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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 5
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
projectid8943c1bd
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Zur Naturgeschichte der Seele

25. Über nichts wünschte ich mehr die geheimen Stimmen denkender Köpfe gesammelt zu lesen, als über die Materie von der Seele; die lauten, öffentlichen verlange ich nicht, die kenne ich schon. Allein die gehören nicht sowohl in eine Psychologie, als in eine Statutensammlung.   N

 

26. Ich habe das Register der Krankheiten durchgegangen und habe die Sorgen und die traurigen Vorstellungen nicht darunter gefunden, das ist doch falsch.   N

 

27. Mein Körper ist derjenige Teil der Welt, den meine Gedanken verändern können. Sogar eingebildete Krankheiten können wirkliche werden. In der ganzen übrigen Welt können meine Hypothesen die Ordnung der Dinge nicht stören.   N

 

28. Wir tun alle Augenblicke etwas, das wir nicht wissen, die Fertigkeit wird immer größer, und endlich würde der Mensch alles, ohne es zu wissen, tun, und im eigentlichen Verstande ein denkendes Tier werden. So nähert sich Vernunft der Tierheit.   B

 

29. Der Mensch ist vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier. Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe.   B

 

30. Ich glaube, der sicherste Weg, den Menschen weiter zu bringen, wäre, durch die polierte Vernunft des verfeinerten Menschen die blinden Naturgriffe des Barbaren (der zwischen dem Wilden und Feinen in der Mitte steht) mit Philosophie zu verfeinern. Wenn es einmal in der Welt keine Wilden und Barbaren mehr gibt, so ist es um uns geschehen.   B

 

31. Ich sagte bei mir selbst: das kann ich unmöglich glauben, und während dem Sagen merkte ich, daß ich's schon zum zweiten Male geglaubt hatte.   B

 

32. Es ist ganz gewiß, daß einem zuweilen ein Gedanke gefällt, wenn man liegt, der einem nicht mehr gefällt, wenn man steht.   B

 

33. Ich empfehle Träume. Wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als das andere einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das, mit unserm übrigen zusammengesetzt, das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man kann nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.   B

 

34. Vergangener Schmerz ist in der Erinnerung angenehm, vergangenes Vergnügen auch, künftiges Vergnügen wieder, auch gegenwärtiges. Also ist's nur der zukünftige und gegenwärtige Schmerz, was uns quälet – ein merkliches Übergewicht von Seiten des Vergnügens in der Welt, das noch dadurch vermehrt wird, daß wir uns beständig Vergnügen zu verschaffen suchen, dessen Genuß wir in vielen Fällen mit ziemlicher Gewißheit voraussehen können, da hingegen der noch künftige Schmerz weit seltener vorausgesagt werden kann.   B

 

35. Es gibt eine Menge kleiner moralischer Falschheiten, die man übt, ohne zu glauben, daß es schädlich sei; so wie man etwa aus ähnlicher Gleichgültigkeit gegen seine Gesundheit Tabak raucht.   B

 

36. Die Äußerungen der Großmut sind heutzutage mehr ein Werk der Lektüre, als der Gesinnungen, d. h., man ist mehr großmütig, um Lektüre zu zeigen, als Güte des Herzens. Leute, die es von Natur sind, merken selten, daß es etwas ist, großmütig zu sein.   B

 

37. Es gibt in Rücksicht auf den Körper gewiß, wo nicht mehr, doch eben so viele Kranke in der Einbildung, als wirkliche Kranke; in Rücksicht auf den Verstand eben so viele, wo nicht sehr viel mehr Gesunde in der Einbildung, als wirklich Gesunde.   B

 

38. Wer sagt, er hasse alle Arten von Schmeicheleien, und es im Ernst sagt, der hat gewiß noch nicht alle Arten kennen gelernt, teils der Materie, teils der Form nach.

Leute von Verstand hassen allerdings die gewöhnliche Schmeichelei, weil sie sich notwendig durch die Leichtgläubigkeit erniedrigt finden müssen, die ihnen der schmeichelnde Tropf zutraut. Sie hassen also die gewöhnliche Schmeichelei bloß deswegen, weil sie für sie keine ist. Ich glaube nach meiner Erfahrung schlechterdings an keinen großen Unterschied unter den Menschen. Es ist alles bloß Übersetzung. Ein jeder hat seine eigene Münze, mit der er bezahlt sein will.   B

 

39. Woher mag wohl die entsetzliche Abneigung des Menschen herrühren, sich zu zeigen, wie er ist, in seiner Schlafkammer, wie in seinen geheimsten Gedanken? In der Körperwelt ist alles wechselseitig das, was es sich sein kann, und zugleich sehr aufrichtig. Nach unsern Begriffen sind die Dinge gegeneinander alles Mögliche, was sie sein können, und der Mensch ist es nicht. Er scheint mehr das zu sein, was er nicht sein sollte. Die Kunst, sich zu verbergen, oder der Widerwille, sich geistig oder moralisch nackend sehen zu lassen, geht bis zum Erstaunen weit.   B

 

40. In jedes Menschen Charakter sitzt etwas, das sich nicht brechen läßt – das Knochengebäude des Charakters; und dieses ändern wollen, heißt immer, ein Schaf das Apportieren lehren.   B

 

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