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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 6
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
projectid8943c1bd
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Vom christlichen Glauben

41. Ich heiße eigentlich Georgius Christopherus, habe es aber in der Georgik ebensowenig weit gebracht, als in der Christophorie.   BR

 

42. Die geschnitzten Heiligen haben in der Welt mehr ausgerichtet, als die lebendigen.   B

 

43. Sollte es nicht eine fallacia causae sein, oder wenigstens viel davon mit unterlaufen, wenn man von dem Nutzen der christlichen Religion mit so vielem Enthusiasmus spricht? Sollten es nicht die guten Menschen sein, die die Religion verehren, anstatt daß die Religion die guten Menschen macht? Sie werden Anhänger und Verteidiger der Religion, weil sie ihre Grundsätze predigt. Soviel ist wohl gewiß, daß nicht leicht ein schlechter Mensch sich viel um Religion bekümmern wird.   B

 

44. Sollte es denn so ganz ausgemacht sein, daß unsere Vernunft von dem Übersinnlichen gar nichts wissen könne? Sollte nicht der Mensch seine Ideen von Gott eben so zweckmäßig weben können, wie die Spinne ihr Netz zum Fliegenfang? Oder mit andern Worten: sollte es nicht Wesen geben, die uns wegen unserer Ideen von Gott und Unsterblichkeit ebenso bewundern, wie wir die Spinne und den Seidenwurm?   B

 

45. Schon vor vielen Jahren habe ich gedacht, daß unsere Welt das Werk eines untergeordneten Wesens sein könne, und noch kann ich von dem Gedanken nicht zurückkommen. Es ist eine Torheit, zu glauben, es wäre keine Welt möglich, worin keine Krankheit, kein Schmerz und kein Tod wäre. Denkt man sich ja doch den Himmel so. Von Prüfungszeit, von allmählicher Ausbildung zu reden, heißt sehr menschlich von Gott denken und ist bloßes Geschwätz. Warum sollte es nicht Stufen von Geistern bis zu Gott hinauf geben, und unsere Welt das Werk von einem sein können, der die Sache noch nicht recht verstand, ein Versuch? ich meine unser Sonnensystem, oder unser ganzer Nebelstern, der mit der Milchstraße aufhört. Vielleicht sind die Nebelsterne, die Herschel gesehen hat, nichts als eingelieferte Probestücke, oder solche, an denen noch gearbeitet wird. Wenn ich Krieg, Hunger, Armut und Pestilenz betrachte, so kann ich unmöglich glauben, daß alles das Werk eines höchst weisen Wesens sei; oder es muß einen von ihm unabhängigen Stoff gefunden haben, von welchem es einigermaßen beschränkt wurde, so daß dieses nur respektive die beste Welt wäre, wie auch schon häufig gelehrt worden ist.   B

 

46. Vergleichung zwischen einem Prediger und einem Schlosser. Der erste sagt: du sollst nicht stehlen wollen; und der andere: du sollst nicht stehlen können.   B

 

47. Der Pastor baut den Acker Gottes, und der Arzt den Gottesacker.   B

 

48. Daß in den Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig.   B

 

49. Amintors Morgen-Andacht. Wie, wenn einmal die Sonne nicht wiederkäme, dachte Amintor oft, wenn er in einer dunkeln Nacht erwachte, und freuete sich, wenn er endlich den Tag wieder anbrechen sah. Die tiefe Stille des frühen Morgens, die Freundin der Überlegung, verbunden mit dem Gefühl gestärkter Kräfte und wieder erneuerter Gesundheit, erweckte in ihm alsdann ein so mächtiges Vertrauen auf die Ordnung der Natur und den Geist, der sie lenkt, daß er sich in dem Tumult des Lebens so sicher glaubte, als stände sein Verhängnis in seiner eigenen Hand. Diese Empfindung, dachte er alsdann, die du dir nicht erzwingst und nicht vorheuchelst, und die dir dieses unbeschreibliche Wohlbehagen gewährt, ist gewiß das Werk eben jenes Geistes und sagt dir laut, daß du jetzt wenigstens richtig denkst. Auch war dieses innere Anerkennen von Ordnung nichts anders, als wieder eben diese Ordnung selbst, nur auf ihn, der sie bemerkte, fortgesetzt, und daher immer für ihn der höchste Genuß seines Geistes. O ich weiß, rief er alsdann aus, dieses mein stilles Dankgebet, das dir alle Kreatur darbringt, jedes mit seinem Gefühl und in seiner Sprache, nach seiner Art, wie ich in der meinigen, wird gewiß von dir gehört, der du den Himmel lenkst; gewiß wird es dir von allen Kreaturen, zu Tausenden, dargebracht, aber mit doppeltem Genuß von mir, dem du Kraft verliehest zu erkennen, daß ich durch dieses Dankgefühl und in diesem Dankgefühl bin, was ich sein soll. O störe nicht, sprach er dann zu sich selbst, diesen himmlischen Frieden in dir heute durch Schuld! Wie würde dir der morgende Tag anbrechen, wenn ihn diese reine Spiegelhelle deines Wesens nicht mehr in dein Innerstes zurückwürfe? Es wäre besser, er erschiene nie wieder, oder wenigstens für dich Unglücklichen nicht mehr. – Diese Art, in seinem Gott zu leben, wie er es nannte, die ihm von Betbrüdern, die lieber glaubten, als dachten, weil sie es so bequemer fanden, für Spinozismus ausgelegt wurde, hatte er sich so sehr eigen gemacht, daß sie für ihn unzerstörbare Beruhigung über die Zukunft und ein nicht zu überwältigender Trost in Todesgefahr wurde. Eines Tages, als er sich nach einer seiner Morgenandachten selbst befragte, woher ihm dieses freudige Ergeben in die Führung der Welt und dieses große Sicherheitsgefühl bei jedem Gedanken an die Zukunft komme (denn es war ihm zu fest, um bloß dichterisches Aufwallen zu sein): so war es ihm entzückende Freude, zu finden, daß er es allein dem Grad von Erkenntnis der Natur zu danken habe, den er sich erworben hatte, einem Grade, von dem er behauptete, daß er jedem Menschen von den gewöhnlichsten Anlagen erreichbar wäre. Nur müsse, wie er sagt, das Studium anhaltend, ohne Zank und Neuerungssucht und ohne alle Spekulation des Inventurienten getrieben werden. Man wird ihm leicht glauben, daß es eine entzückende Betrachtung sein muß, sich sagen zu können: meine Ruhe ist das Werk meiner eigenen Vernunft; es hat sie mir keine Exegese gegeben, und keine Exegese wird sie mir rauben. – O, nichts, nichts wird sie mir rauben können, als was mir meine Vernunft raubt. Daß die Betrachtung der Natur diesen Trost gewähren kann, davon ist er gewiß, denn er lebt in ihm; ob er es für alle sei, ließ er wenigstens unentschieden, und hierbei hinge, wie er sagte, vieles von der Art ab, wie die Wissenschaft getrieben und angewandt würde, eine Sache, die wie vielleicht auch Spinozismus, wenn er unschädlich sein soll, nicht gelehrt, sondern selbst gefunden sein wolle; es sei nichts weniger als jene physiko-theologische Betrachtung von Sonnen, deren uns deutlich sichtbares Heer nach einer Art von Zählung auf 75 Millionen geschätzt würde. Er nannte diese erhabenen Betrachtungen bloße Musik der Sphären, die anfangs den Geist wie mit einem Sturm von Entzücken fast zur Betäubung hinreiße, deren er aber endlich gewohnt werde; allein das, was davon immer bliebe, unstreitig das Beste, fände sich überall und vorzüglich in dem mit in die Reihe gehörigen Geist, der dieser Betrachtungen fähig sei. Es sei vielmehr eine zu anhaltendem Studium der Natur sich unvermerkt gesellende Freude über eigenes Dasein, verbunden mit nicht ängstlicher, sondern froher Neugierde (wenn dieses das rechte Wort ist), die so weit über sogen. Curiosité erhaben sei, als hohes Gefühl für Ehre über Bauernstolz, zu erfahren, mit diesen Sinnen oder mit analogen oder Verhältnissen anderer Art, die sich von jeder Art des Daseins hoffen lassen, was nun dieses Alles sei und werden wolle. Er fürchte zwar sehr, daß seine Freunde immer nur die Worte der Lehre und nicht die Lehre hören würden, hoffe aber alles, wenn er dereinst darüber sprechen würde, von eigenem Versuch. Er denke nun seit der Zeit, daß das Vergnügen, das die Betrachtung der Natur dem Kinde und dem Wilden, so wie dem Manne von aller Art von Bildung gewährt, auch den großen Zweck mit zur Absicht habe und in jedem Leben und in jeder Welt haben müsse, in welchem Zusammenhang sei: völlige Beruhigung in Absicht der Zukunft und frohes Ergeben in die Leitung der Welt; man gebe nun dieser einen Namen, welchen man wolle. Er zähle es unter die wichtigsten Begebenheiten seines Lebens, wenigstens für sich gefunden zu haben, daß, so wie wir natürlich leiden, wir auch natürliche von aller Tradition unabhängige Mittel haben, diese Leiden mit einer Art von Freude zu erdulden. Diese Philosophie hebe freilich den vorübergehenden Unmut nicht auf, so wenig als den Schmerz, weil eine solche Philosophie, wenn sie möglich wäre, auch alles Vergnügen aufheben würde. Er pflegte dieses öfters seine Versöhnung mit Gott zu nennen, gegen den die Vernunft, selbst mit Hoffnung auf Vergebung, vielleicht murren könnte, wenn nicht im Gange der Dinge auch der Faden eingewebt wäre, der zu jener Beruhigung ohne weitere Hilfe leiten könnte. Überhaupt kamen bei seinem Vortrage viele Ausdrücke vor, deren sich die Bibel bedient; er sagte dabei: es sei nicht wohl möglich, dieselbe Geschichte des menschlichen Geistes zu erzählen, ohne zuweilen auf dieselben Ausdrücke zu geraten, und glaubte, man werde die Bibel noch besser verstehen, als man sie versteht, wenn man sich selbst mehr studiere; und um mit ihren erhabenen Lehren immer zusammenzutreffen, sei der kürzeste Weg, die Erreichung ihres Zwecks einmal auf einem andern, von ihr unabhängigen zu versuchen, und Zeit und Umstände dabei in Rechnung zu bringen; Spinoza selbst, glaube er, habe es nicht so übel gemeint, als die vielen Menschen, die jetzt statt seiner meinen. – Es sei für Millionen Menschen bequemer und verständlicher, vom Himmel herab zu hören: Du sollst nicht stehlen und kein falsch Zeugnis reden, als im Himmel selbst die Stelle zu suchen, wo diese Worte wirklich mit Flammenschrift geschrieben stehen, wo sie von Vielen gelesen worden sei. Übrigens glaube er, sei es für die Ferngläser und die Brillen unbedeutend, ob das Licht wirklich von der Sonne herabströme, oder ob die Sonne nur ein Medium zittern mache, und es bloß ließe, als strömte es herab; aber die Ferngläser und zumal die Brillen seien deswegen nichts weniger als unbedeutend, und bei der Brille pflegte ihm öfters einzufallen, daß der Mensch zwar nicht die Macht hätte, die Welt zu modeln, wie er wolle, aber dafür die Macht, Brillen zu schleifen, wodurch er sie schier erscheinen machen könne, wie er wolle; und solcher Betrachtungen mehr, wodurch er seine Freunde nicht sowohl auf seinen Weg hinleiten, als ihnen vielmehr Winke geben wollte, den selbst zu finden, der ihnen der sicherste und bequemste wäre. Wie es denn wirklich an dem ist, daß Philosophie, wenn sie für den Menschen etwas mehr sein soll, als eine Sammlung von Materien zum Disputieren, nur indirekte gelehrt werden kann.   B

 

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