunklem Holz eingerichtet. In der Linkswand breites, mehrteiliges Fenster mit Spitzenvorhängen und Blumen. Draußen Vollmondnacht. In der Mitte der Hintergrundwand breite, offene Flügeltüre in das Wohnzimmer, das vom Klavier d.i. von rechts her beleuchtet ist. In der Mitte der Rechtswand Flügeltüre mit matten Glasscheiben, durch die Licht aus dem Vorzimmer durchscheint. Die Wände sind mit einer dunklen Stofftapete bespannt und tragen einige wenige sehr geschmackvolle Bilder. In der Mitte des Raumes der weißgedeckte, mit Blumen geschmückte Tisch, beleuchtet von einer elektrischen Pendellampe mit großem, kirschrotem Seidenschirm. Neben dem Tisch Nickelständer mit Eiskübel, aus dem eine Champagnerflasche herausragt.

Wenn der Vorhang aufgeht, hört man aus dem Wohnzimmer, mit vollendeter Technik gespielt, den dritten Satz aus der Sonate für Violine und Klavier von Josef Marx.

Währenddessen trägt das Stubenmädchen eine schön angerichtete kalte Schüssel auf, legt dann letzte ordnende Hand an den Tisch und geht wieder ab.

Nachdem die letzten Töne der Sonate verklungen sind, hört man lebhaftes Gespräch aus dem Musikzimmer. Gleich darauf kommen

Vitus und Anna ins Speisezimmer. Vitus hat Anna den Arm geboten und führt sie zu Tisch. Er trägt Smoking, Anna ein einfaches, leicht stilisiertes Abendkleid. Sie ist von der Musik sichtlich angeregt, ihre Wangen glühen, sie sieht mädchenhaft aus.

Vitus mit Enthusiasmus

Ich schwöre Ihnen, schöne Dame, diese Sonate hätte Ferruccio Busoni nicht glühender begleitet!

Anna auf seinen Ton übermütig eingehend

Und Pablo de Sarasate, weilte er noch unter den Lebenden –!

Vitus

O, o! Berufen Sie nicht so erlauchte Geister, Señora! Ich bin nur ein armer wandernder Musikant und habe für meine Stümperei bloß die eine Entschuldigung, daß es offenbar schöner ist, das Leben zu vergeigen, als sich vermittels der doppelten Buchführung oder des bürgerlichen Gesetzbuches ein verkrümmtes Rückgrat zu ersitzen.

Anna während sie ihm die Schüssel reicht, lachend

Da mögen Sie schon recht haben.

Vitus mit festlichem Überschwang

Es lebe der Mensch, geboren aus dem Geiste der Musik! Es leben die großen Meister Bach, Mozart und Beethoven! Und es lebe der Jüngling, der die Sonate schuf, die uns soeben verzückte! Was werden doch immer wieder für Künstler in diesem sonst so freudelosen Europa geboren!

Anna heiter anzüglich

Das macht vielleicht doch, daß es bei uns die Liebe noch gibt!

Vitus sehr lebhaft

Gesegnet sei sie in des Teufels Namen darob! Doch mehr noch glaube ich an diese überall so göttliche Landschaft. Sie wissen ja nicht, wie ich mich gerade nach der gesehnt habe! Ahnen Sie denn überhaupt, was es heißt, fünfzehn Jahre zu leben in einem Weltteile, wo es keine Blumen gibt, keine Gewässer und keine Kunst!? Können Sie sich die Menschen vorstellen, die ohne all das heranwachsen? So ausgebrannt ist das Land, daß man die Schafherden aus dem Innern tagelang ans Meer zur Tränke treiben muß. In den Eukalyptuswäldern der Blauen Berge birst die Rinde von den Stämmen. Immer brennen ganze Reviere, entzündet von einer furchtbaren Sonne!

Anna angeregt

Waren Sie denn nicht auch in Queensland? Das soll ja ein Paradies sein.

Vitus

Oh doch, ich war sehr oft dort! Aber gelebt habe ich im Süden, wo die eigentlichen Zentren des Landes sind, abwechselnd in Melbourne und Sidney. Städte, wissen Sie, gebaut mit allem Prunk und Luxus, aber unmittelbar dahinter die Steppe, die Öde, die Wüste!

Anna

Und die Musik?

Vitus

Du lieber Gott! Der gemeine Abhub der Londoner Tingel-Tangel, wie es für die meisten Leute, die dort leben, eben paßt.

Anna

Und doch sind Sie gerade dort so berühmt geworden.

Vitus

Berühmt, ja! Da gemahnen Sie mich lieber nicht daran! Berühmt in einer Kategorie mit Preisboxern, Ringerchampions, Feuerschluckern, Schlangenbändigern und Fakiren. A fellow, who makes money. That's all! – Nein, Madonna, daß mein bescheidenes Geigenspiel vielleicht doch irgend einen besseren Sinn hat, das empfinde ich nur in solchen Stunden, wie wir beide eine eben musizierend verlebt haben.

Anna blickt errötend auf ihren Teller nieder

Vitus beinahe gerührt

Zwei Menschen, eines werdend in einem Klange, in einem Rhythmus, für niemanden auf der Welt, nur für einander, das wiegt mir den Beifall aller music-halls jenseits von Suez auf. Glauben Sie mir das und – erhebt sein Glas seien Sie gebenedeit unter den Weibern!

Anna mit Wärme

Und auf viel Freude in der Heimat!

Vitus sie bedeutungsvoll ansehend

Ja, Freude, die bleibt uns vielleicht, wenn alle anderen Träume zerschellt sind.

Anna behutsam

Aber gestern noch haben Sie ganz anders von der Freude gesprochen.

Vitus mit sehr verhaltener Wehmut

Ja, sehen Sie, jene, welche die Liebe haben, sehnen sich bisweilen nach der bloßen Freude, und jene, die nur Freude haben, sehnen sich bisweilen nach der Liebe. So ist die Welt.

Anna wie oben

So ungefähr habe ich Sie gestern auch verstanden.

Vitus

Und dann vor allem: man braucht doch zunächst so etwas wie eine Formel, in die man sich fremden Menschen gegenüber verkleidet. Und Sie waren mir doch fremd – gestern!

Anna

Und heute?

Vitus

Wir haben zusammen ein großes Erlebnis gehabt: unsere Musik! Da frommen keine Masken mehr.

Anna

Also wollen wir von nun an zu einander ohne Masken sein! Sie reicht ihm die Hand.

Vitus ihre Hand küssend

Tausend Dank!

Anna nach einer kleinen Pause, gesprächsweise

Martin hat mir erzählt, daß Sie verheiratet waren – drüben in Australien.

Vitus in der Maske des Galgenhumors

Ja, das ist ein ganz drolliges Kapitel. Und wissen Sie, wie ich dazukam?

Anna

Erzählen Sie, wenn es nicht – schmerzt.

Vitus auflachend, mit forciertem, englischem Akzent

Aoh, warum sollte es schmerzen, da ich nun längst nicht mehr – verheiratet bin? Nach einem Augenblick des Besinnens Es war in Sidney. Ich stand auf dem Pier und wartete auf das Boot aus Europa. Aber ohne jemanden zu erwarten, nur so aus einer Art Einsamkeitssport. Endlich, das Schiff legte an. Über das Fallreep herab Menschen und immer wieder Menschen. Und für alle, die da kamen, waren Arme bereit, sie zu umschließen, Hände, die sich ihnen entgegenstreckten, ein paar Augen, welche die ihren suchten. Schließlich sind auch alle Koffer an Land, Hunderte von Cabs setzen sich nach der Stadt in Bewegung, der Molo ist fast wieder leer. Da bemerke ich zwei Damen: eine Matrone und ein Mädchen. Niemand hatte sie erwartet, niemand in dem Wirrwarr auf sie geachtet. Ihr Gepäck ist nicht zur Stelle. Sie sind ratlos. Ich nehme mich der Ladies an, verhelfe ihnen zu dem Ihrigen, verschaffe ihnen einen Wagen und verabschiede mich. – Nie hatte ich so dankbare und so traurige Augen gesehen, wie dieses Mädchen sie hatte, als es mir noch aus dem davonrollenden Wagen zunickte.

Anna

Und dieses Mädchen wurde Ihre Frau?

Vitus

Ja. Mit steigender Aufgetanheit Ich sah sie wieder – vorerst durch Zufall. Von da an öfter. Schließlich lud man mich ein. Inzwischen hatte ich einiges über die Familie erfahren. Der Vater war seit langem tot, hatte eine Fabrik hinterlassen, die nun die Mutter führte. Daher wohnten sie auch in deren Nähe, drei Stunden von Sidney, in einer – Wüste! Dreimal bereits hatten Mutter und Tochter die Reise nach London unternommen, die season mitzumachen. Das ist in Australien die Art bemittelter Leute, ihre Töchter auf den Markt zu bringen. Dreimal die weite und kostspielige Reise – und vergebens. Nun war sie achtundzwanzig. Ein viertes Mal würde sich der Aufwand nicht mehr rentieren: – Ein Todesurteil! Dabei war dieses Mädchen – schön!...

Anna mit mütterlicher Teilnahme, leise

Erzählen Sie nicht weiter! Wenn ich gewußt hätte – Verzeihen Sie!

Vitus mit starker, aber maskierter innerer Bewegung

O bitte! Hören Sie weiter! – Ich besuchte die Damen. Nie werde ich dieses Domizil vergessen: – Das tote Haus. – Die Atmosphäre eines Wachsfigurenkabinetts, alles uneigentlich, alles Surrogat. – Die Blumen in den Vasen verstaubte Seide, die Tischwäsche wegen Wassermangels – Linoleum. Statt eines Singvogels im Bauer ein flötendes Uhrwerk. Statt der Stimmen, die durch die Opernhäuser der Erde fluten, ein heiseres Grammophon. Statt des Ausblicks auf Landschaft ein Album mit Ansichtskarten von den begnadetsten Punkten Europas. Gegenden, die diese armen Augen geschaut, um sie nie wieder zu sehen! – Da riß mich das furchtbarste Mitleid fort. Ich vermochte mich nicht mitschuldig zu wissen an diesem trostlosen Verwelken, wollte in dieses verurteilte Leben Licht, Freude, Wärme spenden – So heiratete ich.

Anna behutsam

Aus Mitleid, nicht aus Liebe –

Vitus fast ingrimmig

Liebe! Liebe! Was wissen wir von unserem Herzen?! Was trägt nicht alles die Masken der Liebe! – Wer weiß übrigens, ob es bei mir nicht doch so etwas wie Liebe war? Sie aber hat mich bestimmt nicht einen Augenblick lang geliebt. Erst war es Dankbarkeit für die Retterhand, die sie aus dem Verließe führte. Dann aber war ich nur mehr – ein Weg! Sie kam durch mich in die Welt, ins Leben. Ihre Schönheit blühte auf, wurde umworben. Sie galt nun durch sich selbst. Mein Mitleid und ihre Dankbarkeit waren überholt. Ich jedenfalls von nun an überflüssig – Hätte ich dies alles nicht schon längst vorher erkannt, ich hätte sie – erwürgt, als ich sie eines Tages mit einem Offizier der Gardemiliz ertappte!... Wieder gesenkt Aber so? War sie denn schuldig? War ich nicht ebenso schuldig wie sie? Und ebenso unschuldig wie sie? – Das ist die Geschichte meiner Ehe.

Anna leise, bewegt

Sie sollen vergessen, sollen nicht mehr darunter leiden!

Vitus sich seiner Bewegung erwehrend

O, ich habe ja vergessen, ich bin weit davon entfernt zu leiden! Ich bin ja reicher geworden um eine Erfahrung, die die Schätze der Erde wert ist –

Anna

Und die wäre?

Vitus

Die Menschen sollen nicht reden von der Liebe! Denn ob es Liebe war, das könnte man vielleicht erst entscheiden mit dem letzten Atemzuge, der einem vergönnt ist. Mit veränderter Stimme und Stimmung Nun aber, edle Frau, mit englischem Akzent wollen wir sprechen vom Augenblicke und von all dem Schönen, das mir in diesen Heimatstagen noch bevorsteht! Er ergreift sein Glas Drum nochmals: es leben die erhabenen Genien Bach, Mozart und Beethoven! Evviva il grande maestro musico Riccardo Wagner, die indischen Verklärungen des großen Johannes Brahms und – die süße Cantilene des jungen Meisters, dessen Sonate uns soeben verzückte! Vivant! Sie stoßen an.

Das Stubenmädchen kommt mit einer neuen Tablette, wechselt die Teller und geht dann während des folgenden Gespräches wieder ab.

Anna nach einer kleinen Pause, gesellschaftlich

Es wird Martin sehr leid tun, Ihr Spiel heute versäumt zu haben.

Vitus scherzhaft

Aufrichtig gesagt, ich bin auch etwas enttäuscht über sein Ausbleiben. Man kommt doch schließlich nicht alle Tage aus Australien!

Anna etwas zögernd

Wenn er gewußt hätte, daß Sie heute abend –

Vitus

Ach so, das wußte er nicht! Sie sagten aber doch durchs Telephon: Wir erwarten Sie.

Anna etwas verlegen

Ich dachte mir eben, er würde zum Abendessen wieder dasein. – Vielleicht kommt er auch noch.

Vitus

Dann ist er ja, was mich betrifft, entsündigt und bleibt schuldig nur insofern, als er eine so entzückende Frau an einem solchen Maienabend allein zu Hause gelassen hat. Ereignet sich dergleichen des öfteren?

Anna

Manchmal, wie er eben in der Stimmung ist.

Vitus

Und Sie respektieren Stimmungen bei Ihrem Gatten?

Anna

Warum nicht? Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Vitus

Dann sind Sie gewiß die beste Frau, die so ein Stimmungsmensch wie Martin finden konnte!

Anna lacht, aber etwas gezwungen

Das lassen wir lieber ihn selbst beurteilen.

Vitus

Nein, im Ernst! Stimmungen, das ist doch eigentlich das, was ein Ehemann in der Regel nicht haben darf. Wenn einem also eine Frau darin Freiheit gewährt, so erlaubt sie einem bis zu einem gewissen Grade – Junggeselle zu sein. Und das heißt doch soviel als: da hast du die ewige Jugend!

Anna

Ist es denn wirklich so viel, wovon die Männer Abschied nehmen, wenn sie heiraten?

Vitus

Das kommt auf den Mann an. Aber eigentlich, offengestanden, ist es nicht gar so viel. Denn zu seiner Zeit war es doch zumeist nichts anderes als schaler Zeitvertreib. Man wollte Wein, und es war doch in der Mehrzahl der Fälle nur Apfelsaft. Wieviel Zeit, Geld, Nerven verbraucht man in seiner angeblich freien Jugend für nichts und wieder nichts!

Anna ernst, mit Beziehung

Aber in der Erinnerung scheinen all diese Nichtigkeiten doch irgendwie bedeutend zu werden.

Vitus

Gewiß, weil man die Erinnerung, wenn sie nicht zufällig ein Begriff wäre, wegen fortgesetzten Betruges hinter Schloß und Riegel setzen müßte.

Anna immer ernster

Irgend etwas muß aber doch daran sein. Das können Sie vielleicht nicht so beurteilen.

Vitus

Wie denn so? Ich halte mich für äußerst geistvoll.

Anna

Nun, Sie waren eben doch noch nicht neun Jahre verheiratet wie Martin.

Vitus

Das allerdings nicht! Gott sei Dank – Lacht I beg your pardon!

Anna lacht auch, aber gezwungen

Oh bitte, Sie haben ja wahrscheinlich recht.

Vitus

Nur was mich, nicht aber was Martin betrifft. Denn der hat doch durch die Ehe mit Ihnen nur hinzubekommen.

Anna rauh

Wieso?

Vitus

Nun, Abschied genommen hat er doch von verflucht wenigem, als er Sie heiratete. Darauf wette ich meinen Kopf. Denn wenn man einen Menschen kennt wie ich ihn, dann weiß man genau, was er zu erleben fähig ist. Martin war immer – ethisch schwer belastet.

Anna

Vielleicht blickt er gerade deshalb, weil er seinerzeit nichts Rechtes erlebt hat, so wehmütig zurück.

Vitus

Ja, tut er denn das?

Anna

Bisweilen.

Vitus

Und das sagt er Ihnen so ohne weiteres?

Anna

Warum nicht? Das entspricht doch nur unserer Abrede.

Vitus

Was ist das für eine famose – Abrede?

Anna

Keine Geheimnisse vor einander zu haben.

Vitus ehrlich einer Unbegreiflichkeit gegenüber

Ja, das ist ja der pure Wahnsinn! Daran erkenne ich meinen Freund Martin!

Anna

Wieso?

Vitus

Da muß man einander doch grenzenlos – langweilig werden in der kürzesten Zeit!

Anna sehr verhalten

Langweilig wohl am wenigsten –

Vitus

Aber?

Anna

Manchmal vielleicht – zur Qual.

Vitus bewegt

Also so weit seid Ihr miteinander! – Und ich hatte mich gefreut, daß hier einmal zwischen zwei Menschen – alles in Ordnung sei.

Anna weh, mit unwirklicher Stimme

Es ist ja auch – alles in Ordnung.

Vitus vorsichtig

Sagen Sie, wissen Sie, wohin er heute gegangen ist?

Anna rauh

Nein.

Vitus leise

Das hat er Ihnen also doch nicht anvertraut.

Anna

Das ist aber auch das erstemal, daß er – so von mir gegangen ist.

Vitus mit einem Anflug von Bitterkeit

Und diese Blumen, dieser Champagner und all diese heimliche Festlichkeit, das alles war natürlich ihm zugedacht.

Anna schwer

Allerdings. – Sie sind mir deshalb nicht böse, nicht wahr?

Vitus mit mehr Bitterkeit

Nicht im geringsten. Wenn die Gäste nicht kommen, ruft man die Bettler von der Straße herein. Aber warum gerade heute diese solennen Rüstungen?

Anna mit wankender Stimme

Es ist heute unser Hochzeitstag.

Vitus

Und er hat ihn vergessen?! – Armes Kind. Sieht sie mit aufquellender Liebe an.

Anna sich aufraffend und alle Widerstände in sich sammelnd, mit Steigerung

Oh, ich bin nicht so arm! Ich will jedenfalls nicht arm sein! Es ist ja auch nur eine Bagatelle. Wir holen es nächstes Jahr nach, wenn Gott es gibt. Bis dahin ist eine lange Zeit. – Da kann sich noch manches zum Besseren wenden. Auch zum Schlechteren vielleicht! Alles eins. – So, und jetzt haben wir beide miteinander ohne Masken gesprochen und nun wollen wir wieder lustig sein, nicht wahr?!

Vitus mit groteskem Überschwang

Bei Gott ja, das wollen wir! Und zwar gestatte ich mir, Ihnen eines meiner berühmten australischen Abenteuer zum besten zu geben. Vernehmen Sie zunächst die Titel! Erstens: Meine Ermordung im Hafenviertel von Melbourne oder das Freudenmädchen von der Princes-bridge! Zweitens: Vitus Werdegast wird wegen Vaterschaft an einem Kinde belangt, das gleich den babies der Elefanten elf volle Monde im Mutterleibe getragen worden sein müßte, wenn er der Vater wäre! Oder: Mister Werdegast, der einen amerikanischen Manager im Boxkampf besiegt hat, erhält von diesem einen Engagementantrag für neunzig Abende, an denen er abwechselnd boxen und Mozart spielen soll! Viertens –!

Anna krampfhaft lachend

Genug, genug, genug!

Vitus

Oder soll ich Ihnen das berühmte Kunststück mit der Flasche produzieren, das ich dem Lustknaben des Scheichs von Lahore abgelauscht habe? – Soll ich? Er ergreift die Weinflasche und ist im Begriff, sie sich auf den Kopf zu stellen.

Anna die plötzlich ihres Lachens Herr geworden, auffallend rauh

Nein! Sie sollen keinen Clown spielen.

Vitus Das jähe Innewerden ihrer Veränderung gewaltsam übergehen wollend, aber immer unsicherer werdend

Warum soll ich keinen Clown spielen? Da ich all die Jahre nichts anderes tue als einen Clown spielen! Zwischen dinner und supper zur Verdauung der Leute, die ihre tickets bezahlt haben. Warum soll ich keinen Clown spielen?

Anna wie oben

Weil mir Ihr Antlitz ohne Puder und Schminke lieber ist!

Vitus mit neuem Anlauf zu Clownerien und übertrieben englischem Akzent

Ach, mein Antlitz! Es ist kein Meisterstück des lieben Gottes. Please, look here! Von die Ohr bis zu die Ohr der Mund. Die Schläfen grau in meine siebenunddreißigste Jahr. Die Stirn gefurcht von die viele »Sich machen interessant«! Die Fratze eines gelangweilten Teufels!

Anna

Das Gesicht eines – Menschen!

Vitus mit äußerstem Aufgebot, seine Maskerade fortzusetzen

Wenn Mister Darwin hat recht, daß der Mensch abstammt vom Affen –

Anna fast herrisch

Ich will nicht, daß Sie sich so gebärden!

Vitus immer widerstandsloser

Wie, bitte, wünschen Sie, daß ich mich gebärde?

Anna tief, bebend

So, daß ich Ihnen gut sein kann. Wendet sich von ihm ab.

Vitus an sich haltend

I don't understand you. Ich verstehe Sie nicht.

Anna

Sie wollen mich nicht verstehen.

Vitus am Losbrechen, mit seiner natürlichen Stimme

Frau Anna –!

Anna mit geschlossenen Augen, das Haupt etwas zurücklegend

Nun?

Vitus losbrechend, fast angstvoll

Frau Anna, spielen Sie nicht mit mir! Es könnte sonst sein –! Etwas Heiliges geht sonst in meiner Brust in Brüche: – Freundschaft!

Anna wie oben, aber qualvoll

Bin ich denn so – häßlich?!

Vitus in ungeheurem Sturm

Frau Anna! – Nur mit Dirnen habe ich in meinem Leben zu tun gehabt, ich – ich Bankrotteur der Liebe! – Auch mein Weib war eine Dirne! – Führen Sie mich nicht in Versuchung! Lassen Sie mich einmal – beten!

Anna sieht ihn erschüttert und ihrer selbst jäh inne werdend an, in höchster Bestürzung

Mein Gott!

Vitus mit aller Inbrunst

Einmal beten!

Anna bricht zusammen in ein furchtbares Geschüttertwerden

Was Hab' ich getan – was hab' ich getan – was habe ich getan!

Vitus in höchster Anspannung, wie ein Hypnotiseur, nahe an ihr, mit anfangs wankender, später immer sicherer, aber dafür beseelterer Stimme

Anna – Weib meines Freundes! – Hören Sie! – Ihre Seele weiß nichts von dem, was Ihre Lippen gesprochen haben. Sie werden sich jetzt erheben – und werden vergessen! Und morgen – ist abgefallen der wirre Traum, und ich – im Zuge gegen Süden – nehme die Klänge mit, die aufblühten unter Ihren Händen... Und immer soll, über die Häupter der fremden Menge hin, wenn meine Geige die Sehnsucht singt, in Ihr fernes Auge träumend gesenkt sein – das meine.

Anna die sich während seiner Worte langsam wie eine Schlafwandlerin erhoben hat, mit beinahe kindlichem Ausdruck

Und Sie werden – nicht schlecht von mir denken?

Vitus

Ich werde denken, daß mich einmal das Heimweh besiegt hat nach den Stätten der Kindheit, nach den Genossen der Jugend und nach den süßen Quellen der Musik in der Heimat – und daß es vielleicht nur das Heimweh war aus den kühlen Zonen der Lust in die holde Wärme – der Liebe.

Und ich werde denken, daß ein Abend war, da der Atem der Liebe meine Wangen gestreift, meine – entweihten... Gehen Sie schlafen.

Anna leise, somnambul

Ja, schlafen.

Vitus

Vergessen!

Anna

Ja – vergessen. Sie setzt sich mühsam gegen den Hintergrund zu in Bewegung. Im Rahmen der Türe zum Musikzimmer hält sie noch einmal inne, wendet sich zurück und sieht ganz traumverloren zu Vitus herüber, dann leise Gute Nacht.

Vitus verbeugt sich tief vor ihr.

Anna entschwindet nach rechts im zweiten Zimmer, man hört noch eine Türe gehen, dann tiefe Stille.

Vitus richtet sich mühsam und schwer aus seiner Verbeugung auf. Jäh packt es ihn, ihr nachzustürzen. Mit ein paar großen Schritten ist er an der Mitteltür des Hintergrundes und starrt einige Augenblicke in die Leere des Nebenraumes. Dann löst sich die Anspannung seiner Nerven, und müden Ganges kehrt er an den Speisezimmertisch zurück.

Nun hört man von rechts draußen das leise Klirren eines Schlüsselbundes und das Auf- und Zusperren einer schwereren Tür. Gleich darauf wird es hinter den matten Glasscheiben der Tür ins Vorzimmer licht. Vitus' Gesicht und Gestalt straffen sich wieder. Martin tritt ein. Er läßt die Tür hinter sich offen.

Martin auffallend blaß – nachdem die beiden Männer einander einen Augenblick starr betrachtet haben – mit rauher, mühsamer Stimm

Du hier?

Vitus ebenso

Im Begriff zu gehen.

Martin schwer

Wo ist – meine Frau?

Vitus

Schlafen – gegangen.

Martin

Was für ein Fest wurde hier gefeiert?

Vitus

Ein – Abschied.

Martin

Wann reisest du?

Vitus

Morgen.

Martin dumpf

Schon – morgen?

Vitus mit etwas wankender Stimme

Und jenes Fest war – dir zugedacht.

Martin

Und du hast – genommen, was mir –?

Vitus

Einiges.

Martin qualvoll

Nicht – alles?

Vitus sieht ihn voll und tief an, dann

Martin, nicht vieles ist mir heilig auf dieser Welt, doch eines, wisse, ist mir heilig: die Frau des Freundes! – Aber mit bedeutsam erhobener Stimme hüte dich vor den – andern!!

Martin ins Herz getroffen

Vitus:

Vitus erschüttert

Leb wohl.

Martin macht eine jähe Bewegung gegen Vitus. Sie stürzen einander in die Arme, man hört das schwere Gehen ihres Atems

Vitus reißt sich los und eilt nach rechts ab.

Martin steht wie betäubt, während draußen eine Tür hart ins Schloß fällt.

Vorhang.

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