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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 8
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
projectid8943c1bd
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Vom Lesen

74. Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe; nichtsdestoweniger aber trägt es zur Erhaltung meines Geistes bei.   N

 

75. Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.   B

 

76. Ich glaube, daß von fünfzig, die den Homer schön finden, ihn kaum einer versteht. Sie haben ihn nie tadeln hören, und so kann sie seine Lektüre ergötzen; allein es gehört viel dazu, ihn eigentlich zu verstehen. Ein Buch, das man im zwanzigsten ganz übersieht und ganz versteht, gefällt nicht leicht mehr, wenn man dreißig alt ist. Daher kommen die elenden Nachahmungen der alten, die wir von jungen Leuten lesen. Sie haben z. E. den Horaz, den Shakespeare nachgeahmt, den sie sahen, gewiß, davon bin ich sicher überzeugt; aber nicht den Horaz und Shakespeare, den der erfahrenere, klügere und weisere Mann in ihnen findet. Der eine klebt bloß an dem Ausdruck und der Manier, die er nicht erreicht; der zweite gibt uns fast in der Manier Sachen, die gerade denen ähnlich sind, die man aus dem Original wegwünschen könnte; ein dritter weiß den Ausdruck zwar zu treffen, allein er hat nichts in der Welt gesehen und erfahren und sagt uns Dinge, die wir schon auswendig wissen, usw. Ein sicheres Zeichen von einem guten Buche ist, wenn es einem immer besser gefällt, je älter man wird. Ein junger Mensch von 18 Jahren, der sagen wollte, sagen dürfte, und vornehmlich sagen könnte, was er empfindet, würde vom Tacitus etwa folgendes Urteil fällen: »Es ist ein schwerer Schriftsteller, der gute Charaktere zeichnet und vortrefflich zuweilen malt, allein er affektiert Dunkelheit und kommt oft mit Anmerkungen in die Erzählung der Begebenheiten herein, die nicht viel erläutern. Man muß viel Latein wissen, um ihn zu verstehen.« – Im 25. Jahre, vorausgesetzt, daß er mehr getan hat, als gelesen, wird er vielleicht sagen: »Tacitus ist der dunkle Schriftsteller nicht, für den ich ihn ehemals gehalten, ich finde aber, daß Latein nicht das einzige ist, was man wissen muß, um ihn zu verstehen, man muß sehr viel selbst mitbringen«; und im 40., wenn er die Welt hat kennen lernen, wird er sagen: »Tacitus ist einer der ersten Schriftsteller, die je gelebt haben.«   B

 

77. Das Neue Testament ist ein auctor classicus, das beste Not- und Hilfsbüchlein, das je geschrieben worden ist; daher man jetzt auf jedem Dorfe der Christenheit mit Recht einen Professor angesetzt hat, diesen Auktor zu erklären. Daß es viele unter diesen Professoren gibt, die ihn nicht verstehen, hat dieser Auktor mit anderen Auktoren gemein. Aber dadurch unterscheidet sich das Buch gar sehr von anderen, daß man Schnitzer in der Erklärung desselben sogar geheiligt hat.   B

 

78. Man muß nie denken, dieser Satz ist mir zu schwer, der gehört für große Gelehrte, ich will mich mit den andern hier beschäftigen; das ist eine Schwachheit, die leicht in eine völlige Untätigkeit ausarten kann. Man muß sich für nichts zu gering halten.   B

 

79. Man kann nicht leicht über zu vielerlei denken, aber man kann über zu vielerlei lesen. Über je mehr Gegenstände ich denke, d. h. sie mit meinen Erfahrungen und meinem Gedankensystem in Verbindung zu bringen suche, desto mehr Kraft gewinne ich. Mit dem Lesen ist es umgekehrt: ich breite mich aus, ohne mich zu stärken. Merke ich bei meinem Denken Lücken, die ich nicht ausfüllen, und Schwierigkeiten, die ich nicht überwinden kann, so muß ich nachschlagen und lesen. Entweder dieses ist das Mittel, ein brauchbarer Mann zu werden, oder es gibt gar keines.   B

 

80. Von den jedermann bekannten Büchern muß man nur die allerbesten lesen, und dann lauter solche, die fast niemand kennt, deren Verfasser aber sonst Männer von Geist sind.   B

 

81. Lesen heißt borgen, daraus erfinden abtragen.   B

 

82. Was dem Ruhm und der Unsterblichkeit manches Schriftstellers ein größeres Hindernis in den Weg legt als der Neid und die Bosheit aller kritischen Journale und Zeitungen zusammengenommen, ist der fatale Umstand, daß sie ihre Werke auf einen Stoff müssen drucken lassen, der zugleich auch zu Gewürztüten gebraucht werden kann.   B

 

83. Lessings Geständnis, daß er für seinen gesunden Verstand fast zu viel gelesen habe, beweist, wie gesund sein Verstand war.   B

 

84. Er las immer »Agamemnon« statt »angenommen«, so sehr hatte er den Homer gelesen.   B

 

85. Das Buch hatte die Wirkung, die gemeiniglich gute Bücher haben: es machte die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger, und die übrigen Tausende blieben ungeändert.   B

 

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