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Anton Wildgans: Liebe - Kapitel 4
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typedrama
authorAnton Wildgans
booktitleBürgerliche Dramen: In Ewigkeit Amen / Armut / Liebe
titleLiebe
publisherL. Staackmann Verlag
seriesGesammelte Werke
volumeDritter Band
year1930
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid3ce4df31
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Actus secundus

Der selbe Raum wie vorhin in der ersten Dämmerung des Abends.

Im Speisezimmer ruhen noch die letzten Strahlen der Abendsonne auf einigen Möbeln und Gegenständen. Alle Fenster sind offen. Die mannigfachen Geräusche der Straße klingen gedämpft herauf. Wenn der Vorhang aufgeht, bleibt die Bühne einige Augenblicke leer. Dann tritt

Anna, gefolgt von dem Stubenmädchen Katharine, durch das Speisezimmer auf. Sie trägt ein einfaches lichtes Frühjahrskostüm, in dem sie sehr jung und hübsch aussieht. Ihr ganzes Gehaben deutet übrigens eine gewisse Freudigkeit und Heimlichkeit an. Sie hat einen Strauß von blühenden Zweigen, zu denen Blumen gebunden sind, im Arm.

Anna

Ist mein Mann schon zu Hause?

Katharine

Nein, gnädige Frau, aber die Frau Mutter des Herrn Doktor ist da.

Anna freudig, aber zerstreut

So? Wo ist sie denn?

Katharine

Im Kinderzimmer.

Anna lächelt

Natürlich, das hätt' ich mir denken können. Sie hat die auf das Klavier gegeben und legt nun Hut und Jacke ab Hat das Kind schon sein Nachtmahl bekommen?

Katharine

Schon vor einer halben Stunde. Es wird gerade schlafengelegt.

Anna nachdenklich

Schade, da wird es mein Mann wieder nicht mehr wach antreffen. –

Katharine

Was soll mit den Blumen geschehen, gnädige Frau?

Anna

Die Zweige geben Sie in die Vasen im Schlafzimmer, die andern Blumen schneiden Sie ziemlich kurz ab und stellen Sie sie in der großen flachen Schale abends auf den Speisetisch!

Katharine

Jawohl, gnädige Frau.

Anna

Ist der Wein gut eingekühlt? Haben Sie Eis bekommen?

Katharine

Jawohl, er steht schon seit einer Stunde im Kübel.

Anna

Aber den Kübel dürfen Sie nicht ins Vorzimmerfenster stellen, sonst sieht ihn mein Mann gleich, wenn er nach Hause kommt. Und dann – die Blumen geben Sie auch erst im letzten Moment auf den Tisch!

Katharine

Und wieviel Gedecke, bitte, soll ich auflegen?

Anna mit zerstreutem Staunen

Wieviele? Zwei natürlich. Ach so, Sie haben geglaubt –

Katharine

Daß Gäste kommen.

Anna

Nein, mein Kind, es kommen keine Gäste! Nur mein Mann und ich! Lacht leise in sich hinein Und decken Sie recht schön auf, nehmen Sie das feine Service! Und das Obst legen Sie auf den silbernen Aufsatz!

Katharine

Jawohl, gnädige Frau.

Anna rasch links ab. Gleich darauf läutet das Telephon.

Katharine am Telephon

Ja, bitte? – Hier das Stubenmädchen von ... Nein, der Herr Doktor ist noch nicht zu Hause, aber die gnädige Frau – Ja danke, ich werde es ausrichten. Sie verläßt das Telephon und packt die Blumen und Annas Hut und Jacke zusammen, um alles fortzuschaffen.

Martins Mutter und Anna treten von links auf.

Martins Mutter ist eine schöne, liebe, alte Dame mit einem freien, gestillten Antlitz, das noch immer bisweilen schwärmerisch aufleuchten kann. Über ihrer klugen, klaren Stirn wölbt sich ein voller Scheitel schlichter silbergrauer Haare auf. Ihre dunklen Augen, die verweilen können, sprechen von Güte und Erfahrung.

Mutter im Eintreten, mit dem Nachklang einer großen, zärtlichen Rührung

Gott erhalte euch den lieben kleinen Engel, Kinder!

Anna freudig zärtlich

Ja, Mutter, das bete ich alle Tage.

Mutter

Das muß man auch, wenn einem solch ein Glück beschieden ist. Und wäre es auch nur, um jeden Tag daran zu denken, wie arm man wäre, wenn man es nicht hätte.

Anna

Das kann ich mir freilich gar nicht mehr vorstellen, Mutter. – Wollen Sie etwas, Katharine?

Katharine

Herr Werdegast hat soeben angerufen und läßt dem Herrn Doktor sagen, daß er zwischen acht und neun Uhr im Hotel telephonisch erreichbar ist.

Mutter

Werdegast?

Anna nach einem Augenblick des Nachsinnens

Danke. Sie brauchen übrigens meinem Manne nichts davon zu sagen. Ich werde es ihm selbst ausrichten.

Katharine

Bitte, gnädige Frau. Ab durchs Speisezimmer.

Anna für sich, heiter

Nein, nein, Gäste können wir heute nicht brauchen! Lächelt in sich hinein.

Mutter

Seit wann ist denn Werdegast wieder da?

Anna sehr aufgeräumt

Seit gestern. Denk dir nur, Mutter, spät abends kam er uns plötzlich, geraden Weges von Australien her, ins Haus geschneit!

Mutter mit heiterem Anteil

Was ist denn aus diesem Menschen geworden?

Anna lacht

Jenseits von Suez soll er ein berühmter Geiger sein!

Mutter

Musikalisch, das war er wohl immer, aber sonst war er mir nicht sonderlich sympathisch. Ein komischer Mensch.

Anna

Aber an Martin scheint er sehr zu hängen.

Mutter

Das schon.

Anna

Und deinen Sohn hättest du gestern sehen sollen! Wie ein Junge hat er sich über dieses Wiedersehen gefreut. Und nachher, als Vitus weg war, fühlte er sich geradezu unternehmend! Die zwei müssen seinerzeit ganz geniale Streiche miteinander aufgeführt haben!

Mutter lachend

Sehr geniale! Das muß ich schon sagen. Ich war nicht immer ganz einverstanden mit der Genialität des Herrn Werdegast. Besonders seine Theorien vom Weib und von der Liebe sind mir manchmal schon sehr contre coeur gewesen.

Anna heiter

Er hat auch gestern gleich wieder damit angefangen. Zu drollig.

Mutter

Heute lache ich ja auch über seine Einfälle und glaube, daß er es im Grunde gar nicht so meint.

Anna

plötzlich anders, wie zu sich

Irgend etwas muß schon daran sein.

Mutter stutzig

Wieso?

Anna

Für die Frauen gilt es ja nicht. Aber daß der Mann, selbst wenn er eine Frau liebhat, nicht aufhört – auch noch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, das könnte schon wahr sein.

Mutter mit ganz veränderter Stimme, fast bitter

Warum nur der Mann?

Anna mühsam

Das weiß ich nicht, Mutter.

Tiefe Stille.

Im Rahmen der Speisezimmertür, sich von dem lichteren Hintergrunde deutlich abhebend, erscheint Martin.

Martin

in der Türe stehenbleibend, mild gedämpft

Seid ihr in der Dunkelheit, ihr beiden Frauen? Willkommen, Mutter! Lieb und gut, daß du da bist.

Mutter mit einer Stimme, in der der Affekt ihrer letzten Worte, in eine Art Feierlichkeit verwandelt, nachklingt

Guten Abend in deinem Hause, mein Kind!

Martin

Darf ich Licht machen, daß ich euch deutlich sehe, ihr Lieben?

Mutter

Ja, mach du Licht, mein Kind, damit auch wir dich deutlich sehen.

Martin hat das elektrische Licht neben der Türe aufgedreht und kommt nun auf die Mutter zu

Du kommst uns wohl wieder einmal adieu sagen, Mutter? Er küßt ihre Hand und reicht dann auch Anna die Hand.

Mutter

Du hast es erraten, mein Kind.

Martin

schwermütig, zerstreut

Ja, jetzt ist deine Zeit, der Frühling. Da werden dir immer die Straßen zu eng.

Mutter ihn aufmerksam betrachtend

Und die Luft zu schwer.

Martin

Gehst du wieder ins Gebirge?

Mutter

Die helle strenge Luft tut mir nun einmal am besten.

Martin

Ja, wenn man das auch könnte!

Mutter

Wann kommt deine freie Zeit?

Martin

Noch sehr lange nicht – erst im Herbst.

Mutter

Hast du viel Arbeit?

Martin beziehungsvoll

Gott sei Dank, die hab' ich.

Mutter ebenso

Ja, da muß man wirklich Gott danken – in diesen Föhnwindtagen.

Martin schwermütig

Man wird so widerstandslos. Da ist die Pflicht doch eigentlich das einzige, was einen einigermaßen besonnen erhält – in dieser Jahreszeit des allgemeinen Taumels. – Wenn man bedenkt, wie das alles um einen herum lebt! – Ich meine diese ganze große Stadt – Mit einem mühseligen Lachen Es ist wirklich, als gäbe es bloß lauter – Liebespaare.

Mutter

Das ist wohl nur so die Außenseite. Das braucht einen nicht anzufechten.

Martin

Natürlich ist es nur die Außenseite. Es ficht mich auch weiter nicht an. Nach einem dumpfen Innehalten Sag, Anna, kann ich eigentlich das Kind noch sehen? Oder schläft es schon wieder?

Anna

Wenn du dich beeilst, kannst du ihm noch Gute Nacht sagen.

Martin

Dann entschuldige mich, bitte, einen Augenblick, Mutter!

Mutter mit Bedeutung

Sieh es dir nur recht, recht gut an, dein Kind!

Martin

Das will ich, Mutter. Links ab.

Einige Augenblicke Stille.

Mutter sorgenvoll

Sein Aussehen ist nicht besonders.

Anna

Immer im Frühjahr. Aber so schlimm wie heuer war es noch nie. Und dabei kann er ja, soweit es auf mich ankommt – alle Freiheit haben, die er will.

Mutter

Das ist vielleicht nicht einmal gut. Wer zu viel Freiheit hat, der fühlt sich nicht genug – gebunden.

Anna

Martin soll sich auch nicht gebunden fühlen!

Mutter

Da bist du – verzeih mir! – nicht ganz auf dem richtigen Wege, mein Kind. Ich weiß ja, wie du es dir zurechtlegst. Du meinst, wenn ihn die Liebe zu dir nicht zurückhält, dann könne ihn anderes auch nicht abhalten. Dabei rechnest du im Stillen damit, daß seine Liebe stark genug sei, und das ist sie ja auch ganz gewiß. Aber es gibt Versuchungen, mein Kind, gegen die das, was wir Liebe nennen, kein Talisman ist – so schwer auch wir Frauen dies im Anfang begreifen.

Anna mühsam

Und was weißt du mir da für einen Rat?

Mutter behutsam

Ein Mann müßte eigentlich immer in dem Bewußtsein erhalten werden, daß ihm nicht um ein Jota mehr Freiheit gebührt, als er seiner Frau gewähren würde.

Anna

Ich habe ja auch alle Freiheit von ihm.

Mutter

Wirklich? Ich glaube die hast du bloß, weil er sicher ist, daß du sie nicht gebrauchst. Aber versuch es nur, und – die Hölle wird los sein.

Anna rauh

Das weiß ich nicht, Mutter.

Mutter betroffen

So?... Ach so! – Ja, eigentlich hab' ich doch alles das – schon einmal erlebt...

Anna mühsam

Du – auch, Mutter?

Mutter

Ja, auch ich, mein Kind, in meiner eigenen Ehe. Mit tiefem In-sich-Schauen Es kommt eine Zeit, da werden die Männer unruhig. Und die Frauen, die das spüren, werden es auch. Die Männer wissen, wo das hinauswill. Aber die Frauen brauchen eine Zeit, bis sie dem Eigentlichen auf den Grund kommen, und dann ist es meist schon – zu spät für sie. Freilich ist es vielleicht besser so. Denn – was würde aus der Ehe, was würde sonst aus den Kindern? – Man muß sehr weise sein lernen als Frau in der Ehe, sehr weise. – Verstehst du mich recht, mein Kind?

Anna erschüttert

Ich glaube, Mutter. Schmiegt sich an sie.

Mutter noch immer wie oben

Wie lange eigentlich seid ihr schon – verheiratet?

Anna tief

Neun Jahre – am heutigen Tage.

Mutter

Heute? Da wird es wohl ein kleines Fest geben heute abends, nicht?

Anna mit wieder aufquellender Freude

Es ist alles heimlich vorbereitet!

Mutter

Hat er sich nicht an den Tag erinnert?

Anna

Nein, aber umso schöner wird es sein, ihn zu überraschen.

Mutter sie auf die Stirne küssend

Gutes Kind. Die beiden Frauen schweigen.

Martin kommt von links zurück.

Mutter mit unbefangener Heiterkeit

Nun, Martin, hast du dein Kind gesehen?

Martin dumpf

Nur mehr schlafend.

Mutter innig

Auch das ist doch wie eine Andacht, nicht?

Martin

War ich auch einmal so sonnig wie dieses Kind, Mutter?

Mutter

Du warst gewiß auch einmal ein heiteres kleines Wesen, wenn auch nicht gerade so wie euer Knabe.

Martin

Das denk' ich mir. Umso besser für ihn. Wenigstens wird er leichter leben als ich.

Mutter

Auch du wirst noch einmal leichter leben, Martin!

Martin schwer

Wann wird das sein, Mutter?

Mutter

Wenn es einmal stiller sein wird – in dir.

Martin

Gott gebe es – aber bald!

Kleine Pause.

Mutter

Und nun, Kinder, lebt wohl für heute und –

Martin beinahe hastig

Du bleibst doch zum Abendessen bei uns, Mutter!

Mutter

Nein, vielen Dank. Ich reise ja schon morgen und habe noch nichts gepackt und geordnet. Mit einem Lächeln zu Anna Und es sind auch noch andere Gründe, nicht wahr, Anna?

Anna

Du weißt, Mutter, wie sehr wir uns freuen würden.

Mutter nach einem Lächeln des Einverständnisses

Ich weiß! Aber heute abends, Martin, gehöre du deiner Frau, die dich so liebhat, und deinem Heim, das dazu geschaffen ist, sich darin zu Hause und geborgen zu fühlen! Und schau, daß du die schwüle Zeit gut überstehst. Und wenn es einmal wieder gar zu wirr wird, dann sieh dir nur immer wieder dein süßes, süßes blondes Kindlein an, nicht wahr?

Martin

Das will ich, Mutter.

Mutter ihn auf die Stirne küssend, weich und heimlich bittend

Sei brav – mein Kind. Und verdiene dir – dein Glück!

Martin steht in tiefer, innerer Bewegung, man sieht ihm an, wie es in ihm arbeitet, endlich entringt es sich ihm leise

Leb wohl, Mutter.

Mutter, von Anna geleitet, im Hintergrund ab.

Martin allein

Glück – Glück! – Gewiß, das alles ist ja Glück: Ein Weib, das alle Sehnsucht zu mir trägt, Das Kind – Und dennoch! – Wenn in der Straßen Dämmer aufgelöst Der Wille ist, der Hüter der Empfindung, Und Müdigkeit nach Tages Einerlei Das Saitenspiel der Nerven weicher spannt – Wer hält, von seiner zitternden Musik betört, Die aufgeregten Sinne dann zurück? – Was ist dann Glück? Mehr nicht als Glück, Jedoch erlösender wär' etwas – Freude. Er läßt sich in den Stuhl nächst dem Schreibtisch nieder.

Anna zurückkommend, mit einem innerlichen Freudestrahlen, das trübe wird, da sie Martin so schwermütig vor sich hindenkend gewahrt. Sie geht leise auf ihn zu und streicht ihm über das Haar

Müde, Martin?

Martin dumpf

Müde – und seltsam aufgepeitscht. Er ergreift ihre Hand und küßt sie mit fast hilfloser Inbrunst

Anna

Gehst heute früh schlafen.

Martin

Kaum. – Eher würde ich es vorziehen, heute noch einen tüchtigen Weg zu machen.

Anna enttäuscht

In der Nacht?

Martin

Warum nicht? Die Stadt ist für mich überhaupt nur in der Nacht erträglich. – Wenn ich bedenke, wie wundervoll das manchmal in – früheren Tagen war ... Es liegt ein so wonniges Gefühl des Ausgestoßenseins darin, in tiefer Nacht allein mit hallenden Schritten zwischen diesen dunklen, stummen und doch so beredten Häuserfronten dahinzuwandern –

Anna sich unmerklich von ihm loslösend

Nun, dieses Vergnügen kannst du dir ja jederzeit vergönnen.

Martin

Könnte ich freilich! Aber man tut es nicht, wenn man zu Hause jemanden zurückläßt, der einen doch irgendwie erwartet.

Anna abgewandt

Daran brauchst du doch nicht immer zu denken!

Martin

Ich muß aber daran denken.

Anna

Warum?

Martin etwas gereizt

Weil ich ja nicht so phantasielos bin, daß ich dahinlebte ohne Bewußtsein, welche Gefühle meine Handlungen in anderen auslösen.

Anna

Mein Gott, ich würde mich schon zu trösten wissen.

Martin zerstreut

Womit denn, wenn ich fragen darf?

Anna

Nun, ich würde lesen, Klavier spielen, das Küchenbuch nachrechnen, Briefe schreiben oder vielleicht sogar – schlafen.

Martin

Das würdest du, sagst dies alles aber mit einem Beiklang von Verdrossenheit, als ob dir damit ein Unrecht geschähe.

Anna

In gewisser Beziehung geschähe mir ja auch ein Unrecht.

Martin

Wieso?

Anna

Gewiß. Denn was tätest du, wenn auch ich einmal Lust verspürte, nachts durch die Stadt zu wandern?

Martin

Ich würde diese »Lust« gewiß anerkennen, dir aber freundschaftlich davon abraten, als Dame allein in der Nacht auf die Straße zu gehen. Dafür, daß manche Dinge für eine Frau nicht rätlich erscheinen, bin doch nicht ich verantwortlich. Aber jede deinem Geschlechte angemessene Freiheit ist dir doch zugestanden!

Anna

Und wer beurteilt diese Angemessenheit?

Martin

Das darf ich hoffentlich – deinem Takt überlassen! Oder nicht?

Anna nach einigem Schweigen, innerlich bebend

Hast du also die Absicht, heute noch einen – tüchtigen Weg zu machen?

Martin

Wenn du erlaubst, würde ich es gerne tun.

Anna

Dann geh nur, Martin! Ich erlaub' es dir – gerne.

Martin

Siehst du, wie schwer es dir fällt.

Anna

Es fällt mir ja gar nicht schwer! Ich war nur gerade heute nicht darauf gefaßt.

Martin

Gerade heute nicht? Warum? Dieses ›gerade heute‹ gälte doch alle Tage!

Anna

Glaubst du?

Martin

Oder ist heute irgend ein besonderer Tag?

Anna sehr verhalten

Nein – oh nein!

Martin

Dann wäre ich dir sehr dankbar, wenn du dieses ewig gekränkte Wesen nicht gar so beklemmend zur Schau trügest. Es muß doch einem Manne gestattet sein, auch einmal einen Abend auf seine Art zu verbringen!

Anna

Daran hindert dich ja niemand.

Martin

Was heißt ›hindern‹? So weit sind wir ja denn doch nicht, daß du mich mit physischem Zwange vom Verlassen des Hauses abhältst! Was du aber mit Worten, Mienen, Betonungen leisten kannst, um mir meine Freizügigkeit zu verkümmern, tust du!

Anna

Du kannst von mir nicht verlangen, daß ich dir eine Komödie vorspiele!

Martin

Wieso verlange ich denn das?

Anna

Soll ich so machen, als ob mir deine An- oder Abwesenheit gleichgültig wäre, wenn dies nun einmal aus irgend welchen Gründen nicht der Fall ist?

Martin

Aus welchen? Rede!

Anna

Jetzt hat es keinen Sinn mehr zu reden.

Martin

Warum, wenn ich bitten darf?

Anna

Weil, wenn du dann wirklich bliebest, es doch nur mehr aus Rücksicht und Mitleid geschähe und nicht aus deiner eigenen Stimmung und Neigung.

Martin

Schön. Dann bleibe ich! Auch ohne daß es dir beliebt zu sprechen.

Anna

Nein!

Martin

Ich bleibe!

Anna qualvoll

Martin, ich bitte dich – geh!

Martin

Anna! – Nun, wenn du es durchaus wünschest –! Er unterdrückt ein Auflodern seines Temperamentes Ich will dich gewiß nicht stören. – Aber eines bedenke: vor Erregung zitternd Wenn ich jetzt gehe, dann hast du mich von hier vertrieben!

Anna

Wieso ich?! – Es wäre bei weitem ehrlicher zuzugeben, daß du bereits mit der Absicht, heute noch fortzugehen, nach Hause gekommen bist!

Martin aufbrausend

Das ist eine – Häßlichkeit!

Anna gleichfalls auflodernd

Kannst du es leugnen?!

Martin

Ja! Denn selbst zugegeben, ich hätte diese Absicht gehabt, so habe ich doch, bei Gott, alles darangesetzt, sie in mir zu besiegen! Erschüttert Ich habe die Mutter gebeten zu bleiben, ich habe mein Kind sehen wollen! –

Anna weh

Das ist es ja, daß ich allein nicht mehr genüge, dich zu halten.

Martin

Anna – es ist so entsetzlich – schwer!

Anna

Drum geh jetzt nur, Martin, damit es dir – leichter werde.

Martin tief und mit innerem Flehen

Du mußt – gut zu mir sein, Anna.

Anna in schmerzlicher Erstarrung

Leb wohl – Martin.

Martin nach einem langen Blick auf Anna im Hintergrund ab. Anna steht eine Weile so, wie Martin sie verlassen hat, dann kommt sie aus ihrer Erstarrung allmählich zu sich. Diese weicht dem Ausdruck einer trostlosen Leere.

Stubenmädchen in der Speisezimmertür, instinktiv behutsam

Kann ich schon die Blumen auf den Tisch stellen, gnädige Frau?

Anna tonlos, abwesend

Die Blumen? Ja, die können Sie immerhin auf den Tisch stellen.

Stubenmädchen

Kann auch, bitte, schon serviert werden?

Anna mühsam

Der Herr Doktor – ist fortgegangen.

Stubenmädchen immer behutsamer

Und kommt zum Abendessen nicht nach Hause?

Anna am Rande ihrer Haltung

Nach Hause? Ich weiß – wirklich nicht.

Stubenmädchen

Da soll ich wohl auch den Champagner wieder aus dem Eis nehmen?

Anna

Den Champagner?... Es übermannt sie einen Augenblick lang.

Stubenmädchen mit fast schwesterlichem Mitleid, leise

Gnädige Frau!...

Anna unter dem Mitleid der Fremden wie unter einem Peitschenhiebe zusammenzuckend, winkt, noch abgewandt, dem Mädchen zu gehen. Dann reißt sie sich rasch zusammen, ihr Gesicht strafft sich, und ein nicht ungefährliches Glitzern tritt in ihre Augen. Nun fällt ihr Blick auf das Telephon, wird von dem Apparate festgehalten, sucht sich von ihm loszumachen und kehrt immer wieder zu ihm zurück. Erst zögernd und um sich blickend, dann aber immer sicherer und fester, geht sie auf das Telephon zu, stellt die Nummer ein, hebt das Hörrohr mit zitternder Hand ans Ohr. Dann mit fliegendem Atem, wie von Fieber geschüttelt

Hallo! Ja. Ist Herr Werdegast zu Hause? – Oh, Sie selbst! Ihr Gesichtsausdruck wird mit einem Schlage anders; nach einigen Augenblicken des Hineinhörens lacht sie hell, nicht ohne einen sinnlichen Unterton, auf Sind Sie also heute abends frei? – Das trifft sich ja ausgezeichnet! – Sie kommen also! – Mit ihrer Geige! – Auf Wiedersehen! Wir erwarten Sie! Läßt das Hörrohr sinken, versorgt es mit unsicher tastender Hand auf dem Apparat. Ihr rascher Atem legt sich. Sie steht noch einige Augenblicke starr, dann läutet sie mit einer beherrschten Geste dem Stubenmädchen.

Stubenmädchen von links, gedämpft

Bitte?

Anna am Schreibtisch, abgewandt, noch in der früheren Stellung, mit einem kaum merklichen Wanken in der Stimme

Der Champagner – bleibt eingekühlt.

Stubenmädchen ab. Anna, allein, hebt langsam, mit geschlossenen Augen das Haupt und läßt es dann in den Nacken sinken.

Vorhang.

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